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Heroin für die Junkies, Kokain für die Schickeria - in der Drogenszene bleibt die Klassengesellschaft gewahrt


Die ganze Welt wusste es. Der «Needle Park» von Zürich war der grösste Handelsplatz für das Gift der Gegenwart: Heroin. Seit der Letten geschlossen ist, so weiss man, hat sich der Handel in die Nebenstrassen und Wohnungen verlegt. Doch das Heroin ist geblieben.

Rund um Heroin ist ein falscher Mythos entstanden. In Tat und Wahrheit hat der Droge länger schon ein anderer Stoff den Rang abgelaufen. Die hiesigen Drogenkonsumenten schwören auf nichts so sehr wie auf Kokain. Sie lieben nichts mehr als ihre «Cocktails», jene brisanten Mischungen aus Kokain und Heroin, die den wohl begehrtesten «Flash» garantieren. Zürichs Junkies, wissen Experten, spritzen europa-, ja vielleicht weltweit am meisten Kokain, vereinzelt sogar pur.

Andi, 28, gelernter Landwirt aus dem Aargau, fühlt sich «auf Koki euphorisch und bisweilen wie ein Siebensiech». Patrizia K., die während vier Jahren auf dem Drogenstrich angeschafft hat, mochte ihr Kokain auch deshalb so sehr, weil es unempfindlich gegen Kälte macht, nächtelang wachhält, Hungergefühle tilgt und Hemmungen gegenüber Freiern zum Verschwinden bringt - mithin die perfekten Voraussetzungen bietet, um als Prostituierte durchzuhalten.

Dass die verfemten, verwahrlosten Junkies vom Zürcher Platzspitz den Reiz des weissen Giftes schon vor rund zehn Jahren entdeckten und auf dem Letten nahezu vollzählig ihre täglichen Kokaindosen begehrten, wollte niemand wahrhaben. Dass die «saubere, weisse Droge» privilegierter Schichten längst ihren Weg in die Niederungen der offenen Drogenszene angetreten hatte, drang nicht an die Öffentlichkeit.

Kokain - wurde uns weisgemacht - sei allein das Aufputschmittel der Prominenten. Wir erfuhren, dass es Fussballidol Diego Maradona ebenso nachhaltig stimulierte wie Popstar Elton John oder Prinzessin Stephanie von Monaco. Kokain galt bis anhin als Aphrodisiakum der Reichen, Schönen und Kreativen, dessen Konsum als Vorrecht von Künstlern, Modeschöpferinnen, Fotomodellen und Werbern, Brokern und Computerfreaks, ja von Ärzten und Anwälten. Sie konsumieren den Stoff, der leistungsstark, aktiv und potent macht, perfekt zugeschnitten auf ein Land wie die Schweiz, wo Luxus und Konsum auf höchstem Niveau gepaart mit grösster Leistungsbereitschaft zu Hause sind.

Doch auch die Letten-Szene war nicht mehr länger zufrieden mit ihrer einstigen Standarddroge Heroin. Diese wurde ab Mitte der achtziger Jahre qualitativ immer schlechter, garantierte dem Süchtigen keine «Flashs» mehr und war höchstens noch dazu gut, die körperlichen Entzugssymptome der Sucht aufzufangen.

So suchten die hiesigen Drogenkonsumenten - ganz Söhne und Töchter einer hochentwickelten Genussgesellschaft - einen attraktiveren Stoff. Sie kamen auf den Geschmack des Kokains und mischten sich ihre «Cocktails». Warum, fragten sich die Junkies, sollten ausgerechnet sie sich mit drittklassiger Ware zufriedengeben, wenn ihre Umgebung ihnen doch vormachte, dass im «immer mehr und immer besser» der Reiz und die Raffinesse des Konsumlebens liegt?

Die Junkies, deren Ghettoisierung in Dreck und Elend und Heroin einem gesellschaftlichen Bedürfnis entspricht, haben mit ihrem dreisten Griff nach Kokain, der Droge des «cleanen» Jet-sets, die ihnen gesteckte Grenze überschritten. Nicht zuletzt jene Männer und Frauen, die die staatlich verschriebene Ersatzdroge Methadon erhalten und - gemäss landläufiger Meinung - «gefälligst zufrieden» zu sein haben, wollen nichts lieber als Kokain.

Körperlich zwar gesättigt dank dem Substitut, doch in einem dumpfen Zustand des Unbefriedigtseins, reizt es die «Methadönler» immer wieder, sich einen «Cocktail» zu spritzen, der, so Armin Parpan, 42, «wieder mal richtig rupft und zupft». So kann es nicht überraschen, dass im selben Zeitraum, in dem sich die Zahl der Methadonbezüger in der Schweiz auf rund 14 000 vergrössert hat, auch die Menge des in der offenen Szene konsumierten Kokains deutlich angewachsen ist.

«Kokain», sagt Marcel Bebié, Chef der Stadtzürcher Kriminalpolizei, «ist in der Schweiz in grossen Mengen vorhanden.» Die Menge des in der Schweiz beschlagnahmten Kokains habe zwischen 1986 und 1990 von rund 100 auf 340 Kilogramm zugenommen. Im letzten Jahr sei erstmals eine deutlichere Abnahme auf immer noch stattliche 295 Kilogramm festgestellt worden. Im Vergleich dazu schwankten die Heroinfänge in den letzten zehn Jahren zwischen 40 und rund 240 Kilogramm.

Der Schweizer Kokainmarkt besteht gemäss Bebié aus zwei separaten Segmenten: dem Strassenmarkt und dem verborgenen Markt. Auf dem Strassenmarkt versorgen sich die Junkies. Er wird in Zürich seit etlichen Wochen von Schwarzafrikanern beherrscht, die in Alufoliekugeln verpacktes Kokain anbieten. Der verborgene Markt spielt in Dancings, In-Lokalen, Massagesalons und Privatwohnungen. Bebié prognostiziert, dass Europa der Kokainmarkt der neunziger Jahre sein wird, da im Gegensatz zu Nordamerika noch keine Sättigung eingetreten sei.

Das Sniffen oder Schnupfen des weissen Pulvers, wie es auf Partys üblich ist, gilt als eher harmlose Applikationsform, sagt der Arzt und Drogenexperte David Winizki. Medizinisch gesehen stelle vor allem der «intravenöse Kokain-Konsum in Serie» ein grosses Problem dar. Das exzessive Injizieren könne in seltenen Fällen zu einem Herzinfarkt oder Hirnschlag führen; an der Tagesordnung seien Abszesse an der Körperoberfläche, aber auch Verschleppungen in innere Organe.

Auf der Gasse - daraus macht niemand der Betroffenen einen Hehl - wird Kokain, sofern es in ausreichenden Mengen vorhanden ist, tatsächlich «bis zum Exzess» konsumiert. Jimmy, 23, sagt: «Kokain macht dich immer «giggeriger» und gieriger; Kokain heisst: mehr, mehr, mehr.» Man setze sich «Schuss» um «Schuss», übersäe seinen ganzen Körper mit Einstichen, um das drohende Gefühl einer Depression, das sich nach starkem Kokainkonsum bald einmal einstelle, abzuwenden.

Wer Kokain in solchen Mengen konsumiert, muss mit Halluzinationen und Verfolgungswahn rechnen. «Koki», sagt Armin Parpan, «bringt das Böse im Menschen zum Vorschein. Wer lange kokst, verliert jeden Sinn für die Realität.»

Trotzdem beherrscht es die hiesige Szene auf eindrückliche Art. Als kurz nach dem Start des Zürcher Drogenabgabe-Projekts Life-Line im Januar 1994 die ersten Urinproben untersucht wurden, erwiesen sich 90 Prozent der Proben als Kokain-positiv. Damit war klar, dass der reine Heroinist der Vergangenheit angehört. Kokain war zum integralen Bestandteil der Szene geworden.

Was tun? fragten sich die Verantwortlichen. Der Zürcher Drogenfachmann Beat Kraushaar plädiert für die staatlich kontrollierte Abgabe von Kokain, denn nur so könne man dem immer wieder beschworenen Versuchsziel gerecht werden und die Süchtigen von der Gasse fernhalten. Seitens der Mediziner ist der Widerstand gegen die als zu unberechenbar geltende Droge indessen nach wie vor gross. Professor Ambros Uchtenhagen, mitverantwortlich für die wissenschaftliche Evaluierung der Drogenabgabe-Versuche, hält Kokain für «hoch problematisch», da es Psychosen auslösen könne, oftmals bis zur Erschöpfung konsumiert werde und schwer kalkulierbar in seiner Überdosierungsgefahr sei, und rät von der Abgabe folglich ab.

Im Rahmen des Projekts Life-Line konnten die Drogenfachleute immerhin feststellen, dass sich die Zahl der Süchtigen, die zusätzlich zum staatlich bezogenen Heroin noch Kokain «reinspritzen», im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre ungefähr halbiert hat. Nur noch jede und jeder Zweite macht sich - gemäss Urinproben - auf die Jagd nach Kokain. Darüber, ob die Reduktion des Kokainkonsums nur die Folge eines vorübergehenden Versorgungs-Engpasses ist, sind sich die Experten uneinig. Auf jeden Fall, konstatiert Projektleiter Ueli Locher, sei der Kokainkonsum «seiner» Probanden immer noch viel zu gross.

Lochers Wunsch wäre es deshalb, den vor knapp einem Jahr durchgeführten, aber zeitlich und personell limitierten Versuch mit der Abgabe von Kokainzigaretten auszubauen. Doch das Bundesamt für Gesundheitswesen BAG hat noch kein grünes Licht gegeben und hält die Zürcher seit Monaten hin.


Interview mit Günter Amendt, Soziologe und Drogenexperte

Günter Amendt, warum ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Droge Kokain so viel grösser als die von Heroin, das in der Schweiz von der öffentlichen Meinung regelrecht verteufelt und geächtet wird?

Günter Amendt: Die Akzeptanz einer Droge hängt eindeutig vom sozialen Status ihrer Konsumenten ab. Kokain gilt als Mittelschicht-Droge, die mit Luxus, Partys und Hollywood in Verbindung gebracht wird. Dass Kokain inzwischen so tief in die Junkie-Szene eingedrungen ist, haben die «Normalbürger und -bürgerinnen» nicht zur Kenntnis genommen. Heroin dagegen wird als die Junkie-Droge wahrgenommen, die Tod, Krankheit und Verelendung bringt. Dass in einem Land wie der Schweiz, wo Ordnung und Sauberkeit alles sind, eine solche Droge abschreckt und sie verteufelt wird, ist naheliegend.

Wieso kann es sich der Tessiner Lega-Chef Giuliano Bignasca leisten, öffentlich mit seinem Kokainkonsum zu kokettieren?

Amendt: Bignasca spielt natürlich mit dem Feuer, aber Regelverstösse gehören nun einmal zu seinem politischen Repertoire. Zudem vertraut er darauf, innerhalb der meinungsbildenden Öffentlichkeit auf augenzwinkernde Kumpanei zu stossen. Schliesslich konsumiert er die saubere Droge Kokain und nicht etwa das «böse» Heroin. So kann er davon ausgehen, etwas zu machen, was andere auch tun.

Warum hat Kokain ausgerechnet in der Schweiz eine solche Verbreitung gefunden?

Amendt: Der Angebotsdruck von Kokain auf die Schweiz ist enorm gross, korrespondiert aber natürlich mit der enormen Nachfrage nach der Luxusdroge in diesem Land. Der Markt funktioniert immer nach demselben Muster: Harte Währung - harte Drogen.

Wie erklären Sie es sich, dass auch die hiesige Drogenszene dermassen auf Kokain abfährt?

Amendt: Das ist tatsächlich ein Phänomen, das ich so exzessiv weder von Deutschland noch von Holland oder einer anderen grossen Szene her kenne. Ich denke, die Schweizer Junkies wollen halt in ihrem Bereich auch das Beste, genau wie ihre Umgebung im Bereich Alkohol oder Prostitution nur das Feinste nimmt. Die Konsumansprüche in der Schweiz sind generell enorm hoch.

Lässt sich Kokain kontrolliert konsumieren?

Amendt: Ja. Allerdings nur, wenn es mässig und mit Unterbrüchen und nicht intravenös genommen wird.

Facts, 20. Juli 1995

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