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Interview mit dem ehemaligen Priester Josef Hochstrasser über Onanie und sein aufgegebenes Zölibat
Josef Hochstrasser, 48, erhielt 1973 die Priesterweihe. Nachdem er sich verliebt und zur Ehe entschlossen hatte, wurde er vier Jahre später in den Laienstand versetzt. Heute ist er reformierter Pfarrer und arbeitet als Religionslehrer an der Kantonsschule Zug. Hat Sie der Fall Vogel an Ihre eigene Geschichte erinnert? Josef Hochstrasser: Und wie! Genau wie Hansjörg Vogel war ich ja erst kurz im Amt, als ich meine Frau kennenlernte. Man stelle sich das einmal vor: Ein knappes Jahr erst lag meine Priester weihe zurück, und ich hatte mich verliebt! Auch wenn man zunächst im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, erlebt man doch einen gewaltigen Absturz und fühlt sich sehr einsam. Als Sie 1973 zum Priester geweiht wurden und sich damit bereit erklärten, zölibatär zu leben, waren Sie 26 Jahre alt. Hatten Sie vorher sexuelle Erfahrungen gemacht? Hochstrasser: Nein. Ich wurde ganz stark katholisch erzogen und war mir eigentlich schon im Alter von etwa zwölf Jahren im klaren, dass ich Priester werden wollte. Damit wusste ich, dass ich nie ein sexuelles Wesen sein würde, das heisst, dass ich einen Weg finden musste, um mit meiner Sexualität umzugehen. Denn dass sie da war, hatte ich natürlich längst gespürt. Auf welche Art hat sich Ihre Sexualität aller Verbote zum Trotz bemerkbar gemacht? Hochstrasser: Ich hatte viele, viele erotische Phantasien. Die sexuelle Begegnung mit einer Frau habe ich in meinen Gedanken wieder und wieder durchlebt. Haben Sie auch onaniert? Hochstrasser: Eher wenig. Die Onanie ist ja jedem Katholiken, nicht nur einem Priester, verboten. Da würden doch, hiess es, Millionen von Samen sinnlos verschwendet. Als junger Mann hatte ich grosse Skrupel punkto Onanie. Gab es vor Ihrer Frau keine anderen Frauen, die Sie zumindest erotisch angezogen hätten? Hochstrasser: Doch. Während meines Studiums bei den Jesuiten in Innsbruck bin ich einmal während eines Gartenfestes mit einer Studentin unter einem Apfelbaum gelegen. Aber das war ein Flirt - mehr nicht. Woher hatten Sie in einem solchen Moment die Kraft, Widerstand zu leisten, statt sich Ihrer Lust hinzugeben? Hochstrasser: Ich war damals 25 Jahre alt, stand also ein Jahr vor der Priesterweihe. Ich glaube, dass der Gedanke an die Macht, die mindestens damals noch mit dem Amt eines Priesters verbunden war, durchaus seinen Reiz hatte und mir ebenfalls Lust verschaffte. Wie haben Sie in jenen Jahren Frauen wahrgenommen? Hochstrasser: Als etwas Geheimnisvolles, manchmal sogar als etwas Unheimliches. Als ich 20 wurde, spürte ich dann immer stärker, wie positiv sie auf mich wirken. Als es dann soweit war und das Schicksal Sie mit Ihrer Frau zusammenführte, waren Sie 27 Jahre alt. Brauchte es Mut, sich zum erstenmal in Ihrem Leben auf eine Liebesbeziehung einzulassen? Hochstrasser: Ja, natürlich. Eine Zeitlang habe ich stark unter dem Ge wissenskonflikt gelitten, ein Versprechen gebrochen zu haben. Hatten Sie schon vor der Hochzeit sexuelle Kontakte zu Ihrer Frau? Hochstrasser: Ja. Wie fühlte sich das für Sie an? Hochstrasser: Sehr gut, wirklich gut. Nachdem für mich klar war, dass sich eine Beziehung zwischen uns entwickeln würde, gehörte die Sexualität dazu: zunächst fein und dann sich steigernd. Waren Sie nach den langen Jahren katholischer Prägung nicht sexuell verklemmt? Hochstrasser: Nein, das war bei mir überhaupt nicht so. Denn die gleiche Kirche, die es mir verboten hatte, ein sexuelles Wesen zu sein, hatte mir auf andere Art sehr viel Sinnlichkeit vermittelt. Denken Sie doch nur an all die Feste, wie beispielsweise Fronleichnam, an denen man in die Natur hinausging, die blühenden Blumen bestaunte, an ihnen roch. Da war viel Sinnesfreude vorhanden, die ich voll in mich aufgesogen habe. Sie haben erstmals mit 27 Jahren mit einer Frau geschlafen. Wie haben Sie dieses «erste Mal» in Erinnerung? Hochstrasser: Es war ein ganz gewaltiges Erlebnis. Im Nachhinein bin ich froh, dass es so spät passiert ist. Natürlich hatte ich dieses «erste Mal» in meinen Phantasien schon x-mal vorweggenommen, aber als es dann wirklich soweit war, war es eine im guten Sinne erschütternde Erfahrung. Hatten Sie keine Angst vor einer Schwangerschaft? Hochstrasser: Doch, diese Angst hatten wir tatsächlich. Empfängnisverhütung kam nicht in Frage für Sie? Hochstrasser: Wir wollten nicht verhüten; das hatte nichts mit dem kirchlichen Verbot zu tun. Das war unser Spiel mit dem Feuer. Die Sexualität hat Ihr Leben in jeder Beziehung auf den Kopf gestellt. Enorm, welche Bedeutung sie für Sie während einer gewissen Phase hatte. Hochstrasser: Es ist schön, dass Sexualität einen solchen Schub verur sachen kann. Aber nach einer gewissen Zeit bin ich dann auch wieder zu Sinnen gekommen. Ich habe meine Frau ja keineswegs nur als sexuelles Wesen wahr genommen, sondern auch ihre Qualitäten in ihrem Beruf als Religionslehrerin und - so altmodisch das klingen mag - im Haushalt geschätzt. Aber Sexualität war damals ein gewaltiger Motor für mich. Und heute? Hochstrasser: Heute ist meine Sexualität ruhiger, aber auch fröhlicher und gelassener geworden. Facts, 8. Juni 1995 |
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