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Forschung siegt über Versorgung
Die Universität Zürich liess eine Chefärztin gehen, um zwei ambitionierten Alzheimer- forschern ideale Bedingungen zu bieten. Doch die Rechnung geht nicht auf. Zürich. - Für Ursula Schreiter Gasser kam die Ehrung spät und völlig unverhofft. Anfang November, eineinhalb Jahre nach ihrem unfreiwilligen Ausscheiden, erhielt die ehemalige Chefärztin des Zentrums Hegibach, wo ältere, psychisch kranke Menschen behandelt werden, den Anerkennungspreis der Dr.-Margrit-Egnér-Stiftung. In seiner Laudatio sagte Stiftungsrat Hans-Martin Zöllner: «Wir zollen Schreiters Leistungen beim Aufbau und Betrieb des Hegibach unseren grossen Respekt.» Als Leitender Psychologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik (vormals Burghölzli) weiss Zöllner, wovon er spricht. Mit einem motivierten Team war es der Ärztin ab 1996 gelungen, die niederschwellige Einrichtung gut zu vernetzen. Wichtige Partner waren nebst den Hausärzten die Alzheimervereinigung, Pro Senectute und die Spitex. Die Stadt Zürich lobte das Hegibach als «Zentrum mit Vorbildfunktion». In den Bericht «Psychische Gesundheit» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) wurde es 2003 als «innovatives Beispiel» aufgenommen. Die Tage der offenen Tür, die 1996, 1997 und 2001 durchgeführt wurden, stiessen jedes Mal auf reges Interesse. Dass Schreiter trotzdem nicht mehr im Amt ist, zeigen die Prioritäten, die an der Medizinischen Fakultät der Zürcher Universität gesetzt werden. Der Chefärztin war vor allem die professionelle Versorgung der Patienten wichtig. Ihren Nachfolgern Christoph Hock und Roger Nitsch steht der Sinn primär nach der Forschung. Ihnen wurde das Zentrum Hegibach übergeben, um für die Zürcher Uni in der Alzheimerforschung internationale Meriten zu erringen. Wer einen Impfstoff gegen diese Geissel der alternden Menschheit findet, braucht sich um Ruhm, Ehre und Profit nicht mehr zu sorgen. Bei diesem Chefwechsel lief einiges nicht optimal. Ende 2001 beteiligten sich Nitsch und Hock an einer Multi-Center-Studie mit weltweit 28 Kliniken und 372 Patienten. Es galt, einen Impfstoff zu testen, der vom irisch-amerikanischen Firmenduo Elan/Wyeth entwickelt worden war. Etliche Patienten entwickelten wie erhofft Antikörper gegen den Eiweissstoff Beta-Amyloid, der sich bei Alzheimerkranken im Gehirn ablagert. Folglich war diese Gruppe für das Forschungsprojekt besonders interessant. Allerdings traten nach der zweiten respektive dritten von insgesamt sechs geplanten Impfungen bei achtzehn Patienten, darunter bei dreien in Zürich, schwere Nebenwirkungen in Form von Hirnhautentzündungen auf. Die Studie musste unverzüglich abgebrochen werden. Die Fachwelt staunte, als Nitsch und Hock am 22. Mai 2003 ihre in Zürich gewonnenen Impfstudienergebnisse in der angesehenen Fachzeitschrift «Neuron» publizierten und als viel versprechend deklarierten. Der Sinn einer Multi-Center-Studie besteht darin, die Ergebnisse vieler Stichproben zusammenzutragen, um erst dann gültige Erkenntnisse abzuleiten. So weisen die Herausgeber von «Neuron» denn auch einleitend darauf hin, dass die Zürcher Studie mit ihren dreissig Patienten «sehr klein» sei und ihre Ergebnisse als «preliminary», also vorläufig, zu betrachten seien. Gleichwohl stiess die Zürcher «Neuron»-Publikation auf grosse Beachtung und zählte zu den am häufigsten zitierten wissenschaftlichen Papieren zum Thema Alzheimer im Jahr 2003. Keine drei Monate nach Erscheinen des «Neuron»-Artikels gab die japanische Biotech-Firma Takeda im August 2003 bekannt, sie vergüte der Zürcher Firma Evotec Neurosciences «bis zu 20 Millionen Euro» für ihre Forschungstätigkeit. Hinter Evotec Neurosciences standen damals massgeblich Nitsch und Hock. Ende 2002 war an Nitsch ein Ruf der Londoner Universität Kings College ergangen. In Zürich fürchtete man, den «hervorragenden Forscher» zu verlieren, den man im Uni-Magazin als «Toscanini der Alzheimerforschung» enthusiastisch gefeiert hat. Vieles deutet darauf hin, dass die Uni-Leitung damals, um den Abgang zu verhindern, Nitsch und Hock die Leitung des Hegibachzentrums übergab. Dieses verfügt aus Forschersicht über ein besonders attraktives Patientengut. Als die Kantonsrätinnen Ruth Gurny (SP) und Katharina Prelicz-Huber (Grüne) entsprechende Fragen stellten, wies die Regierung diese Vermutungen zurück. Das Gerontopsychiatrische Zentrum Hegibach (GPZ), hiess es, werde seinem ursprünglichen Versorgungsauftrag treu bleiben. Tatsache ist indes, dass die Chefärztin Ursula Schreiter Gasser schon bald aus ihrem Amt gedrängt wurde. Als Nitsch im Jahr 2004, nicht zuletzt wegen der Publikation der Impfstudienergebnisse in «Neuron», den Potamkin-Preis der American Academy of Neurology gewann, war die Sache endgültig gelaufen. Er wurde im Juni 2005 ärztlicher Direktor der Alterspsychiatrie, obwohl er weder einen Facharzttitel vorzuweisen hat, noch Psychiater ist oder über klinische Erfahrung verfügt. Diese Qualifikation steuerte Hock bei, der von jenem Zeitpunkt an im Hegibach als Chefarzt amtete. Mittlerweile heisst die Einheit «Klinik für Alterspsychiatrie». «Als Schreiter weg war», erinnert sich eine Mitarbeiterin, «haben wir uns wie auf einem führungslosen Schiff auf hoher See gefühlt. Niemand wusste, was die neuen Chefs vorhatten.» Das habe sich bis heute nicht geändert. Hock sei oft abwesend, heisst es, und verweigere Gespräche. Er selber sagt, dass er viel Zeit am Hegibach verbringe und regelmässig Mitarbeitergespräche durchführe. Verschiedene Fachkräfte in leitender Funktion fühlten sich brüskiert. Hock habe ihnen von heute auf morgen, häufig ohne sachliche Begründung, neue Zuständigkeitsbereiche zugewiesen, sie in ihren Kompetenzen stark beschnitten und teilweise degradiert. Der Stellenwert der Forschung habe sich klar erhöht, jener der Versorgung deutlich reduziert. Es herrsche eine grosse Unzufriedenheit bei vielen Mitarbeitenden. Nitsch und Hock, die Fragen nur schriftlich beantworten, sehen das anders: Die Stimmung sei gut, wie auch eine Mitarbeiterbefragung zeige. Diese halten sie allerdings unter Verschluss. Tatsache ist auch, dass gegen zwanzig Psychiaterinnen, Psychologinnen, Assistenz- und Oberärzte, Sekretärinnen und Pflegefachkräfte das Haus verlassen haben, zum Teil nach mehrmonatiger Krankschreibung. Darunter auch etliche, die von Hock eingestellt worden waren. So seien viel Geld, aber auch wertvolles Fachwissen und grosse Erfahrung verloren gegangen, heisst es. Einige Beschäftigte wandten sich an den Ombudsmann des Kantons Zürich. Dieser empfahl ihnen, juristisch gegen die beiden Vorgesetzten vorzugehen. Das aber unterliessen sie angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten. Nitsch und Hock gelten in der Szene als hochintelligent, rhetorisch brillant, aber auch machtbewusst. War Ursula Schreiter Gasser so etwas wie die Mutter der gerontopsychiatrischen Versorgung, heisst es von Nitsch und Hock, sie seien vor allem an Forschungsergebnissen und deren Publikation interessiert. Verschiedene Institutionen wie die Patientenstelle Zürich, die Schweizerische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und die Stiftung Pro Mente Sana hatten besorgte Briefe an Gesundheitsdirektorin Verena Diener geschrieben und dagegen protestiert, dass die ganzheitliche Betreuung psychisch Leidender «einer kurzlebigen Forschungseuphorie und finanziellen Interessen geopfert wird». Vergeblich offenbar. Diener stellt sich auch heute noch auf den Standpunkt, es stehe im Hegibach alles zum Besten. Mittlerweile haben Nitsch und Hock mehrere Abteilungen zusammengelegt. Laut internen Informationen werden die Patienten im Gegensatz zu früher von ihren Ärzten nicht mehr in einem freundlichen Besprechungszimmer empfangen, mit dem sie vertraut sind, sondern in wechselnden Räumen, «die kalt, schmucklos und zum Teil düster daherkommen». Bei den oft sehr alten, verwirrten und verängstigten Menschen sei das ein gravierendes Problem, denn sie seien ganz besonders auf eine stabile, verlässliche und freundliche Umgebung angewiesen. Dazu erklären Hock und Nitsch, dass sie «positive Rückmeldungen auf die hellen und zum Teil neu eingerichteten Besprechungszimmer erhalten». Die Klagen, die über das Hegibach zu hören sind, nehmen zu. Patienten haben das Vertrauen verloren, weil sie sich als Versuchskaninchen fühlen. Angehörige sind empört, wenn der betagte Vater, dessen Depressionen seit Jahren im Zentrum Hegibach zu aller Zufriedenheit ambulant, manchmal auch stationär behandelt wurden, von einem Tag auf den anderen ins Burghölzli abgeschoben werden soll. Die Spitex moniert einen Mangel an «sorgfältiger Austrittsplanung und Medikamentenverordnungen». Hock und Nitsch weisen auch diesen Vorwurf zurück. Verschiedene Patienten- und Angehörigenorganisationen schicken derzeit keine Hilfesuchenden mehr ins Hegibach. Wie schlecht es um das Ansehen der Klinik mittlerweile steht, zeigte der Tag der offenen Tür am 30. November, zu dem die Psychiatrische Universitätsklinik eingeladen hatte: Die Veranstaltung musste mangels Anmeldungen abgeblasen werden. Auch innerhalb der Alzheimerforschung wecken momentan andere Namen das öffentliche Interesse. So lassen die Pharmafirmen Novartis und Cytos derzeit ein neues Impfpräparat an zwei schwedischen Kliniken testen. Hock und Nitsch, die mit Novartis Verhandlungen führten, sind nicht dabei. Sie sagen: «Es sind eine Vielzahl von Studien zur Alzheimertherapie im Gange oder in Planung, an denen wir zum Teil konzeptionell oder auch aktiv arbeiten.» Tages-Anzeiger, 30. Dezember 2006 |
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