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Wie sich der Humor der Kinder entwickelt


Kinder lachen gern, und es braucht oft nicht viel, um sie zu erheitern. Schon der sechs Monate alte Säugling beginnt zu glucksen, wenn sich seine Mutter auf alle Viere begibt und so tut, als sei sie ein Hund. Zweijährige schüttelt es vor Lachen, wenn ein Mann auf einer Bananenschale ausrutscht und der Länge nach hinschlägt. Genauso beglückt reagiert die Fünfjährige, wenn ihrem Vater ein sprachliches Malheur passiert und ihm in ihrer Gegenwart das Bäh-Wort "Scheisse" entschlüpft.

Gemeinsam ist all diesen von Kindern so lustvoll erlebten Situationen, dass sie eine mehr oder weniger deutliche Verletzung von Normen beinhalten. Mütter und Männer gehen in aller Regel aufrecht und kriechen weder über Teppichböden noch liegen sie auf dem Trottoir. Erwachsene bedienen sich gemeinhin stubenreiner Wörter oder behaupten mindestens Kindern gegenüber, es zu tun.

Um die Verletzung solcher Normen wahrnehmen zu können, muss ein Kind zunächst einmal erfassen, wie sich die Welt im sogenannten Normalzustand präsentiert. Es muss, um bei unserem ersten Beispiel zu bleiben, eine Vorstellung haben, die es mit seiner Mutter verbindet, und eine andere, die es mit einem Hund verknüpft. Halbjährige Säuglinge, sagen die Experten, sind bereits in der Lage, eine solche Differenzierung vorzunehmen.

Wenn sie etwas älter sind, lieben Mädchen und Knaben Sprachwitze, die auf ihre Art ebenfalls mit Fehlleistungen und Regelbrüchen spielen. Da muss aus der "Kürbissuppe" nur eine "Sürbiskuppe" werden, oder aus dem "verehrten Publikum" ein "verpuptes Ehrlikum", und schon quietschen Sechsjährige. Nach Aussage der deutschen Humorforscherin Christine Bierbach "deckt sich in solchen Momenten die Freude am Falschen mit dem Triumph, selber das Richtige zu wissen". Das Lachen der Überlegenheit lösen auch all jene Witze bei Kindern aus, in denen ein etwas beschränkter Erwachsener wie der folgende geschildert wird: "Herr Meier kauft sich eine Pizza am Stand. Fragt ihn der Verkäufer: ‚Soll ich die Pizza in acht oder zwölf Stücke schneiden'? Sagt Herr Meier: ‚Nur in acht Stücke. Zwölf schaffe ich nicht."

Wenn es absurd wird, amüsieren sich Buben und Mädchen ganz besonders stark. Sie lieben die "verkehrte Welt", in der der Hase den Jäger jagt, oder ergötzen sich an den kurzen, einfachen Elefantenwitzen: "Wie transportiert man vier Elefanten in einem VW Käfer? Antwort: Zwei vorne, zwei hinten". Kleine Kinder quittieren es auch mit Gelächter, wenn ihre Mutter ihnen vorschlägt, man sollte ihren verstauchten, schmerzenden Fuss am besten ganz abschneiden. Das muss so deftig daherkommen, denn Ironie, das subtile Sich-Lustig-Machen über einen anderen, überfordert und verunsichert sie: "In solchen Momenten fühlen sich viele Kinder ausgelacht und veräppelt", konstatiert die Zürcher Kinder- und Jugendpsychologin Ruth Dalcher.

Im Alter von vier bis sechs Jahren setzt sich jenes Thema in Scherzen und Komik durch, das die "internationale Kinderwitz-Kultur" nach Einschätzung der Humorforschung klar dominiert: Pipi und Kaka, oder wie es Bierbach formuliert: "Echte Kinderwitze sind vorwiegend Analwitze. Diese ungezählten simplen Dialoge über Pissen, Kacken, Scheisse, Pupsen und Einen-fahren-Lassen bilden die weitaus grösste Gruppe und sind das Thema Nummer Eins in der Kinderstube."

Dass Knaben und Mädchen sich halbtot lachen, wenn sie Anal-Witze austauschen, hat verschiedene Ursachen. Zum einen, so die einhellige Überzeugung der Fachleute, bringen sie damit die grosse Lust zum Ausdruck, die sie an ihrer Verdauung und ihren Körpersäften haben. Gleichzeitig opponieren sie gegen die Erziehung zur Reinlichkeit, die ihnen suggeriert, alles, was mit Kot und Urin zu tun habe, sei eklig und müsse versteckt werden. Indem sie lauthals und voller Wonne das unanständige Wort "Scheisse" in den Mund nehmen, setzen sie sich genüsslich über dieses Verbot hinweg. Ganz besonders komisch finden Kinder es, wenn sie die gespreizten Formulierungen der Erwachsenen wie "Stuhl", "Harn" oder "das stille Örtchen" mit ihren drastischen Begriffen wie "Kacke", "Pisse" oder "Scheisshaus" kontrastieren. Wie amüsant das Thema ist, zeigt sich daran, dass sogar unausgesprochene Andeutungen wie im folgenden Verslein ausreichen, um Knaben und Mädchen zu Lachstürmen hinzureissen: "Der Moritz wollte angeln geh'n, musst' bis zum Bauch im Wasser steh'n. Da kommt auch schon ein grosser Barsch, und beisst den Moritz in den ...fidirullala."

Vor und in der Pubertät erleben dann Witze mit sexuellen Anspielungen oder eindeutigen sexuellen Botschaften ihre Blütezeit. Das sind mitunter harmlose, charmante Kinderwitze wie jene der norddeutschen Göre Klein-Erna, die zu ihrem Freund sagt: "Du, Fritzchen, willst du mal seh'n, wo ich am Blinddarm operiert wurde?" Darauf Fritzchen: "Oh, ja. Zeig mal." Worauf Klein-Erna aufs gegenüberliegende Krankenhaus weist und sagt: "Da drüben." Eine zeitlang reicht es schon, analog zum Verhalten in der analen Phase Wörter wie "bumsen" oder "vögeln" so ungeniert und cool wie möglich in die Runde zu werfen, um einen Lachschlager zu landen. Hoch zu und her kann es in Klassenzimmern gehen, wenn die Werklehrerin einen Drachen basteln lässt und ihren Schülern die Anweisung gibt: "Jetzt brauchen wir noch einen Schwanz."

Während sich das Komikverhalten der Knaben und Mädchen bis zum Kindergartenalter ähnelt, setzt mit dem Schuleintritt eine klare geschlechtsspezifische Unterscheidung ein: Von jetzt an produzieren sich in erster Linie Knaben als Witzeerzähler und Klassenclowns, sie necken sich, schneiden Grimassen und äffen andere Kinder nach, wohingegen die Mädchen ihren Humor unter Beweis stellen können, indem sie mitlachen, wenn's sein muss, auch über Scherze, die auf ihre eigenen Kosten gehen. Diese Entwicklung, konstatiert die deutsche Humorexpertin Helga Kotthoff, erfahre seit einigen Jahren eine spürbare Änderung: "Immer mehr selbstbewusste und initiative Mädchen holen auf dem Humorfeld auf und nehmen die Knaben manchmal ganz schön auf's Korn."

Die grössten Unterschiede zwischen den Geschlechtern macht Kotthoff nach wie vor in den reinen Knaben- beziehungsweise Mädchencliquen der Vierzehn- bis Sechzehnjährigen aus.

Unter sich reiten die männlichen Jugendlichen mitunter grobe humoristische Attacken, bei denen jene die Nase vorn haben, die über ein besonderes Mass an Schlagfertigkeit und Coolness verfügen: "Ihre Frotzeleien", sagt Kotthoff, "bewegen sich oft auf einem hohen Aggressionsniveau und zielen auf alle möglichen Lebensbereiche." Markus wird verhöhnt, weil er als unsportlich gilt. Kevin heisst bei seinen Kollegen "Brillenfotze"und erduldet damit einen Spitznamen, der in Erwachsenen-Ohren fürchterlich klingt.

Dermassen angriffige Spielchen sind unter Mädchen weitgehend unbekannt. Die weiblichen Jugendlichen, so Kotthoff, würden zwar auch blödeln und scherzen, aber dabei sehr viel vorsichtiger miteinander umgehen. Sexwitze hingegen, die die Humorforschung einst als reine Männerdomäne betrachtete, seien inzwischen auch bei jungen Frauen auf dem Vormarsch.

All diese Erkenntnisse sind jüngeren Datums. Bis vor rund zwanzig Jahren liessen die einschlägigen Studien Mädchen links liegen und erhoben fast ausschliesslich das Verhalten von Knaben, in der Annahme, damit ihre wissenschaftliche Pflicht erfüllt zu haben.

Nun lachen Kinder nicht nur gern, sondern bieten auch ihren Eltern immer wieder Anlass zu Heiterkeit. Etwa, wenn Siebenjährige den Mund gar voll nehmen und ein Geburtstagsgeschenk als "suboptimal" klassieren. Altkluge Kinder sind lustig, können ihrer Umgebung, im Übermass genossen, allerdings auch auf die Nerven gehen. Die beliebten Mini-Playback-Shows, wo Sechsjährige, gestylt wie Madonna, singen und tanzen, beziehen ihren Charme aus einer vergleichbaren Quelle und lösen oft grosses Gelächter aus. Amüsant wird es andererseits auch immer dann, wenn Mädchen und Knaben mit den Tücken der Sprache kämpfen und dem Busfahrer auf dem Weg in die Stadt erklären, dass sie "übergestern" bei der Oma waren. Gern lachen wir natürlich über echte Komiktalente, Kinder, die verschiedene Dialekte beherrschen oder überaus treffend den Gang von Onkel Stefan oder irgendeinen Tick ihrer Gotte nachahmen.

Jungen und Mädchen geniessen, eine zeitlang zumindest, Narrenfreiheit, und so sehen wir ihnen auch nach, wenn sie in aller Öffentlichkeit ungeschminkte Wahrheiten verbreiten: "Gäll, Mama, die Frau ist dick." Ja, mitunter müssen wir uns in eben solchen Momenten gewaltsam ein Lachen verkneifen.


Lachen macht gesund

"Lachen produziert Glückshormone, stärkt das Immunsystem und die Lebensenergie und reduziert den Stress." Barbara Hatt weiss, wovon sie spricht, ist sie doch Yoga-Lachtrainerin und Leiterin des Lachclubs Basel. Dort frönen jeden Montagabend mal fünf, mal zehn Frauen und Männer dem gemeinsamen, offenen Lachen, das, erstaunlicherweise, grundlos erfolgt. Yoga-Lachen ist eine Erfindung des indischen Arztes Madan Kataria und zielt darauf ab, Freude, Harmonie und Entspannung hervorzurufen. Wer Hatts Lachclub einen Besuch abstattet, muss wissen, dass er in der folgenden Stunde zwar nicht reden darf, dafür aber lauthals stöhnen, gähnen und aus tiefstem Herzen lachen. Um ihre Gäste in diesen paradiesischen Zustand zu versetzen, arbeitet Hatt mit Atem-, Entspannungs- und speziellen Lachübungen, die grösstenteils aus dem Yoga stammen.

Den Auftakt bildet eine sogenannte Schnellatmungsübung. Alle Teilnehmenden laufen im Kreis, klatschen in die Hände und stossen in schneller Folge die Laute "ho ho ha ha ha" aus. Auf diese Art wird das Zwerchfell rhythmisch und intensiv bewegt, und dadurch werden Verdauungsorgane und innere Organe wie Leber und Milz aktiviert und die Vitalkräfte der Lunge gesteigert. "In der Folge", erklärt Hatt, "atmen wir besser und lachen leichter und intensiver denn je." Die Vitaminübung gehört zu den beliebtesten Lachübungen: Alle tun so, als hielten sie in der einen Hand ein Glas und in der anderen eine Flasche mit Vitamin A. Nun füllen sie ihr Glas, sagen dreimal laut und vernehmlich "a a a", trinken es in einem Zug aus und schicken ein schallendes Lachen hinterher.

Wer eine Stunde durchgelacht hat, schwitzt am ganzen Leib. "Yoga-Lachen ist anstrengend", sagt die 55jährige Baslerin, "aber es führt zu einem rundherum wohligen Gefühl." Viele können am Ende des Abends kaum mehr aufhören zu lachen und kehren heiter und beschwingt in ihren Alltag zurück. Andere, räumt Hatt ein, lassen sich nicht ansprechen und kommen nur einmal. "Wer sich hingegen mitreissen lässt und regelmässig erscheint", sagt die erfahrene Yoga-Lehrerin, "eröffnet sich den Zugang zu einer Kraftquelle, die gerade in einer belastenden Zeit wie der unseren Wunder wirkt."

Dass im Lachen eine grosse Heilkraft steckt, glaubt man auch in der Rehabilitations-Klinik in Zurzach. Seit vier Jahren kommt Pello, Clown und Humorberater, regelmässig in die Institution, die vierhundert Patienten beherbergt, darunter Menschen mit grossen Schmerzen, Ängsten und komplizierten Krankengeschichten. Nichtsdestotrotz hat es sich der 56Jährige in den Kopf gesetzt, das Wohlbefinden dieser Männer und Frauen zu steigern und ihnen mit Humor beim Prozess des Gesundwerdens zur Seite zu stehen. Dazu tritt er nicht als dummer August an, der die Witzkeule schwingt, sondern nähert sich den Männern und Frauen auf leisen Sohlen und lädt sie ein, mit ihm zu malen, Masken zu basteln oder zu musizieren. Mal für Mal überrascht er sie mit neuen Themen wie Farben, Ostern, Lavendel, Kürbis oder Gleichgewicht und schafft es auf diesem Weg der kleinen, unspektakulären Schritte, sie mindestens für ein paar Stunden auf heitere Gedanken zu bringen.

Darüber hinaus arbeitet er auch mit dem Pflegepersonal, für das er sogenannte therapeutische Humorinstrumente entwickelt hat. Als er eines Tages realisierte, dass die Weckrituale der Krankenschwestern: "Guten Morgen. Gut geschlafen?" in seinen Ohren "öd und abgegriffen" klangen, schlug er ihnen vor, stattdessen doch einmal schweigend unter dem Türrahmen zu verharren und nur ein paar Seifenbläschen in die Luft zu pusten oder langsam einen Fächer zu entfalten. Solche spielerischen Interventionen seien zwar nicht jedermanns Sache, sagt er, aber viele schätzten die kleine Irritation, das Abweichen vom Alltagstrott. Für einmal beginne der Tag nicht mit den ewig gleichen düsteren Gedanken, sondern vielleicht sogar mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Je besser der Humorberater das Innenleben des Spitals kennenlernte, um so stärker fiel ihm auf, dass die Patienten die Anweisungen des Personals oft nicht richtig verstehen. Da verlange die Physiotherapeutin: "Entspannen Sie sich!", doch viele Menschen wüssten im Grunde genommen nicht, wie sie dieser Aufforderung Folge leisten sollen. Um hier Abhilfe zu schaffen, lädt Pello zum amüsanten, aber durchaus lehrreichen Anschauungsunterricht. Da bläst er einen Luftballon auf und behauptet: "Dieser gelbe Ballon sind Sie, Herr Scherrer, prall und angespannt." Anschliessend lässt er die Luft entweichen und präsentiert den schlaffen Ballon. Gleichzeitig entspanne sich, wie von Geisterhand bewegt, auch Herr Scherrer und lasse seine Arme locker am Körper herunterhängen.

Dass Humor auch im Alltag einer Klinik oder eines Seniorenheims seine Berechtigung hat, ja, sogar eine heilsame Wirkung entfalten kann, ist eine Erkenntnis neueren Datums. Die 37jährige Pflegefachfrau Irene Bischofberger erinnert sich jedenfalls noch gut an die Jahre ihrer Grundausbildung, in denen Sätze wie ""Im Krankenhaus leiden Menschen, da wird nicht gelacht" gang und gäbe waren. Die gebürtige Appenzellerin entwickelte sich nichtsdestotrotz zur Expertin auf dem Gebiet Humor und Pflege und bietet seit 1994 Seminare und Vorträge dazu an. Kürzlich publizierte sie das Sachbuch "Das kann ja heiter werden - Humor und Lachen in der Pflege", das hierzulande ein Novum darstellt.

Ähnlich wie Pello versteht Bischofberger unter Humor eine "menschliche Ressource, die tief gründet" und sich keineswegs im Erzählen von Witzen erschöpft. Ein dazu passender Kalenderspruch laute: "Witz ist der Schaum der Oberfläche, Humor die Perle aus der Tiefe." Bewusst vermeidet Bischofberger das Wort "Spass" und definiert "humoristische Sternstunden" als "Momente der Heiterkeit und Gelassenheit, die auch in schweren Situationen aufblitzen können." Um solche wohltuenden Gefühle zu wecken, plädiert Bischofberger unter anderem dafür, die Patientenbibliothek mit Werken von Erich Kästner, Elke Heidenreich oder auch mit Videos wie die Evergreens von Emil zu ergänzen, auf den Abteilungen eine Comic-Galerie einzurichten oder die Patienten zu ermuntern, ein Humortagebuch zu führen, in denen sie vergnügte Augenblicke notieren. Darüber hinaus hält sie auch den Einsatz von Juxartikeln für sinnvoll, vorausgesetzt, sie sind der Person und Situation angemessen.

So wende eine Pflegekollegin auf der Abteilung der Bauchchirurgie mitunter ein sogenanntes "Furzkissen" an, um der täglichen Frage "Haben Sie heute schon Wind gehabt?" die Peinlichkeit zu nehmen. Dazu legt sie das Furzkissen auf einen Stuhl und bedeckt es mit einem Frottetuch. Patienten, die sich darauf setzen, können kaum zwischen einem natürlichen und einem künstlichen Furz unterscheiden. Die einen entschuldigen sich für ihre unkontrollierten Winde; andere brechen sofort in schallendes Gelächter aus. Auf jeden Fall löst sich die Spannung im Nu auf, und es ergibt sich ein ungezwungenes Gespräch über die Darmtätigkeit.

Um Interventionen dieser Art zu wagen, braucht es Fingerspitzengefühl, aber auch ein grosses Selbstbewusstsein der Pflegenden, die im Kontakt mit den Patienten herausspüren oder erfragen müssen, welche Formen von Komik gewünscht und zuträglich sind.

Die Angst, Humor könne verletzen, brüskieren und abschrecken, herrschte insbesondere auch innerhalb der Psychotherapie lange Zeit vor und verzögerte dessen Akzeptanz als hilfreiche Ressource. Inzwischen, konstatiert Peter Hain, Psychotherapeut und Präsident des Vereins HumorCare, setze sich die Überzeugung durch, dass "wohlwollendes, empathisches Lachen", das klar von Sarkasmus und Zynismus abgegrenzt werden müsse, von unschätzbarem Wert für den Therapieverlauf sei.

In solchen Situationen entwerfen Psychotherapeut und Patient beispielsweise absurde, überzeichnete, kurz komische Phantasien über den Krankheitsverlauf oder die Symptome und deren geheime Bedeutung. Dank dieser humorvollen Perspektive, sagt Hain, gelinge es den Patienten oft, grössere Distanz zu den eigenen Problemen zu bekommen. Sie würden sich aus der Verstrickung in ihre Opferrolle befreien und gewännen auf diesem Weg mehr Beweglichkeit und Vitalität zurück: "Humor sprengt Grenzen", erklärt Hain. Wie wirksam Humor ist, wird daran deutlich, dass er, bewusst eingesetzt, sogar den Menschen in den Konzentrationslagern helfen konnte, wie der Psychotherapeut und KZ-Überlebende Viktor E. Frankl eindrücklich beschrieben hat: "Ein paar Lieder, die gesungen werden, ein paar Gedichte, die aufgesagt werden, ein paar Spässe, die gemacht werden, auch mit satirischer Tendenz in bezug auf das Lagerleben, dies alles soll vergessen helfen. Und es hilft! Es hilft sogar so sehr, dass die (...) Lagerhäftlinge, die sich trotz des Tages Mühen ins Lagerkabarett begeben, es in Kauf nehmen, dass sie dadurch die Suppenausteilung versäumen." (aus: Viktor E. Frankl, "...trotzdem Ja zum Leben sagen").


Interview mit der Humorforscherin Helga Kotthoff*

Helga Kotthoff, im Alltag produzieren sich vor allem Männer als Witzeerzähler und Frauen lachen. Auch in Kontaktanzeigen fällt auf, dass sich Frauen witzige, humorvolle Partner wünschen, während Männer kein ausdrückliches Bedürfnis nach einer lustigen Frau bekunden. Offenbar existieren da klare geschlechtsspezifische Unterschiede.

Helga Kotthoff: Frauen lachen ganz generell mehr, aber keineswegs nur, wenn ein Mann einen Witz erzählt hat. Lachen hat viele Funktionen. Es dient auch dazu, Freundlichkeit zu signalisieren und eine gute Stimmung zu schaffen. Mit Lachen kann man auch Kritik abfedern. Diese Art von Atmosphärearbeit leisten Frauen weit mehr als Männer.

Lachen ist manchmal auch ein Zeichen der Unterwerfung. Dann klingt es oft gekünstelt, nicht ganz echt. Warum fühlen sich Menschen mitunter regelrecht zum Lachen verpflichtet?

Das hängt mit einer bestehenden Hierarchie zusammen. Wenn der Chef einen noch so dummen Witz macht, lacht man pflichtschuldig mit und stabilisiert damit das Machtgefälle.

Frauen lachen aber auch über sich selber mehr.

Frauen schätzen diese Art von Humor sehr. Es ist auffällig, wie witzig Frauencliquen eigene kleine Schwächen aufs Korn nehmen. Indem sie etwas von sich preisgeben, kommen sich Freundinnen einander näher und stellen Vertrautheit her. Auch dabei ist Lachen sehr hilfreich.

In der Öffentlichkeit ist Komik allerdings nach wie vor eine klare Männerdomäne.

Die professionelle Komik wird tatsächlich von Männern beherrscht. Rund neunzig Prozent aller Komiker, wenn nicht mehr, sind Männer. Trotzdem haben die Frauen in den letzten zwanzig Jahren Boden gut gemacht. Denken Sie an Karikaturistinnen wie Claire Bretecher und Marie Marks, Komikerinnen wie Hella von Sinnen und Anke Engelke oder Clowninnen wie Gardi Hutter und Nadeschkin.

Warum sind die Männer allen Veränderungen zum Trotz immer noch dermassen übervertreten?

Das hat zum einen sicher etwas mit der Förderung von Selbstbewusstsein zu tun. Professionelle Komiker waren in der Regel schon witzige Kinder, denen man innerhalb ihrer Familie oder auf dem Schulhof Auftrittsmöglichkeiten bot. Der Applaus, den sie dabei früh ernteten, bestärkte sie in ihrem Tun. Diese Erfahrungen haben zumindest bis vor kurzem vor allem Männer gemacht. Kommt dazu, dass Humor immer etwas mit Normenbrüchen zu tun hat. Wer aber Normen bricht, definiert indirekt auch die herrschende Norm mit. Dazu braucht es Macht, und die wurde Frauen traditionell weit weniger zugestanden. Noch heute wird es ja viel eher einem Harald Schmidt zugebilligt, das Politik- und Sportgeschehen aus seiner höchst eigenwilligen Perspektive zu kommentieren, als irgendeiner Frau.

Kommt Frauen, die durchaus das Zeug zur Komikerin hätten, nicht auch der gesellschaftliche Zwang zum Schönsein in die Quere?

Insbesondere die Massenmedien sind tatsächlich hochkonservativ und setzen nach wie vor auf die Karte weibliche Attraktivität. Auf dem Weg gibt es nun einmal keinen Witz. Komikerinnen müssen auch hässlich sein, Schrullen haben und Ticks zeigen. Doch ein weiblicher Woody Allen, alt, unattraktiv und neurotisch, wäre heute noch undenkbar. Die öffentlichen Frauenbilder ärgern mich sowieso immer wieder. Jetzt gibt es zwar einige "Tatort"-Kommissarinnen, aber verglichen mit ihren männlichen Kollegen, die teilweise sehr witzige, schräge Typen verkörpern, kommen die Frauen einmal mehr als bierernste, problembeladene Gestalten daher.

In der Schweiz gab vor einigen Jahren das Lachen der beiden landesweit bekannten SP-Politikerinnen Ursula Koch und Christiane Brunner zu reden. Wie erklären Sie sich diese öffentliche Irritation angesichts zweier laut lachender Frauen?

Der lachende Mensch verzieht das Gesicht, er ist - zugespitzt formuliert - hässlich. Es fehlt ihm also an Körper- und Emotionenkontrolle; möglicherweise ist er sogar gefährlich, weil er sich auch von anderen schlecht kontrollieren lässt. Letztlich wissen wir nie ganz genau, ob ein lachender Mensch nicht auch seine Umgebung auslacht und verspottet. Dazu stehen Politikerinnen ganz besonders unter Beobachtung. Wenn sie schon eine ranghohe Funktion bekleiden, erwartet die Gesellschaft von ihnen einen würdevollen Auftritt. Da passt es manchen Leuten einfach nicht, wenn diese Frauen laut losprusten und sich womöglich noch auf die Schenkel klopfen.

Witz, Komik und Humor wurden jahrhundertelang geringgeschätzt und galten weder als besonders kreative noch intellektuelle Leistung. Da hat sich doch inzwischen einiges verändert.

Unbedingt. Inzwischen sind Komik und Witz als wichtige kommunikative und hochkreative Fähigkeiten anerkannt. Es ist gut, dass uns bewusst geworden ist, was sich alles mit Humor im Alltag bewältigen lässt: Stress, Konflikte, Widersprüche. Leute lassen sich ins Gespräch ziehen; ich kann mich selber ins Gespräch bringen. Das sind mitunter kleine Kunstformen der Alltagskommunikation. Eine witzige Geschichte gut erzählt, ist einfach ein Genuss.

Nun haben Witze aber durchaus auch destruktive Anteile. Die Blondinenwitze strotzen ja vor Frauenfeindlichkeit.

Die sind wirklich hart und demütigend, aber nach wie vor hochaktuell. Sie heben darauf ab, dass die Blondine, manchmal auch die Sekretärin oder Ehefrau nicht nur dumm, sondern vor allem auch promisk ist: Frau treibt es jederzeit und überall mit jedem X-Beliebigen. Wir begegnen in manchen Witzen einem aus der Pornographie übernommenen Frauenbild. Die Frau wird als sexhungriges Ungeheuer verunglimpft.

Inzwischen gibt es doch aber auch eine ganze Reihe von Witzen, in denen Männer drankommen.

Zum Glück. Und die sind auch nicht nett. Diese Entwicklung verdanken wir der neuen Frauenbewegung, die sich zunächst schwer tat mit Witzen. Aber eines Tages haben Komikerinnen wie Hella von Sinnen den männerkritischen Witz populär gemacht. Legendär war ihre Show "Ich bremse auch für Männer", die sie so taufte in Anlehnung an den Kinderschutz-Slogan "Ich bremse auch für Kinder". Heute trifft man während der Fasnacht in katholischen Dörfern ältere Frauen, Hausfrauen, die Büttenreden halten, in denen sie einen männerkritischen Witz nach dem anderen zum Besten geben. Die Büttenrede war einst ein reines Männerterrain, wo sich die frauenfeindlichen Witze nur so jagten.

Wie bedeutsam für die tägliche Kommunikation ist eigentlich der standardisierte Witz, der mit einer klar definierten Pointe endet?

Diese Art von Witzen wird völlig überschätzt. Insbesondere die Humorforschung tut so, als seien sie die entscheidende Gattung im Bereich der Komik. Das ist schlicht Unsinn. Viel wichtiger sind spontan gemachte, witzige Bemerkungen zu Alltagssituationen, die an Beobachtungen im Moment anknüpfen und schnell dazu führen, dass Personen miteinander ins Gespräch kommen.

Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Kürzlich war ich in der Büromaterialstelle der Hochschule. Da kam ein Mann herein und wünschte Heftklammern. Da es die in verschiedenen Farben gab, musste er sich rasch entscheiden, ob er rote, blaue oder grüne wollte. Er war blockiert und wusste keine Antwort. Da sagte die Frau, die bediente: "Nehmen Sie doch die blauen, die passen zu Ihren Augen." Alle lachten kurz. Das ist kein spektakulärer Witz, aber die Bemerkung beinhaltet eine gewisse Komik, weil Heftklammern normalerweise nicht nach der Augenfarbe ausgesucht werden beziehungsweise weil die Farbe von Heftklammern gemeinhin überhaupt keine Rolle spielt.

Was im Alltag auch häufig zu Belustigung führt, sind Frotzeleien, mit denen man das Verhalten einer Bekannten oder eines Freundes auf's Korn nimmt.

Genau. Man zieht ein Gegenüber etwas auf, macht sich über eine Schwäche von ihm lustig. Solche Neckereien basieren immer auf der Kenntnis des anderen. Nur wenn ich weiss, wer welchen Tick hat, kann ich ihn oder sie auch auf die Schippe nehmen. Männer können dabei manchmal aggressiv zuschlagen, insbesondere, wenn sie einen ihrer Feinde im Visier haben. Frauen gehen behutsamer miteinander um, lästern allerdings auch gern. Im Spott sind sich die Geschlechter wieder ziemlich ähnlich.

*Helga Kotthoff ist Professorin für die deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Breisgau. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Humorforschung. (Literatur: "Scherzkommunikation", 1996. "Das Gelächter der Geschlechter", herausgegeben von Helga Kotthoff, 1996). 

Wir Eltern, Nr. 4/03

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