Zurück

Freiheit für Leibacher


Das Psychogramm des Zuger Amokläufers wurde einer Gruppe von Gutachtern unter anderem Namen zur Beurteilung vorgelegt. Die Experten haben es nicht gemerkt.

Es ist ein Mittwoch im Dezember, kurz nach elf Uhr. Wie immer tagt die sogenannte Risiko AG in einem nüchternen Seminarzimmer im Zürcher Stadtkreis 4, durch dessen Fenster der Blick direkt auf die hässlichen Hochhäuser des Locherguts fällt. Vierzehn Männer und Frauen – Psychologen, forensische Psychiater, zwei Praktikanten – sitzen in einem engen Kreis auf Stüh- len, einige Unterlagen vor sich auf dem Boden oder auf den Knien, diverse Handys griffbereit daneben – für alle Fälle. Die Stimmung ist aufgeräumt, denn heute präsentiert der Chef einen, wie er einleitend feststellt, «höchst interessanten Fall», eine «querulatorische Geschichte, die bereits neun Bundesordner füllt», einen Leckerbissen also, fachlich gesehen.

Der Querulant heisst Peter Brandner und ist 57 Jahre alt. Er decke seit Jahren Behördenmitglieder, Politiker und Untersuchungsrichter mit Beschwerdebriefen, Strafanzeigen und Rekursen ein, sagt der Chef zu den versammelten Experten. In den nächsten vierzehn Tagen müsse Brandner mit der definitiven Rückweisung all seiner hängigen Eingaben rechnen. Die Bezirksanwaltschaft sei besorgt. Man könne nicht einschätzen, wie ernst man die Drohungen des Mannes nehmen müsse, und bitte deshalb die Risiko AG um eine Einschätzung der Lage.

Das ist das Kerngeschäft der Risk Assessment Group, kurz Risiko AG genannt, einer in der Schweiz bisher einmaligen Einrichtung. Sie hat zu beurteilen, ob ein notorischer Querulant den angedrohten Mord am lokalen Polizeichef auch wirklich ausführen wird. Oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Herr X nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft seine Ehefrau, wie schon mehrfach angekündigt, tatsächlich umbringen wird. Die Risiko AG agiert an einer extrem sensiblen Schnittstelle unserer Gesellschaft, dort, wo es um die Abwägung zwischen öffentlicher Sicherheit und individueller Freiheit geht. Die Gruppe steht unter der Leitung von Frank Urbaniok, Chefarzt im Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD) des Justizvollzugs des Kantons Zürich. Sie erstellt Kurz- gutachten, notfalls innert kürzester Zeit. Die Risikokalkulationen dienen den Strafverfolgungsbehörden dazu, akute Bedrohungslagen einzuschätzen und Massnahmen wie die Verlängerung der U-Haft, eine Hausdurchsuchung, das Anordnen einer Therapie, das Erlassen von Rayonverboten oder den Beizug eines sogenannten Case-Managers zu treffen, die dabei helfen sollen, allfällige Risiken zu senken.

Peter Brandner bombardiere die Behörden seit Oktober 2001 mit Eingaben, Beschwerden und Rekursen, sagt Urbaniok. Damals sei er in seiner Stammkneipe mit einem Gast aneinander geraten, einem Zürcher Tramchauffeur, den er zuletzt mit seiner entsicherten Pistole bedroht habe. Der Trämler zeigte Brandner deswegen an, und dieser wurde verurteilt. Zu Unrecht, wie er selbst befand. In Wirklichkeit sei er das Opfer gewesen, nicht der Täter. In der Folge machte er einen brieflichen Feldzug gegen den Kläger, Bezirksanwälte, Friedensrichter und zuletzt auch gegen den Regierungsrat zu seinem Lebensinhalt. Gegen den Regierungsrat deshalb, weil dieser auch verantwortlich sei für die Zürcher Verkehrsbetriebe. Mit der endgültigen Zurückweisung stehe Brandner vor einem Scherbenhaufen, sagt Urbaniok zur gespannt lauschenden Runde: «Die Frage an uns lautet folglich: Was wird er tun? Reagiert er gewalttätig, und nimmt er den Regierungsrat ins Visier, über den er sich ganz besonders empört?»

Eine Stunde lang dauert der Vortrag. Urbaniok skizziert Brandners Lebenslauf: Heimkarriere, Gelegenheitsarbeiten, Lehrabschluss, zahllose Vorstrafen wegen Betrugs, Diebstahls, aber auch wegen sexueller Belästigungen und Exhibitionismus, Matura, ein abgebrochenes Jurastudium, drei geschiedene Ehen mit jungen Thailänderinnen, gegen die er gewalttätig wurde, inzwischen IV-Rentner mit starken körperlichen Beschwerden, depressiven Verstimmungen und Selbstmordgedanken. Der Mann werde als impulsiv geschildert, rechthaberisch, «aber auch intelligent und clever im Verfolgen seiner Ziele». Zitate aus seinen Eingaben und Beschwerden zeigen, dass er ein versierter Schreiber ist, der den juristischen Jargon beherrscht und seine Drohungen stets so vage formuliert, dass ihm die Justiz nichts anhaben kann. Eines seiner jüngsten E-Mails trägt immerhin den Titel «Tag der Rache». Zu bedenken gibt Urbaniok auch, dass Brandner nach wie vor bewaffnet sei.

Die Luft im engen Zimmer ist bereits ziemlich stickig, als die Mitglieder der Risiko AG an der Reihe sind. Wie schätzen sie Brandner ein? Für wie bedrohlich halten sie diesen Mann, der seine Gewalttätigkeit bisher «nur» privat ausgelebt, sie im öffentlichen Raum aber weitgehend kontrolliert hat? Schlägt Brandner diesmal zu, nach dem Scheitern seines vielleicht letzten grossen Kampfes gegen die Behörden?

In einer ersten Runde füllen die Experten die sogenannte Psychopathie-Checkliste aus, ein forensisches Instrument, das der amerikanische Psychologe Robert D. Hare entwickelt hat. Dabei geht es um eine Überprüfung der Persönlichkeitsstruktur anhand von zwanzig vorgegebenen Kriterien wie übersteigertes Selbstwertgefühl, betrügerisch-manipulatives Verhalten, pathologisches Lügen, parasitärer Lebensstil oder Verantwortungslosigkeit. Wie psychopathisch ist Brandner? Sie siedeln ihn allesamt im Bereich von 26 bis 32 Punkten an; der Cut-off – die kritische Schwelle – liegt bei 25. Ein einhelliger Befund also: Hier handelt es sich offenkundig um einen Psychopathen mit einem hohen Risikoindikator für Gewalttaten. Auch die ebenfalls ausgefüllte Drohungs-Checkliste, mit der erhoben wird, wie hoch die Umsetzungsgefahr von Drohungen ist, zeigt alarmierende Werte.

Doch in der nachfolgenden Diskussion gibt einer der Oberärzte Gegensteuer. Mit leiser Stimme räumt er zwar ein, dass Brandner «narzisstische, dissoziale, zwanghafte, paranoide und querulatorische Züge zeige – genügend Auffälligkeiten also in einer noch dazu ungünstigen Mischung». Dennoch halte er das Risiko, dass der Mann seine Rachedrohung wahr mache, für «gering bis moderat», da er «sehr kontrolliert, dosiert und berechnend» vorgehe, beispielsweise einen Anwalt beigezogen oder sich auch die IV gesichert habe und sich folglich nicht auf Situationen einlassen werde, «in denen es für ihn selber zu heiss wird und er das verlieren könnte, was er jetzt hat».

Ein Diplompsychologe pflichtet dem Vorredner bei, wenn auch mit anderer Begründung. Brandner sei «zu clever, um wirklich durchzustarten». Der plane nichts Grosses. Ein deutscher Teilnehmer bemerkt, dass ihn das Persönlichkeitsprofil Brandners an jenes des Zuger Amokläufers Friedrich Leibacher erinnere. «Brandner ist aber klar intelligenter als Leibacher», sagt er, und es widerspricht ihm niemand. Bis ein junger Psychologe einige Zeit später in die nun immer animiertere Diskussion einwirft, Brandner verfüge seiner Meinung nach «über keinerlei Ressourcen und Lebensperspektiven». Er habe also keine Ziele mehr, die ihn daran hindern könnten, einen Rachefeldzug durchzuführen: «Dazu ist er im Besitz einer Waffe. Ich gehe deshalb von einem erheblichen Risiko aus.» Die Praktikantin knüpft an dieses Votum an und bewertet die Situation «eines 57-Jährigen, der alles verloren hat und sozusagen vor dem Nichts steht», als «niederschmetternd». Einen Amoklauf schliesst sie allerdings aus, sie kann sich eher vorstellen, dass Brandner eine Reihe kleinerer Delikte begeht, wie bisher, eines Tages zusammenbricht und sich möglicherweise selbst umbringt.

Nachdem alle Anwesenden ihre Risikoeinschätzung abgegeben haben, diskutiert die Gruppe schliesslich, wie auf Brandner zu reagieren sei. Es werden Vorschläge laut wie «observieren», «eine Hausdurchsuchung vornehmen», «die Waffen einziehen», «den Regierungsrat gezielt schützen». Das wäre jedenfalls sinnvoll und sicherer als abzuwarten.

Die Zeit drängt, denn die eineinhalb Stunden sind schon fast vorbei. Urbaniok, der die Diskussion seiner Experten aufmerksam verfolgt hat, räuspert sich und lässt übergangslos, ohne die geringste Regung zu zeigen, die Bombe platzen: «Beim Fall Brandner handelt es sich in Wirklichkeit um den Fall Leibacher. Er marschierte am 27. September 2001 los, nachdem seine Eingaben ohne Wirkung geblieben waren, und erschoss im Zuger Ratsgebäude vierzehn Menschen. Anschliessend brachte er sich selber um.»

Urbanioks Statement trifft die hochkarätige Trainingsgemeinschaft wie ein Hammer. Basses Erstaunen, Erschrecken auch auf den Gesichtern, Irritation und Scham über eigene Fehlleistungen. Ein junger Assistenzarzt wird später einräumen, er habe sich in diesen Minuten wie eine beleidigte Leberwurst gefühlt, von seinem Chef aufs Glatteis geführt, ja, regelrecht vorgeführt. Dazu vor einer Journalistin, die eingeweiht war und zusehen konnte, wie sich auch Fachleute ausgerechnet in ihrem Kerngeschäft, der Kalkulation von Risiken, vergaloppierten. Ein anderer versucht noch während der Sitzung, das eigene Versagen zu relativieren: «Um die Gefahr richtig einzuschätzen, fehlten uns wichtige Daten.» Doch Urbaniok winkt ab: «Ihr hattet alle entscheidenden Angaben.» Am längsten braucht der Oberarzt, der mit seiner Risikokalkulation fatal danebenlag, bis in sein Bewusstsein dringt, dass Brandner Leibacher war und dass er diesem Menschen soeben nach bestem Wissen einen Freipass ausgestellt hat. «Wenigstens», so wirft er ein, «haben wir mit der Observierung oder der Hausdurchsuchung taugliche Massnahmen vorgeschlagen, dank denen uns Leibacher nicht durch die Lappen gegangen wäre.» Urbaniok nickt: «Das wären tatsächlich auch im Ernstfall die richtigen Vorkehrungen gewesen, die man hätte treffen müssen. Sie hätten bei Leibacher Waffen und Hinweise auf die geplante Tat auf seinem PC zutage gefördert.»

Frank Urbaniok fasst den Fall zusammen: «Die geschilderte Persönlichkeit verkörpert ein extrem hohes Risiko», doziert er, «weil sie eine explosive Mischung aus Psychopathie, Querulantentum und Gewalt darstellt.» Dazu sei sie im Alter von 57 Jahren vor einem zerstörten Leben gestanden, «depressiv und selbstmordgefährdet angesichts fehlender Perspektiven». Vor diesem Hintergrund stelle die begangene Tat eine «bei dieser Persönlichkeitsstruktur subjektiv hoch attraktive Inszenierung» dar, die dem Täter in seinem psychischen Erleben einen maximalen Gewinn eingetragen habe: «Friedrich Leibacher ist zum grössten Schweizer Massenmörder aller Zeiten geworden, hat es allen gezeigt – und konnte dafür nicht einmal belangt werden.»

Die Anwesenden nicken. So hätten eigentlich auch sie das Risiko einschätzen müssen. Urbaniok streut ungeniert Salz in die offenen Wunden: «Entginge uns im Alltag eine Hochrisikofigur wie Brandner/Leibacher, wäre das der Super-GAU.» Den Zuger Strafverfolgungsbehörden hält er indes zugute, dass sie zum Zeitpunkt des Amoklaufs noch keinen Überblick über Persönlichkeit und Lebenslauf des Täters haben konnten: «Die Akten, darunter auch alte psychiatrische Gutachten von Leibacher, befanden sich dazumal an verschiedenen Stellen und standen nicht gebündelt wie heute zur Verfügung.»

Die Sitzung der Risiko AG geht in gedrückter Stimmung zu Ende. Auch wenn Urbaniok seine Mitarbeitenden zuletzt aufmuntert und ihnen sagt, solche Simulationen dienten als «Härtefalltest, der uns wichtige Erkenntnisse vermittelt». Ein schwacher Trost. Denn alle wissen um die Geschichte und die Aufgabe der Risiko AG. Sie wurde nur wenige Monate vor dem Amoklauf Leibachers gegründet, weil der PPD immer häufiger um Risikoeinschätzungen bei Bedrohungssituationen und bevorstehenden Entlassungen aus der Untersuchungshaft gebeten wurde. Und sie kam den Ämtern und Institutionen nach der Zuger Katastrophe gerade recht, denn die fürchteten nun die Gefahr, die von notorischen Querulanten ausging. Auch der Kanton Zug wandte sich in dieser Zeit wiederholt an die Fachleute des PPD, um auffällige Personen schnell und speditiv begutachten zu lassen. Während der vergangenen dreieinhalb Jahre hat die Expertengruppe sehr erfolgreich gearbeitet und – gemäss einer im vergangenen Jahr verfassten Studie – das Gefahrenpotenzial in mehr als 70 besonders heiklen Fällen korrekt eingeschätzt beziehungsweise wirksame Schutzmassnahmen empfohlen. In nur fünf Fällen kam es zu Gewalthandlungen, allerdings nur in Form von Handgreiflichkeiten. Das Hauptziel wurde bislang erreicht: Es ereignete sich keine schwere Gewalt- oder Sexualstraftat in den beurteilten Fällen. Entsprechend zufrieden ist auch Andreas Brunner, oberster Staatsanwalt des Kantons Zürich, der erklärt: «Ich bin froh, dass es die Risiko AG gibt, die uns Strafverfolgern an entscheidenden Schnittstellen innert Kürze Gefährlichkeitsprognosen liefert und Massnahmen vorschlägt.»

Und nun patzert die Expertengruppe ausgerechnet bei der Simulation des Paradefalles Leibacher alias Brandner. Warum, fragt man sich, konnte es ausgerechnet hier zu Fehleinschätzungen kommen? Urbaniok konstatiert, dass seine Mitarbeitenden sowohl die Persönlichkeit wie auch den Grad der Psychopathie Brandners richtig beurteilt hätten. Sie hätten sich aber vom Querulantentum des Exploranden blenden lassen und seien zu dem Schluss gekommen, es handle sich «wieder um so einen Behördenschreck, der nur bellt, aber nicht beisst». Dazu seien grosse Teile der Gruppe in die irrige Annahme verfallen, ein derart cleverer Typ habe seine Handlungen unter Kontrolle und liefere sich nicht selbst ans Messer der Strafverfolger: «Am Anfang haben alle die wichtigsten Risikomerkmale erkannt. Aber viele haben dann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr klar genug gesehen und sich ablenken lassen. Sie sind der typischen Dynamik vieler Psychopathen auf den Leim gekrochen, die sich im Alltag überraschend intelligent verhalten. Niemand hat in Erwägung gezogen, dass sich Brandner respektive Leibacher mit einem Suizid der Strafe entziehen könnte.»

Obwohl er bei seinen Leuten zunächst ziemlich viel Ärger, Frustration und teilweise sogar Wut provoziert hat, ist Urbaniok mit dem Verlauf der Übung zufrieden. Er ist überzeugt, dass «ein solcher Schuss vor den Bug» der Wachsamkeit und Sensibilität seiner Gruppe gut tue, die nun schon seit Jahren «erfolgreich und mit dem notwendigen Glück, das es immer braucht», arbeite. Damit sei aber die Gefahr verbunden, dass sich eine gefährliche Routine einschleiche und man nicht mehr immer hundert Prozent konzentriert sei. Die Simulation sei unter verschärften Bedingungen erfolgt, weil diesmal der Referent, der den Fall aus der Vorbereitung besonders gut kenne, nicht korrigierend in die Diskussion eingegriffen habe und damit «die üblichen Leitplanken gefehlt haben. Unter normalen Bedingungen wäre der Fall Brandner kritischer eingeschätzt worden», sagt Urbaniok: «Das ist sonnenklar.»

Dass ausgerechnet in dieser Sitzung eine Journalistin dabei war, hält er im Sinne der angestrebten Transparenz der Risiko AG für geradezu ideal: «Die Öffentlichkeit soll ruhig zur Kenntnis nehmen, dass es in unserem Metier keine totale Sicherheit gibt.» 

Die Weltwoche, 13. Januar 2005

Seitenanfang