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Eine Wunde, die sich niemals schliesst
Im Februar wurde die Verwahrungsinitiative vom Volk angenommen. Der Opferschutz soll aufgewertet werden. Die Debatte über den Umgang mit gemeingefährlichen Sexualtätern hat auch Elisabeth Berti aus Bern aufgewühlt. Ihre Tochter wurde 1980 von einem Psychiatriepatienten auf Urlaub ermordet. Einem «inneren Befehl» folgend, erzählt sie erstmals ihre Geschichte. Die Rollos sind bis zum Anschlag gezogen und lassen das Zimmer dunkel, ja, düster erscheinen. Elisabeth Berti, eine elegant gekleidete ältere Frau, sitzt aufrecht auf ihrem Stuhl. Sie wirkt unruhig, trinkt einen Schluck Wasser, nestelt an den Knöpfen ihrer Bluse, schiebt deren Ärmel hinauf und wieder hinunter. «Vielleicht wäre alles nicht passiert», sagt sie, «wenn ich Daniela entgegengegangen wäre oder die Tür im Hausflur nicht abgeschlossen hätte.» Sie seufzt. «Warum nur habe ich ausgerechnet an diesem Abend einen Hitchcock-Krimi, jawohl, Sie haben richtig gehört, einen Hitchcock-Krimi im Fernsehen geschaut und das erste Mal in meinem Leben im hinteren Zimmer übernachtet? Hätte ich wie immer vorne geschlafen, hätte ich vielleicht etwas gehört und eingreifen können.» Vorwürfe ohne Ende: Hätte, wäre, wenn doch . . . Elisabeth Berti leidet unter Schuldgefühlen, seitdem ihre Tochter Daniela vor 24 Jahren einem Sexualmord zum Opfer fiel. Keinem Beziehungsdelikt, keinem Mord aus Eifersucht, Rache, Geldgier, nein, einem Verbrechen, das die 22-jährige Daniela traf, weil sie, wie es lapidar heisst, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war und so die Aufmerksamkeit von L. erregte, einem damals 18-jährigen Insassen einer psychiatrischen Klinik im Kanton Luzern, der sich auf Urlaub befand. Um ein Haar wäre L. an jenem Freitag, dem 14. November 1980, in einen Zug gestiegen und in die Klinik zurückgekehrt. Doch dann begegnete er am Bahnhof in Bern einem alten Bekannten und trank mit ihm einige Becher Bier. Nachdem er sich gegen 22.30 Uhr von ihm verabschiedet hatte, fiel ihm eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, einem schwarzen Mantel und farbigen Hosen auf. Besonders angetan war er, gemäss späteren Aussagen vor Gericht, von «der galanten, stolzen Art, wie sie ging», und er dachte «an den Beischlaf und wie ich ihn erzwingen könnte». Die junge Frau, Daniela Berti, war Studentin der Kunstgeschichte und Psychologie. Sie hatte an diesem Abend mit einem ihrer Professoren in einem Restaurant gegessen und ihn anschliessend zum Bahnhof begleitet, wo er seinen etwas verspäteten Zug nach Zürich nahm. Die Studentin machte sich anschliessend zu Fuss auf den Heimweg, durchquerte die Berner Altstadt, kehrte noch kurz in zwei Restaurants ein und erreichte schliesslich die Münstergasse 6, wo sie mit ihrer Familie wohnte. L. war ihr gefolgt, hatte mehrmals die Strassenseite gewechselt, draussen gewartet, als sie in den Restaurants verschwand, und befand sich «in der letzten Phase dieser Verfolgung», so die Gerichtsakten, «nur noch in einer Distanz von etwa fünf Metern hinter seinem Opfer». Als sich Daniela bereits im Eingangsbereich ihres Wohnhauses befand, trat L. hinter sie, erwürgte sie und schändete die Leiche. Der Täter hinterliess keine sichtbaren Spuren. Am darauffolgenden Samstag kehrte er in die psychiatrische Klinik zurück, als ob nichts geschehen wäre. Seit knapp einem Vierteljahrhundert leben Elisabeth Berti und ihr Mann nun in einem Haus, in dem ihre Tochter auf brutale Art zu Tode kam. Mehrere Tausend Mal sind sie seither durch den Hausflur gegangen, in dem Daniela ermordet wurde, und haben auf dem Weg in ihre Wohnung im ersten Stock einen Blick in den finsteren Keller zur Linken werfen können, in den der Täter den Leichnam geschleppt hatte. Warum tun sie sich das an? «Es gibt keine Logik», sagt Elisabeth Berti, «ich konnte einfach dieses Haus, das die letzten Spuren von Daniela birgt, nicht verlassen.» Elisabeth Berti ist Pianistin und Klavierlehrerin. Sie liebt die Musik über alles. Schumann und Brahms, aber auch Mozart, Bach und Bartok ziehen sie magisch an. Dazu ist sie in hohem Masse empfänglich für die Schönheiten der Malerei und der Literatur. Paul Nizon, der Schweizer Dichter, der schon seit Jahrzehnten in Paris lebt, ist ihr Bruder - und ein «Seelenverwandter», wie sie sich ausdrückt. Es ist nicht einfach, im Gespräch mit ihr die Katastrophe zu rekonstruieren, die ihr Leben und das ihrer Familie vor mehr als zwei Jahrzehnten aus der Bahn geworfen hat. Sprunghaft und unstrukturiert, geleitet von spontanen Einfällen, Erinnerungsfragmenten, dann wieder überwältigt vom nicht enden wollenden Schmerz über den Verlust ihrer Tochter, setzt sie ein Mosaikbild zusammen, das nichts, aber auch gar nichts mit ihrem Bedürfnis nach Humanität, Schönheit und der italienischen «Nobilità» zu tun hat. Daniela war ihr erstes Kind, eine bezaubernde Tochter, die ihr mit ihren künstlerischen Talenten, ihrer Fähigkeit zu schreiben, zu fotografieren und zu gestalten besonders nahe stand. In den Monaten vor ihrer Ermordung hatte Daniela Signale ausgesandt, die ihre Mutter im Nachhinein als Todesahnungen interpretierte. Da war dieser kleine, achtlos hingeworfene Satz: «Ich werde keine dreissig Jahre alt.» Oder die eindrückliche Serie von Fotografien, auf denen sich Daniela selber darstellte und die mit dem Bild eines leeren Stuhls endete. Am Samstag, dem 15. November 1980, hielt die brutale Realität im malerischen Künstlerhaus in der Berner Altstadtgasse Einzug. Noch nie zuvor war Daniela über Nacht weggeblieben, ohne ihre Eltern vorgängig zu informieren. Deren Sorge wuchs. Als sie die Polizei erstmals anriefen, beruhigte man sie mit dem Hinweis, dass Erwachsene selten verloren gingen. Die Stunden zogen sich in die Länge. Elisabeth Berti kontaktierte Beat M., einen damals zwanzigjährigen jungen Mann, der bis wenige Monate zuvor mit Daniela liiert war. Gemeinsam mit Luciano Berti, dem Vater Danielas, machte sich Beat M. auf die Suche. Sie gingen in all jene Restaurants und Bars, in denen Daniela verkehrte. Ergebnislos. Zurück an der Münstergasse schlug Luciano Berti vor, im Keller nachzusehen. Beat M. ging voraus und entdeckte Daniela. Sie lag bekleidet und mit «einem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht» auf dem Boden. Im ersten Moment realisierte Beat M. gar nicht, dass er eine Tote vor sich hatte, und rief verzweifelt nach einem Arzt. Alarmiert von diesen Rufen stürzte auch Elisabeth Berti in den Keller. Sie erkannte sofort, was geschehen war: «Der Anblick traf mich wie ein Eimer eiskaltes Wasser, das mir ins Gesicht geschleudert wurde.» Sie sei «starr vor Schreck» gewesen, auch wenn sie geweint und geschrieen habe. Ausbrüche von Bestürzung und Verzweiflung folgten; tagelang versank sie in einem Gefühl tiefer Trostlosigkeit. Aufgefangen habe sie sich jeweils dank ihrer «zweifelhaften Gabe, maximal verdrängen zu können». Diesem Bedürfnis kamen all jene Aktivitäten entgegen, die die Sanitäter und Polizisten am Tatort entfalteten. Rund um die Uhr herrschte an der Münstergasse hektische Betriebsamkeit; der Leichnam wurde in das Institut für Rechtsmedizin übergeführt; Zeugen wurden einvernommen. Schnell kam der Verdacht auf, es müsse sich um ein Beziehungsdelikt handeln, und Beat M. wurde für 24 Stunden in Untersuchungshaft gesetzt. Die folgenden Wochen standen für Elisabeth Berti im Zeichen der Suche nach dem Täter. Sie habe sich so weit wie möglich beteiligt, erinnert sie sich, und dabei regelrechten detektivischen Spürsinn entwickelt. L. wurde schliesslich am 29. November 1980 in Saas Fee verhaftet, weil man ihn verdächtigte, zwei Frauen nachts angefallen und gewürgt zu haben. Er gestand rasch beide Taten. Zusätzliche Ermittlungen ergaben, dass er der Mörder von Daniela war. Auch wenn es Elisabeth Berti ein grosses Anliegen gewesen war, dass der Täter gefasst wurde, reagierte sie zunächst irritiert, als dessen Identität feststand. «Auf einmal drohte aus dem Monster ein Mensch zu werden», sagt sie, «und das durfte nicht sein.» So weigerte sie sich, L. jemals gegenüberzutreten. Gleichwohl erfuhr sie, dass er ein junger Mann war, der bereits mit 14 Jahren erstmals eine Frau angefallen und in der Folge weitere und zunehmend brutalere Angriffe auf Frauen unternommen hatte. Er hatte mehrmals vor Jugendgericht gestanden und war verurteilt worden. Als weder diese Strafen noch eine psychotherapeutische Behandlung eine Stabilisierung seiner Persönlichkeit brachten, wurde er am 15. März 1980 in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort wurden verschiedene Massnahmen ergriffen, um ihn zu behandeln. Zuletzt «stellte sich heraus, dass die Klinik mit L. gewissermassen überfordert war», heisst es in den Gerichtsakten. «Der behandelnde Arzt (. . .) glaubte aber trotzdem noch, dass sich L. aufgefangen hatte und damit einer Entlassung ca. Ende November 1980 nichts im Wege stand. (. . .) L. erhielt für die Stellensuche mehrmals Urlaub.» Elisabeth Berti war entsetzt, als sie realisierte, «wie leichtsinnig und verantwortungslos» die Klinik gehandelt hatte. «L.», sagt sie, «hätte niemals unbegleitet auf Urlaub gehen dürfen.» Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug des Kantons Zürich, pflichtet ihr nach Studium der Gerichtsakten bei: «L. stellte mit seiner Fixierung auf eine gewalttätige Sexualität ein gemeingefährliches Höchstrisiko dar.» Es grenze an Zynismus und sei in hohem Masse dilettantisch, dass man ihn dennoch allein in Urlaub habe gehen lassen. Kurz: «Wäre L. nach den heutigen professionellen Standards behandelt worden und wäre nach diesen Standards eine Gefährlichkeitsanalyse gemacht worden, hätte Daniela Berti nicht sterben müssen.» Nachdem L. gefasst worden war und die Tat gestanden hatte, nahmen die Hektik und Betriebsamkeit der ersten Wochen ab. Auf einmal sahen sich Bertis ihrem Schicksal überlassen, sassen abends oft allein in ihrer Wohnung, gefangen in ihrem Unglück. Elisabeth Berti rief mitunter noch spätabends bei Freunden an, um ein wenig zu reden. Ihr Mann zog sich zusehends zurück. Es gab damals weder ein Opferhilfegesetz noch ein Care Team, das heute Menschen nach einem traumatischen Ereignis zur Seite steht. So war Elisabeth Berti auf sich allein gestellt, als ihre Zweifel am Sinn des Lebens immer grösser wurden. Fragen über Fragen bedrängten sie: Warum musste Daniela sterben? Wo ist ihre Seele? Werde ich sie jemals wiedersehen? In ihrer Not suchte sie verschiedene Pfarrer auf und hoffte auf irgendeinen erlösenden Satz. Vergeblich. Ihr bis anhin unangefochtener Glaube geriet ins Wanken. Sie las parapsychologische Texte, philosophische Werke aus dem Zen-Buddhismus, besuchte einen Vortrag der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und blieb dennoch gepeinigt von Schuldgefühlen zurück: «Es ist die schlimmste Konfrontation im Leben einer Mutter», sagt sie, «am Grab der eigenen Tochter zu stehen.» Hätte sie ins Kloster gehen sollen, fragt sie händeringend, und Busse tun? Es dürfe einfach nicht sein, dass sie lebe und ihr Kind tot in der Erde liege. Als sie einem befreundeten Künstler beschrieb, wie seltsam sie den Tod von Daniela erlebe, gab er ihr eine Antwort, die ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist: «Ein solches Erlebnis kann kein Mensch voll erfassen; sonst wäre er auf der Stelle tot.» Dass Elisabeth Berti überlebt hat, verdankt sie ihrer Liebe zu Musik: «Wenn ich am Flügel sitze und in einem Werk untertauche», lächelt sie, «gerate ich in eine Traumwelt, in der ich mich so sicher wie nirgends sonst bewegen kann.» Die Musik gebe ihr Halt, sei ihr Boden in einer Existenz, die von unbeschreiblichem Grauen überschattet sei. Die Jahre gingen gleichwohl ins Land. 1982 wurde L. zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine Verwahrung verwarf das Gericht, obwohl der Täter als gemeingefährlich und rückfallgefährdet eingeschätzt wurde. Elisabeth Berti gerät immer noch ausser sich, wenn sie daran denkt, wie tolerant Justiz und Psychiatrie seinerzeit mit Mördern und Vergewaltigern umgegangen sei. Der Zeitgeist habe damals den Schutz des Täters diktiert, an die Opfer habe niemand gedacht. Fragt man sie, wie sie reagieren würde, wenn ihr L. heute gegenüberstünde, antwortet sie kalt: «Ich würde ihn umbringen.» Das habe nichts mit Rache zu tun, sondern mit ihrer innigsten, unwiderruflichen Überzeugung, dass kein Mensch einen anderen «einfach auslöschen» dürfe. Dass sie gleichwohl das Recht für sich beansprucht, L. zu töten, wischt sie vom Tisch: «Darüber will ich gar nicht nachdenken.» Elisabeth Berti ist nie über den Tod von Daniela hinweggekommen. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Trauerarbeit gebe, die eines Tages geleistet sei, lässt sie ungehalten reagieren: «Der Schmerz und das Leiden sind ein ewiger Prozess, den ich höchstens mit Arbeit zudecken kann, aber nie verlassen werde.» Guido Albisetti, ein Freund der Familie, der ihr im Prozess gegen L. als Anwalt zur Seite stand, nickt. Es sei eindrücklich, dass das tragische Ereignis, das doch immerhin fast 24 Jahre zurückliege, für Frau Berti so präsent sei, als habe es sich gestern zugetragen: «Sie ist so verletzt wie am ersten Tag», konstatiert der Jurist, «und damit auch nicht bereit, dem Mörder zu verzeihen.» L., den Täter, hat Elisabeth Berti aus den Augen verloren. Sie weiss nicht, wann er entlassen wurde und wo er lebt. Als die Verwahrungsinitiative im Winter zur Abstimmung kam, hätte sie sich am liebsten in die öffentliche Diskussion eingemischt und kundgetan, dass der Mörder ihrer Tochter «wider alle Vernunft» in die Freiheit entlassen worden sei, obwohl man ihn doch für alle Zeiten hätte verwahren müssen. In jenen Tagen wuchs der Wunsch in ihr, Jacqueline Brumann, die Mutter der ermordeten Pascale Brumann, kennen zu lernen, die 1995 auf dem Zollikerberg bei Zürich Opfer eines Gefängnisinsassen auf Hafturlaub geworden war. Die Begegnung der beiden Frauen tat Elisabeth Berti gut: «Ich empfinde es als meine Lebensaufgabe», sagt sie, «jede Frau, die ihr Kind verloren hat, in die Arme zu nehmen.» Darüber hinaus ist es ihr eine Herzensangelegenheit, dass der Tod Danielas nicht in Vergessenheit gerät. Sie will mit allen Mitteln verhindern, dass nochmals eine vergleichbare Katastrophe geschieht, und hofft inständig, dass ihre Geschichte «etwas zum Guten hin bewirkt». Der Entscheid, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ihr nicht leicht gefallen. Mindestens zehnmal hat sie sich mit Guido Albisetti, dem Freund und Juristen, beraten, ob dieser Entscheid richtig sei. Letztlich ist sie dem «inneren Befehl» gefolgt, der sie geheissen habe, diesen Schritt für Daniela zu tun. Vielleicht hat Elisabeth Berti damit auch ihren persönlichen Heilungsprozess eingeleitet. Erstmals ist sie bereit, loszulassen, was sie all die Jahre niedergedrückt hat. Erstaunlicherweise fühlt sie sich seit wenigen Monaten wieder «dem Leben zugewandt», spürt, dass ihre Seele langsam auftaut, dass sie wieder lachen mag und Lust hat, auszugehen und Freunde zu treffen. «Es ist wie ein Wunder», sagt sie, «ein Wunder, dem ich noch nicht ganz über den Weg traue.» Der kleine Bund, 16. Oktober 2004 |
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