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Dienerin Gottes mit Bodenhaftung


Priorin Irene trägt das hellblaue Baumwollkleid, das für Freizeit und Ferien vorgesehen ist und deshalb nur bis Mitte Wade reicht. Dies im Gegensatz zu ihrem schwarzen, bodenlangen Habit, den die Vorsteherin des Klosters Fahr an normalen Werk-, Sonn- und Feiertagen überzieht. Doch an diesem Donnerstagmorgen ist sie uns zuliebe von ihrem klar strukturierten klösterlichen Alltag abgewichen, hat das Morgengebet früher als üblich verlassen, ist in ihre Wanderschuhe geschlüpft und hat den schwarzen gegen ihren weissen Schleier getauscht. So begibt sie sich für dieses Gespräch mit uns auf den Weg durch die Landschaft rund ums Kloster Fahr.

Auch ein Kloster muss rentieren

Seit fünf Jahren steht Priorin Irene ihren aktuell 27 Mitschwestern vor und muss sich in dieser Funktion nicht nur um deren geistliches, sondern auch materielles Wohlergehen kümmern. «Damit eine Gemeinschaft wie die unsere leben kann», stellt sie nüchtern wie eine Managerin fest, «braucht sie auch wirtschaftliche Betriebe, die rentieren.» Das Kloster Fahr, angesiedelt in einer Enklave des Kantons Aargau, sei zwar Eigentum des Klosters Einsiedeln, müsse sich aber gleichwohl finanziell selber tragen.

Das ist nicht ganz einfach in einer Zeit, in der die Landwirtschaft nur noch bescheidene Erträge abwirft. Um so wichtiger ist es, dass auch die Weberei der Gemeinschaft ausgelastet ist, in der liturgische Gewänder hergestellt werden. Zudem sind die Schwestern auf einen gut frequentierten Klosterladen angewiesen, in dem der Wein von den eigenen Rebbergen, selbst gebraute Kräuterbrände und hauseigenes Gebäck verkauft werden.

Eine weitere Einnahmequelle bildet das Restaurant «Zu den zwei Raben», das der Klostervorsteherin in den letzten Jahren grosse Sorgen bereitet hat. Als es immer tiefer in die roten Zahlen geriet, entliess sie die langjährige Leiterin des Restaurantbetriebs. «Das löste einen grossen Tumult in den Medien aus», erzählt sie, «viele fanden es ungebührlich, dass ausgerechnet eine Nonne einen solch harten Schnitt macht.» Sie habe aber kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Nach sorgfältigem Abwägen sei sie zum Schluss gekommen, dass sie sich im Dienst der Gemeinschaft von einer Angestellten trennen musste, die nicht bereit war, am selben Strick zu ziehen und dringend anstehende Veränderungen mitzutragen. Deutliche Worte, unterstrichen von entschiedenen Gesten. Da spricht ein Mensch, der sicheren Grund unter den Füssen hat, eine Frau mit viel Selbstvertrauen, die sich trotz ihrer 43 Jahre etwas Mädchenhaftes, Natürliches bewahrt hat.

Herausforderungen im Klosteralltag

Irene Gassmann, wie ihr bürgerlicher Name lautet, besuchte die Bäuerinnenschule des Klosters Fahr und kam so erstmals in Berührung mit der Lebensgemeinschaft der Benediktinerinnen, von der sie sich stark angezogen fühlte: «Mit 21, also sehr früh, habe ich mich dafür entschieden, Nonne zu werden und mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen.» Nach der sogenannten Kandidatur, einem ersten Jahr zum Kennenlernen und Erproben der klösterlichen Lebensform, war sie überzeugt davon, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Sie wechselte ins Noviziat, eine Art Lehrzeit im Kloster mit intensivem Unterricht und einer Einführung in die Regel des heiligen Benedikt. «Das war ein sehr strenges Jahr, das mich herausforderte.» Nach der einfachen Profess, einem auf drei Jahre beschränkten Gelübde, legte sie im Alter von 26 ihr Gelübde auf Lebenszeit ab. Was für ein Festtag, an dem ihr ein schmaler goldener Reif als Zeichen ihrer Verbindung mit Gott auf den rechten Ringfinger geschoben wurde. Damit entsagte sie gleichzeitig einer weltlichen Ehe und Mutterschaft und verpflichtete sich, zölibatär zu leben. Ihre Eltern waren damals nicht sehr glücklich über den Entscheid ihrer Tochter und schrieben ihr kürzlich anlässlich des zwanzigsten Jubiläums ihrer ersten Profess: «Vor zwanzig Jahren war ein trauriger Tag für uns, aber heute sind wir stolz auf dich.»

Sie sei dankbar, sagt sie, dass sie diesen Weg gegangen sei. Ihr Leben sei reich und erfüllt, und sie vermisse weder eigene Kinder noch die Sexualität mit einem Partner. Dies entgegen den Vorstellungen vieler Menschen, die glauben, wer im Kloster lebe, vergrabe sich hinter hohen Mauern und friste ein freudloses Dasein. Nichts von alledem. Sie geniesse das Privileg, dass sie viel Zeit im Zwiegespräch mit Gott verbringen könne. «Dabei schöpfe ich Kraft und sehe auch in schwierigen Situationen wieder eine Perspektive.» Dazu habe sie als Priorin eine wundervolle Aufgabe, die sie fordere und dank der sie etwas bewegen und sich persönlich entwickeln könne. So wurde gerade die «Reorganisation des Klosters» abgeschlossen und einen weltlichen Verwalter anstelle des einstigen Bruders aus dem Kloster Einsiedeln ins Amt gesetzt. Das gesamte Organigramm modifiziert und dazu auch noch die Gottesdienstordnung. Das waren Veränderungen, die gut vorbereitet sein wollten. In der Gemeinschaft wurde viel diskutiert, ein Wort gab das andere, und am Schluss stand die Lösung, die das Gros der Nonnen mittragen mochte.

Solche Momente des Gesprächs sind selten in einer Gemeinschaft, die während des Betens, des Mittag- und Abendessens und, so weit wie möglich, auch während der Arbeitseinheiten das Gebot der Schweigsamkeit befolgt. Die Priorin empfindet diese Regelung als «erholsam und weise: In einer so kleinen Gemeinschaft wie der unseren, in der es nur wenig Neues zu berichten gibt, würden wir doch viel zu schnell beim Geschwätz landen.» Ganz ohne Unterhaltung müssen auch die Klosterfrauen nicht leben. Während der halbstündigen gemeinsamen Mahlzeiten wird abwechselnd ein weltlicher und ein spiritueller Text vorgelesen. Einen Fernseher gibt es aber nicht, und anstelle eines Handys benutzt Priorin Irene innerhalb des weitläufigen Klosterareals das alte Funktelefon. Wer wissen will, was politisch und kulturell läuft, hat zwei Tageszeitungen zur Auswahl.

«Wandern und Meditieren ergänzen sich»

Massvoll zu leben, entspricht einem Grundgedanken des heiligen Benedikt. Im Kloster Fahr schlägt sich dieses Gebot nicht nur in der Eindämmung der medialen Reize nieder, sondern noch viel elementarer in der strengen Strukturiertheit des Tagesablaufs: Sechsmal kommen die Nonnen zum Gebet zusammen, um 5.20 Uhr zum ersten und um 19.45 Uhr zum letzten Mal an einem Tag, dazwischen widmen sie sich jeweils für eineinhalb bis zwei Stunden ihrer Arbeit. Priorin Irene liebt diesen Rhythmus, der ihr erlaube, «ausgeglichen und in seelischer Balance zu leben». Es sei eine grosse Wohltat, sich nach einer zweistündigen Arbeitseinheit wieder im Gebet sammeln und zur Ruhe kommen zu können. Dieser Wechsel von Aktivität, Gebet, Stille und Meditation ist in ihren Augen eine wichtige Voraussetzung für die seelische Gesundheit. Damit könne sie sich gegen den Stress und das auszehrende Tempo wappnen, das heutzutage sehr viele Menschen krank mache.

Um auch körperlich fit zu bleiben, nimmt sich die Klosterfrau jeden Tag mindestens eine Viertelstunde Zeit, in der sie an die frische Luft geht und entweder im Garten ein paar Runden dreht oder sich aufs Velo setzt und in die nahe Umgebung radelt. Sie gesteht ein wenig schuldbewusst, dass sie sich eigentlich mehr bewegen sollte. Immerhin war sie kürzlich in den Ferien in einem befreundeten Kloster im Münstertal und hat jeden Tag eine ausgedehnte Wanderung gemacht. «Wandern und Meditieren ergänzen sich wunderbar.» Mit dem Hometrainer im Kloster Fahr hingegen, auf dem einige Mitschwestern ihre Kondition verbessern, kann sie sich nicht anfreunden.

Unser Rundgang neigt sich dem Ende zu. Priorin Irene schenkt uns zum Abschied ein besonders herzliches Lachen und entschwindet hinter den Klostermauern, wo sie sich wieder ganz in Schwarz hüllen wird. Bald steht das nächste Gebet an.


Die Priorin aus Dagmersellen

Priorin Irene, 43, stammt aus Dagmersellen, wo sie mit zwei Brüdern und einer Schwester auf dem elterlichen Bauernhof aufwuchs. Ursprünglich wollte sie Bäuerin werden und besuchte deshalb die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr. In dieser Zeit, sie war erst 21 Jahre alt, entschied sie sich, Nonne zu werden. Vor fünf Jahren wurde sie von ihren Mitschwestern zur Klostervorsteherin beziehungsweise Priorin gewählt, ohne für dieses Amt kandidiert zu haben. Sie ist für die Dauer von sechs Jahren gewählt, kann aber darüber hinaus im Amt bestätigt werden.

Das Kloster Fahr ist ein Benediktinerinnen-Kloster und bildet seit seiner Gründung im Jahr 1130 mit dem Kloster Einsiedeln eine Art Doppelkloster. Der Abt von Einsiedeln steht auch dem Frauenkloster vor.

Das Kloster Fahr kann auf Voranmeldung besucht werden. Mehr dazu unter www.kloster-fahr.ch.  

Willisauer Bote, 16. Januar 2009

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