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"Du hast es entschieden, und es ist gut so"
Der Pfarrer Eduard S. litt an Alzheimer und schied mithilfe von Exit freiwillig aus dem Leben. Seine Frau Ruth hat ein Buch darüber geschrieben. Es rührt an ein Thema, das bisher tabu war: Sterbehilfe bei Demenzkranken. 1993bis 1997: Eduard ist pensioniert, gesund und noch recht fit. Wir machen grosse Velotouren und gehen im Winter auf die Loipen. Doch eines Tages sagt er mir: «Ruth, mit mir stimmt etwas nicht.» Er wisse oft nicht mehr, ob er dieses oder jenes schon gesagt habe. Er wiederholt sich tatsächlich mehr als früher, und bei seinem letzten Auftritt als Aushilfsprediger verliert er den Faden. Es ist ihm so peinlich, dass er sich nie mehr in seinem Leben auf eine Kanzel wagt. Ein Neurologe untersucht ihn und stellt die Diagnose: epileptische Anfälle. Trotz der Medikamente, die Eduard von jetzt an schluckt, muss er Texte zwei- bis dreimal lesen, um sie einigermassen zu verstehen. Er macht Rechtschreibfehler, und in einem Gedächtnistraining schneidet er katastrophal ab. Ist Eduard wirklich Epileptiker? 1998: Im Nachbarort hält ein Arzt einen Vortrag über Demenzerkrankungen. Er spricht von Alzheimer und betont, wie wichtig die Früherkennung sei. Dank Medikamenten könne man den Verlauf verzögern. Eduard meldet sich sofort in der Memory-Klinik Entlisberg an. 6. März 1999: Die Diagnose: Alzheimer. Während der Arzt mit uns spricht, halten wir uns an den Händen. Ich kämpfe mit den Tränen, Eduard sagt nur, zum Glück habe er eine liebe Frau. Er weiss, was Alzheimer bedeutet, hat er doch drei Verwandte, die seit vielen Jahren in Pflegeheimen sind. Wir sind froh, bekommt er nun die richtigen Medikamente. Er spricht offen über seine Krankheit. Eine gute Freundin sagt, er kokettiere mit seinem Alzheimer und erschrecke damit seine Umgebung. Er solle doch bitte das Wort nicht mehr in den Mund nehmen. Ich entdecke einen handgeschriebenen Zettel auf Eduards Pult: «Meine Frau redet und redet und glänzt, um zu übertönen, dass ihr Mann Alzheimer hat.» Und weiter: «Ich will, dass ihr mein Schweigen hört und nicht übertönt, ihr Peiniger! Ihr habt nichts anderes zu tun, als mich zu fördern, mir das Wort, das ich beim Sprechen nicht mehr finde, suchen zu helfen.» Ich bin sehr betroffen und verstehe seinen Hilfeschrei. Wir führen lange Gespräche. Gleichzeitig reisen wir mit dem Auto durch Frankreich, Italien und Spanien, nur sitze jetzt ich am Steuer, organisiere alles und denke für zwei. Den Kunstführer aber hält nach wie vor Eduard in der Hand. 2000: Eduard fährt mit der Bahn allein an ihm bekannte Orte und besucht dort die Museen. Nach der «Tagesschau» diskutieren wir über Politik, fast wie früher, nur langsamer. In solchen Momenten denke ich, dass alles gar nicht so schlimm sei. Aber in diesen Tagen schreibt er auch: «Vergessen heisst, langsam zu Tode gequält werden. Granit zerbricht in Staub, was fest war, wird zur Wüste.» Wenn Leute zu mir sagen, als Angehörige eines Alzheimerkranken hätte ich es schwieriger als der Patient selber, der bekomme ja nicht mehr viel mit, werde ich wütend. Auch wenn Eduard selten klagt, zeigen mir seine Notizen, wie sehr er kämpft und leidet. 2001: Wir sind beide seit über zwanzig Jahren Mitglied bei Exit. So sagt Eduard eines Tages zu mir, er wolle nicht jahrelang in einem Pflegeheim liegen, mich nicht mehr erkennen und völlig verblöden, er wolle nun seinen Tod vorbereiten. Wir vereinbaren einen Termin mit Werner Kriesi, Pfarrer und Sterbebegleiter bei Exit. Er weist uns eindringlich darauf hin, dass sich ein Demenzkranker zum Freitod entscheiden müsse, solange sein Verstand noch intakt sei, er also noch urteilsfähig sei. Wenn er nicht mehr wisse, was er tue, dürfe ihm kein Sterbehelfer das todbringende Mittel geben. Es kann in Eduards Fall heissen, dass er ein Stück Leben, das noch schön und lebenswert wäre, nicht mehr wird erleben können. Dessen ungeachtet will Eduard alles in die Wege leiten. Er sucht einen Vertrauensarzt von Exit auf, der seine Urteilsfähigkeit zum jetzigen Zeitpunkt bestätigt und ihm das Rezept für das Barbiturat verschreibt. Er bittet mich, ihm jeweils ehrlich zu sagen, wie es um seinen Gedächtnis-Zustand stehe, sodass er den entscheidenden Moment nicht verpasse. Ich werde Werner Kriesi alle drei, vier Monate anrufen und ihm mitteilen, wie es meinem Mann geht. Eduard ist erleichtert, eine grosse Last ist von ihm gefallen. Jetzt spricht er auch mit unseren Kindern über sein Vorhaben. Sie respektieren alle den Willen ihres Vaters. 2002: Zu meinem Geburtstag schreibt mir Eduard: «Deine Freude, deine Liebe wird aufgefressen von einem Untier, das ohne Gnade ist, dem Alzheimer.» 2003: Ich habe es versäumt, Werner Kriesi in den vereinbarten Abständen über den Verlauf der Krankheit zu orientieren. So erkundigt er sich von sich aus, wie es Eduard gehe. Als er hört, dass dieser jetzt auch mit dem Reden immer grössere Mühe habe, führt er mit ihm ein sehr ernstes Gespräch. Er fragt ihn, ob er immer noch mit Exit aus dem Leben scheiden wolle. Als Eduard dies bestätigt, mahnt er zu Wachsamkeit. Gegen Ende dieses Jahres will Eduard nun seinen Lebenslauf für seine Beerdigung schreiben. Plötzlich findet er, es sei höchste Zeit dazu. Ich schreibe und helfe ihm beim Formulieren der Sätze. 2004: Eduards Angst, die Sprache vollständig zu verlieren, wird immer grösser. Manchmal weinen wir. An anderen Tagen ist er zornig und schreit: «Muss ich diese Scheisskrankheit haben?» Er beruhigt sich jeweils rasch, nimmt seine Säge und geht in seinen geliebten Wald. Zwei Stunden später kommt er heim, bepackt mit Holz und sagt: «So hast du genug Holz fürs Cheminée, wenn ich nicht mehr da bin.» 2005: Grosses Erschrecken am 2. Januar. Eduard weiss meinen Namen nicht mehr. Ich antworte ihm: «Ich bin deine Ruth.» Von diesem Tag an trägt er in seiner Hosentasche ein Foto von mir. Oft schaut er es an und sagt: «Ich will sterben, solange ich dich noch kenne. Ich habe keine Heimat mehr.» Eduards Zustand verschlechtert sich. Werner Kriesi erklärt, wir kämen an eine Grenze, und Eduard müsse sich nun ernsthaft fragen, ob er an seinem Entschluss zu sterben, bevor er völlig dement sei, festhalten wolle. Ja, er will das. Dann sei es an der Zeit, sagt Kriesi, dass er sich mit dem Gedanken befasse, Ende Mai, Anfang Juni zu sterben und bis dann Abschied zu nehmen von dieser Welt und seinen Lieben. Ich bin schockiert: So schnell? Wir wollten doch noch einmal gemeinsam nach Italien reisen. Davon lassen wir uns auch nicht abbringen. Doch vor der Abreise gehen wir noch zu einem Psychiater, um abklären zu lassen, ob er noch voll urteilsfähig sei. Das ist er. Nach den Ferien, Anfang Juni, ist sein Sterbebegleiter abwesend. Ich atme auf: Gnadenfrist. Gleichzeitig achte ich sorgfältig darauf, ob Eduards Denkfähigkeit noch intakt ist. Sommer 2005: Eduard ringt um einen Entscheid. Er sagt: «Ich muss bald sterben, aber das Leben ist noch so schön.» Eines Tages will er das Pflegeheim Sonnweid besuchen, in dem Demenzkranke leben. Obwohl es ein heller, gepflegter Ort ist, fasst er mich später an der Hand und sagt: «Da gehe ich nie mehr rein, eher springe ich von einem Turm.» September 2005: Werner Kriesi besucht uns zu Hause. Wir essen und trinken zusammen. Er sagt: «Wir sind nahe an der Grenze und sollten den Sterbetag bestimmen.» Eduard nickt: «Ja. Machen wir es.» Eigenartig, nachher fühlen wir uns gut, fast heiter. Die Entscheidung ist getroffen. Oktober 2005: In fünf Tagen ist es so weit. Der Psychiater bestätigt ein letztes Mal, dass Eduard noch urteilsfähig sei. Wir machen einen Spaziergang am Waldrand. Die Welt strahlt in Braun und Gold. Wir rascheln wie Kinder durchs trockene Laub, sind nachdenklich und fröhlich. Wir schwelgen in Erinnerungen, lachen auch. Da sagt Eduard plötzlich: «Oder wollen wir doch noch eine Woche warten?» Ich spüre Angst in mir aufsteigen. Ich möchte meinen Mann so gern noch bei mir haben, ihn spüren. Aber wenn es dann zu spät ist? Ich will und darf ihn nicht aufhalten. Ich erwidere: «Lieber, was zählt schon eine Woche, gemessen an fünfzig Jahren gemeinsamen Lebens? Leide nicht noch eine Woche länger. Du hast es entschieden, und es ist gut so.» 26. Oktober 2005: Um 9 Uhr kommen der Sterbegleiter und der Psychiater. Wir sprechen eine Weile mit ihnen, Eduard möchte noch ein Glas Wein. Bei allem Abschiedsschmerz fühle ich mich geborgen in dieser liebevollen Atmosphäre und halte Eduards Hand. Ich spüre, dass er keine Angst hat. Dann trinkt er das Sterbemittel in zwei Zügen. Durch mein Herz geht ein Stich. Das Barbiturat wirkt rasch. Seine Augen fallen zu, er schläft ein. Eduard stirbt. Sein Lebenskreis ist geschlossen. In seinem Nachlass entdeckt Ruth 2009 einen Brief, datiert vom 5. September 1993: «Ich bin geängstigt. Ich mache Fehlleistungen, vergesse Namen, wie ich das noch nie erlebte. Meine Vergesslichkeit ist nicht normal. Ich möchte die Alzheimerkrankheit wirklich nicht bekommen, lieber sterben. Ich will auch sterben, wenn die Diagnose einmal so ist, was soll mir dann das Leben?»
Ein Buch und seine Nachgeschichte Zürich. - Ende 2008 hat Ruth Schäubli-Meyer ein Buch über die letzten Jahre ihres dementen Mannes veröffentlicht: «Ich habe Alzheimer. Wie will ich noch leben - wie sterben?» Als sie es dem Kirchenrat des Kantons Zürich mit der Bitte um eine Stellungnahme zu Freitod bei Alzheimer schickte, erhielt sie einen nichtssagenden Brief, der sie erzürnte. Inzwischen hat sich Kirchenratspräsident Ruedi Reich in einem persönlichen Gespräch bei ihr dafür entschuldigt. Der Leiter des Pflegeheims Sonnweid schickte ihr das Buch mit den Worten zurück: «Ich finde es auch heute, nach der Lektüre des Büchleins, nicht richtig, dass ihr diesen Weg gegangen seid. Aber es war euer Entscheid, und das respektiere ich.» Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf schrieb ihr: «Ihre Gedanken zum Thema Sterbehilfe habe ich mit grossem Interesse zur Kenntnis genommen. Der Bericht, in welchem Sie die Erfahrungen niedergeschrieben haben, die Sie mit Ihrem an Alzheimer erkrankten Mann gemacht haben, hat mich tief berührt. Ihre Überlegungen werden mir bei der weiteren Arbeit sehr hilfreich sein.» (B. L.)
Eduard S., geboren 1928, war Pfarrer und Psychotherapeut. Er lebte mit seiner Frau im Kanton Zürich. Er schied 2005 mit Exit aus dem Leben, nachdem er sieben Jahre an Alzheimer gelitten hatte. Seine Frau Ruth, geboren 1930, war Erwachsenenbildnerin und führte eine psychologische Praxis, die sie 1999 aufgab, als ihr Mann erkrankte. Das Paar war 49 Jahre verheiratet. Erinnerungen an 49 gemeinsame Jahre, bevor der an Alzheimer erkrankte Eduard S. die Sterbehilfe von Exit in Anspruch nahm. Tages-Anzeiger, 5. Mai 2009 |
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