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Das Drama der begabten Dame: Alice Miller steht wegen eines Scharlatans vor einem Scherbenhaufen


Mit ihrem Kultbuch «Das Drama des begabten Kindes» hatte Alice Miller Weltruhm erlangt. Doch jetzt befindet sich die Psychoforscherin selber in einem Zustand tiefster Depression: Die 72jährige mit Wohnsitzen in der Schweiz und Frankreich hat ihren inneren Frieden verloren. Millers Freunde halten es «für ein kleines Wunder, dass sie überhaupt noch lebt». Wochenlang habe die öffentlichkeitsscheue alte Dame «kaum gegessen und nur noch zwei, drei Stunden pro Nacht geschlafen».

Millers tiefe Erschütterung hat einen nachvollziehbaren Grund: Die Psychologin, deren Bücher millionenfach verkauft worden sind, sieht sich mit der wohl folgenschwersten Fehleinschätzung ihres beruflichen Lebens konfrontiert. Zuerst hatte sie den Berner J. Konrad Stettbacher mit einer geradezu hymnischen Fürsprache zum internationalen Therapie-Guru emporstilisiert. Jetzt entpuppt er sich für sie je länger, je drastischer als fachliche und menschliche Enttäuschung. Und Stettbachers Imageverlust, das macht Millers Lage so fatal, beschädigt auch ihre Glaubwürdigkeit.

Tatsächlich steht Stettbacher unter grossem Druck. Vor wenigen Tagen hat die Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektion dem 65jährigen seine Praxisbewilligung entzogen, die schon seit fünf Jahren nur provisorisch war. Stettbachers Aus- und Weiterbildung wird als ungenügend taxiert. Zusätzlich sieht sich der Therapeut mit dem Vorwurf der Verletzung der Schweigepflicht, der sexuellen Ausbeutung von Klientinnen und deren gewalttätiger Manipulation konfrontiert. Ein Schlag ins Gesicht von Miller, die sich ihren guten Namen nicht zuletzt als Vorkämpferin gegen sexuelle Ausbeutung erworben hat.

Stettbacher droht tief zu stürzen. Bislang konnte sich der Startherapeut im Status eines bedeutenden Heilbringers sonnen. Jetzt nehmen die Vorwürfe gegen ihn immer klarere Konturen an. An der Spitze seiner heftigsten Kritiker und Kritikerinnen steht jetzt auch seine Ziehmutter Alice Miller, die ihn einst grossgemacht hat und nun darum ringt, der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht zu enthüllen. Diese Aufgabe ist es, an der Miller schier zerbricht.

Die verhängnisvolle Geschichte begann Anfang der achtziger Jahre. Damals stiess Miller bei der Lektüre des Romans «Steinzeit» der Schweizer Schriftstellerin Mariella Mehr auf die Schilderung einer als «lebensrettend» bezeichneten Psychotherapie. Stets auf der Suche nach erfolgversprechenden Therapieformen liess sich Miller von Mehr den echten Namen ihres Therapeuten geben: J. Konrad Stettbacher, Primärtherapeut mit Praxis in Bern.

Miller, die nach ihrem Bruch mit der Psychoanalyse - jener Methode, der sie während zwanzig Jahren das Wort geredet hatte - neue Wege beschritt, unterzog sich in jenen Jahren einer Art Selbstversuch mit der Primärtherapie - allerdings bei einem anderen, nicht näher von ihr bezeichneten Therapeuten. Drei Wochen lang liess sie sich auf die sogenannte Intensivphase oder Basis ein, bei der die psychische Abwehr in dunk len, schallisolierten Räumen radikal abgebaut wird und die Patienten in den Zustand eines hilflosen Kleinkinds zurückversetzt und damit total abhängig vom Therapeuten werden. Miller durchlitt Höllenqualen und dachte an Selbstmord.

In dieser traumatischen Phase kontaktierte sie Stettbacher. Er empfahl ihr, ihre quälenden Erfahrungen aufzuschreiben, was Miller unverzüglich und mit erlösendem Effekt tat. Sie gewann darob den Eindruck, dank Stettbacher über den Berg zu sein, und schenkte jenem Mann, den sie - wie sie heute ausdrücklich betont - «nur ein einziges Mal gesehen hat» und mit dem sie sonst ausschliesslich telefonisch und per Fax kommuniziert hatte, ihr volles Vertrauen.

In der Folge vertauschten sich die Rollen. Nun war es Miller, die Stettbacher dazu anhielt, seine Methode schriftlich niederzulegen. Ende der achtziger Jahre verschaffte sie ihm Kontakte zum deutschen Grossverlag Hoffmann und Campe, der 1990 Stettbachers Therapiebeschreibung «Wenn Leiden einen Sinn haben soll» herausgab.

In ihrer Stettbacher-Euphorie schlug Miller alle Warnungen in den Wind. Immerhin hatte sich ihr Hausverlag Suhrkamp geweigert, das Büchlein des Schweizers zu verlegen. Doch Miller warf ihren grossen Namen mit in die Waagschale und wertete Stettbachers Erstling mit einem Vorwort auf, das in unkritische Reklame ausartete: «... kann ich diese Therapie jedem leidenden und hilfesuchenden Menschen vorbehaltslos empfehlen.» Gleichzeitig druckte Miller die Fürsprache für den vorher praktisch unbekannten Stettbacher in ihrem Werk «Abbruch der Schweigemauer» (1990) ab, in dem sie ihn durchgehend zum einzig integren Therapeuten erhob. Fortan bestückte sie alle ihre neuaufgelegten Bücher mit dem «Standort 1990». In dieser psychologischen Auslegeordnung kam Stettbacher in den Genuss von zusätzlicher wertvoller Gratisreklame.

Millers enthusiastisches Lob für Stettbachers «revolutionäre Entdeckung» beziehungsweise «den Durchbruch zu einem völlig neuen Konzept der Hilfe und Selbsthilfe» tat wie erwartet seine Wirkung. Sein Buch wurde zum vielbeachteten Therapieleitfaden. Er stiess auf ein grosses Medienecho, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und bisher allein im deutschsprachigen Raum gegen 60 000mal verkauft. Tausende von Hilfesuchenden aus aller Welt hätten, so Hubertus Rabe, Lektor von Hoffmann und Campe, um Stettbachers Adresse gebeten; psychologische Beratungsstellen erhalten noch heute Post für den Mann, der in seiner Wirkung an etwas Sektiererisches erinnert. Die Warteliste des grossen Meisters soll 15 000 Namen enthalten. Seit langem kann es sich Stettbacher leisten, alle Bitten um einen Therapieplatz mit einem Standardschreiben abschlägig zu bescheiden.

Millers Vertrauen in Stettbacher muss grenzenlos gewesen sein. Während fünf Jahren liess die Vorzeigeautorin ihren Zögling Stettbacher sogar ihre eigene Leserpost beantworten. Klagen von Frauen über Stettbachers Übergriffe mussten zwangsläufig nicht die um Hilfe angegangene Miller erreicht haben, sondern direkt beim Berner Therapeuten gelandet sein. Stettbacher nutzte zudem seinen Status und verschickte ungeniert Rundschreiben in eigener Sache anstelle gewünschter Antwortschreiben von Miller.

Das ist nicht die Art des feinen Psychologen. Aber Stettbacher war ursprünglich ja auch Lampenhändler und hatte sich als Autodidakt geschult. Er hat weder studiert noch einen der offiziell anerkannten psychotherapeutischen Ausbildungsgänge durchlaufen. Fernab von kollegialen Kontakten, ganz zu schweigen von fachlicher Kontrolle durch eine Supervision, arbeitete er in hermetischer Abgeschirmtheit an seiner Karriere. 1990 wurde ihm - nach dem Inkrafttreten der Berner Verordnung über die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten - folgerichtig nur eine provisorische Praxisbewilligung für fünf Jahre erteilt, die am 31. Mai endgültig abgelaufen ist. Die Auflagen für eine definitive Bewilligung hat er mangels genügender Aus- und Weiterbildung nach wie vor nicht erfüllt.

Doch nach seiner Ausbildung hat Alice Miller ihn nie gefragt. Dabei hatten Fachleute wie der Berner Psychologieprofessor Klaus Grawe nie einen Hehl aus ihrer Geringschätzung der Stettbacherschen Methode gemacht: «Ich habe diese Therapieform schon immer für unseriös, verantwortungslos, ja, in der Art, wie sie Patienten abhängig macht, sogar für höchst suspekt gehalten.»

Stettbacher verlangte von seinen Patientinnen und Patienten teils beachtliche Summen. Für eineinhalbjährige Behandlungen forderte er bis zu 25 000 Franken. Andere, wie Mariella Mehr, betonen, nahezu «gratis» von ihm therapiert worden zu sein. Auch diese vermeintliche Wohltätigkeit taxieren Experten wie Peter Landolf, der Ombudsmann des Verbandes Bernischer Psychologen und Psychologinnen, «als unethisch». Sie treibe die Patienten in «einen Zustand der unwürdigen Abhängigkeit» und belaste sie schwer mit dem Gefühl, «dem Therapeuten etwas schuldig zu bleiben».

Alice Miller, scheint es, wusste von allem nichts - oder verschloss geflissentlich ihre Augen vor der Realität. Vielleicht war ihr tatsächlich unbekannt, dass Stettbacher bereits Anfang der achtziger Jahre in Bern vor Gericht stand. Er wurde von seiner ehemaligen Patientin Ursula S. der sexuellen Ausbeutung beschuldigt. Die Verhandlung endete «mangels Beweisen» mit einem Freispruch. Doch das Auftreten des Richters, erinnern sich Szenekenner, habe «deutlich gezeigt, dass dieses Urteil mit Unbehagen gesprochen» worden sei.

Unverzeihlich ist aber, dass Miller die schriftlichen Schilderungen einer weiteren Stettbacher-Patientin über sexuelle Missbrauchserfahrungen nicht ernst nahm. Im Gegenteil. Miller, die stets gegen sexuelle Gewalt angeschrieben und mit dem Artikel «Die Töchter schweigen nicht mehr» («Brigitte», 1982) grosses Aufsehen erregte, verbannte derlei Beschreibungen - nach Kontaktnahme mit Stettbacher (sic!) - in den Bereich von Patientinnenphantasien.

Allerdings hielten sich die Gerüchte hartnäckig. Ursula S., die seinerzeit gerichtlich gegen ihn vorgegangen war und der mehrere Fachleute Glaubwürdigkeit attestierten, schildert ihre eineinhalbjährige Therapieerfahrung noch heute in beklemmender Präzision. So habe Stettbacher sie in der mehrwöchigen Anfangsphase in einem vollständig dunklen Raum gehalten, obwohl er ihre panische Angst vor Dunkelheit gekannt habe. Vor lauter Erschöpfung sei sie immer wieder in Ohnmacht gefallen oder dann in solche Extremzustände geraten, dass er sie mittels Beruhigungsmitteln habe «runterspritzen» müssen, was er als Nichtmediziner gar nicht durfte. Immer wieder habe er ihr Geschlechtsverkehr und oralen Sex aufgezwungen. Als sie einem Medizinstudenten, der Stettbacher ferienhalber vertrat, ihr Leid geklagt und dieser Stettbacher in der Folge zur Rede gestellt habe, zwang Stettbacher sie - unter An drohung einer Klinikeinweisung -, alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückzunehmen. Dieser Akt von Nötigung geschah in Gegenwart eines Zeugen, der den Vorgang später vor Gericht bestätigte. Der Medizinstudent konnte vor Gericht nicht mehr aussagen; er hatte in der Zwischenzeit Selbstmord begangen.

Doch Ursula S. ist - schockierende Wahrheit für Alice Miller - kein Einzelfall. Andere Frauen beschrieben ähnliche Geschichten von sexuellen Übergriffen bei einem Berner Primärtherapeuten. Auch die Berner Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen und Mädchen verfügt längst über ein «Dossier Stettbacher».

Irgendwann musste auch Alice Miller zur Besinnung kommen und erkennen, wen sie den vielen Hilfesuchenden da empfohlen hatte. Im vergangenen Sommer, sagt Miller, habe ihr eine Reihe von Briefen aus den USA, in denen über die schädigenden Folgen der Primärtherapie berichtet wurde, die Augen geöffnet. Gespräche mit Betroffenen hätten sich angeschlossen, Schilderungen von sexuellen Übergriffen seien dazugekommen. Zeitgleich hatte sie eine herbe, nicht näher beschriebene persönliche Ent täuschung mit Stettbacher erlebt. Um den Seelenfrieden der Alice Miller war es geschehen.

Nun versuchte Miller unter Aufbietung all ihrer Kräfte zu retten, was zu retten war. Sie stellte Stettbacher, der - Kuriosum am Rande - Wahrheit stets ohne h schreibt, telefonisch zur Rede, befragte ihn erstmals kritisch zu seinen Therapieerfolgen, wollte Namen von Patienten, die dank seiner Methode sogar von ihrer Schizophrenie geheilt worden seien. Doch sie stiess gemäss eigener Aussage «auf grosses Schweigen und Nicht-Wissen».

Also wies sie zunächst den Verlag Hoffmann und Campe «ohne Angabe von Gründen», wie ein Verlagssprecher sagt, an, ihr Vorwort in Stettbachers Buch «Wenn Leiden einen Sinn haben soll» zu eliminieren. Danach stellte sie diese Forderung weltweit und liess auch bei Suhrkamp die Weisung ergehen, in allen Nachdrucken ihrer eigenen Bücher jeden wohlwollenden Kommentar zu Stett bacher zu kippen. In der neuen Fassung ihres Bestsellers über das «Drama des begabten Kindes» distanziert sie sich sachte von dem einst Hochgelobten.

Letzten April markierte Miller in einem Interview mit dem Fachblatt «Psychologie heute» erstmals deutlichere Distanz zu Stettbacher. Zwischen den Zeilen liess sie gar unmissverständliche Hinweise auf Machtmissbrauch und finan zielle beziehungsweise emotionale Manipulationen Stettbachers anklingen und zeigte Bedauern über den von ihr mitverursachten Schaden: «Es bedrückt mich sehr, dass ich offenbar mit zu dieser Lawine praktisch unerfüllbarer Therapiehoffnungen beigetragen habe.»

Um so erstaunlicher mutete es an, als Miller im «Magazin» vom 8. April 1995 in einem Interview zum Thema Primärtherapie den Namen Stettbacher mit keiner Silbe erwähnte. Über die Gründe für diese Zurückhaltung mag sie sich öffentlich vorderhand nicht äussern. Die Angst vor einer allfälligen Ehrverletzungsklage nimmt ihr jedenfalls niemand ab.

Widerstand setzte sie auch einer Gruppe von Psychologinnen und Therapeutinnen entgegen. Die Grup pe legte ihr am 30. Mai in einem Brief nahe, den Umstand, «dass Stettbacher wiederholt Klientinnen sexuell ausgebeutet hat, der Öffentlichkeit mitzuteilen und betroffene Frauen zu ermutigen, sich an entsprechende Beratungsstellen zu wenden». Miller beantwortete den Appell an ihre «professionelle, moralische und ethische Pflicht» mit einem verstockten «... werde ich Ihrer Aufforderung selbstverständlich nicht nachkommen».

Immer wenn es im Fall Stettbacher um das Thema sexuelle Übergriffe geht, verhält sich die grosse alte Dame mehr als widersprüchlich und lässt auch jene, mit denen sie eigentlich Stettbacher aus dem Verkehr ziehen will, im dunkeln tappen. Miller hat zwar «ganz Bern» in Aufruhr versetzt in ihrem Eifer, Informationen über Stettbacher zusammenzutragen. Doch die letzte Konsequenz scheut sie: Da lässt sie andere - wie die Medien - die Kastanien aus dem Feuer holen.

Wenn man von ihr eine Einschätzung wünscht, warum einer so ausgewiesenen Fachfrau ein so fundamentaler Irrtum passieren konnte, schweigt Miller - und unterläuft damit ihre eigene Forderung nach dem «Abbruch der Schweigemauer» (Hoffmann und Campe, 1990).

Scheinbar unberührt von den Ereignissen verschanzt sich auch Stett bacher hinter Schweigen. Der Startherapeut fristet seit je in Bern die Existenz eines Einsiedlers, der das Licht der Öffentlichkeit scheut. Er meidet berufliche Anlässe oder Weiterbildungsveranstaltungen und ist auch in keinem Verband organisiert. Unserer Bitte um ein Interview entzieht er sich mit dem Hinweis auf die «Komplexität der Materie». Die Frage nach seiner Einschätzung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe beantwortet er lapidar: «Alice Miller spritzt Gift.» In einem Brief vom 5. Juni 1995 machte er private Gründe wie Neid und Eifersucht für ihr Tun verantwortlich.

Bis vor kurzem glaubte Stettbacher unverdrossen, dass er unbeschadet aus dieser Affäre hervorgehen würde. Den Antrag der beratenden Berner Fachkommission für Psychotherapie auf Entzug seiner Praxisbewilligung nahm er nicht gar so ernst. Optimistisch vertraute er auf seine guten Kontakte zur Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern: «Ich kenne die Leute da zum Teil.»

Heute nun steht Stettbacher ohne Praxisbewilligung da, obwohl er bei den zuständigen Behörden tatsächlich bis zuletzt eine bemerkenswerte Rückendekkung genossen hatte. Peter Gasser, als Direktionssekretär verantwortlich für die Erteilung von Praxisbewilligungen, blockte noch vorletzte Woche eine Anfrage von Facts mit Hinweis auf das «hängige Verfahren» ab. Eine weitere Anfrage bezüglich sexueller Übergriffe Stett bachers leitete Gasser hingegen unverzüglich weiter - direkt an Stettbacher.


Interview mit dem Zürcher Psychoanalytiker Arno Gruen über die verheerenden Folgen sexueller Übergriffe in der Therapie

Arno Gruen, was bedeutet der sexuelle Missbrauch von Patientinnen durch ihre Therapeuten für die betroffenen Frauen?

Arno Gruen: Er wird als eine Überwältigung empfunden und versetzt die Patientinnen zurück in ihre Kindheits situation, in der sie hilflos der Willkür und dem Willen der Erwachsenen ausgesetzt waren. Die Betroffenen fühlen sich total ausgeliefert und ohnmächtig, ein Zustand, in dem man eigentlich nicht leben kann.

Wie schaffen sie es, trotzdem zu überleben?

Gruen: Indem die Patientinnen - so paradox das klingt - die Verantwortung, Mitschuld und Scham für das Vorgefallene übernehmen, glauben sie, die Situation mindestens ein Stück weit in den Griff zu bekommen und damit ihre Ohnmacht ein wenig zu lindern.

Was hiesse es denn für die betroffenen Frauen, ihre Gefühle von Mitschuld hinter sich zu lassen?

Gruen: Sie müssten sich wieder mit dem schrecklichen Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontieren. Diese Erinnerungen aushalten - den früheren und den aktuellen Schmerz darüber, dass ein anderer Mensch sie in eine so ausweglose Situation gebracht und sie dermassen traumatisiert hat - möchte niemand. Dass Menschen einander so etwas antun können, versetzt einen in einen Zustand der totalen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Kann eine betroffene Frau eine solche Anstrengung allein leisten?

Gruen: Nein. Ich denke, sie braucht unbedingt eine oder mehrere Personen in ihrem Umfeld, die ihr beistehen und sie bei diesem schmerzhaften Prozess begleiten können.

Dürfen Aussenstehende eine von sexueller Ausbeutung betroffene Therapiepatientin dazu anhalten, sich ihrer Geschichte zu stellen?

Gruen: Man darf. Vielleicht braucht es manchmal ein bisschen Zeit; vielleicht müssen Betroffene erleben, dass auch andere sich an die Öffentlichkeit wagen und die Mauern des Schweigens einreissen.

Bringt es den Betroffenen psychische Entlastung, das Geheimnis zu lüften und darüber zu reden?

Gruen: Auf jeden Fall. Ich kenne den Fall einer Frau, die bis vor Gericht gegangen ist. Der Prozess war für sie zwar ein schreckliches Ringen mit sich, und trotzdem half er ihr bei ihrer Genesung. Für diese Frau ging es weniger um die Bestrafung des Täters als um die moralische Etablierung der Tatsache: Er ist schuldig, und ich bin frei von Schuld.

Facts, 29. Juni 1995

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