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Frauen und Geld: Bis dass der Funke springt
Frauen reden leidenschaftlich gern über Kalorien, Kleider, neue Kinofilme und den "dunkelhaarigen Typ mit der guten Figur". Über Geld hingegen sprechen Frauen nie und schon gar nicht freiwillig: "Oder haben Sie schon einmal zwei junge Frauen erlebt, die die heissesten Börsentipps austauschen?" fragt die Zürcher Zukunftsforscherin und Frauenförderin Monique R. Siegel, eine Expertin mithin, der niemand Voreingenommenheit gegenüber dem eigenen Geschlecht vorwerfen würde. Es ist und bleibt eine Tatsache: Frauen sind in aller Regel nicht an Geld interessiert. Ihr Verhältnis zu Franken, Euros und Dollars ist von Gleichgültigkeit und, schlimmer noch, oft auch Unwissen geprägt. Die 48jährige Familienfrau Ulrike K. lässt sich Monat für Monat ihr Haushaltsgeld in der Höhe von 2000 Franken bar von ihrem Mann auf die Hand zählen, versteckt diesen Betrag "irgendwo in der Wohnung" und hatte schon mehr als einmal ihre liebe Not, das Geld wiederzufinden. Die Einrichtung eines eigenen Kontos weist sie dennoch weit von sich: "Ich bin einfach kein Bankenmensch", seufzt sie vernehmlich und erweckt den Eindruck, als grenze es an Hexerei, sich in der undurchschaubaren Welt der Finanzen zurechtzufinden. "Viele Frauen", weiss die Berner Finanzplanerin Bettina Michaelis, "haben zu grossen Respekt vor dem Thema Geld, das sie nach wie vor als eine Domäne der Männer betrachten." Männer, so viel steht fest, sind brennend an Geld interessiert. Sie leben bewusst oder unbewusst nach dem Motto "Ich bin, was ich habe" und machen ihren gesellschaftlichen Status, ihren persönlichen Wert und nicht selten auch ihren Sex-Appeal von der Höhe ihres Einkommens abhängig. Während Frauen Geld sehr viel nüchterner als Mittel zum Zweck sehen, ein Abstraktum geradezu, kalt und unsinnlich, das ihnen bestenfalls erlaubt, Reisen, Weiterbildung oder den Gitarrenunterricht für ihre Kinder zu bezahlen, ist es für Männer häufig ein hochbesetztes Objekt der Begierde, das es um seiner selbst willen zu vermehren gilt. Das weibliche Desinteresse am schnöden Mammon lässt gern den Eindruck entstehen, als sei Geld eine Bagatelle, ein notwendiges Übel sozusagen, nicht der Rede wert. Auf diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Frauen in Finanzangelegenheiten immer wieder das Nachsehen haben. Die eine vertraut ihrem Gatten blind und muss eines Tages realisieren, dass er ihre gesamte Barschaft verspekuliert hat. Die andere haushaltet so sparsam wie nur möglich und erfährt plötzlich, dass sich ihr Liebster für Tausende von Franken einen neuen Computer gekauft hat. Die 39jährige Monika Z., alleinerziehende Mutter von drei schulpflichtigen Kindern, verzichtet freiwillig auf ihre persönliche Unterhaltszahlung, weil sie den Eindruck hat, ihrem Ex-Mann gehe es "finanziell nicht so gut." Geld ist weltweit ungleich verteilt. Frauen leisten zwar zwei Drittel der Arbeit, verfügen aber nur über ein Zehntel des Einkommens. Hierzulande müssen selbst hochqualifizierte Berufsfrauen damit rechnen, dass sie für die gleiche Arbeit rund zwanzig Prozent weniger Lohn als ihr Kollege erhalten. Jene Mutigen, die bei ihren Vorgesetzten um eine Gehaltserhöhung nachsuchen, lassen sich an wenigen Fingern abzählen. Wesentlich schneller sind Frauen zur Stelle, wenn es darum geht, die eigene Arbeit, hart ausgedrückt, abzuwerten. Wie jene PR-Expertin beispielsweise, die ein Mandat für einen hochkarätigen Kunden, für den sie wochenlang im Einsatz war, im Nachhinein zu ihren Ungunsten erfolgs- statt zeitabhängig verrechnete: "Ich war mit meiner Leistung nicht zufrieden", erklärt sie mit ernster Miene, "und wäre mir schäbig vorgekommen, meinem Auftraggeber meinen gesamten Zeitaufwand zu belasten." Übervertreten sind Frauen immer dann, wenn es ehrenamtliche oder sogenannte Freiwilligenarbeit zu erledigen gibt. Rund 30 Prozent von ihnen sind innerhalb der Nachbarschaftshilfe oder bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger tätig - gratis und franko, versteht sich. Für Gottes Lohn arbeiten auch immer noch die sechzig Prozent jener Mütter mit Kindern unter sieben Jahren, die sich ausschliesslich der Familie widmen und damit finanziell auf ihren Ehemann angewiesen sind. Auch wenn die Betroffenen ihre Beziehung meistens als intakt bezeichnen, wird sie nach Einschätzung der Zürcher Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin "von einer entwürdigenden Abhängigkeit geprägt, die eine grosse Belastung für jede Partnerschaft darstellt." Deutlich wird dieser Tatbestand immer dann, wenn sich die fleissige Hausfrau in Schuldgefühlen oder Ressentiments verstrickt, weil sie ihren Gatten um 89 Franken für einen neuen Badeanzug bitten muss. Viele geben zu, dass sie sich in solchen Momenten wie Schmarotzerinnen fühlen, die auf Kosten eines anderen leben. Kommt endlich das eigene Geld, womöglich gerad' millionenschwer in Form einer Erbschaft, reagieren die vermeintlich Glücklichen oft mit Überforderung, Schock und Angst. Die einen befürchten, fortan nur noch wegen ihres Geldes geliebt zu werden; andere, am Neid ihrer Umgebung zu zerbrechen. Beide Klippen umschiffen jene, die das hässliche Geld gar nicht erst anrühren und so tun, als wäre nichts geschehen. Warum nur sind Frauen in Sachen Geld so passiv und anspruchslos? Zukunftsforscherin Siegel taxiert dieses Verhalten als "Folge einer patriarchalen Erziehung, die Mädchen glauben lässt, dass eines Tages der Märchenprinz auf seinem weissen Ross dahergesprengt kommt und sie in seine Villa im Grünen entführt." Eine Vorstellung, so Siegel, die der Realität schon lange nicht mehr standhalte. Knapp die Hälfte aller Ehen werde bekanntlich geschieden. Frauen leben rein statistisch rund sechs Jahre länger als Männer. "Ganz zu schweigen von all den Märchenprinzen", so Siegel maliziös, "die sich innert Kürze als Zwergnase entpuppen." All diesen Unwägbarkeiten zum Trotz beherzigen Frauen offenbar den berühmten Satz der französischen Feministin Simone de Beauvoir, wonach jeder Mensch ökonomisch eigenverantwortlich sei, immer noch nicht. Im tiefsten Inneren ist Geldverdienen für viele von ihnen nur eine mögliche Lebensvariante, aber keineswegs das Lebensziel, dass es für Männer darstellt. "Frauen", weiss Paartherapeutin Welter-Enderlin, "lassen sich auch heute noch ganz gern versorgen und delegieren ihre Geldangelegenheiten oft mit erstaunlicher Naivität an ihre Ehemänner." Geld, darin sind sich die Fachleute einig, repräsentiert für Frauen eben auch etwas, das viele abstösst. Geld ist Macht, und Macht ist männlich. Wer sich der unappetitlichen Raffgier und dem Geldscheffeln verschreibt, büsst über kurz oder lang seinen weiblichen Liebreiz, seinen Charme und seine Attraktivität ein. Gefragt auf dem Heiratsmarkt sind aber nur Frauen, die sich dem Schönen, Sauberen, Sozialen und Künstlerischen widmen. Übertrieben? All jene Frauen, die mehr als ihr Partner verdienen, können auf jeden Fall ein Lied davon singen, wie konfliktträchtig das Thema Geld in ihrer Ehe und wie kränkbar ihr Liebster bei dessen Erwähnung ist. Selbst der Volksmund verfügt über zahlreiche Sinnsprüche und Redewendungen, die den hässlichen Aspekt des Geldes beleuchten: Geld verdirbt den Charakter. Beim Geld hört die Liebe auf. Wer zahlt, befiehlt. Geld regiert die Welt. Geld stinkt. Dass Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, Geld in die Nähe von Kot rückt und den individuellen Umgang der Menschen mit Geld von ihrer Sauberkeitserziehung ableitet, erleichtert es Frauen auch nicht gerade, sich dem schwierigen Stoff unbeschwert anzunähern. Ausgehend von der Idee, wer sich mit Geld befasse, mache sich die Hände dreckig, will ein Teil der Männer - ganz im Stil eines alten Kavaliers - seinen Partnerinnen das Finanzgeschäft nicht zumuten. Der andere, vermutlich grössere Teil traut es ihnen schlicht nicht zu. Dabei ist weder Finanzplanung noch Geldanlegen nach Aussagen der Buchautorin Bettina Michaelis* "besonders kompliziert oder unbegreiflich." Kundinnen in Banken und Versicherungen fühlen sich, so Michaelis, oft deshalb so schnell überfordert, weil sie dem Fachjargon des Beraters nicht folgen können: "Eine allgemein verständliche Sprache würde die Kundin von ihrer Unsicherheit befreien und ihr das Gefühl geben, mitreden zu können." Immerhin hat das weibliche Geschlecht jahrhundertealte Erfahrung im Verwalten des Haushaltsbudgets. Rund zwei Drittel des privaten Konsums werden denn auch hierzulande von den emsigen, tugendhaften Hausfrauen gemanagt. Wer wollte bestreiten, dass Frauen wahre Meisterinnen im Dehnen und Strecken selbst bescheidenster Geldmengen sind. Diesen Teil der Finanzen überlassen Männer ihren Frauen seit jeher gern; das kleine Geld sollen sie nur betreuen, assistiert von den Budgetberaterinnen, einem Berufsstand, der nach wie vor ganz in Frauenhand liegt. Die Herren der Schöpfung hingegen widmen sich der Vermögensverwaltung. Grosse Finanztransaktionen erfordern offenbar den männlichen Zugriff. Doch nach und nach wächst eine Frauengeneration heran, die beruflich genauso gut qualifiziert wie ihre männlichen Altersgenossen ist und nicht zuletzt deshalb ein selbstbewussteres und unbefangeres Verhältnis zu Fragen wie Gehalt und Vermögen an den Tag legt. Auch wenn diese Frauen, gemäss Fachleuten, heute noch "eine verschwindende Minderheit" bilden, zeigt sich an ihnen, dass Frauen eine grosse Begabung für das erfolgreiche Finanzmanagement mitbringen. So stellt die Zürcher Headhunterin Rita Baechler immer wieder fest, dass Firmenchefinnen und Managerinnen "ein sehr sicheres Gefühl im Umgang mit Geld haben, dass sie behutsam und umsichtig entscheiden und sich nicht von unkalkulierbaren Risiken leiten lassen." Während Männer oft auf "Rendite um jeden Preis" abfahren und das "Maximum" anstreben, würden Investorinnen das "Optimum" suchen und ihre Entscheide immer auch von Faktoren wie Ethik, Ökologie und Sicherheit abhängig machen. Monique R. Siegel konstatiert kurz und knapp: "Frauen haben genau die Eigenschaften, die es für ein erfolgreiches Finanzmanagement braucht: Entschlusskraft, Realismus, Beharrlichkeit, Ausdauer und Sparsamkeit." Zum Einsatz bringen Frauen diese Qualitäten allerdings meist erst in der Stunde der Wahrheit, wenn ihr Gatte stirbt oder sie vor dem Scherbenhaufen ihrer Ehe stehen. Im Fall einer Scheidung erfolgt dann oft das böse Erwachen, denn die Zeit, in der Scheidungstag auch Zahltag war und Frauen ihre jahrelangen in der Ehe erlittenen Frustrationen und Kränkungen mit einer satten Unterhaltszahlung aufgewogen bekamen, ist weitgehend vorbei. 45jährige und ältere Hausfrauen, denen die Gerichte im Fall einer Scheidung früher keine eigene Erwerbsarbeit mehr zumuteten, sind heute gezwungen, selber nochmals anzupacken und berufstätig zu werden. Tröstlich ist immerhin, dass das seit 2000 geltende Scheidungsrecht auch für die zweite Säule der Altersvorsorge das Splitting vorsieht. Mit anderen Worten: Die während der Ehe einbezahlten Pensionskassenbeiträge müssen halbiert und an beide Partner verteilt werden. Eine der berühmtesten Frauen, die sich erst unter dem Eindruck eines Schicksalsschlags finanziell emanzipierte, ist die Französin Barbe-Nicole Clicquot. Als ihr Mann starb, entschloss sich die Unternehmersgattin, seine Firma weiterzuführen. Dass sie das mit grossem Geschick und überzeugender Innovationskraft tat, zeigt die Erfolgsgeschichte jenes Champagners, dem sie ihren Stempel und Namen aufdrückte: Veuve Cliquot - Witwe Cliquot. Damit der Funke zwischen den Frauen und dem lieben Geld endlich etwas früher überspringt, will Zukunftsforscherin Siegel die Schulen in die Pflicht nehmen. So fordert sie, dass innerhalb der Lebenskunde auch das Thema Finanzen aufgegriffen wird: "Das Kondom und seine Anwendung gehören inzwischen zum Pflichtstoff", konstatiert Siegel nüchtern, "jetzt fehlen nur noch das Erstellen eines Budgets und die Berechnung der Aktienkurse."
Vera H. - 12'000 Franken pro Monat Vera H. hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Auch wenn die 32Jährige seit der Geburt ihres Sohnes vor sechzehn Monaten keiner eigenen Erwerbsarbeit mehr nachgeht und damit auf das Einkommen ihres Mannes Oliver angewiesen ist, fühlt sie sich "überhaupt nicht von ihm abhängig". Sie betrachtet ihre Familie als ein Unternehmen, an das beide Partner ihren je eigenen, gleichberechtigten Beitrag leisten: "Ich führe den Haushalt, betreue unser Kind und sorge für soziale Kontakte. Oliver ist Architekt und bringt das Geld nach Hause." Dieses Geld stehe auch ihr zu: "Oder kann mir irgendjemand erklären", fragt sie leicht gereizt, "warum mein Rund-um-die Uhr-Dienst an der Familie gratis sein soll?" Um ihren Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, hat die einstige Sozialarbeiterin einmal ausgerechnet, wieviel sie als Familienfrau bei einem Stundenansatz von 30 Franken verdienen würde: "Ausgehend von einer Sieben-Tage-Woche und 14 Stunden-Schichten kämen gegen 12'000 Franken pro Monat zusammen." Aktuell verfügt sie über 2500 Franken Haushaltsgeld, mit dem sie allerdings auch den Babysitter, eine Putzhilfe und Kleider für ihren Sohn bezahlen muss. Reicht dieser Betrag nicht aus, wird sie bei ihrem Mann vorstellig und bittet um mehr. Das laufe problemlos ab und werde ihr klaglos gewährt. Sie habe zudem Zugang zu allen Konten und wisse sehr genau über alle Einkünfte und Ausgaben, Sparguthaben und ihre gemeinsame Altersvorsorge Bescheid. Streit wegen Geld sei ihnen fremd. "Oliver ist sehr grosszügig", sagt sie "und betont immer wieder, dass sein Verdienst nicht zuletzt deshalb zustandekommt, weil ich ihm den Rücken freihalte." Wenn er demnächst einen achtwöchigen Weiterbildungsurlaub fern von Frau und Kind bezieht, lässt er sich denn auch nicht lumpen und spendiert Vera eine Goldkette, die genausoviel kostet wie seine Reise. Sie hält diesen Deal, Schmuck gegen persönliche Freiheit, für vertretbar. Den Gedanken, dass es in einer solchen Situation eben doch ausschlaggebend sei, wer das Geld verdiene und damit auch über seine Verwendung entscheide, wischt sie vom Tisch: "Diese Kette ist ein alter Traum von mir, der mir endlich erfüllt wird. Wo ist also das Problem?" Probleme hat Vera H. einzig dann, wenn sie wieder einmal mit "mehreren Einkaufstüten in der Hand" nach Hause kommt und ihrem Mann "gesteht", was sie sich alles und zu welchem Preis gekauft hat. In diesen Situationen, räumt sie ein, nehme sie wahr, dass es das Geld eines anderen sei, mit dem sie sich ihre persönlichen Wünsche befriedige. Trotzdem denkt die junge Frau momentan nicht daran, selber wieder in die Erwerbswelt zurückzukehren: "Solange unser Sohn so klein ist", sagt sie, "will ich für ihn dasein." Darüber hinaus hat Vera H., nüchtern, wie sie mit Geld umgeht, längst ausgerechnet, dass ihr Einkommen als Sozialarbeiterin mit einem Teilzeitpensum höchstens ausreichen würde, um die gleichzeitig anfallenden Betreuungskosten für ihren Sohn zu decken: "Und das macht ja wohl keinen Sinn."
Martina Z. - Kampf für das eigene Konto Martina Z. seufzt: "Es ist tragisch, aber ich verstehe überhaupt nichts von Geld." Sie wisse nicht, wieviel ihr Mann verdiene. Sie habe keine Ahnung, wie und wo Guido Geld anlege. Wie sie im Fall einer Scheidung finanziell dastehen würde, entziehe sich ihrer Kenntnis ganz. Ende Jahr lasse sie zwar einen zweistündigen Sermon über sich ergehen, in dem ihr Mann sie über den aktuellen Stand der Familienfinanzen informiere: "Aber nach zwei Tagen habe ich das Zeug wieder vergessen", lacht sie kokett, "Geld interessiert mich einfach nicht." Schliesslich sei Guido Banker und Geld also sein Spezialgebiet: "Wäre es da nicht idiotisch", fragt sie, "wenn ich mich da einmischen würde?" Gefühle wie Unsicherheit oder Unselbständigkeit, behauptet die 42jährige Hausfrau und Mutter zweier schulpflichtiger Mädchen, kenne sie nicht. Keck konstatiert sie: "Es ist unser Geld, was Guido nach Hause bringt, und ich habe den genau gleichen Anspruch darauf wie er." Das sagt sich so leicht. Aber lebt denn das Paar auch tatsächlich gemäss dieser Überzeugung? Martina Z. zögert und gibt zu, dass ihr Mann im tiefsten Inneren wohl schon der Meinung sei, dass er derjenige sei, der das Geld verdiene und die Familie ernähre. Manchmal gehe es soweit, dass er ausdrücklich von "meinem Geld" oder "meinem Auto" spreche und dann müsse sie ihm kontra geben: "Wie bitte? Wovon sprichst du?" Er korrigiere sich jeweils sofort, beteure, es nicht so gemeint zu haben und gelobe Besserung. Damit kann seine Frau leben. Schliesslich sei sie ja auch froh, dass er die ganze Verantwortung übernehme und vollumfänglich für den Unterhalt der Familie sorge. Als gelernte Krankenschwester würde sie niemals so viel verdienen, um ihren Kindern all die Annehmlichkeiten bieten zu können, von denen sie heute profitieren. Keine Gnade kannte Martina Z. einzig, als sie kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter und der Aufgabe ihrer Berufstätigkeit realisierte, dass Guido sein Gehalt auf ein Konto überweisen liess, zu dem sie keinen Zugang hatte. Er hob jeweils ab, was sie für den Haushalt benötigte. Sie musste jeden Kassenbon aufbewahren und auf der Rückseite mit Angaben wie "Essen", "Kinderkleider", "Geschenk Grossmutter" oder "Zahnpasta" versehen. Anhand dieser Daten machte Guido Ende Monat die Buchhaltung. Martina fühlte sich je länger je kontrollierter und begann, das sorgfältig ausgeklügelte Finanzsystem ihres Mannes zu unterlaufen, indem sie immer mehr Zettel achtlos mit "Diverses" anschrieb: "Eines Tages kam es dann zum Streit", erinnert sie sich, "und ich forderte ein eigenes Konto, auf das Guido mir das Haushalts- und mein Taschengeld überwies." Seither ist sie rundherum zufrieden mit ihren finanziellen Verhältnissen. Dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann über keinerlei persönliche Reserven aus der Zeit ihrer eigenen Berufstätigkeit verfügt, stört sie nicht. Sie habe damals jeden vorhandenen Franken in grosse Reisen gesteckt, Guido habe gespart: "Das war gut so für mich, und ich fühle mich heute reicher mit meinen Erinnerungen als er mit seinem Geld."
Doris G. - Alptraum Millionenerbschaft Ein einziges Mal im Verlauf ihrer mehr als zwölfjährigen Ehe war Geld der Anlass für einen Streit zwischen Doris und Hanspeter G. Doris hatte kurz vor Weihnachten im Sonderverkauf Christbaumschmuck im Wert von 26 Franken erstanden und war frohgemut mit dem kleinen Luxus in der Tasche nach Hause gekommen. Als Hanspeter ihr beim Auspacken zusah, entfuhr ihm ein spontanes "Musste das wirklich sein?" In dem Moment "lief" Doris gemäss eigenen Worten "Amok: Ich war tief gekränkt und habe mich während Stunden im Schlafzimmer verschanzt, unfähig auch nur ein Wort zu sagen." Dieser kleine Satz habe die schwerste Krise ihrer bisherigen Ehe ausgelöst. Um diese heftige Reaktion zu verstehen, muss man wissen, dass Hanspeter und Doris G., er Maler und sie Teilzeit-Verkäuferin, ihren Alltag mit "sehr wenig Geld" bestreiten. Das Paar hat sich vor zwei Jahren ein kleines Haus gebaut und damit seine finanzielle Situation auf's Äusserste belastet. So ist die 40Jährige gezwungen, bescheiden zu leben, äusserst sparsam zu haushalten und auf vieles zu verzichten. Das falle ihr leicht, und sie habe sich noch nicht einmal beklagt: "Ich bin glücklich", beteuert sie, "wenn wir mit dem, was wir haben, durchkommen." Wenn man ihr nun allerdings vorwerfe, sie verschwende das mühsam erwirtschaftete Geld der Familie, fühle sie sich zu Unrecht angegriffen, ja, regelrecht gedemütigt. Doris G. hat ein sehr bewusstes, aber auch ambivalentes Verhältnis zu Geld. Als Kind hatte sie fünf Portemonnaies, auf die sie ihre jeweilige Barschaft verteilte. Wieder und wieder habe sie ihren Besitz überprüft und nachgezählt. Als sie ihren ersten Job als Hauskrankenpflegerin antrat, verdiente sie zwar einen Hungerlohn, hatte aber dennoch innerhalb von zwei Jahren 10'000 Franken gespart. Heute ist Geld für sie in erster Linie Mittel zum Zweck. Sie kauft damit Essen, Kleider, bezahlt einmal ein Nachtessen bei McDonald's oder finanziert die Musikstunde ihrer achtjährigen Tochter oder einen neuen Fussball für ihren elfjährigen Sohn. Ein Budget hat sie noch nie in ihrem Leben erstellt. Wozu auch, fragt sie. Das kompliziere doch nur alles und stehle ihr Zeit. Sie wisse ja, dass ihr anfangs Monat die von ihr verdienten 1200 Franken zur Verfügung stehen. Reicht dieser Betrag nicht aus, geht sie an das gemeinsame Konto, auf dem Hanspeters Lohn liegt. Sie hat ein fein entwickeltes Gespür dafür, dass sie mitverdient und dass es ihr Geld ist, wie sie betont, das ebenfalls zum Unterhalt der Familie beiträgt: "Ohne eigenes Geld", sagt sie, "hätte ich ein Problem." Ein noch viel grösseres Problem steht ihr allerdings ins Haus, wenn sie eines Tages die möglicherweise millionenschwere Erbschaft ihrer Mutter antreten wird: "Das ist ein Alptraum für mich", versichert sie glaubhaft. "Jahrelang habe ich jeden Gedanken daran hartnäckig verdrängt." Dieses viele Geld, das sie sozusagen unverdient geschenkt bekomme, empfinde sie als "dreckig und kalt: Ich ekle mich schon jetzt davor, dereinst damit konfrontiert zu sein."
"Gold-Marie": Ein Geldseminar für Frauen Frauen, die den Geld-Workshop "Gold-Marie" besuchen, müssen nach Abschluss des eineinhalbtägigen Seminars einen ungewohnten Finanzentscheid fällen. Weil die beiden Kursleiterinnen Ruth Bütikofer und Grazia Amati jeder interessierten Frau die Möglichkeit geben wollen, dabei zu sein, verzichten sie auf einen fixen Preis und überlassen es den Teilnehmerinnen, einen für sie stimmigen Betrag zu entrichten. "Viele Frauen reagieren auf dieses Angebot irritiert", sagt Bütikofer, "und fühlen sich mit dieser Freiheit zunächst unwohl." Die einen befürchten, auf diese Art könne das Leiterinnenpaar zu kurz kommen; andere zweifeln an der Seriosität der Veranstaltung und fragen besorgt: "Werden wir hier eigentlich auf's Glatteis geführt?" Dabei geht es Bütikofer und Amati einzig darum, ihre Kursteilnehmerinnen dazu anzuregen, über den Zusammenhang zwischen ideellem und materiellem Wert nachzudenken. "Jede einzelne Frau soll das bezahlen", erklärt Amati, "was ihr der Kurs wert ist, und zwar im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten." Ruth Bütikofer, 52jährige Marketing-Spezialistin, und Grazia Amati, 47jährige Wirtschaftsberaterin, wissen natürlich, dass Frauen ein oftmals ungeklärtes Verhältnis zu Geld haben: "Sie benutzen es im Sinne eines Tausch- beziehungsweise Zahlungsmittels, befassen sich aber ungern mit dem Thema an sich." Diese Art weiblicher Berührungsangst gehe, so Amati, oft auf eine Moral zurück, die in Glaubenssätzen wie "Armut adelt" oder "Nur die Mittellosen kommen in den Himmel" gipfle. Vielfach würden Frauen Geld und Geist immer noch als Gegensatzpaar betrachten und sich in vornehme Distanz zum schnöden Mammon begeben. Eine solche Position sei jedoch unzeitgemäss und jede Frau gut beraten, stattdessen einen eigenverantwortlichen Umgang mit ihren Finanzen zu pflegen. Genau dieses Ziel verfolgen die beiden Expertinnen denn auch in ihrem Seminar "Gold-Marie", dessen Teilnehmerinnen erkennen sollen, dass die Autonomie jeder einzelnen in hohem Masse von einem selbstbewussten und aufgeklärten Verhältnis zum Geld abhängt. Zu diesem Zweck vermitteln die beiden einerseits nüchternes Finanzwissen und machen deutlich, in wievielen Lebensbereichen Geld von zentraler Bedeutung ist. So diskutieren sie über den eigenen Verdienst, Erbschaften, Investitionen und die persönliche Altersvorsorge. Rings um das Thema Hausfrauen stossen sie immer noch auf weitverbreitete Vorurteile, die sie abbauen wollen. "Viele bezeichnen sich ständig als "Nur-Hausfrauen", weiss Bütikofer, "und realisieren nicht einmal, dass sie sich damit abwerten". Das überrasche allerdings nicht, sei die Annahme, eine Frau müsse froh sein, dass sie einen Gatte habe, der für sie zahle, doch immer noch weitverbreitet. Oft genug müssten sich Familienfrauen ja auch Sätze anhören wie: "So schön wie du möchte ich es auch einmal haben" - Sätze mithin, die Gift für jedes Selbstwertgefühl darstellen. Hier geben die beiden Kursleiterinnen deutlich Gegensteuer und lassen beispielsweise den präzisen Geldwert der Hausfrauenarbeit ermitteln, berechnet nach marktüblichen Ansätzen. Darüber hinaus erstellt jede Kursteilnehmerin im Verlauf des Seminars eine persönliche Wirtschaftsanalyse. Dabei setzt sie sich nicht nur kritisch mit ihren Vorstellungen über die Bedeutung von Geld auseinander, sondern entwickelt in einem weiteren Schritt auch private und berufliche Pläne und die handfesten Techniken, die es zu deren Umsetzung braucht. Kürzlich stand eine Seminarteilnehmerin vor dem Problem, wie sie es schaffen könne, ihren Ex-Mann zum Zahlen der Alimente für die gemeinsamen Kinder zu bewegen. Sie war es leid, mit ihm zu streiten. "Kämpfen um Geld", sagt Amati, "ist etwas, was Frauen zuwider ist." Folglich war es zunächst einmal wichtig, die psychische Abwehr dieser Frau zu verstehen und letztlich auch zu durchbrechen. Im Anschluss daran wurden innerhalb der Kursgruppe konkrete Schritte diskutiert, die die Betroffene unternehmen sollte, um zu dem ihr zustehenden Geld zu kommen. Beratungs- und Hilfsangebote wurden gesammelt, und zuletzt legte die Frau einen verbindlichen Zeitrahmen fest, in dem sie ihr Ziel erreichen wollte. Eine andere Kursbesucherin hatte zwar klare Vorstellungen darüber, dass sie Karriere machen und mehr verdienen wollte. Wie ihr das allerdings gelingen sollte, entzog sich zunächst ihrer Kenntnis. Auch hier half das Seminar mit Anregungen, Tipps und Ratschlägen weiter. Ruth Bütikofer steht zur Zeit selber vor einer Situation, in der sie ihre gesammelten Erkenntnisse über den weiblichen Umgang mit Geld gut gebrauchen kann. Sie wird einen "Betrag erben", wie sie sich ausdrückt, "mit dem ich etwas anfangen kann." In einem ersten Schritt sah sie sich gezwungen, "gedanklich Besitz von diesem Geld zu nehmen und sich überhaupt die Erlaubnis zu geben, es gemäss meiner Wünsche einzusetzen." Sie will sich bei dieser Entscheidung ausdrücklich "nicht fremdbestimmen lassen" und auf Grund eines schlechten Gewissens überstürzt "zu viel für wohltätige Zwecke spenden oder alles in meine Pensionskasse stecken." Nach reiflicher Überlegung ist sie inzwischen zum Schluss gekommen, dass sie sich in Italien eine Ferienresidenz kaufen will, die ihr einerseits als Altersabsicherung, aber auch jetzt schon zur Steigerung ihrer Lebensqualität dienen soll. Bütikofer betont, dass diese Erbschaft ihr gehöre und dass sie über deren Verwendung letztlich auch ohne das Einverständnis ihres Partners entscheiden könne. Ob ihre Seminarteilnehmerinnen nach dem Besuch von "Gold-Marie" bereits so souverän mit den eigenen Finanzen umgehen, sei dahingestellt. Doch Grazia Amati ist überzeugt: "Alle Frauen nehmen die Zuversicht mit, dass sie ihre Geldfragen in Zukunft selbstbewusster und angstfreier anpacken werden." Um diese Haltung zu bestärken, bekommen die Kursbesucherinnen am Ende der Veranstaltung eine sogenannte Ich-Aktie, der sie ihren persönlichen Geldwert ausstellen und die sie stets an ihre guten Vorsätze erinnern soll. Mit auf den Heimweg geben ihnen Bütikofer und Amati zudem einen Schlussatz, der mit Sicherheit provoziert und jeder einzelnen noch lange zu denken geben wird: "Geld lieben, heisst, sich selber lieben." Realistisch, wie Frauen sind, honorieren sie das Leiterinnenpaar übrigens auf angemessene Art. Informationen zu "Gold-Marie"-Seminaren bei Ruth Bütikofer: r.buetikofer@swissonline.ch
Interview mit dem Paar- und Familientherapeuten Peter Angst Welche Rolle spielt Geld in Partnerschaften? Peter Angst: Eine sehr grosse. Gnade Gott, wenn es am Geld fehlt. Dann kann es zu heftigen, auch bösartigen Konflikten kommen. Es ist wie mit der Sexualität in der Ehe. Solange sie fliesst, ist alles in Ordnung. Sobald sie versiegt, tauchen die Probleme auf. Geld kann doch aber auch dann zum Anlass für Paarkonflikte werden, wenn es in ausreichendem Masse vorhanden ist. Angst: Das ist richtig. Geld kann verschiedene, auch wechselnde Funktionen innerhalb einer Partnerschaft übernehmen. So kann es zum Mittel werden, um den Partner in einer Krise zu disziplinieren. In einer solchen Situation übt der Mann und Ernährer über sein Geld, wie er plötzlich in jeder Lebenslage betont, Macht über seine Partnerin aus. Aber auch Frauen, die das Haushaltsgeld verwalten, können auf diesem Weg Druck machen. Da nehmen sie auf einmal finanzielle Abstriche am Hobby des Mannes vor oder werfen sinnlos viel Geld zum Fenster hinaus, weil sie sich vernachlässigt fühlen und ihrer Frustration nur so Ausdruck geben können. Geld dient also nicht nur als Mittel, um den Lebensunterhalt eines Paares oder einer Familie zu bestreiten? Angst: Keineswegs. Es ist verrückt, wie oft Geld zu Zwecken der Kompensation eingesetzt wird. Vor allem Männer kaufen sich damit Freiheit, Selbstverwirklichung, auch Sex. Und Frauen machen mit. Ich staune immer wieder, was sich Frauen alles von ihren Partnern gefallen lassen, solange es finanziell für sie stimmt. Geld wird offenbar vor allem dann zum Problem, wenn die Rollenteilung traditionell ist: Er ist hundertprozentig erwerbstätig, sie vollumfänglich für den Haushalt und die Kinder zuständig. Angst: Eine solche Konstellation begünstigt tatsächlich Konflikte. Plötzlich werden aus den einst humorvollen Bemerkungen über "ihre Lockerheit im Umgang mit Geld" giftige Sprüche über "ihre egoistische Verschwendungssucht". Viele Männer haben immer noch nicht begriffen, dass die Mütter ihrer Kinder einen legitimen Anspruch auf die Hälfte ihres Einkommens haben und dass sie keineswegs die grossen Gönner sind, die ihre Partnerinnen gnädig beschenken. Was raten Sie Paaren, die vor der Eheschliessung beziehungsweise Familiengründung stehen? Angst: Sie sollen unbedingt im Vorfeld über die geplante Verteilung der Rollen und der damit verbundenen Pflichten sprechen. Wenn es nach mir ginge, müsste man die Tatsache, dass eine Frau eine zeitlang zugunsten der Familie aus dem Beruf aussteigt und damit auf ihr eigenes Einkommen verzichtet, sogar schriftlich besiegeln. Darüber hinaus halte ich es für unerlässlich, frühzeitig ein gemeinsames Budget zu erstellen und allenfalls auch auf liebgewordene Gewohnheiten zu verzichten. Wenn sein Lohn halt nur 5000 Franken, die Miete aber 2000 Franken beträgt, muss eben auch über den Verkauf des Autos diskutiert werden. Befolgen viele Paare Ihre Ratschläge? Angst: Es fällt den Menschen hierzulande nicht ganz leicht, sich nüchtern und pragmatisch mit Geldfragen auseinanderzusetzen. Gut eidgenössisch herrscht vielerorts noch die Meinung vor: Geld ist ein unanständiges Thema, über das man besser nicht redet. Eine solche Haltung kann allerdings unliebsame Folgen haben. Wir Eltern, August 2002 |
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