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Die Vermittlerin
Die Patronne ist in Fahrt. Mit entschlossenen Schritten, den Oberkörper leicht vornüber gebeugt, durchmisst sie den Gang zu ihrem Büro, ruft einer Mitarbeiterin ein freundliches "Bonjour" zu und nimmt schliesslich Platz. Christine Theodoloz-Walker blickt erwartungsvoll in die Welt, ihre vergissmeinicht-blauen Augen hellwach, ihre ungeschminkten Lippen lächelnd. Ihr schlohweisses, sehr kurz geschnittenes Haar bildet einen starken Kontrast zu dem hellroten ärmellosen Sommerkleid und ihrer Brille, deren Rahmen schimmert wie reife Himbeeren. Christine Theodoloz ist die Generaldirektorin, das Gesicht, aber auch die Seele des Stellenvermittlers IPT, Integration pour tous, der Menschen mit körperlichen, psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen in die Arbeitswelt zurückführt. Die private Stiftung wurde 1972, mitten in der Ölkrise, von einer kleinen Gruppe Genfer Unternehmer gegründet, deren Credo lautete: Es gibt behinderte Menschen, die aber gleichwohl über persönliche und berufliche Ressourcen verfügen, dank denen sie einen Beitrag im Arbeitsleben leisten können. Das Bindeglied zwischen diesen beiden, oft sehr unterschiedlichen Welten ist IPT. Die Aufgabe ihrer spezialisierten Berater ist es, die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Frau mit multipler Sklerose oder des vorübergehend depressiven Mannes und die Bedürfnisse der Firmen aufeinander abzustimmen. Unternehmen, die mit IPT zusammenarbeiten, äussern sich gemäss einer Umfrage in über neunzig Prozent der Fälle zufrieden. Als Theodoloz eine Filiale in Zürich eröffnen wollte, gelang es ihr letztes Jahr, bei Swiss Re, Swiss Life und Credit Suisse ein Startkapital in der Höhe von einer Million Franken aufzutreiben, die nicht zuletzt deshalb zusammenkamen, weil die Sechzigjährige die Wirksamkeit der IPT-Tätigkeit belegen und die drei Konzerne damit auf ihrem ureigenen Gebiet, der Ökonomie, zu überzeugen vermochte. Theodoloz selber ist seit 1991 dabei. Die Frau, deren Wurzeln im Oberwallis liegen, wollte schon als kleines Mädchen einen Beruf ausüben, in dem sie anderen helfen kann. Physiotherapeutin, nicht Sozialarbeiterin sollte es sein, weil es ihr wichtig war, "andere Menschen wieder auf die eigenen Beine zu stellen." Die Idee verlief sich im Sand, aber die Älteste einer neunköpfigen Geschwisterschar hatte innerhalb ihrer grossen Familie wiederholt Gelegenheit, anzupacken und zu helfen. Insbesondere in jener schwierigen Zeit nach der Geburt des siebten Kindes, in der die Mutter erkrankte und monatelang im Spital gepflegt werden musste. Zu IPT kam die Absolventin einer höheren Handelsschule per Zufall. Sie hatte bereits zwei Töchter und einen Sohn, war anfangs 40 und suchte eine berufliche Veränderung, etwas Neues, das sie als sinnvoll empfand. Das Stellenangebot einer Bank schmeichelte ihr zwar, aber nach wenigen Minuten verwarf sie es in der sicheren Gewissheit, dass es sie niemals erfüllt hätte. IPT wurde mehr, "als ein Traumjob hätte bieten können". IPT ist Berufung, Liebe und Leidenschaft, aber gleichzeitig auch Knochenarbeit, Sechs- bis Siebentage-Wochen, nicht selten durchzogen von traurigen Erlebnissen und Enttäuschungen. Unter dem Strich aber stimmt das Ergebnis: Jahr für Jahr betreuen die 110 IPT-Mitarbeiter über 2500 Menschen, und es gelingt ihnen, rund 1200 zu vermitteln, mehr als die Hälfte dauerhaft. Gleichzeitig werden1600 mehrmonatige Praktika organisiert, die einen ersten Schritt zurück in die Arbeitswelt darstellen. Diese Resultate fussen auf Kontakten zu mehr als 9000 Partnerunternehmen und 1700 Firmenbesuchen pro Jahr, während denen sich IPT vor Ort ein Bild macht und gleichzeitig die Anliegen ihrer Klienten vertritt. Das Profil dieser Männer und Frauen, die meistens via regionalem Arbeitsvermittlungszentrum zu den IPT-Zweigstellen in der ganzen Schweiz gelangen, ist ernüchternd: Die Mehrheit ist über vierzig oder gar fünfzig Jahre alt, alle sind behindert oder chronisch krank, viele dazu auch psychisch angeschlagen, sie sind schlecht oder gar nicht ausgebildet, ein Grossteil ist seit vier oder fünf Jahren arbeitslos, 42 Prozent von ihnen stammen aus dem Ausland: Das sind nicht die Menschen, auf die die Arbeitgeber warten, schon gar nicht während einer Wirtschaftskrise, wie sie momentan herrscht. Die aktuelle Situation macht Christine Theodoloz denn auch grosse Sorgen und lässt die zwei steilen Falten an ihrer Nasenwurzel tiefer werden: "Wir wissen noch nicht, wie stark unsere Leute darunter leiden werden." Doch mit der ihr eigenen Entschlossenheit hält sie dagegen: "Alles ist möglich, solange man nur will und motiviert zur Rückkehr in die Arbeitswelt ist." In der Firmenzentrale in Vevey am Genfersee erlebt Theodoloz gerade eine Frau, die sich trotz einer schweren Krebserkrankung, zahlreichen Operationen und grossen psychischen Problemen ihren Weg zurück ins Berufsleben erkämpft. IPT hat ihr ein Teilzeitpensum garantieren können, das sie nun nach und nach übernimmt. "Diese Kollegin ist unser Sonnenstrahl", sagt Theodoloz, "wir alle sind glücklich, sie bei uns zu haben." In der Regel dauert es sechs Monate, bis die IPT-Beraterinnen für eine Person auf Stellensuche einen passenden Job gefunden haben, es sei denn, sie haben es mit Menschen zu tun, die nicht vermittelbar sind, weil sie beispielsweise zunächst eine Psychotherapie machen müssen. Die anderen durchlaufen einen Prozess mit verschiedenen Stationen: In einer Standortbestimmung definieren sie ihre Stärken, aber auch Schwächen und Grenzen und formulieren ihre Erwartungen. In einem zweiten Schritt beginnen sie, sich auf die Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit vorzubereiten, besuchen Kurse zu Kommunikation und Change Management, mit dem Ziel, ein klar umrissenes Bild ihrer künftigen Berufsarbeit zu entwerfen und damit ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Dann absolvieren sie Praktika oder werden in einem Unternehmen auf Probe beschäftigt. Im Idealfall kommt es anschliessend zur Anstellung. Die Mehrheit der Partnerunternehmen stammt aus den Bereichen Verkauf, Industrie und Gesundheitswesen. Fast nie stellen Banken, Versicherungen und Gastronomie-Betriebe Menschen mit Behinderung an. Christine Theodoloz zuckt mit den Achseln und kann ihren Unmut nur schlecht verbergen: "Warum das so ist? Ich weiss es nicht." Dabei versteht sich IPT ausdrücklich als "Vorzimmer der Unternehmen" und denkt in Kategorien von "pragmatischem Realismus", "Realisierbarkeit der Vermittlungen" und deren "Dauerhaftigkeit". Dass zwei Jahre nach der Platzierung noch mehr als 65 Prozent am selben Arbeitsplatz anzutreffen seien, so Theodoloz, entspreche den Verhältnissen unter Nicht-Behinderten. Die Generaldirektorin spricht viel von Zahlen, Zielen, deren Validierung und notwendigen Optimierungen - kurz, sie bedient sich des Vokabulars einer Managerin aus der Privatwirtschaft und handelt wie eine solche. Schliesslich ist sie verantwortlich für die Strategie von IPT, dessen Budget, das jährlich rund zwanzig Millionen Franken beträgt, Personal und Auftritt in der Öffentlichkeit. Sie will von den Unternehmen keine Almosen, sondern Stellenangebote, für die IPT die passenden Kandidaten evaluiert. Das ist alles andere als Sozialromantik, das ist unternehmerisches Denken und gleichzeitig der Schlüssel für den Erfolg von IPT, der auch im Ausland zur Kenntnis genommen wird. So wurde Theodoloz vor kurzem zur Seniorpartnerin des internationalen Netzwerks "Ashoka" erkoren, das die Tätigkeit von IPT als "revolutionär" bezeichnet. Kein Wunder, gelangen immer wieder Interessenten aus Deutschland, Italien, Frankreich, aber auch Afrika und Südamerika an die Schweizer Pioniere und bitten um Unterstützung beim Aufbau einer eigenen Arbeitsvermittlung. Christine Theodoloz-Walker weiss, wie gross ihr Stellenwert für IPT ist. Trotzdem ist die Sechzigjährige bereits damit beschäftigt, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für sich zu suchen: "Ich werde in 24, spätestens 36 Monaten von meinem Amt als Generaldirektorin zurücktreten." Danach wird sie nicht nur Zeit für ihre Enkelkinder haben, sondern auch Gelegenheit, sich der internationalen Vernetzung des IPT-Modells zu widmen. Dass interessante Aufgaben auf sie warten, zeigt die Anfrage eines Mitglieds der kolumbianischen Regierung, die dabei ist, die ehemaligen Farc-Guerillakämpfer wieder in das normale Arbeitsleben zu integrieren. Annabelle, 7. Oktober 2009 |
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