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Sie liebt die Technik und hat Ambitionen
Die Studentin Patrizia Mottl weiss, was sie einmal will: eine Führungsfunktion in einem technischen Betrieb. Ein europäisches Förderprogramm hilft ihr, das Ziel zu erreichen. Der erste Anstoss kam von ihrem Mathematiklehrer. Er riet der 17-jährigen Kantischülerin, sie solle doch an einem einwöchigen Frauenworkshop von «Schweizer Jugend forscht» teilnehmen, in dem Roboter gebaut werden. Dort machte Patrizia Mottl eine Erfahrung, die sie prägen sollte. Die Mischung aus technisch-analytischem Denken, handwerklichem Können und praktischem Nutzen faszinierte sie. Bei der Studienwahl entschied sie sich schnell für die Elektrotechnik, ein Fach, von dem sie sich erneut einen Mix aus Technik, Handwerk und sinnvollen Anwendungen in Bereichen wie Kommunikation, Telefonie und Internet versprach. Ihre Familie - der Vater Chemiker, die Mutter kaufmännische Angestellte, der jüngere Bruder angehender Physiker - begrüsste ihre Wahl. Dass sie damit als eine von vier Frauen unter hundert Männern an der ETH Zürich zur Exotin wurde, nahm sie gelassen. Pragmatisch wie viele Frauen ihrer Generation, orientiert sich die 24-Jährige an der Sache, die sie begeistert: «Das Geschlecht meiner Kommilitonen ist sekundär.» So überrascht es auch nicht, dass sie sich niemals als Feministin bezeichnen würde, Gott bewahre, dieses Label sei out. Damit, nicht als Frau, würde sie sich in ihren Kreisen tatsächlich ins Abseits begeben. So steht sie auch der Überlegung, ob Männer und Frauen in Seminaren unterschiedliche Diskussions- und Arbeitsstile pflegen, skeptisch gegenüber: «Ich halte nichts von geschlechtsspezifischen Klischees, die individuellen Eigenarten sind viel ausgeprägter.» Für einen kurzen Moment hält die gross gewachsene Frau inne, auch ihre Hände, die ständig in Bewegung sind, liegen für einmal ruhig. Dann sagt sie: «Trotzdem habe ich mit Studienkolleginnen einen Verein gegründet, in dem wir uns über Studieninhalte, aber auch Persönliches austauschen. Dort geniessen wir es, für einmal in der Mehrzahl zu sein.» Das Studium fällt der in Zürich wohnhaften Frau nicht schwer. Sie brütet leidenschaftlich gern über Fragen wie der kabellosen Vernetzung von Datenknoten oder der virtuellen Durchsuchung riesiger Datenmengen, wie es Google praktiziert. Dass sie dereinst als topqualifizierte Fachfrau, die dazu vier Sprachen spricht, eine Führungsfunktion wahrnehmen wird, ist für sie sonnenklar. Dafür tut sie schliesslich auch viel. Als Patrizia Mottl vor einem Jahr erfuhr, dass die ETH Zürich das Femtec.Careerbuilding-Programm für Studentinnen der Ingenieur- und Naturwissenschaften anbietet (siehe Kasten), das die Kooperation mit deutschen Unis und international tätigen Industrieunternehmen einschliesst, meldete sie sich postwendend zum eintägigen Assessment an: «Die Chance, Einblick in die Praxis grosser Firmen zu bekommen, dort Kontakte für meine berufliche Zukunft zu knüpfen und gleichzeitig Managementkompetenzen zu erwerben, wollte ich mir nicht entgehen lassen.» Dafür nimmt sie auch eine zeitliche Mehrbelastung von zwei Monaten, verteilt auf zwei Jahre, in Kauf, reist zu den bis zu 14-tägigen Seminaren und Workshops nach Berlin, nimmt an Firmenexkursionen in ganz Deutschland teil und zahlt Teile der Reise- und alle Hotelspesen selber. «Der Aufwand lohnt sich», sagt sie mit Nachdruck, «ich lerne unheimlich viel.» Das fängt an bei Themen wie Teambildung, das die zwanzigköpfige Frauengruppe am eigenen Gruppenfindungsprozess durchlebt. Es geht weiter zur individuellen Karriereplanung, die auch Frauen für einmal nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt angehen lernen. Dazu werden anhand konkreter Firmenfälle Planspiele durchgeführt, um den Frauen immer wieder vorgeworfenen Mangel an strategischem Denken zu beseitigen. Regelmässig müssen die jungen Frauen vor Publikum Reden halten, eigene Produkte oder Studien präsentieren, damit sie sich an ein Leben in der Öffentlichkeit gewöhnen. Im zweiten Jahr kann sich Mottl, die dann im neunten Semester ihres Studiums ist, eine Mentorin aus einer Kooperationsfirma suchen, um den Übertritt ins Berufsleben noch gezielter vorzubereiten. Wenn sie es wünscht, kann sie Praktika absolvieren, aber auch ihre Masterarbeit im Umfeld von Firmen wie Bosch, Porsche oder dem Telecom-Spezialisten Eon schreiben. Fürs Erste geniesst Patrizia Mottl erneut die Arbeit in einer Frauengruppe: «Einmal nicht die andere, die Ausnahme zu sein, tut gut», sagt sie lachend. Einige ihrer Kommilitonen an der ETH tun sich allerdings schwer mit diesem Privileg für Frauen und sticheln ab und zu, dass sie selber auch gern an einem solchen Förderprojekt teilnehmen würden. Mottl zuckt mit den Achseln: «Alles kann man nicht haben.»
Türöffner für Frauen-Karrieren in der Industrie Femtec.Careerbuilding hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst schnell mehr Frauen aus technischen Disziplinen mit einem geringen Anteil weiblicher Studierender in Führungspositionen zu bringen und damit Vorbilder zu schaffen. Zu diesen Disziplinen gehören Fächer wie Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik mit Frauenanteilen von sechs, acht respektive zehn Prozent. Femtec wurde 2001 von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (Berlin) initiiert. Das Frauenförderprogramm wurde zunächst staatlich finanziert, seit kurzem aber tragen die Kooperationsfirmen Porsche, DaimlerChrysler, Siemens, Robert Bosch, EADS (Airbushersteller), Thyssen Krupp, Deutsche BP, Boston Consulting Group und neu Eon aus der Telekommunikation den Hauptteil der Kosten, den Rest übernehmen die beteiligten Universitäten in Berlin, Aachen, Stuttgart, Darmstadt, Dresden und Karlsruhe. Die ETH Zürich hat sich diesem im deutschsprachigen Raum einmaligen Projekt im Mai 2006 angeschlossen, weil es ihr an einem reinen Frauenförderprogramm fehlte. Ein Projekt für Studierende beiderlei Geschlechts mit Führungspotenzial war bei den ETH-Studentinnen auf geringes Interesse gestossen. Femtec, räumt dessen Koordinatorin an der ETH Zürich, Carla Zingg, ein, habe mit seiner elitären Ausschreibung, die sich nur an die Besten der Besten richtete, seiner hohen Verbindlichkeit und dem hohen Zeitaufwand zunächst auch Mühe gehabt, Interessentinnen zu finden. Dieses Jahr hätten sich allerdings sechzehn um eine Teilnahme beworben, von denen zehn zum Assessment eingeladen werden. Die Industriepartner bevorzugen Ingenieurinnen, denen sie bei Bedarf auch einen «Brotjob» offerieren, damit die jungen Frauen finanziell über die Runden kommen. Carla Zingg schätzt an Femtec den starken Praxisbezug, der unter anderem in den Innovationswerkstätten zum Ausdruck kommt, in denen die Frauen in Zusammenarbeit mit einem Kooperationsunternehmen eine Produkteentwicklung von A bis Z durchlaufen. Dazu öffne das Programm den Beteiligten Türen in die Industrie und fördere ihre berufliche Laufbahn nachhaltig: «Für die Industriepartner ist die Aufnahme ins Femtec-Programm nämlich gleichbedeutend mit einem Gütesiegel», so Zingg. Tages-Anzeiger, 2. August 2007 |
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