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Valentin Landmann und Bernadette Egler


Würde das Leben immer solche Geschichten schreiben, gäbe es keine Drehbuchautoren. Diese hier geht so: Die an Scheidung denkende Treuhänderin spielt auf einer Laienbühne eine irre Schriftstellerin; der vom Gesetz verfolgte Anwalt einen Lustmörder. Dann fällt der Vorhang. Und es geht richtig los.

Valentin Landmann, Zürcher Strafverteidiger, Kenner des Rotlichtmilieus und Freund der Hells Angels, steckte 1998 in der Krise seines Lebens: Die Bezirksanwaltschaft beschuldigte ihn der Geldwäscherei und Begünstigung von Reinhard Lutz, einem der «ganz Grossen» unter den Schweizer Drogendealern, und forderte achteinhalb Jahre Gefängnis für ihn.

Unter diesen Umständen kam es Landmann besonders gelegen, dass er an einem Mai-Wochenende in dieser struben Zeit in Meiringen zum Theaterspielen erwartet wurde. Im Rahmen eines Mystery-Weekend sollte er einen Lustmörder spielen, der seine Mordlust zu zähmen gelernt hatte, seitdem er Gedichte schrieb. Das ist Blödsinn, dachte Landmann, als er sein Auto auf dem Parkplatz des «Hotel du Sauvage» abstellte, aber doch ideal, um die belastenden Gedanken wenigstens für ein paar Tage aus dem Kopf zu schlagen.

Bernadette Egler war genauso schlimm dran: Ihre Ehe war nach 23 Jahren ein einziger Scherbenhaufen, und sie wusste, dass ihr keine andere Lösung als die Scheidung blieb. Sollte sie überhaupt noch nach Meiringen fahren, fragte sie sich deprimiert, und die Rolle der durchgeknallten Schriftstellerin Petra Hämmerli übernehmen? Ihre beste Freundin sagte zu ihr: «Geh und spiel Theater. Das ist das Einzige, was dir noch Spass macht.» Die Fahrt ins Berner Oberland tat ihr überraschend gut; sie genoss die Frische des Frühlingstages und traf gut gelaunt im «Hotel du Sauvage» ein, dem alten, leicht morbiden Kasten, der die perfekte Kulisse für ein Kriminalstück abgab.

Egler war etwas spät dran und hastete in den Saal, in dem sich die anderen Laiendarsteller bereits versammelt hatten. Ihr Blick blieb an Landmann, dem gross gewachsenen Mann mit der Glatze, hängen. Der war ihr doch letztes Wochenende schon aufgefallen, als er einen bitterbösen Literaturkritiker gespielt hatte. Sie wandte sich dem Regisseur zu, der soeben den Kriminalfall skizzierte, dessen Lösung den Hotelgästen oblag. Landmann fragte scheu, ob es das Stück nicht bereichern würde, wenn sich Hämmerli, die Schriftstellerin, in den Lustmörder verlieben würde. Die Idee wurde begeistert aufgenommen, und das Schauspiel begann.

Petra Hämmerli umgarnte den Lustmörder nach allen Regeln der Liebeskunst, gleichzeitig jagten sich die Morde, und das turtelnde Paar geriet ins Visier des ermittelnden Publikums.

Der Freitag ging, der Samstag kam, und Bernadette Egler fühlte sich beschwingt, weil das Zusammenspiel mit ihrem neuen Schauspielkollegen so gut funktionierte, als würde sie ihn schon ewig kennen. Der düstere Alltag, der in Bern auf sie wartete, war in den Hintergrund getreten. Sie ertappte sich dabei, wie sie Landmann einen mehr als freundlichen Blick zuwarf. «Was ist los mit mir?», fragte sie sich mit einem Anflug von Ärger. Sie wusste ja nicht einmal, wer dieser Typ war.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, steckte er ihr in diesem Moment seine Visitenkarte zu und fügte «obercool» an, wie sie noch heute betont, dass sie ihn doch einmal in seiner Anwaltskanzlei in Zürich besuchen solle. Genervt gab sie zurück, dass sie Treuhänderin sei und keine Zeit für solche Spässe habe. «Dumme Kuh», schimpfte eine innere Stimme, «spinnst du eigentlich – oder warum bist du so abweisend?»

Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Dabei musste sie doch nichts anderes als Petra Hämmerli spielen und jetzt mit dem von ihr angebeteten Lustmörder das Nachtessen einnehmen. Sie setzte sich neben ihn und wünschte ihm guten Appetit. Doch dann tat die 42-jährige Bernadette Egler, Mutter zweier erwachsener Töchter und ein Kopfmensch durch und durch, etwas, was sie noch nie in ihrem Leben getan hatte: Sie drückte ihr Knie gegen jenes von Valentin Landmann, der, so berichtet er heute, gleichzeitig das seine gegen jenes seiner Tischnachbarin schob. Egler liefen Schauer über den Rücken, und auch Landmann stellte in der ihm eigenen spröden Art fest: «Es entwickelte sich eine Dynamik zwischen uns, der ich nicht ablehnend gegenüberstand.»

Die Krux an der Sache war allerdings, dass keiner von beiden wusste, ob das nun Spiel oder Ernst war. Und da Egler/Hämmerli just in diesem Augenblick zur nächtlichen Lektüre ihres Romans davoneilen musste und sich der Lustmörder brav in sein Zimmer zurückzog, blieb die Frage vorderhand ungeklärt.

Landmann lag aufgewühlt auf seinem Bett. Egler las stundenlang, und als sie in tiefer Nacht fertig war, fragte sie sich verzweifelt, wie sie Landmann noch erreichen konnte, bevor sie am nächsten Morgen um sieben Uhr wegen der Konfirmation ihrer Tochter frühzeitig abreisen musste. Nach langem Hin und Her fasste sie sich ein Herz und klopfte an seine Tür. Landmann öffnete im Nu und blickte sie «strahlend wie ein Maikäfer» an. Übergangslos stellte sie ihm die entscheidende Frage: «Hast du all das, was zwischen uns vorgefallen ist, wirklich nur gespielt?»

Statt eine Antwort zu geben, nahm er sie in den Arm und fuhr ihr zärtlich über den Rücken. Seither sind die beiden ein Paar und besuchten nach besagtem Wochenende im Mai noch weitere vierzig Mystery-Weekends in Meiringen.

Die Weltwoche, 17. März 2005

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