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Schnüffler von Staates wegen


Anfangs wurde er als «Sozialschnüffler» beschimpft, heute ist er ein gefragter Mann: Christoph Odermatt, der erste Sozialdetektiv der Schweiz, hat in Emmen Pionierarbeit geleistet. Jetzt zieht auch Zürich nach.

Kurz nach zwölf, Zeit für die Mittagspause. Im Lift der Gemeindeverwaltung grüssen die Kollegen und werfen verstohlene Blicke auf die Fotografin mit ihrer grossen Kamera. Neid liegt in der Luft. Als er aus dem dunkelbraunen Hochhaus tritt und sich auf dem Platz davor in Position stellt, umringen ihn einige Primarschüler und schauen ungeniert zu, wie er fotografiert wird. Christoph Odermatt schmunzelt. Sorgfältig schiebt er sein Hemd in die Hose und fragt, ob seine gelierten Haare gut sitzen. Er ist nicht unempfänglich für das wachsende Interesse an seiner Person.

Gleichzeitig aber fühlt er sich unter Druck, weil er letztlich nicht ganz kontrollieren kann, was die Medienleute über ihn schreiben: «Es ist eine Gratwanderung», sagt er, «und ich bin jedesmal erleichtert, wenn es glimpflich abläuft.» Dieses Misstrauen, das am augenfälligsten in der kleinen, steilen Stirnfalte direkt über seiner Nasenwurzel zum Ausdruck kommt, hat seine Gründe. Als Odermatt vor zwei Jahren seine Stelle als Sozialinspektor antrat, stiess er vielerorts auf Abwehr, Geringschätzung, ja Verachtung.

Vom «Sozialschnüffler» war die Rede, dem «Sheriff», der den Ärmsten der Armen auflauert, um sie um ihre paar Franken Sozialhilfe zu bringen. Monika Stocker, die grüne Sozialdirektorin der Stadt Zürich, verwahrte sich ebenso vehement gegen die Einsetzung von Sozialinspektoren wie Ruedi Meier, ihr Partei- und Amtskollege in Luzern.

«Es war ein Tabubruch», konstatiert Odermatt nüchtern, «im Sozialbereich Missbrauchs-vorwürfe zu verfolgen und diese bei Haus-besuchen zu überprüfen.» Kein Mensch störe sich zwar an einem Strassen- oder Lebensmittelinspektor, aber den Sozialinspektor hätten noch ein halbes Jahr nach seiner Einsetzung viele zum Teufel gewünscht. Kam dazu, dass Odermatt, der 1,86 Meter grosse, drahtig wirkende Mann mit seinem scharfgeschnittenen Gesicht, den schmalen Lippen und den durchdringenden hellblauen Augen, ursprünglich Polizist war, sechs Jahre lang als Mitglied der uniformierten Sicherheitspolizei, zuletzt als Kriminaldetektiv des Kantons Luzern. Diese Kombination musste Vorurteile wecken: «Für viele in der Polit- und Medienszene war ich ein Elefant im Porzellanladen», erinnert er sich, «der über null soziale Kompetenz verfügt, dafür aber eine Law-and-Order-Vorlage der SVP umsetzt.»

Besonders alarmiert reagierten die Sozial-arbeitenden, seine Kollegen und Kolleginnen, die einen Stock unter ihm ihre Büros haben. Sie waren überzeugt, dass Odermatt ihnen ins Handwerk pfuschen und so das mühsam erworbene Vertrauen ihrer Klienten wieder zerstören würde. Dass er ihnen Arbeit abnimmt, schwierige Arbeit, die sie mit ihrer beratenden und unterstützenden Funktion nicht vereinbaren können, ist ihnen erst nach und nach bewusst geworden.

Heute sind sie diejenigen, die einen grossen Teil von Odermatts Untersuchungen auslösen, indem sie ihm von finanziellen Unstimmigkeiten oder Auffälligkeiten im Alltag von Sozialhilfebezügern berichten. Odermatt darf nur auf konkreten Verdacht hin aktiv werden und nicht von sich aus Stichproben machen, um etwa alle Männer und Frauen unter die Lupe zu nehmen, die länger als drei Jahre Sozialhilfe beziehen.Wenn es nach ihm ginge, sollte man solche Stichproben als zusätzliches Kontrollinstument einführen. Es entspricht seiner Überzeugung, dass «alles, was gesetzlich erlaubt ist, unternommen werden muss, um Sozialhilfemissbrauch aufzudecken und jene, die Betrug, Veruntreuung oder Urkundenfälschung begehen, anzuzeigen. Das sei man allen schuldig, die wirklich auf Sozialhilfe angewiesen seien und sie zu Recht bezögen. Aber auch die übrige Bevölkerung müsse davor bewahrt werden, dass mit ihren Steuergeldern Schindluder getrieben werde.

Jetzt ist der 33-Jährige, den man gut und gern auf 40 schätzt, so reif und gesetzt, wie er wirkt, in seinem Element. Disziplin, Ordnung, Sicherheit, Rechte und Regeln, Pflichten und Gesetze gehören zu seinen Lieblingswörtern. Da spricht der Polizist aus ihm, der er im Herzen immer noch ist und der eine Gesellschaft will, in der nicht nur Park- und Tempo-sünder wissen, dass sie eine Busse bekommen, sondern in der es auch selbstverständlich ist, dass Sozialhilfebezüger, die widerrechtlich handeln, belangt werden. Für ihn ist es ein «Schlag unter die Gürtellinie, wenn Menschen aus Bequemlichkeit und Egoismus das Sozialsystem ausnützen». Seine Hände unterstreichen diese Aussage mit einer abschliessenden Geste.

Christoph Odermatt ist in Emmen aufgewachsen. Er stammt aus einer katholischen Familie der Mittelschicht, die Mutter Erzieherin, der Vater Steuerbeamter. Bei ihm daheim sei zwar nie gedarbt worden, aber er habe Zeiten erlebt, in denen «wir den Franken zweimal umdrehten, bevor wir ihn ausgegeben haben».

Sein beruflicher Weg mag insofern vorgezeichnet gewesen sein, als Grossvater, Vater und Bruder mehrere Jahre in der Schweizergarde in Rom gedient haben. Um ein Haar hätte auch er sich um eine Stelle als Leibwächter des Papstes beworben. Die klar geregelte, hochdisziplinierte Arbeit hätte ihn gereizt. Zudem hätte er gern eine fremde Sprache und Kultur näher kennengelernt. Stattdessen ist er in Emmen geblieben. Seinen Wunsch nach Neuem, Herausforderndem hat er zuletzt befriedigt, als er sich entschied, Sozialinspektor zu werden. Bisher hat er rund 70 Verdachtsmeldungen untersucht, von denen sich 29 als stichhaltig erwiesen. Bezogen auf die rund 1200 Sozialhilfeempfänger der Gemeinde Emmen entspricht das einer Missbrauchsquote von gut zwei Prozent.

Das hiess dann zum Beispiel, dass ihm ein Bürger mitteilte, in seiner Nachbarschaft lebe eine Sozialhilfebezügerin, bei der ein Mann ein- und ausgehe, der offenbar eine geregelte Arbeit habe. Sollte dieser Mann tatsächlich dort wohnen und über ein regelmässiges Einkommen verfügen, müsste das Sozialamt weniger zahlen. Jetzt war Odermatts Jagdtrieb geweckt, und so legte er sich während knapp drei Wochen frühmorgens, zwischen sechs und sieben Uhr, in der Nähe des verdächtigen Objekts auf die Lauer. Hinter dem Steuer seines Autos nahm er das Paar ins Visier und überführte es zuletzt: Der Mann wohnte tatsächlich an der observierten Adresse.

In diesem Moment kommt es jeweils zur Konfrontation. Der Sozialinspektor klingelt an der Haustür, zeigt seine Visitenkarte und bittet darum, eintreten und ein paar Sachen klären zu dürfen. Genauso höflich drücke er sich aus, versichert er, und sei bisher auch jedesmal reingelassen worden. Vereinzelt biete man ihm sogar einen Kaffee an, den er aber konsequent ablehne: «Schliesslich bin ich nicht zum ‹Käfele› da, sondern um auf den Punkt zu kommen.» Das gelinge ihm meistens schnell, weil er über eine gute Menschenkenntnis verfüge: «Ich spüre, wer etwas zu verbergen hat, und bringe ihn mit gezielten Fragen zum Reden.»

Nicht in allen Fällen muss Odermatt die Methoden eines Privatdetektivs anwenden. Oft hat er Verdachtsmeldungen auf dem Pult, die er telefonisch oder durch das Studium verschiedener Akten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Dazu zählen die Fälle, in denen er Sozialhilfebezüger der Schwarzarbeit überführte. Da ist ihm am meisten gedient, wenn er an einen Lohnausweis oder eine Lohn-abrechnung herankommt oder mit dem jeweiligen Arbeitgeber sprechen kann. Er schildert drei Fälle, in denen er auf Schäden in der Höhe von 19 000, knapp 20 000 und 32 000 Franken gestossen ist. Alles in allem hat er bisher Veruntreuungen in der Höhe von 180 000 Franken festgestellt, «eine Riesensumme», wie er betont. Tatsächlich? Da werden andernorts Steuergelder in ganz anderem Ausmass verschleudert. Er widerspricht, kurz angebunden, mit schneidendem Ton.

Die Debatte, ob der Sozialinspektor sein Geld wert sei, hat er satt. Schliesslich könne man die präventive Wirkung seiner Arbeit gar nicht beziffern. Es nervt ihn auch, wenn die Lokalpresse schreibt, er sei nicht ausgelastet. Dabei werde übersehen, dass er nicht nur als Sozialinspektor tätig sei, sondern Aufgaben wie die Überprüfung von Dossiers im Bereich Alimenteninkasso wahrnehme.

Kritische Fragen irritieren ihn. Zum Beispiel auch jene, ob die Existenz eines Sozialinspektors die Bevölkerung nicht dazu verleite, ihre Nachbarschaft auszuspionieren und beim kleinsten Verdacht Meldung zu machen. Er schüttelt den Kopf und sagt, dass dies überhaupt nichts bringen würde, weil er erst dann aktiv wird, wenn es «Fleisch am Knochen einer Meldung» hat. Er verschränkt seine Hände hinter dem Kopf, seufzt und fragt besorgt, ob das wohl gutgehe mit diesem Interview. Seine alte Skepsis gegenüber den Medien-schaffenden ist wieder da. Der Inspektor hat es nicht gern, wenn er selber inspiziert wird.

Vor allem jetzt nicht, da sich doch für ihn so vieles zum Guten gewendet hat und ihm so viel Anerkennung gezollt wird. Er sagt: «Seitdem Zürich eingelenkt hat und auch mit Sozialinspektoren starten wird, fühle ich mich rehabilitiert.»

Dass Luzern, das ihm am Anfang mit Skepsis begegnete, inzwischen seine Dienste zur Lösung komplexer Fälle beansprucht, entlockt ihm ein Lächeln. Andernorts ist er ein gern gesehener Referent, von dem man hören will, wie er bei seiner Arbeit vorgeht. Vertreter aus Bülach ZH, Winterthur, Basel, dem Tessin, Zürich und Schübelbach SZ kamen nach Emmen, um sich dort zu informieren, wo der erste Sozial-inspektor der Schweiz sein Wirkungsfeld hat.


Unanständige Schnüffelei oder hilfreiche Prävention?

Emmen hatte ein Imageproblem. Die Gemeinde galt als ausländerfeindlich, weil sie Menschen aus dem Balkan an der Urne regelmässig die Einbürgerung verweigerte. Eines Tages wollten die Verantwortlichen dieses Bild korrigieren und suchten nach geeigneten Massnahmen. Erstaunlicherweise schlossen sie sich einer SVP-Forderung an und schufen die Stelle eines Sozialinspektors. Schnüffelei im Sozialbereich war das Letzte, das den Ruf der 27 000-Einwohner-Gemeinde hätte verbessern können. Was geschah? Emmen geriet neuerlich ins Kreuzfeuer der Kritik. Bei den Big Brother Awards in der Roten Fabrik Zürich für «fiese, dreckige Schnüffelratten» erreichte Emmen 2005 den wenig begehrten ersten Platz.

Seither sind anderthalb Jahre vergangen, und der Wind hat sich gedreht. Der Sozialhilfemissbrauch ist zum nationalen Thema geworden, das weite Teile der Bevölkerung empört und erregt. Gleichzeitig wurde aus dem geächteten Sozial-inspektor aus Emmen ein Vorzeigemodell, an dem sich die halbe Schweiz orientiert. In der Stadt Zürich nehmen ab Sommer drei Kollegen ihre Tätigkeit auf, die vorerst allerdings nur bis 2010 bewilligt ist. Die Agglomeration und Stadt Luzern kooperieren mit Emmen. Im Zürcher Vorort Schlieren, aber auch andernorts laufen zeitlich befristete Pilotversuche. Die Sozialämter von Grenchen und Olten geben der privaten Firma SoWatch bei Bedarf Überprüfungsaufträge. So können sie die Ausgaben tief halten. Sie betragen zwischen 4000 und 5000 Franken pro Mandat.

In Emmen verfolgt man die Entwicklung mit Genugtuung. Inzwischen hat man eine weitere Massnahme zur Eindämmung der Sozialhilfekosten zu nationaler Reife gebracht: Das Projekt Reintegration von ausgesteuerten Personen, dank dem in Emmen 24 Männer und Frauen reintegriert werden konnten, wird schweizweit kopiert.  

Migros-Magazin, 18. Juni 2007

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