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Ballack: "Ich bin nun einmal ein ganz normaler Typ"


Michael Ballack, noch im vergangenen Sommer bezeichneten grosse deutsche Zeitungen Sie als Schnösel. Man warf Ihnen Arroganz und Bequemlichkeit vor, sagte, Sie seien ein frecher, verwöhnter Typ...

...alles Schlechte, was man so schreiben kann.

...heute jedoch sind Sie Everybody's Darling. Was ist in dieser kurzen Zeit bloss mit Ihnen passiert?

Gar nichts ist mit mir passiert. Das ist ja das Schlimme. Da schreiben die Leute Dinge, ohne eine Person überhaupt zu kennen. Von der Art, wie einer Fussball spielt, wird auf seinen Charakter geschlossen.

Spielen Sie denn wie ein Schnösel?

Offenbar hat mein Spiel polarisiert, und einige fanden, ich wirke auf dem Platz arrogant.

Sie haben inzwischen einen Berater engagiert.

Ich habe einen Rechtsanwalt, der sich um meine Verträge kümmert. Das ist nichts Besonderes, das haben fast alle Spieler.

Hat dieser Rechtsanwalt auch im Hinblick auf lukrative Werbeverträge dafür gesorgt, dass Ihr Image aufpoliert wurde?

Das weiss ich nicht. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er grosse Aktionen gestartet hat. Ich selber habe einfach mit der Zeit aufgehört, Gegensteuer zu geben. Irgendwann habe ich den Journalisten gesagt: «Jungs, schreibt, was ihr wollt.» Nach und nach änderte sich dann die Tonart der Artikel. Ob das mit meinen sportlichen Erfolgen zusammenhängt oder weil man eingesehen hat, dass ich als Typ doch ganz in Ordnung bin, kann ich nicht beurteilen.

Momentan werden Sie wie ein Held verehrt. Beliebter, besser, begehrter, schöner und edler als Michael Ballack kann fast niemand mehr sein.

(lacht) Ehrlich?

Schon vor Ihrem ersten Spiel für Bayern München wurden Sie mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?

Wer zu Bayern München kommt, muss einfach wissen, dass es hier anders abgeht als bei anderen Vereinen. Darauf hatte ich mich eingestellt. Am Anfang war der Rummel zwar besonders gross, aber inzwischen kann ich ganz gut damit leben.

Warum tragen Sie die Nummer 13?

Weil sie die einzige Nummer war,die mir gefiel und bei Bayer Leverkusen damals noch frei war. Vorher hatte Rudi Völler (als Spieler 1990 Weltmeister mit Deutschland, seit 2000 Teamchef der Nationalmannschaft) sie gehabt, und der Klub wollte sie eigentlich nicht mehr vergeben. Ich habe Rudi Völler dann um die Freigabe gebeten, und er war einverstanden.

Seinerzeit wurde Ihnen allerdings auch unterstellt, Sie wollten damit provozieren.

(er wird aufgebracht) Das ist doch der reinste Schwachsinn. Was da alles in einen hineininterpretiert wird.

Kürzlich schrieb die «Süddeutsche Zeitung», was Sie sagten, sei «nicht sehr originell, aber irgendwie in Ordnung». «Typisch Ballack» eben, hiess es. Kränkt Sie so etwas?

Ach wo. Das zeigt doch vor allem, dass die Journalisten frustriert sind, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie sich von mir machen. Den Medien fehlt es an Material, wenn ich nicht ständig Aufsehen errege und mit grossen Worten irgendetwas auslöse, wie sie sich das von ein paar anderen Spielern gewohnt sind. Doch das kann ja wohl nicht mein Problem sein.

Dennoch: Mit diesem Satz in der «Süddeutschen» wurden Sie ein Stück weit entzaubert und auf Mittelmass heruntergeholt.

Mittelmass ist doch völlig okay. Hauptsache, ich kann mich so geben, wie ich bin. Und ich bin nun einmal ein ganz normaler Typ, der nicht gläubig ist, keine extremen Ansichten hat und auch nicht dauernd aneckt.

Sie haben ein ausgeprägtes Gefühl für Ihre Privatsphäre und liessen die Publikation von Fotos Ihres Hauses am Starnberger See gerichtlich verbieten.

Ich finde, es gehört sich nicht, dass mein Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Ganz abschotten kann ich mich nicht, das ist mir bewusst, aber was ich zum Schutz meiner Familie tun kann, das tue ich.

Sie lassen sich auch nicht mit nacktem Oberkörper fotografieren, während viele Spitzensportler ihre Haut ungeniert zu Markte tragen.

Solche Fotos würden mich doch weder sportlich noch persönlich weiterbringen. Also lasse ich es lieber bleiben.

Für einen 26-Jährigen wirken Sie ziemlich abgeklärt. Ihr Trainer Ottmar Hitzfeld attestierte Ihnen ausdrücklich grosse Reife.

(lacht) Es kommt sehr darauf an, wie ich gerade drauf bin. Man kann mich durchaus auch auf die Palme bringen.

Indem man Sie beispielsweise mit Stefan Effenberg vergleicht, Ihrem Vorgänger bei Bayern München.

Nein. Das war mir doch von Anfang an klar, dass dieser Vergleich kommen wird. Damit hatte ich kein Problem. Aber wenn man Sie monatelang tagtäglich das Gleiche fragt, hätten auch Sie einmal gesagt: Hallo, Jungs, fragt doch einfach einmal etwas anderes.

Der Vergleich mit Effenberg ist doch so heikel für Sie, weil sich dahinter der Vorwurf verbirgt, Sie würden Ihre Führungsverantwortung bei Bayern München nicht im gleichen Masse wahrnehmen, wie er das seinerzeit getan hat.

Ich weiss sehr wohl, dass ich als Mittelfeldspieler eine grosse Aufgabe habe und auch grosse Verantwortung trage. Ich nehme mich einfach nicht zu wichtig, und zum Rädelsführer eigne ich mich schon gar nicht. Ich bin eher der Typ, der auf dem Platz die Leistung sprechen lässt. Ausserdem bin ich erst seit wenigen Monaten bei Bayern, einer gewachsenen Mannschaft, die nur aus Topspielern besteht und bei der jeder den Anspruch hat, der Beste zu sein.

Der Druck, der auf der Mannschaft lastet, muss riesig sein. Im Herbst haben sich innerhalb weniger Wochen zweimal Spieler während des Trainings Schlägereien geliefert. Wie kann es zu solchen Eskalationen kommen?

Es gibt halt immer ein paar Hitzköpfe, die schnell reizbar sind. So ist Fussball, wobei Prügeleien da wirklich nicht hingehören.

Hat nach dem frühen Ausscheiden von Bayern München aus der Champions League nicht auch grosse Frustration bei Ihnen geherrscht? Dazu wurde die Mannschaft landesweit mit gnadenloser Kritik, ja Häme überzogen.

Das kann schon eine Rolle gespielt haben. Die einen haben an einer solchen Enttäuschung länger zu knabbern und sind leichter reizbar. Wobei es überhaupt nicht der Normalität entspricht, dass einem dann die Hand ausrutscht.

Wie haben Sie selber auf das Ausscheiden reagiert? Sie sind ja nicht zuletzt deshalb zum FC Bayern München gegangen, um endlich einmal einen ganz grossen Titel zu gewinnen.

Bei mir hielt sich die Enttäuschung einigermassen in Grenzen. Ich persönlich hatte ja ein turbulentes und auch sehr erfolgreiches Jahr. Klar, war es im ersten Moment schlimm. Das ging ja so schnell, ratzfatz waren wir aus der Champions League draussen und mit nur zwei Punkten auch völlig unter Wert. Wir können uns heute noch nicht richtig erklären, wie das zu Stande gekommen ist. Vom ersten Spiel an sind wir nur hinter den Gegnern hergerannt.

Haben Sie sich als Versager gefühlt?

Das Wort kommt in meinem Wortschatz nicht vor. So würde ich mich niemals fühlen, auch wenn wir Spiele verlieren und enttäuschen.

Im Verlauf des letzten Jahres hat Sie das Pech regelrecht verfolgt. Dreimal innerhalb von zwei Wochen wurden Sie mit Bayer Leverkusen «nur» Zweiter: in der Meisterschaft, im deutschen Cup und in der Champions League. Für den WM-Final gegen Brasilien waren Sie wegen einer gelben Karte dann auch noch gesperrt. Und kaum kommen Sie zu Bayern München, fliegt die Mannschaft direkt aus der Champions League. Da könnte man ja fast abergläubisch werden.

Weshalb denn? Wir werden doch dieses Jahr deutscher Meister, und alles ist okay.

Bayern München ist aber ein besonderes Kaliber. Franz Beckenbauer, Uli Hoeness und Karl-Heinz Rummenigge, Ihre Vorgesetzten, fordern Jahr für Jahr Titel und Trophäen. Alles andere ist nichts wert. Das ist ein gewaltiger Anspruch.

Druck hat man bei allen Topvereinen. Damit muss man umgehen.

Das sagt sich so leicht. Wie machen Sie das konkret? Können Sie sich überhaupt noch entspannen?

Ich kann mich problemlos entspannen. Natürlich stehe ich unter Spannung und Erfolgsdruck, wenn ich auf den Platz gehe. Aber dem sind die meisten gewachsen. Das lernt man. Man hört die Aussagen der Vorgesetzten und wächst langsam in deren Denken hinein. Wer sich nicht durchsetzt und seine Leistung nicht abrufen kann, ist schnell wieder weg.

Bayern München polarisiert extrem. Das sind emotionale Wechselbäder, durch die Sie als Spieler müssen.

Vor allem bei Auswärtsspielen merkt man, dass man eigentlich immer gehasst wird. Die Stimmung ist hoch aufgeladen und sehr aggressiv. Das ist ein Unterschied zu anderen Vereinen, denen neutraler begegnet wird. Bayern wird entweder geliebt oder gehasst.

Wie erklären Sie sich das?

Bayern ist der erfolgreichste Verein in Deutschland und hat viele Neider. Uns will man es einfach zeigen.

Bayern steht für viele auch für Snobismus und Jetset. Boris Becker ist einer Ihrer prominentesten Fans. Inzwischen fährt sogar Torhüter Oliver Kahn, bisher der Inbegriff von Disziplin und Seriosität, einen Ferrari. Und Sie?

(lacht) Nur einen Audi.

Löst Bayern München nicht auch deshalb so viele Aggressionen aus, weil man von den Repräsentanten des Vereins oft grossspurige, masslose Aussagen hört?

Ich glaube, da liegt wirklich ein Problem, mit dem auch einige Spieler nicht zurechtkommen. Obwohl es nicht ausdrücklich von uns verlangt wird, liegt doch irgendwie die Erwartung in der Luft, dass man als Bayern-Spieler mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein auftritt, das hart an der Grenze zur Arroganz liegt. Ich bin zwar ebenfalls ein selbstbewusster Spieler, habe aber manchmal Probleme mit gewissen Aussagen, die im Verein gemacht werden.

Aussagen welcher Art?

Aussagen, die zur Verherrlichung des eigenen Klubs führen. Ich ziehe mich in solchen Situationen zurück. Aber ich denke, dass einige Spieler zwar nicht gerade ihren Charakter vergewaltigen, aber schon gewisse Sachen mitmachen, für die sie überhaupt nicht der Typ sind.

Nennen Sie ein konkretes Beispiel.

Wenn man vor einem Spiel Aussagen macht, die von Überheblichkeit zeugen und auch den Respekt vor dem Gegner vermissen lassen. Das ist für mich persönlich kein guter Charakterzug.

Hat die Bescheidenheit, die bei Ihnen zum Ausdruck kommt, mit Ihrer Herkunft zu tun? Sie haben die Hälfte Ihres Lebens, 13 Jahre, in der ehemaligen DDR verbracht.

Wir haben damals natürlich schon mitbekommen, dass die Spieler aus dem westlichen Teil Deutschlands ein anderes Selbstbewusstsein an den Tag legen.

Insbesondere materielle Güter hatten in der ehemaligen DDR geringen Stellenwert.

Die hatten überhaupt keinen Stellenwert, weil es nach oben für fast jeden Bürger eine Grenze gab. Folglich existierten auch keine grossen sozialen Unterschiede. Das war schon ein anderes Leben als hier im Kapitalismus, wo die Gesellschaft materiell stark auseinander klafft.

Inzwischen haben auch Sie ein Haus am Starnberger See. Muss man als Bayern-Spieler ein Haus an solcher Lage haben?

Um Gottes willen. Irgendwo muss ich ja wohnen.

Aber warum ausgerechnet am Starnberger See, wo sich Reichtum und Luxus ballen?

Ich wäre gern in die Stadt gezogen, habe aber nichts gefunden. Klar, habe ich gewisse finanzielle Möglichkeiten und finde es schön für meine Familie, dass wir uns dieses Haus leisten können.

Bekommen Sie deshalb viel Neid zu spüren?

Natürlich gibt es Neid, aber den bekomme ich nicht unmittelbar mit. Es gibt doch keiner zu, dass er neidisch ist. Wenn mir das einmal jemand direkt sagen würde, könnte ich schmunzeln. Aber Neid ist etwas, das hintenherum läuft.

Kürzlich hat Ihnen der grosse Effenberg den Segen erteilt und gesagt, Sie würden Ihren Weg machen. Günter Netzer liess verlauten, Sie seien sogar besser als seinerzeit er und Wolfgang Overath. Mittlerweile vergleicht man Sie mit Superstars wie Beckham und Figo. Höher geht es fast nicht mehr.

Das löst nicht viel bei mir aus. Klar, freue ich mich, wenn jemand meine Art, Fussball zu spielen, schätzt. Aber ich bin nicht der Typ, der sich etwas darauf einbildet. Ich weiss, dass Fussball ein schweres Geschäft ist und ein schnelllebiges, in dem es im Nu wieder andersherum läuft.

Haben Sie manchmal auch Angst? Wer ganz oben ist, kann tief fallen.

Nein, Angst habe ich nicht. Ich habe schon Höhen und Tiefen erlebt und weiss, wie sich das anfühlt.

Anderen Spielern, die so viel Erfolg haben wie Sie, würde der Ruhm in den Kopf steigen. Wieso sind Sie auf dem Boden geblieben?

Das ist eine Frage des Charakters und, genauso wichtig, des Umfelds. Ein starker Charakter allein reicht nicht aus, wenn man die falschen Freunde, Trittbrettfahrer, um sich hat, die einem schlechte Ratschläge geben. Ein junger Spieler, der auf sich allein gestellt ist, kann so etwas manchmal nur schwer einschätzen. Gott sei Dank hatte ich das Problem nicht. Ich hatte immer meine Eltern und meine Freundin in unmittelbarer Nähe.

Was verstehen Sie unter einem starken Charakter?

Dass man seine Meinung vertritt, sich durchsetzt und nicht beim ersten Gegenwind umfällt. Dass man sich aber auch etwas sagen lässt, wenn man auf dem falschen Weg ist.

Was bewirkt es bei Ihnen, wenn Ihr Trainer Ottmar Hitzfeld enttäuscht von Ihnen ist, und das auch zum Ausdruck bringt?

Dann habe ich eine Wut im Bauch und bin motiviert, es im nächsten Spiel besser zu machen. Ich frage mich natürlich auch, ob er mit seiner Kritik Recht hat oder ob er mich nur provozieren und mehr aus mir herauskitzeln will.

Ist Ihr Trainer eine wichtige Person in Ihrem Leben?

Für mich ist es besonders wichtig, zu wissen, woran ich beim Trainer bin.

Hitzfeld ist eine spezielle Figur. Jahrelang war er der Asket, tugendhaft und diszipliniert, und plötzlich tauchte da eine Geliebte auf. Was hat das bei den Spielern ausgelöst?

Das ist heute kein Thema mehr.

Hat diese Geschichte nicht den Respekt vor Hitzfeld geschmälert?

Ach, im Gegenteil. Also, ich will das nicht verherrlichen, aber Fussballer kriegen wegen einer solchen Sache kein Problem mit ihrem Trainer. Im Grunde geht es uns gar nichts an, es ist sowieso sein Privatleben.

Sie haben Abitur. Hilft es einem Fussballer, wenn er eine gewisse Bildung hat?

Ich denke, heutzutage ist es gar nicht schlecht, weil der Beruf des Fussballers unheimlich umfangreich geworden ist. Es heisst zwar immer noch: Spiel Fussball, das andere kommt von allein. Aber heute werden die Anforderungen immer grösser. Nach dem Spiel stürzen sich die Medien auf dich, und du musst nicht nur Auskunft geben, sondern auch etwas einordnen können. Da ist Intelligenz ganz nützlich.

Sie haben alles: Frau, Kinder, Haus, Geld, Erfolg. Was motiviert Sie trotzdem noch jeden Tag zur Schwerarbeit Fussball?

Der Spass. Wenn mir morgen jemand sagen würde, du kannst nicht mehr spielen, würde für mich eine Welt zusammenbrechen.

Was würden Sie dafür geben, mit Deutschland im Jahr 2006 im eigenen Land Weltmeister zu werden?

Unheimlich viel.

 

Michael Ballack:

Mit 16 Einsätzen wurde Michael Ballack mit Kaiserslautern 1998 in seiner ersten Bundesligasaison Meister. Im vergangenen Jahr war der Mittelfeldspieler der grosse Aufsteiger im deutschen Fussball. Er führte Leverkusen in den Final der Champions League und des deutschen Cups. Er erreichte mit Deutschland das WM-Endspiel. Immer aber wurde er nur Zweiter - trotz seinen 17 Toren in 29 Partien auch in der Bundesliga. Seit letzten Sommer spielt der im September 27 Jahre alt werdende Ostdeutsche für Bayern München, und er gilt als Wunschkandidat von Real Madrid. 

Tages-Anzeiger, 27. Februar 2003

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