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Talentschmiede für junge Theologen
Aus keinem andern Zürcher Dorf stammen so viele Theologie-studenten wie aus Zollikon. Einer der Gründe trägt einen Namen: Pfarrer Simon Gebs. Zollikon. - Ab 2005 studieren vier junge Leute aus Zollikon Theologie an der Zürcher Universität. Würde jede Zürcher Gemeinde so viele angehende Theologen stellen, wären an der theologischen Fakultät 680 Studierende eingeschrieben. Tatsächlich sind es aber nur 180, von denen 40 aus dem deutschsprachigen Ausland stammen. Warum, so fragt man sich, gibt es in Zollikon rund fünfmal mehr junge Schweizer als in den übrigen Gemeinden, die sich für ein Studium entscheiden, das alles andere als in Mode ist? Auf den ersten Blick fällt auf, dass drei von ihnen Kontakt zu freikirchlichen Gruppen hatten oder aus streng freikirchlichen Familien stammen. Hans Strub, verantwortlich für das Ressort Aus- und Weiterbildung der reformierten Kirche, kennt diesen Mechanismus. Es sei häufig zu beobachten, dass sich junge Menschen «gegen ihre als eng und einschränkend erlebte freikirchliche Herkunft dem Studium der Theologie zuwenden». Doch ist das bereits die Erklärung für das Zolliker Phänomen? Auch im Gespräch mit den vier Jungen ergeben sich zunächst keine Anhaltspunkte, dass ihre Berufswahl etwas mit der Zürcher Vorortsgemeinde zu tun haben könnte. René Schärer, mit 32 Jahren der Älteste, war 18 Jahre lang Mitglied der Jugendorganisation Cevi und wurde damit von klein auf in kirchennahen Kreisen sozialisiert. Nach einem Umweg über eine brotlose Musikerkarriere entschied er sich für das Theologiestudium, weil er «die Landeskirche besser kennen und verstehen lernen» wollte und sich «Kontakte zu Menschen jeden Alters und jeder Herkunft» wünschte. Als er kurz vor Studienbeginn eine Weihnachtsfeier der Zolliker Sonntagsschule mitgestalten konnte, war sein Entscheid endgültig: «Ich entdeckte die besondere Attraktion des Pfarramts.» Nächsten Herbst wird er sein Staatsexamen ablegen und ein 13-monatiges pfarramtliches Vikariat beginnen. Die 21-jährige Anne-Marie Vogel, Theologiestudentin im dritten Semester, stammt aus einem liberalen christlichen Elternhaus und war schon immer eine regelmässige Kirchgängerin. Nach dem Besuch bei einer Berufsberaterin, von der sie später erfuhr, dass sie selber Theologie studiert hatte, und einem Gespräch mit ihrem Kollegen René Schärer war ihr Entscheid gefallen. Heute sagt sie: «Je tiefer ich in die Theologie eindringe, umso überzeugter bin ich, dass ich Pfarrerin werden möchte.» Miriam Bucher hielt im Rahmen einer freikirchlichen Jugendgruppe Andachten, für die man sie ausgiebig lobte. «Du solltest Pfarrerin werden», hörte sie immer wieder. Wenn Latein, Griechisch und Hebräisch nicht wären, hätte sie sich längst an der theologischen Fakultät eingeschrieben. Nächstes Jahr will die 20-Jährige - derzeit im Ausland - nun ins Studium einsteigen. Christian Walti wiederum, der 22-jährige Theologiestudent im fünften Semester, ist der Einzige, der aus einem «kirchenfernen» Elternhaus stammt und auch keinerlei Kontakte zu kirchlichen Jugendgruppen pflegte. Erste spirituelle Erfahrungen machte er im Rahmen eines Theaterprojekts. Er staunte, wie beglückend sie waren. Eine Kollegin, die einer christlichen Jugendgruppe angehörte, weckte sein Interesse an religiös-philosophischen Fragen. So wurde die Idee, Theologe zu werden, immer konkreter. Christian Walti wollte es genau wissen, besuchte Gottesdienste und unterhielt sich mit verschiedenen Pfarrern. Besonders hilfreich war ein Gespräch mit Simon Gebs, dem reformierten Pfarrer von Zollikon: «Gebs war sehr kritisch», erinnert sich Walti, «und fragte, ob es mir wirklich ernst mit der Theologie sei oder ob ich nicht lieber Psychologie studieren wolle. Gleichzeitig versprach er aber auch, mich jederzeit zu unterstützen, wenn ich mich für die Theologie entscheiden sollte.» Heute ist Gebs sein Mentor, der ihm in Studienfragen beratend zur Seite steht. Weil ihm eine frühe Verbindung von Theorie und Praxis wichtig scheint, hat Walti am zweiten Advent gemeinsam mit Gebs seinen ersten Gottesdienst gehalten - in der Zolliker Kirche. Der Zolliker Pfarrer spielt für die vier jungen Leute eine wichtigere Rolle, als man zunächst annehmen könnte. Der 39-Jährige ist für sie eine Integrationsfigur, bei der verschiedene Fäden zusammenlaufen. Gebs ist vergleichsweise jung, hat selber drei schulpflichtige Kinder und ist bekannt für seine engagierte Jugendarbeit. Der Nachwuchsförderung schenkt er grosse Beachtung und sitzt unter anderem in der Prüfungskommission des theologischen Konkordats. Er ist neu auch Mentor von Anne-Marie Vogel und arbeitete während fünf Jahren mit René Schärer zusammen, der als Jugendarbeiter ein Teilpensum in Zollikon innehatte. Gebs sagt, er empfinde es als «Privileg, mit jungen Leuten, die in der neueren Theologie zu Hause sind, einen Austausch zu pflegen». Das kann auch einmal bei einem Glas Whisky und einer Zigarre im Pfarrhaus an der Zollikerstrasse sein, wo sich das Grüppchen zuweilen zum «Theologisieren» einfindet. Dabei geht es um praktische Anliegen wie die Wahl der geeigneten Vorlesung oder den Einstieg ins Pfarramt, aber mitunter auch um sehr komplexe Fragen wie die, «was das Wort Gottes wert ist, wenn man ihm mit kritisch-akademischen Methoden zu Leibe rückt». Was Gebs ausdrücklich nicht sein will, ist der «verlängerte Arm der Landeskirche, der gezielt Nachwuchs rekrutiert». So haben ihn die Studierenden auch nie erlebt. Sie schätzen den Pfarrer, weil sie ihn im Auslegen der Bibel als authentisch, offen und kompetent kennen gelernt haben. Anne-Marie Vogel sagt: «Es ist ein Geschenk, ein Vorbild wie Simon Gebs zu haben.» Tages-Anzeiger, 5. Januar 2005 |
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