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"Nicht in jedem Leiden ist Sinn zu erkennen"


Nach zehn Jahren bei Exit, dem Verein für Sterbehilfe, ist Werner Kriesi als Leiter zurückgetreten. Hier spricht er über den Sinn von Leben, Leiden und Sterben.

Wie viele Sterbewillige haben Sie in den knapp zehn Jahren als Freitodbegleiter bei Exit in den Tod begleitet?

Etwa 250 Sterbebegleitungen habe ich selber durchgeführt. Und bei weit über 1000 war ich als Teamleiter beratend beteiligt.

Das sind existenzielle Grenzerfahrungen in geballter Form, die Sie nachhaltig geprägt haben müssen.

Wenn man als Sterbebegleiter hautnah miterlebt, mit wie viel Klarheit, Entschiedenheit und Mut die Betroffenen ihren Weg gehen und sich dabei gegen gesellschaftliche und kirchliche Tabus, zum Teil auch gegen die Autorität der Medizin stellen, erfahre ich durch solche Erlebnisse eine Stärkung für mein eigenes Leben. Ich nehme auch teil am Schmerz, wenn Angehörige voneinander Abschied nehmen. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Entlastend jedoch ist die Erfahrung, dass die Trauer in den meisten Fällen vom Wissen um die baldige Erlösung von unerträglichem Leiden begleitet ist.

Aber diese von Leid und Schmerz überschatteten Schicksale müssen Sie doch auch belastet haben.

Alle, die bei Exit arbeiten, sind hohen Belastungen ausgesetzt. Mir persönlich haben die Sterbebegleitungen das Bewusstsein für die Endlichkeit unseres Lebens geschärft, im dankbaren Wissen, dass wir immer nur über den einen Tag verfügen können, nämlich über den heutigen, da wir nicht wissen können, ob der morgige Tag uns auch noch gehört. Ganz im Sinne von Tucholsky: «Erwarte nichts! Heute, das ist das Leben.»

Sterben ist ein Akt höchster Intimität. Wie haben Sie diese Intimität mit Ihnen fremden Menschen ertragen?

Die vorbereitenden Gespräche führen meistens zu gegenseitigem Vertrauen. Mit vielen Kranken und deren Angehörigen bin ich über Monate oder sogar Jahre in Kontakt, und so fühlt man sich gegenseitig nicht fremd.

Kritiker der Sterbehilfe sagen, dass das Leiden des Menschen einen Sinn habe, den Sie als Freitodbegleiter beschneiden.

Ich kann nicht in jedem Leiden einen tieferen Sinn erkennen, vor allem dann nicht, wenn medizinische Massnahmen lediglich zu einer qualvollen Sterbeverlängerung führen. Im Christentum, aber auch im Islam und im Judentum sind die Vorstellungen fest verankert, dass alles Leiden im Sinne einer göttlichen Erziehung zu verstehen und somit auch bis am Ende zu ertragen ist. Aus diesem Denken erwächst auch der stärkste Widerstand gegen die suizidale Form der Sterbehilfe, die mit «Selbstmord» und somit Todsünde in Verbindung gebracht wird. Das kann manchmal sogar bei Menschen, die sich längst von der Kirche gelöst haben, Schuldgefühle auslösen.

Wie steht die reformierte Kirche, also Ihre Kirche, heute zur Sterbehilfe?

Im Jahr 2000 verfasste der Kirchenrat zu Handen der Synode einen Bericht über die Sterbehilfe. Mit diesem Bericht konnte ich mich nie anfreunden. Nicht nur weil in diesem Papier kritische Gedanken gegen Exit geäussert werden, sondern vor allem weil die grundsätzliche Einstellung gegenüber der Sterbehilfe dem einzelnen Schicksal in keiner Weise gerecht wird. Wenn es dort heisst: «Menschliches Leben und Sterben liegen letztlich nicht in der Verfügungsmacht des Menschen», trägt man der Tatsache in befremdlicher Weise zu wenig Rechnung, dass Leben und Sterben durch die moderne Medizin eben weit gehend in die Verfügungsmacht der Menschen geraten sind.

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, sich derart intensiv des Themas Sterbehilfe anzunehmen?

Ich habe immer wieder erlebt, wie Menschen auf unerträgliche Weise gestorben sind. Der überspitzt formulierte Slogan «Wir leben nicht länger, wir sterben länger» ist in vielen Fällen nicht von der Hand zu weisen. Zu oft habe ich beruflich, aber auch im privaten Umfeld erlebt, wie schwer Kranke, oft nicht mehr ansprechbar, über Monate und Jahre mit medizintechnischen Mitteln am Leben erhalten und zugleich am Sterben gehindert wurden.

An welche Freitodbegleitungen erinnern Sie sich am intensivsten?

An eine 18-jährige Maturandin, die unheilbaren Knochenkrebs hatte und unter unstillbaren, unerträglichen Schmerzen litt. Am Tag ihres Todes ging ihre Klasse auf die Maturareise. Oder an die 45-jährige Frau, die an einem Mammakarzinom mit fortgeschrittener Metastasenbildung litt. Ihre Kinder waren acht und zehn Jahre alt. Sterben und Sterben ist eben nicht dasselbe. Ein Hochbetagter, der nach einem erfüllten und langen Leben seinen unheilbaren Altersbeschwerden ein Ende setzt, ist nicht gleichzusetzen mit Menschen, die aus der Mitte ihres Lebens gerissen werden.

Nun monieren aber kritische Stimmen, das Sterben erlaube einem Menschen, auch dem Hochbetagten, mitunter Erfahrungen von Grösse und Stärke, um die Exit sie bringe, indem es sie vor der Zeit in den Tod begleite.

Ich bin allergisch gegen solche Stimmen. Vor allem, wenn gesunde und noch jüngere Menschen wissen, wie viel Schmerz und Leid schwer Kranke und Hochbetagte aushalten müssen. Ich habe keinen einzigen Menschen in den Tod begleitet, der nicht langjährig und schwer, bis unerträglich, an seiner Krankheit gelitten hat. In vielen Fällen musste ich sagen: Ich glaube, ich hätte nicht so lange durchgehalten.

Wann wird Leben in Ihren Augen menschenunwürdig?

Mit dem Begriff Würde gehe ich sehr zurückhaltend um. Ich bin auch nicht der Meinung, dass Exit die Würde gepachtet hat. Jeder Mensch muss für sich selber entscheiden, was für ihn würdiges Leben oder Sterben ist. Es gibt Menschen, die sich jahrelang vom Pflegepersonal Windeln anziehen lassen, ohne sich in ihrer Würde verletzt zu fühlen. Andere halten das nicht aus.

Kommt es vor, dass Angehörige ihre schwer kranken Eltern oder Verwandten zu einem begleiteten Suizid bei Exit drängen, weil sie, die Angehörigen, deren Leiden für nicht mehr menschenwürdig erachten?

Häufig bekunden Angehörige vorerst mehr oder weniger Widerstand gegen die Form der Suizidhilfe. Mit zunehmendem Leiden wächst in der Regel das Einverständnis. Es ist unsere Aufgabe, zu prüfen, ob von Seiten der Angehörigen auf Kranke Druck ausgeübt wird. In ganz seltenen Fällen stellten wir das fest und haben folglich die Sterbehilfe verweigert.


Die Nachfolger von Werner Kriesi

Als Werner Kriesi zurücktrat, hinterliess er bei Exit eine Lücke, die ein Mensch allein nicht mehr füllen mochte. So betraute die Sterbehilfeorganisation zwei Personen mit der Leitung der Freitodbegleitung: Heidi Vogt, die ein 60-Prozent-Pensum innehat, ist die operationell Verantwortliche; Walter Fesenbeckh (69) behält als Vorstandsmitglied die strategische Ausrichtung im Auge. Fesenbeckh, ein reformierter Pfarrer und langjähriges Exit-Mitglied, hält es für eine «gottgeschenkte Freiheit, seinem unerträglichen Leiden selber ein Ende setzen zu dürfen».

Vogts beruflicher Werdegang prädestiniert die 52-Jährige geradezu für ihre neue Aufgabe. Sie ist ursprünglich Pflegefachfrau, bildete sich psychotherapeutisch weiter und arbeitete in verschiedenen Drogenberatungsstellen im Kanton Zürich. Dabei war sie wiederholt mit aidskranken Drogenkonsumierenden konfrontiert, die sie bis zum Tod begleitete. Nach einer Zusatzausbildung zur Supervisorin übernahm sie Projekte im Sozial- und Altersbereich. Zwischen 1994 und 2002 sass die SP-Politikerin zudem als Stadträtin in der Exekutive von Uster und erwarb Führungserfahrung.

Seit knapp drei Jahren ist Vogt Mitglied von Exit, deren Arbeit sie von jeher positiv und frei von religiös motivierten Vorbehalten gegenübersteht: «Ich hatte schon immer grossen Respekt vor Menschen, die auch noch angesichts des Todes ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen.» Ihr Verständnis für das Thema Freitodbegleitung wuchs, als sie das Sterben eines nahen Familienangehörigen im Spital miterlebte und dabei mit einer Situation konfrontiert wurde, in der trotz auswegloser Prognose alles gemacht wurde, um das Sterben zu verhindern.

Für Dignitas würde sie allerdings nicht arbeiten. Zum einen bemängelt sie deren Intransparenz in Finanzfragen; zum anderen kann sie sich nicht vorstellen, «am Morgen einen Sterbewilligen aus dem Ausland kennen zu lernen und ihn bereits am Nachmittag in den Tod zu begleiten». Sie brauche mehr Zeit und einen persönlichen Kontakt, um vertrauensvolle Beziehungen zu den Klienten und deren Angehörigen aufzubauen.

Sie führt das Team von 15 ehrenamtlichen Freitodbegleitern. Bis anhin hat sie selbst zwölf Freitodbegleitungen gemacht, einen Teil davon in Gegenwart von Werner Kriesi, der sie eingeführt hat. Sie erlebt diese Stunden als «intensiv», ist oft schon im Vorfeld gedanklich bei den Betroffenen und trägt auch die Bilder dieses letzten Abschieds nachher einige Tage mit sich herum. «Es geht unter die Haut», sagt sie, «aber ich weiss jetzt, dass ich meiner Seele diese Erfahrungen zumuten kann.»


Exit und seine Abspaltung Dignitas

Die Sterbehilfeorganisation Exit wurde 1982 gegründet, Dignitas entstand 1998, nachdem eine konfliktbeladene Exit-Generalversammlung zu zahlreichen Vereinsaustritten, darunter demjenigen von Rechtsanwalt Ludwig A. Minelli, geführt hatte. Daraufhin gründete Minelli den Verein Dignitas, dem er seither als Generalsekretär und Geschäftsführer vorsteht.

Exit hat aktuell rund 50 000 Mitglieder und verzeichnet jährlich rund 4000 neue Beitritte. Der Vereinsbeitrag beträgt 35 Franken pro Jahr beziehungsweise 600 Franken auf Lebenszeit. Exit beschäftigt 35 Personen, angestellt oder ehrenamtlich. Die Führung des Vereins setzt sich aus dem Vorstand, einer Ethik- und Geschäftsprüfungskommission und der Leitung Freitodhilfe zusammen.

Dignitas hat in etwa 5000 Mitglieder und wächst ebenfalls kontinuierlich. Eine einmalige Eintrittsgebühr beträgt 100 Franken, der jährliche Mitgliederbeitrag 50 Franken. Dignitas wird in der öffentlichen Wahrnehmung mit Ludwig A. Minelli gleichgesetzt, auf der Homepage www.dignitas.ch ist zudem von einer kleinen, weder bezifferten noch namentlich identifizierbaren Gruppe von Aktivmitgliedern und zwei beratenden Kuratoriumsmitgliedern die Rede.

Mangelnde Transparenz auch in Sachen Vereinsfinanzen hat wiederholt Kritik an Dignitas ausgelöst. So liegt denn auch heute erst der Tätigkeitsbericht des Jahres 2004 vor. Die Höhe von Spenden, Erbschaften und Legaten fehlt. Exit hingegen legt seine Rechnung offen, darunter in seinem in einer Auflage von 50 000 Exemplaren erscheinenden Mitgliedermagazin. 2006 führte Exit rund 150 Freitodbegleitungen von hier zu Lande oder im Ausland lebenden Schweizern durch; Dignitas deren 195, davon 120 von Personen aus Deutschland, denen Minelli helfen will, weil «das Recht in Deutschland in diesem Bereich noch immer menschenverachtend wirkt».

Der guten Absicht zum Trotz gilt Dignitas als «Suizidtouristenabfertigung», die nach dem Prinzip verfährt: am Morgen in Kloten gelandet und am Nachmittag tot. Minelli hält dagegen, dass auch in diesen Fällen Vorbereitungsgespräche vorausgingen. Dazu verhelfe «Dignitas viel mehr Menschen zum angstfreien Weiterleben trotz schwerer Krankheit, und zwar dadurch, dass ihnen ein Schweizer Arzt ein Rezept zusagt, das für einen begleiteten Suizid benötigt wird». Gemäss einer Studie, so Minelli, melden sich 70 Prozent jener, die eine solche Zusage haben, nie mehr.

Auch bei Exit sehen jährlich rund 150 Personen davon ab, den assistierten Suizid in die Tat umzusetzen, weil ihnen allein schon das Wissen hilft, dass sie im schlimmsten Fall auf Exit und das vorliegende Rezept für den Todestrunk zurückgreifen können.

Dignitas stand in der letzten Zeit auch wegen anderer Vorwürfe im Kreuzfeuer der Kritik und ist mit Untersuchungen der Strafverfolgungsbehörden konfrontiert. So sollen zwei Menschen, die von Dignitas begleitet wurden, einen qualvollen Tod gestorben sein (TA vom 8. 1. 07). Der Sohn einer englischen Sterbewilligen monierte öffentlich, seine Mutter sei im Dignitas-Sterbezimmer in Zürich auf würdelose Art aus dem Leben geschieden (TA vom 3. 2. 07). Minelli wies die Vorwürfe kategorisch zurück.


Werner Kriesi

Der 74-jährige Werner Kriesi stammt aus Dübendorf. Ursprünglich ist er Schreiner. Nach dem Abschluss seines Theologiestudiums hat er acht Jahre als Pfarrer in Basel und zwanzig in Thalwil ZH gearbeitet. Ab 1997 hat er bei Exit Freitodbegleitungen gemacht, 1998 übernahm er die Leitung des rund fünfzehnköpfigen Teams der Freitodbegleiter und -begleiterinnen. Nach seinem Rücktritt ist er noch für jene Fälle zuständig, in denen der Entscheid für oder gegen einen assistierten Suizid den Beteiligten besonders schwer fällt. Kriesi ist mit einer Theologin verheiratet und hat eine Tochter und zwei Söhne.

Tages-Anzeiger, 18. Mai 2007

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