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Sonja A. Buholzer - Hohepriesterin der Frauenpower
Seit sechs Jahren
besitzt Sonja A. Buholzer, 40, ihre eigene Firma.
In Anlehnung an die altrömischen
Hohepriesterinnen hat sie ihr den Namen Vestalia
Vision gegeben. Die weisen Frauen, Vestalinnen
genannt, waren hohen ethischen Grundsätzen
verpflichtet. Buholzer ist zum eigentlichen
Shooting-Star unter den hiesigen
Unternehmensberaterinnen und
Seminarveranstalterinnen aufgestiegen. Ihre mediale
Präsenz ist atemberaubend. Via
«Tages-Anzeiger» lanciert sie ihre
Powerabende und Spezial-Frauenpowertage. Ein
ähnliches Angebot verbrei-tet sie über
die Wirtschaftszeitung «Cash». In der
«Handelszeitung», im
Tamedia-Stellenanzeiger «Alpha» und in
«Bilanz online» publiziert sie
regelmässig Kolumnen. Buholzer tritt zudem am
Fernsehen auf, im «Sonntalk» von
«Tele 24». Die Zürcher
Unternehmerin funktioniert wie eine gut geölte
Marketing-Maschine. Es ist ihr gelungen, sich zum
richtigen Zeitpunkt als Heilsbringerin und
Förderin aller Frauen zu verkaufen, die sich
nach mehr Power und Erfolgen sehnen. Das
Erfolgsgeheimnis als Frau umschreibt Buholzer in
ihrem Buch «Frauenzeit» selbstbewusst:
«Ich bin transparent, sehr selbstkritisch und
halte, was ich verspreche.» Doch damit nicht
genug: Gemäss eigener Aussage gehört sie
«zu den erfolgreichsten
Management-Trainerinnen und
Wirtschaftsreferentinnen Europas». Zu ihren
Kunden zählt sie «namhafte
Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft
und Politik» sowie «grosse
Konzerne». Auf ihrer Homepage und in
Prospekten zitiert Buholzer die «Neue
Zürcher Zeitung» mit der Aussage:
«Sonja Buholzer ist eine der erfolgreichsten
Management-Trainerinnen der Welt.» Allerdings
lässt sich dieses Zitat in der Schweizerischen
Mediendatenbank partout nicht finden. Das deutsche
«Managermagazin» setzte kürzlich
noch einen drauf: «Wahrscheinlich gehört
Sonja Buholzer zu den weltbesten
Frauen-Coachs.» Bei näherer
Betrachtung weist die beeindruckende Fassade, die
die blonde Powerfrau errichtet hat, Risse auf. So
bezeichnet Buholzer auf ihrer Homepage, in
Prospekten oder auf dem Umschlag ihres Buches
«Frauenzeit» bekannte Firmen wie SAir
Group, Procter & Gamble oder Swiss Re explizit
als ihre Kunden. Auf dem Buch-Cover erweckt sie den
Eindruck, zur hochkarätigen Kundschaft
bestünden nachhaltige
Geschäftsbeziehungen. Nur: Bei der SAir Group
war Buholzer vor zwei Jahren einen Nachmittag lang
im Einsatz - sie hielt einen Vortrag. «Diesen
Kontakt als Schulung von Konzernangehörigen
hinzustellen, entbehrt jeglicher Grundlage»,
sagt Kommunikationschefin Béatrice Tschanz.
Für Procter & Gamble war Buholzer dieses
Jahr zum dritten Mal tätig, wenn auch in einer
bescheidenen Rolle: «Frau Doktor Buholzer
moderierte bei uns einen Round Table zum Thema
Haarpflege.» Bei der Swiss Re
kann der Medienverantwortliche kein einziges
Buholzer-Mandat eruieren. Dass der Name der Firma
dennoch auf der Kundenliste von Vestalia Vision
aufscheint, grenzt an Etikettenschwindel.
Womöglich hat einmal eine Mitarbeiterin des
Konzerns an einem von Buholzers Seminaren
teilgenommen. «Gemäss dieser Logik»,
sagt der Firmensprecher, «könnte auch
jedes Restaurant, in dem jemals ein
Swiss-Re-Angestellter gegessen hat, unser
Unternehmen als Referenz aufführen.» Beim
«Schweizer Fernsehen DRS», wo Buholzer im
Rahmen des Gleichstellungsprojekts
«Blickwechsel» ein Mandat innehatte,
erlitt sie Schiffbruch. Das Mandat wurde vorzeitig
beendet, denn «der Kurs stiess mehrheitlich
auf ein negatives Echo», heisst es in der
Hauszeitung «Live». Der Misserfolg hat
den Personalverantwortlichen Wolfgang J. Pfund dazu
bewogen, auch «künftig auf die
Zusammenarbeit mit Sonja A. Buholzer zu
verzichten». Wenn man Buholzer
auf ihre Kundenliste, deren Aussagekraft und
Aktualität anspricht, verweigert sie
Auskünfte und macht «Geheimhaltung»
und «Vertraulichkeit» geltend. So bleiben
erhebliche Zweifel, ob sich Buholzer
tatsächlich zu den «erfolgreichsten und
weltbesten Coachs» zählen kann.
Fernsehredaktorinnen, die den Auftritt der
Beraterin als Ärgernis empfanden und sie
kritisierten, lernten Buholzer von einer andern
Seite kennen. Sie habe sich bald schon in
aggressive Repliken geflüchtet, heisst es in
Leutschenbach. Auch blockte sie eine Diskussion
über ihre Lieblingsthesen ab, wonach
Erfolgreiche sich nur an den Gewinnern dieser Welt
orientieren sollten, dass man zum eigenen Vorteil
eine «konsequente Auslese von Menschen»
betreibe und Verlierer sowie «selbst ernannte
Opfer» besser meide. Im Nachgang zu Buholzers
Auftritt führte schliesslich die offenbar
satte Honorarforderung fernsehintern zu
Debatten. Angesichts solcher
Referenzen liegt es nahe, an einem von Buholzers
Frauenpower-Seminaren teilzunehmen. Bereits der
Tagungsort verrät einiges über das
Selbstverständnis der Geschäftsfrau. Sie
lädt ins «Dolder Grand Hotel» auf
den Zürichberg und liefert auch gleich die
Begründung: «Für uns ist nur das
Beste gut genug.» Bereits der Auftakt des
Tages gerät für die rund 120 anwesenden
Frauen jedoch zur Enttäuschung. Buholzer
straft ihre Leitsätze «Ich bin
hundertprozentig pünktlich» und «Ich
halte, was ich verspreche» sofort Lügen,
indem sie ihren Powertag eine geschlagene halbe
Stunde zu spät beginnt und die Schuldigen erst
noch im Publikum sucht. Noch ärgerlicher ist,
dass sie auch jenes Versprechen nicht einlöst,
das sie sogar schriftlich in der Kursausschreibung
abgegeben hat: «Jede Teilnehmerin erhält
einen persönlichen Coach für die Zeit
nach dem Seminar!» Die Frauen im Ballsaal des
«Dolder» tauschen sich hoffnungsfroh
darüber aus, ob wohl Frau Buholzer selber oder
nur ein Mitglied ihres Teams diese Funktion
wahrnehmen werde. Die Hoffnungen zerschlagen sich
schnell. Es sind keine professionellen Coachs, die
Buholzer den Frauen zur Verfügung stellt.
Diese Aufgabe müssen die
Seminarteilnehmerinnen selber wahrnehmen, indem sie
sich wechselseitig als Laienberaterinnen zur
Verfügung stehen. Der Schreiberin
widerfährt das Pech, dass ihr
«persönlicher Coach», eine
Geschäftsfrau aus dem Bereich
Schönheitspflege, kurz nach dem Mittagessen
geht, weil sie den Powertag für nutzlos
erachtet. Branchenkenner taxieren das Vorgehen
Buholzers als «Lockvogelangebot»,
«Mogelpackung» und
«Veräppelung» der
Kursbesucherinnen. Auch in anderer
Beziehung nimmt es Buholzer nicht immer genau. So
bezeichnet sie sich gerne als Philosophin. Dabei
ist sie Germanistin; Philosophie belegte sie nur im
Nebenfach. Diese Unsorgfalt erstaunt umso mehr, als
Buholzer «ihr oberstes Ziel» darin sieht,
«unserer verwässerten Sprache absolute
Verbindlichkeit zu verpassen - jede Aussage
gilt». Nichtsdestotrotz behauptet sie
während des Seminars wiederholt allerlei
abstruse Dinge, zu denen sie heute allerdings nicht
mehr stehen will: 98 Prozent der Menschheit
sprächen die Verlierersprache, verkündet
Buholzer und garantiert den Teilnehmerinnen, dass
sie ihr Selbstbewusstsein nach der Veranstaltung um
20 Prozent gesteigert hätten. Auch ist die
Rede von einer Gehaltsverdoppelung, die etliche
Frauen nach dem Besuch der Powerabende durchgesetzt
hätten. Was Wunder, dass
die Teilnehmerinnen zusehends irritiert reagieren.
Allerdings haben sie den Mut zum Nachfragen bereits
verloren. Die Hohepriesterin der Frauenpower hat
sie nämlich entgegen der Behauptung, wonach
ihr Seminar selbstbewusst und autonom macht,
längst in eine bedauernswerte Gemeinde von 120
Jasagerinnen verwandelt. Die Frauen gleichen jener
Schafherde, vor der sie ihre Wohltäterin eben
noch gewarnt hat. Buholzers Masche besteht darin,
das Publikum unentwegt anzuhalten, sich durch
Handaufheben zu zahllosen Absichtserklärungen
zu «committen». Etwa dazu, ihre
«Grenzen zu sprengen», sich
«110-prozentig in das Seminar einzugeben»
oder «100-prozentig selbstverantwortlich zu
sein». Weil sie sich richtig verhalten und die
Hände jedes Mal pfeilschnell in die Luft
schiessen, gibt es ein dickes Kompliment: «Sie
sind ein wunderbares Publikum.» Doch wehe denen,
die Buholzers subtiler Regie nicht folgen.
Fünf Personen wagen es, sich innerhalb des
Seminars keinen Coach zu suchen. Sie tun, was sie
selber wollen und damit eigentlich das, was
«der beste Coach der Welt» verlangt.
Diesen fünf begegnet Buholzer in der Folge mit
nur schlecht verhohlenem Ärger. Eine beleidigt
sie später gar mit schneidender Stimme:
«Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist
nicht ganz dicht.» Immerhin genügt
Buholzer in dieser Sequenz für einmal den
selbst formulierten Ansprüchen: Sie
charakterisiert sich im Gespräch mit der
Journalistin als Spezialistin auf dem Gebiet des
missbräuchlichen Einsatzes von Sprache. Ihre
stärksten Momente hat Buholzer an ihren
Veranstaltungen, wenn es um den Verkauf ihres
Buches «Frauenzeit» geht. So ist es im
«Dolder»; aber auch an ihren Powerabenden
wähnten sich zahlreiche Teilnehmerinnen an
einer PR-Veranstaltung und beanstandeten die Anzahl
der Pausen, in denen die Autorin ihr Werk wie eine
Marktschreierin propagiert: «Beeilen Sie sich.
Dies sind die letzten Exemplare.» Jocelyne Fatton,
Inhaberin der Zürcher Firma Berufsgestaltung,
hat sowohl einen Powerabend besucht als auch
«Frauenzeit» gelesen. Weder dem Buch noch
dem Anlass kann sie Gutes abgewinnen: «Frau
Buholzer hat es geschafft, sich als Förderin
von Frauenpower zu verkaufen. Bedauerlicherweise
verkörpert sie aber gleichzeitig viele
negative männliche Verhaltensweisen wie
Rivalität, Bluff, Status- und
Hierarchiegläubigkeit, Selbstherrlichkeit und
den festen Glauben, dass grösser a priori
besser ist.» Evelyne Coën,
Besitzerin des Zürcher Beratungsunternehmens
Cross-Roads, attestiert Buholzer zwar, sie verstehe
es, weiblichen Hoffnungen und Sehnsüchten
Nahrung zu geben, indem sie die rasche Umsetzung
von «Visionen», «Power» und
«Unbescheidenheit» verspreche. Doch statt
die Frauen wirklich zu einem eigenständigen
Lebensweg zu bewegen, propagiere sie einmal mehr
«das zerstörerische
Gewinner-Versager-Prinzip der Männerwelt, so
dass für die Teilnehmerinnen letztlich alles
beim Alten bleibt». Tatsächlich
zeigt sich Buholzer kompromissloser als mancher
Mann, wenn es um den eigenen finanziellen Vorteil
geht. Ihre Hundesitterin, eine erwachsene
Künstlerin, entlöhnte die
Mercedes-Fahrerin gemäss eigenen Angaben mit
fünf Franken pro Stunde.
Im Rahmen eines
Vergleichs vor dem Bezirksgericht Horgen zwischen
der "Weltwoche" und der Autorin Barbara Lukesch
einerseits und Sonja Buholzer anderseits wurde
bezüglich dem obenstehenden Artikel folgendes
vereinbart: a) An den
Zwischentiteln "Moderation zur Haarpflege" und
"Mogelpackung" sowie an folgender Passage im
Originalartikel wird nicht mehr festgehalten
: b) Die folgenden
Passagen werden präzisiert : c) Die Autorin
berichtigt ihre Aussagen bezüglich Swiss Re,
da sie aufgrund einer erhaltenen Falschinformation
dieser Firma jede Zusammenarbeit zwischen Frau
Buholzer und Swiss Re zu Unrecht in Abrede gestellt
hatte. Frau Buholzer nimmt
ihre Behauptung in der Sendung "Talk täglich"
bei Tele 24 vom 14. November 2000 zurück,
wonach Frau Lukesch "ein schwarzes Schaf" sei,
"sowohl journalistisch wie auch als
Frau". Zürich, im
März 2002 |
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