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Aus heiterem Himmel - das Dorf Müllheim TG ist nach dem Heroin-Tod eines 16-jährigen geschockt


Juli 1995, Müllheim im Thurgau. Ein strahlender Sommertag, lauer Wind, und irgendwo kräht ein Hahn. Es ist kurz vor zwei Uhr, die Hauptstrasse des 2000-Seelen-Dorfes präsentiert sich nahezu menschenleer. Einzig eine Gruppe von zehn, vielleicht fünfzehn Jugendlichen ist unterwegs. Die Jungen sind auf dem Weg zum Friedhof, um Abschied zu nehmen von einem der ihren: von Roger O., dem 16jährigen, der fünf Tage zuvor an einer Überdosis He roin gestorben ist und an diesem Freitag nachmittag beerdigt wird.

Gemeinsam mit Erwin G., seinem Freund, hatte Roger die Droge konsumiert. Die beiden hatten sich in Rogers Zimmer eingeschlossen, in Abwesenheit der Mutter, nicht beachtet vom älteren Bruder, der sich in der Wohnung aufhielt. Roger und Erwin waren der Polizei nicht als Drogenkonsumenten bekannt; gleichwohl snifften sie an jenem Sonntag nachmittag Heroin. Erwin lag vier Tage lang bewusstlos im Spital. Er sei einer, sagen seine Kollegen, der mehr vertrage als Roger.

Heroin in Müllheim? Da sei Gott vor. Mit dem Teufelszeug, der härtesten aller harten Drogen, will man im thurgauischen Dorf nichts zu tun haben. Noch angesichts des örtlichen Drogentoten sagt der Polizist: «Wir haben kein Drogen problem bei uns; wir leben hier auf dem Land.» Und Erwins Familie wird in den Tagen nach dem tragischen Ereignis überrollt von anonymen Anrufern, die mit bösem Finger auf die Eltern zeigen. Müllheim braucht einen Sündenbock, Müllheim will das Drogenproblem wieder ad acta legen.

Wie stark das Thema «Drogen» auf dem Land verdrängt wird, zeigt sich auch darin, dass selbst aufgeklärte Bürger und Bürgerinnen mit ungläubigem Staunen reagierten, als sie vom Herointod des jungen Roger erfuhren. «Ja, was - jetzt auch bei uns?» war der erste Gedanke, den Max Ritzer, Rogers Klassenlehrer, hatte, als er vom Tod seines Schülers hörte. Dabei wusste der Lehrer, «dass dank der Mobilität unserer Gesellschaft auch die Dorfjugend nach Weinfelden, Frauenfeld, Winterthur und Zürich fährt» und dass es folglich «ein leichtes ist, zu Stoff zu kommen». Seit Jahren betreibt der Lehrer Drogenprä vention und hat seine Klasse auch diesen Sommer wieder vor den Gefahren des «Alkohols, der Drogen und des ungeschützten Sex» gewarnt. Als das Heroin nach Müllheim kam, war er trotzdem «total überrascht».

Auch Hedi Engeler, die Präsidentin des Müllheimer Jugendtreffs, war überzeugt, dass Roger und Erwin «niemals Heroin konsumieren» würden. Sie wusste zwar, dass Erwin, der 17jährige, hin und wieder in Winterthur Hasch besorgte. Aber He roin? Niemals. Heute sagt sie: «Ich denke, ich war sehr naiv.»

Müllheim hat sein Sommerthema. Im Dorf, einem merkwürdigen Zwitter aus ländlicher Idylle und gesichtsloser Architektur, dem zwei Kilometer langen Strassenzug, der einst dem Transitverkehr gehörte und seit dem Bau der Autobahn um neues Profil ringt, redet man seit Tagen über nichts anderes als den Heroin toten - und bemüht sich gleichzeitig, den Schaden zu begrenzen. Da ist viel von «einem Unfall» die Rede, einem «einmaligen Ausrutscher als Folge jugendlicher Unerfahrenheit». Einmal ist keinmal.

Wer ein Geschäft oder Restaurant führt, mag das Thema erst recht nicht. Allen sitzt die Angst im Nacken, dass ihr Name mit Drogen in Verbindung gebracht werden könnte. Das Drogenproblem ist eine Zürcher Sache, Müllheim ist sauber.

Wenn es denn so einfach wäre. Die Müllheimer müssten es besser wissen. Denn vor noch nicht allzu langer Zeit ist bereits ihr Mitbürger Jean-Claude K. an den Folgen seines Drogenkonsums gestorben. Doch da der Müllheimer «das Zeitliche in Zürich segnete», wie sich Gemeinde ammann Beda Balmer ausdrückt, belastete er weder die Thurgauer Statistik der Drogen toten noch das örtliche Gewissen in dem Masse, wie es nun Roger O. mit seinem Sterben in der elterlichen Wohnung tut.

Denn natürlich fragen sich mehr Leute, als es zunächst den Anschein hat, wie es denn dazu kommen konnte, dass Roger O. und Erwin G. nicht länger mit Zigaretten, Alkohol oder auch mal einem Joint zufrieden waren, sondern nach stärkerem Stoff gegriffen haben.

Unter den Jungen, die mit Roger und Erwin befreundet sind, gibt es etliche, die sich mit der These vom «Drogenunfall» nicht abspeisen lassen. Zu gut erinnern sie sich an jenen Tag, als die beiden Blutsbrüderschaft schlossen und einander versprachen: «Wenn du stirbst, sterbe ich auch.» Doch nicht nur diese «Vorankündigung», auch das Befinden der zwei in letzter Zeit lässt sie schliessen: «Vielleicht war es Selbstmord beziehungsweise ein Selbstmordversuch.»

Ältere und alte Müllheimer haben sich schon lange schwergetan mit jener Clique von sechs, sieben jungen Leuten, zu denen auch Roger und Erwin gehörten und von denen es heisst, sie seien «anders als andere Jugendliche». Sie tragen ihre Dächlikappen mit dem Schirm nach hinten, laufen in weiten, schlabbrigen Hosen herum und fahren auch hin und wieder zu zweit auf dem Töffli oder Velo. Mit den ortsüblichen Vereinen haben sie nichts am Hut, dafür sind sie Techno-Fans und haben auch schon Haschisch probiert. Bekannt war auch, dass die Gruppe ein-, zweimal in kleinere Einbrüche verwickelt war, hier mal ein Velo hatte mitlaufen lassen, da etwas Kleingeld. Für Müllheimer Verhältnisse war das schon zuviel.

Dabei merkten diejenigen, die Erwin G. oder Roger O. mehr Wohlwollen schenkten und ihnen trotz ihrer Schlitz ohrig keit und Unzuverlässigkeit immer wieder eine Chance gaben, dass sie es mit «ganz normalen Jugendlichen» zu tun hatten. Sie spürten insbesondere auch deren «Suche nach Geborgenheit, nach Grenzen und einem Sinn in dem luft leeren Raum, in dem sich junge Menschen in unserer Gesellschaft ja oftmals befinden».

Erwin G., so weiss man, sei von familiären Problemen belastet gewesen, habe mit seinen Eltern nach Südamerika auswandern wollen und sich nach mehrmaligen Aufenthalten in Paraguay nun doch anders entschieden. Erwin sei ein Gratwanderer in Sachen Drogen gewesen, und es wünschen ihm alle, die ihn gern haben, dass der tragische Tod seines Freundes ihn noch rechtzeitig aufrüttelt. Ohne klare beruf liche Perspektive steht ihm ohnehin eine schwierige Zeit bevor.

Im Gegensatz dazu hatte Roger O., der mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern zusammenlebte, ein Ziel vor Augen. Nachdem er vor wenigen Wochen «überglücklich» - so Max Ritzer - die Schule verlassen konnte, habe er sich sehr auf seine Lehre als Dachdecker, die damit verbundene Freiheit und materielle Unabhängigkeit gefreut.

Heute fragt sich sein Lehrer, ob die lange ersehnte Freiheit doch nicht gehalten habe, was sie versprach. Ob die Enttäuschung nach den ersten Ferien wochen, in «denen es halt im alten Trott» weitergegangen sei, den 16jährigen Roger O. dazu verführt habe, sich «einen stärkeren Reiz» zu suchen. Roger, das bestätigen viele, die ihn gekannt haben, sei ein labiler junger Mensch gewesen. Meral Dibek, ein Mitglied aus Rogers Clique, sagt: «Wenn jemand Drogen dabeihatte, war Roger schnell dafür zu begeistern.»

Drogen - soviel ist klar - sind auch im ländlichen Thurgau daheim. Es gibt Jugend li che in Müllheim, Wigoltingen, Weinfelden und Umgebung, die Erfahrungen mit Ecstasy, Heroin und Kokain haben. Ein 19jähriger Ausländer, der seit kurzem in jener Region lebt, will in seine Heimat zurückkehren, weil er das hiesige Drogenproblem für zu gravierend hält. Auch Hedi Engeler vom Jugendtreff sagt heute: «Der Tod von Roger hat mir bewusst gemacht, dass man auch bei uns problemlos zu Drogen kommt. Das habe ich unterschätzt.»

Müllheim im Sommer 1995. Viele Jugendliche, Mitschüler, Freundinnen und deren Eltern nehmen Abschied von Roger O. Max Ritzer sagt später, dass die Jungen diese Beerdigung «als sehr tragisch empfanden». Trotzdem ist der Oberstufenlehrer überzeugt, dass all den aufwühlenden Ereignissen zum Trotz «der Alltagstramp weitergehen wird und dass man das Drogenproblem erneut verdrängen wird». Müllheim, das Dorf im Thurgau, will wieder seine Ruhe haben.

Facts, 3. August 1995

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