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Viermal Eis und zweimal Pommes - über den Drang Erwachsener, anderer Leute Kinder zu mästen


Sonntagnachmittag, Einladung bei Freunden: Kaum hat der Viereinhalbjährige die fremde Wohnung betreten, hält er ein Doppelrahmeis in der Hand. Fast gleichzeitig stürzt er zum Tisch, auf dem Eineinhalbliter-Coci-, Sprite- und Orangina-Flaschen lagern, danach entdeckt er die Pappteller mit Pommes chips und Salznüssen.

Der gemeinsame Spaziergang zu einer schattigen Gartenbeiz endet - den reizenden Gastgebern sei Dank - mit der Bestellung einer grossen Portion Pommes frites mit Ketchup. Nachmittags um halb fünf. Um den Kleinen zurückzubinden, wären titanische Kräfte vonnöten. Denn alle anderen Kinder schwelgen ungehindert in Zuckerbergen, Öllachen und schmackhafter Kohlensäure. Zwingend und folgerichtig müsste der Junge an nehmen, dass seine Mutter herzlos ist und sein Vater eiskalt. Also lässt man ihn zähneknirschend gewähren.

Zurück in die Wohnung der Freunde. An ein geregeltes Nachtessen ist selbstverständlich nicht mehr zu denken. Übersättigt und lustlos stochert der Junge in der nahrhaften Paella mit Reis, Gemüse, Pouletfleisch und Meeresfrüchten. Unentwegt kräht er über den Tisch und erinnert die Gastgeberin an ihr Versprechen, dass es zum Dessert ein weiteres Glace gebe. Im Laufe des Abends sollen es dann insgesamt drei werden, ganz zu schweigen von den Guetslimassen, die zum Kaffee bereitliegen, und die er - hopp und ex - im Vorbeigehen verschlingt.

Erste Ermahnungen einer besorgten Mutter macht die versammelte Gästeschar hohnlachend nieder: Ob man dem Kleinen nicht einmal am Sonntag sein Vergnügen gönne? Die zweite Anmahnung bezieht sich auf die bevorstehende Heimfahrt und das Risiko, dass sich der zarte, aber überfüllte Kindermagen brüsk entleeren könnte - spöttisches Gelächter. Deutliche Worte, nunmehr ärgerlich, führen endlich dazu, dass der kleine Gast seinen Fressexzess murrend einstellt und wenigstens kein viertes Glace aus der Küche anschleppt.

Wer glaubt, dass unsere Kleinen über eine organische Bremse verfügen, die sie den Verzehr von Junk food wenn nicht verweigern, so doch mindestens dosieren lässt, irrt gründlich. Kinder stopfen Süss es, Glace, Pommes frites, Schokolade kombiniert mit Coca-Cola und Eistee in solchen Mengen in sich hinein, bis sie - pardon - kotzen.

Da können Eltern jahrelang für gesunde Ernährung plädieren, selber vorbildlich essen und trinken, Joghurt, Früchte, Gemüse und Salat auf den Tisch bringen, das Apfelstück in Form eines Autos schnitzen, das Rüebli pistolen förmig zuschneiden und die Banane wie eine Sonnenblume anordnen - in der Stunde der Wahrheit machen Zucker, Fettes und Öliges unter Garantie das Rennen. Ihnen bleibt nur das Staunen, wie viele ihrer Bekannten - ob Tierschützer, Umweltbewusste oder Suchtexperten - sich zwar für gesunde Regenwürmer, Nadelbäume und Heroinkonsumenten stark machen, nicht aber davor zurückschrecken, Kinder zu vergiften.

Aber auch der Aufenthalt im öffentlichen Raum - so bekömmlich er für Familien mit kleinen Kindern auch sein mag - gerät immer öfter zum Spiessrutenlauf. Als erstes müssen Sie am Nachbars kind vorbei, das gerade wieder einen Grosseinkauf an Gummischlangen, Coci fröschen und Schoggi stengeln getätigt hat und das Zeug Ihrem Viereinhalbjährigen spendabel unter die Nase reibt. Dann heisst es, an den netten Insassinnen des örtlichen Altersheims vorbeizukommen, die Ihren Jüngsten innig lieben und ihm deswegen ein Sixpack mit sogenannter Kinder schokolade zustecken wollen. Als nächstes treffen Sie auf dem Dorfplatz Kolleginnen mit Einkaufsnetzen am Kinderwagen, die schier zum Zerreissen mit Guetslipaketen gefüllt sind - alles bestimmt für den sofortigen Verzehr.

Selber halten Sie tapfer Ihre Tupperware-Dose in der Hand, gefüllt mit Melonenschnitzen, saftigen Aprikosen und Vollkornbrot. «Wääk!», kräht der Nachwuchs, «pfui, Teufel!», schreit er und wirft sich auf den Boden, wenn man es wagt, auf Enthaltsamkeit gegenüber dem allgegenwärtigen süssen Angebot zu pochen und die eigene Alternative anzubieten. Aggressiv fordert er sein Recht ein, denn Roman kommt gerade mit einem Zucker-Nuggi vom Kiosk, Luzia ist schon giftgrün um den Mund, nachdem sie einen Schleckstengel verzehrt hat, und Andrea malt sich soeben ihre Lippen mit einem Stift aus rotem Zucker an.

Dabei haben wir noch nicht von den reizenden Grosseltern gesprochen, die sich missverstanden fühlen, wenn man sie verzweifelt darum bittet, das halbe Pfund Nussschokolade wieder mit nach Hause zu nehmen. Oder von den noch reizenderen spanischen Kellnern, die - weltberühmt für ihre umwerfende Kinderliebe - Ihren lieben Kleinen noch vor dem ersten Bissen in den gesunden Salat zwei Lollipops auf das Mickey-Mouse-Gedeck legen. Oder von Ostern und den in Heerscharen einfallenden Schoggi hasen, von der weihnachtlichen Zimtsternlawine und den fetten Samichläusen aus Marzipan.

Oder vom Sommer, wenn der lang ersehnte Aufenthalt in der Badeanstalt zum Horrortriathlon zwischen Schwimmbecken, Kiosk und Badetüchern gerät, auf denen Kokosmakronen, Linzertörtchen und Mandelgipfel lagern: «Hat Ihr Sohn die auch so gern?»

Mein Gott, man ist fürwahr keine Gesundbeterin; man hegt sogar seine pädagogischen Zweifel, wenn eine Bekannte ihre Tochter so rigide vom Zucker fernhält, dass ihr Kind sozial inkompatibel wird und keine Stätte der kindlichen Begegnung aufsuchen darf, an der auch herumgefressen wird. Die Kleinen sollen ja ruhig ihr Glace schlecken, auch mal eine Tüte Pommes chips verdrücken, ein Stück Erdbeertorte schlabbern und mit der geliebten Babysitterin dem allwöchentlichen Ritual der «drei Schoggi täfeli» frönen.

Doch manchmal verzweifelt man schier ob der weitverbreiteten Gleich gültigkeit gegenüber der kindlichen Er näh rung. Die Kleinen werden zuweilen wie Zuchtgänse gestopft, ganz nach dem Motto: «Drin ist drin; Hauptsache, wir haben unsere Ruhe!» Bello oder Büsi passiert solches nicht. Da achten Herrchen und Frauchen pedantisch auf das ausgewogene Verhältnis von Fetten, Eiweiss, Kohlehydraten, Vitaminen und Spurenelementen. Denn Hund und Katze - das wünschen ihre Halter - sollen schlank und rassig daherkommen.

Bei Lisa und Max hingegen wird noch im Alter von sechs Jahren grosszügig über den «Babyspeck» hinweggesehen, scheinen die ersten frühkindlichen «Pirellis» noch immer als Ausdruck von Wohlsein und Zufriedenheit zu gelten. Dabei trifft einen doch schier der Schlag, wenn die Kleinen im Schwimmbad wie Möpse vom Beckenrand plumpsen.

Wer weiss, vielleicht sollte man den süssen Dickmachern mit revolutionären Methoden begegnen und sie, wie das unlängst ein Bekannter tat, zu alleinigen Nahrungsmitteln bestimmen: Klein-Ferdi kriegte nur noch Milchschokolade und sonst nichts. Es dauerte keinen Tag, bis der Junge mit kleinlauter Stimme um ein Einsehen und den neuerlichen Zugang zur Familientafel bat.

Facts, 27. Juli 1995

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