|
|||
|
Sexuelle Gewalt: Endlich wird ein Tabu zum Thema
Der Fall ist nur wenige Tage alt. Anfang September wurde in Schaffhausen der Mitarbeiter eines Heims für geistig schwer behinderte Kinder und Erwachsene inhaftiert. Während Jahren soll er die Insassinnen sexuell missbraucht haben. Der Täter ist weitgehend geständig. Das ist nur ein weiteres Beispiel für eine ganze Welle von ähnlichen Fällen, die in den letzten Monaten bekanntwurden. Castagna, die Zürcher Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Mädchen, wurde in letzter Zeit mit fünfzehn Fällen konfrontiert, in denen Lehrer sexueller Übergriffe beschuldigt wurden. Im Sommer dieses Jahres wurde publik, dass ein Turnlehrer der Kantonsschule Zürich-Oerlikon eine ehemalige Schülerin genötigt haben soll, mit ihm sexuell zu verkehren. Das Nottelefon Zürich wurde nach dem Fall Emil Pintér von rund vierzig Frauen kontaktiert, von denen die eine Hälfte Übergriffe von seiten Pintérs, die andere Hälfte aber sexuelle Grenzverletzungen, begangen von anderen Psychotherapeuten und Psychiatern, zu Protokoll gab. Und die Veröffentlichung des Falles des Zürcher Chirurgieprofessors Werner Glinz, der mehrere Patientinnen vor Knieoperationen an Brust und Vagina betastet hat, zog eine weitere Welle von Anrufen betroffener Frauen beim Nottelefon nach sich. Pia Thormann von der Berner Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen und Mädchen stellt fest, dass «zunehmend mehr Frauen bei uns Hilfe suchen». Helena Trachsel, VPOD-Sekretärin für den Bereich Soziale Institutionen, wurde noch nie in ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit mit so vielen Fällen sexueller Ausbeutung in Heimen konfrontiert wie heuer. «1995 ist das virulente Jahr für uns», sagt sie. Das Frauenmusik-Forum Schweiz erfährt seit längerem immer wieder von Fällen sexueller Übergriffe im Einzelunterricht an Konservatorien, Musikhochschulen und im privaten Rahmen. Vor rund zwei Jahren gab insbesondere der Fall einer jungen Musikschülerin zu reden, die von ihrem Lehrer an einem Konservatorium sexuell massiv ausgebeutet worden sein soll. Alarmiert durch diese Schilderungen erteilte das Frauenmusik-Forum einer Gruppe von Soziologinnen den Auftrag, eine Studie zum Thema «Sexuelle Belästigung» zu erstellen. Die Reihe der Beispiele liesse sich erweitern. Sexuelle Ausbeutung findet in allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen statt, in denen Abhängigkeitsbeziehungen bestehen. Überall dort, wo mehrheitlich Männer Macht über Frauen, Jugendliche und Kinder haben, lauert die Gefahr des Übergriffs. Der Zürcher Psychiater Pintér, der mit Klientinnen sexuell verkehrt hat, ist genauso wenig ein Einzelfall wie der Starchirurg Werner Glinz, der Patientinnen unter dem Argument einer besonders sorgfältigen Untersuchungstechnik im Intimbereich berührt hat. Im Bereich der Medizin sind sich schon die antiken Ärzte ihrer Gefährdung bewusst gewesen und hielten darum im Hippokratischen Eid fest, dass ein Arzt «ein Haus nur zum Heil des Kranken zu betreten und sich jeglicher Verführung von Frauen und Männern, von Freien und Sklaven zu enthalten hat». Sexuelle Übergriffe haben nichtsdestotrotz seit jeher stattgefunden. Da erinnert sich Annemarie Angst, die Leiterin der Frauenberatungsstelle der Zürcher Ärztegesellschaft, an einen Arzt aus ihrer Kindheit, «von dem eigentlich alle wussten, dass er übergriffig war». Einer anderen fällt der Schularzt ihrer Tochter wieder ein, der ihrem Kind in ihrer Gegenwart und gegen ihren ausdrücklichen Willen während einer Kontrolle die Unterhose heruntergezogen hat. Oder da war doch dieser Turnlehrer aus einem Aargauer Dorf, der während zwanzig Jahren Mädchenklasse um Mädchenklasse dazu genötigt hat, ohne BH und mit lockerem Leibchen bei Stundenbeginn einen Kopfstand zu machen. Doch bis weit in die siebziger Jahre hinein «konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte». Man verdrängte die Schilderungen von Betroffenen, verharmloste sie als Ausnahme und Einzelfall und war schnell zur Hand mit der Schuldzuweisung an die Opfer. Der Herr Doktor doch nicht! Seit einigen Jahren nun hat sich der gesellschaftliche Umgang mit der heiklen und schwierigen Problematik des sexuellen Missbrauchs von Abhängigen verändert. Immer mehr betroffene Frauen wagen es, sich gegen das ihnen widerfahrene Unrecht zu wehren, sich bei Beratungsstellen, Gleichstellungsbeauftragten oder Frauensekretärinnen Hilfe zu holen oder sogar Anzeige zu erstatten. 1993 wurde ein Schaffhauser Gynäkologe wegen Schändung von vier Patientinnen gar zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Vor wenigen Monaten geriet die Drogentherapie- Organisation Le Patriarche unter den Verdacht, dass in ihren Stationen Patientinnen sexuell bedroht würden. In mehreren Kantonen werden künftig keine entzugswilligen Frauen mehr in die Unterkünfte von Le Patriarche geschickt. Dank der intensivierten Debatte in Fachgremien und Massenmedien ist das Verständnis für das einstige Tabuthema und für die gravierenden Folgeschäden sexuellen Missbrauchs gewachsen. Die Betroffenen spüren, dass sie mehr Glaubwürdigkeitgeniessen und nicht länger zwingend damit rechnen müssen, vom Opfer zur Täterin gemacht zu werden. Damit hätten, konstatiert die Jungianerin und Missbrauchsexpertin Ursula Wirtz, die jahrelangen Bemühungen der Frauenbewegung Früchte getragen: «Die Frauen haben mehr Selbstbewusstsein gewonnen und sind nicht länger bereit, sich von Männern manipulieren und ausbeuten zu lassen. Frauen wagen heute vermehrt, das Schweigen zu brechen.» Hinzu komme, sagt Wirtz, dass es in der heutigen Zeit, «der nichts mehr heilig ist», eher möglich sei, auch einstige Leitbilder wie den «Schul-Meister», den «Heiler» und die «Götter in Weiss» kritisch zu hinterfragen. Sexuelle Ausbeutung in Abhängigkeitsverhältnissen, soviel wird klar, ist stets ein Geschehen, das in einem Machtgefälle angesiedelt ist: Der «unterlegenen» Seite wird sie gegen deren Willen aufgezwungen. Die Täter verfügen über einen höheren sozialen Status, mehr berufliche Erfahrung, finanzielle Mittel, Wissen, Kompetenz und Einfluss. Es liegt in ihrer Hand, ihren Opfern die Erfüllung wichtiger, ja bisweilen existentieller Wünsche zu gewähren - oder zu versagen. Die Patientin, die Seelsorgeklientin oder die 16jährige Gymnasiastin sind damit nicht in der Lage, einen freiwilligen Entscheid zugunsten einer Liebesbeziehung zu fällen. Die Schülerin ist vom Lehrer abhängig, der ihr die Noten gibt. Die Patientin ist auf den Spezialisten angewiesen, der ihr in drei Tagen das Knie operieren soll. Die Frau, die unter Angstzuständen und Depressionen leidet, will sowieso Hilfe um «jeden» Preis. Die Sportlerin befürchtet, ohne die «Beziehungen» ihres Trainers könne sie ihre Karriere an den Nagel hängen. Mitunter verstärken die Täter solchen Machtvorsprung mit zusätzlichen Mitteln. Ein 48jähriger Teppichrestaurateur, lautet die Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich, gab seinen Opfern zusätzlich und gezielt Rauschgift ab, um sie gefügig zu machen. Zur Befriedigung eigener sexueller oder narzisstischer Bedürfnisse nützten die Täter, sagt Ursula Wirtz, die Ohnmacht der ihnen anvertrauten Personen aus. «Sexuelle Ausbeutung geht stets mit einem Missbrauch von Vertrauen einher.» Je nach Grad der Abhängigkeit können sich betroffene Frauen besser oder schlechter zur Wehr setzen. Wer bereits nach zwei Konsultationen bei einem neuen Allgemeinpraktiker merkt, dass dieser ständig anzügliche Bemerkungen macht, hat es einfacher, sich zu trennen, als die Frau, die nach mehreren Jahren intensiver Therapie von ihrem Psychiater sexuell bedrängt wird: «Immer dort», sagt Expertin Wirtz, «wo die Seele ein gutes Stück mit entblösst ist, fällt Frauen die Loslösung besonders schwer.» Wer katholisch erzogen wurde und den Dorfpfarrer immer noch mit einem Nimbus der Unfehlbarkeit umgibt, wird in besonders grosse Gewissenskonflikte stürzen, wenn sich der gütige Beichtvater als sexueller Ausbeuter entpuppt. So erlebte ein junger Mann den Seelsorger als Person, die «unser Herz mit ihrer kompromisslosen Hingabe an Jesus erobert», wie er es in einem Brief von 1994 formulierte. An den guten Absichten des Pfarrers zweifelte er nicht einmal dann, als dieser ihn sexuell zu missbrauchen begann. Wird der Chef eines Betriebs zum sexuellen Belästiger, verfügt er über genügend Druckmittel im Rahmen seiner Lohn- oder Personalpolitik, um lästige Mitwisser und Mitwisserinnen zum Schweigen zu bringen. «Je höher der Täter in der Hierarchie steht, um so abhängiger sind auch alle anderen im Betrieb von ihm und um so schwieriger ist es für die betroffene Frau, Unterstützung zu finden und sich zu wehren», sagt VPOD-Frauensekretärin Bettina Kurz. Behinderte Frauen und Mädchen werden gemäss einer Studie aus den USA viermal so häufig sexuell ausgebeutet wie nicht behinderte. Die Psychotherapeutin Aiha Zemp, selber körperbehindert, erklärt dieses Ausmass an Gewalt mit einem «besonders täterfreundlichen Umfeld». Die Schwelle zum Übergriff sei niedriger, da der Täter davon ausgehen kann, «dass sowieso niemand den Aussagen einer geistig behinderten Frau Glauben schenken wird». Und wer - vertraue er auf das verbreitete Vorurteil - will schon mit einer Behinderten ins Bett? Erst im Mai dieses Jahres wurde ein weiterer Fall ruchbar, wonach der Physiotherapeut eines Heimes eine behinderte Jugendliche bei gemeinsamen Übungen im Wasser zum Geschlechtsverkehr zu drängen versuchte. Gerade in solchen Fällen erweist sich, wie stark der Verdrängungs- und Verdunkelungsreflex geblieben ist, aller öffentlichen Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit zum Trotz. Das hat auch Gewerkschaftssekretärin Helena Trachsel erfahren, die für den Bereich der sozialen Institutionen zuständig ist. «Viele Heimleiter reagieren auf Fälle von sexueller Ausbeutung mit blankem Unverständnis», sagt sie, «sie wischen sie unter den Teppich und verknurren Angestellte, die gegen einen Beschuldigten oder Täter vorgehen wollen, zum Schweigen.» Die zunehmende Sensibilität für das heikle Thema wird auch andernorts immer wieder torpediert. Besonders heftig ist der Richtungsstreit bei Medizinern und Psychiatern. Die Zürcher Psychiaterin Cécile Ernst etwa lässt keine Gelegenheit aus, um das Problem tiefer zu hängen: «Zur Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden Zahlen publiziert, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben.» (Leserbrief im «Tages-Anzeiger» vom 4. September 1995). Der Berner Psychologieprofessor Andreas Blaser provoziert gern mit seiner These, wonach «sexuelle Handlungen in Therapien auch einen positiven Ausgang haben können». Wie delikat das Thema geblieben ist, hat die Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen demonstriert. Bereits vor vier Jahren nahm die Organisation das sexuelle Abstinenzgebot explizit in ihre Berufsordnung auf. Als vergangenes Jahr gegen zwei ihrer Mitglieder Verbandsverfahren wegen sexueller Übergriffe eingeleitet werden mussten, traten diese prompt aus dem Berufsverband aus und erledigten das heikle Thema damit auf ihre Art. Das Verbandsorgan verzichtete dann aber darauf, den überstürzten Austritt der beiden Kollegen mit Namensnennung zu dokumentieren.
Das Netz wird immer engmaschiger Im Verlauf der achtziger Jahre war auch die Schweizer Öffentlichkeit gezwungen, das einst hochtabuisierte Thema Inzest zur Kenntnis zu nehmen. Erste Berichte fanden sich in Form von «Betroffenheitsliteratur». Sexuelle Gewalt wurde zu einem zentralen Thema innerhalb der Frauenbewegung. Nottelefone für vergewaltigte Frauen nahmen in den grösseren Städten ihre Beratungstätigkeit auf und wurden bald einmal auch mit staatlichen Geldern subventioniert. Im Jahr 1989 lancierte der Verband des Personals der öffentlichen Dienste VPOD eine nationale Kampagne gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die unter dem Motto stand: «Wenn Frau nein sagt, meint sie nein.» 1989 veröffentlichte die Psychoanalytikerin Ursula Wirtz ihr Buch «Seelenmord, Inzest und Therapie», das wegweisend für die hiesige Debatte zur sexuellen Ausbeutung wurde. Doch zunächst sah sich Wirtz einem «männerbündlerischen Schulterschluss der Abwiegelung, Abwertung und hochgradigen Bagatellisierung des Themas» gegenüber. Anstrengungen, die sie unternahm, um das Thema in Ausbildungsinstituten und Standesregeln zu verankern, wurden zuerst als «überflüssig» taxiert. Bereits 1988 wurde in Basel auf Initiative des Psychiaters Marco Nicola die Arbeitsgruppe «Tabu» gegründet, die sich des sexuellen Missbrauchs in Therapien annahm. Mit dabei war auch die Basler Psychiaterin Maya Schuppli. Schnell einmal geriet die Gruppe in Loyalitätskonflikte, da auch Namen von «guten» Kollegen aufs Tapet kamen, die der sexuellen Ausbeutung bezichtigt wurden. Schuppli, Nicola und Co. trugen ihr Anliegen dem Vorstand der kantonalen Ärztegesellschaft vor. Der «Ehrenrat» versandte 1991 einen Brief an alle Ärzte in Basel, in dem sexuelle Kontakte mit Patientinnen für standeswidrig erklärt wurden, die bei Bekanntwerden verbandsgerichtlich geahndet würden. 1992 wurde «Tabu» umgewandelt in die «Anlaufstelle für missbrauchte Therapie-Patientinnen», das erste offizielle Gremium in der Schweiz, das sich betroffener Frauen annahm und mit Ursula Wirtz aus Zürich vernetzt war. Im Laufe ihrer Tätigkeit entwickelten Nicola und Schuppli die Methode der «Konfrontation»: Auf Wunsch des Opfers findet ein Gespräch mit dem Täter statt. Maya Schuppli zeigt sich inzwischen allerdings ernüchtert über die Uneinsichtigkeit der Täter: «Abgesehen von einem Fall zeigte kein einziger Mann Schuldbewusstsein.» Während Nicola und Schuppli das Basler Feld beackerten, packte der Solothurner Psychiater Hans Kurt gemeinsam mit einer Kollegin das heisse Eisen in seinem Kanton an. Als er 1990 den Antrag stellte, die Standesordnung der kantonalen Ärztegesellschaft zu ändern und eine sexuelle Abstinenzregel einzuführen, war er dank Stichentscheid des Präsidenten erfolgreich. Viele Ärzte, erinnert sich Kurt, hätten sich allerdings durch sein Vorpreschen angegriffen gefühlt und probiert, den Schwarzen Peter wieder den Psychiatern zurückzuschieben. Andere hätten ihn ausgelacht wegen seines Engagements und mit sexistischen Witzen eingedeckt. Inzwischen hat das Thema allerdings an Akzeptanz gewonnen und ist bereits öfter Gegenstand des Fortbildungsprogramms der Solothurner Psychiater gewesen. In Bern waren es vier Therapeutinnen, die sich Anfang der neunziger Jahre zusammenfanden und das Problem des sexuellen Therapiemissbrauchs einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich machten. 1991 publizierten sie einen grösseren Artikel in der «Berner Zeitung», der prompt heftigen Widerspruch auslöste. Eine Gruppe von Psychologen befürchtete, dass der Artikel Misstrauen gegenüber körperorientierter Therapie schüren könnte: «Wir arbeiten zwangsläufig täglich an der Sexgrenze», bekannten die Verfasser. In der gleichen Zeit schlossen sich die vier Bernerinnen mit den Nottelefonen, den Basler Psychiatern Marco Nicola und Maja Schuppli, dem Solothurner Psychiater Hans Kurt und einer Sankt Galler Psychologin zur gesamtschweizerischen «Fachgruppe gegen sexuelle Ausbeutung in therapeutischen Beziehungen» zusammen. Sie tauschen Informationen aus und entwickeln Strategien, um den Tätern das Handwerk zu legen. Seit dreieinhalb Jahren existiert in Zürich Castagna, die Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Mädchen. Im Herbst 1993 ist auf Initiative der Ärztin Annemarie Angst die Frauenberatungsstelle der kantonalen Ärztegesellschaft Zürich gegründet worden, die massgeblichen Einfluss auf die Fälle Emil Pintér und Werner Glinz genommen hat. In Zürich gibt es seit kurzem auch die erste Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt. Eine Gruppe von Anwältinnen, die oft mit Fällen sexueller Ausbeutung zu tun hat, pflegt einen Gedankenaustausch. Das Frauenmusik-Forum Schweiz hat eine Arbeitsgruppe Sexismus gegründet. Frauensekretärinnen in den Gewerkschaften und Gleichstellungsbeauftragte in den Betrieben setzen vermehrt Reglemente gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz durch. Die Psychotherapeutin Ahia Zemp referiert im ganzen deutschen Sprachraum zum Ausmass der sexuellen Gewalt gegen behinderte Frauen und Mädchen. Das Netzwerk, das viele Expertinnen und einzelne Experten in den letzten Jahren zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung gespannt haben, ist mittlerweile sehr dicht geknüpft.
Nur die wenigsten Täter sind einsichtig Sexuelle Übergriffe ziehen sich durch alle sozialen Schichten. Akademiker wie Ärzte oder Theologen sind ebenso vertreten wie Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, aber auch der Chauffeur des Behindertenbusses. Eine beachtliche Anzahl der Täter sind gestandene Berufsleute, wie auch die Beispiele des Zürcher Psychiaters Emil Pintér oder des Chirurgieprofessors Werner Glinz belegen. Männer, die sich eine Patientin, Klientin, Schülerin, Lehrtochter oder Angestellte zur Befriedigung eigener Bedürfnisse wie Machtausübung, Sexualität oder Bewundertwerden zunutze machen, haben meistens kein Schuldbewusstsein. Therapeuten «verkaufen» ihre Tat gern als Bestandteil des Heilungsprozesses; Lehrer, aber auch Lehrmeister beschreiben sich oft als die «wahren Opfer», die den Verführungskünsten der jungen Frauen erlegen seien. Mangels Einsicht in ihre Schuld neigt die Mehrzahl zur Wiederholung ihrer Taten. Sie setzen psychische Druckmittel ein, wenden aber eher selten körperliche Gewalt an. Ihre in der Position begründete Macht ist potent genug, um ihnen zur Durchsetzung ihrer Ziele zu verhelfen. Ob einzelne Berufsgruppen einem grösseren Missbrauchs- risiko als andere ausgesetzt sind, ist nicht endgültig geklärt. In einer neueren holländischen Studie, in der Gynäkologen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte zum Thema «sexuelle Kontakte in der Praxis» befragt wurden, liessen sich keine grossen Unterschiede zwischen den beiden Mediziner-gruppen ermitteln. Die Autoren der Studie schliessen aus diesem Ergebnis, dass «es entweder tatsächlich keinen Unterschied gibt oder aber dass das stärkere Risiko für Gynäkologen durch ein kritischeres Bewusstsein ausgeglichen wird». Ähnliches - so berichten Fachleute - lasse sich im Bereich der Psychotherapie und Psychologie feststellen. Wer körperorientiert mit seinen Patientinnen arbeite, habe oftmals eine besonders stark ausgeprägte Wahrnehmung für das Einhalten von Grenzen. Wer sich anderseits selber zum «Gott in Weiss» oder zum «Psycho-Guru» emporstilisiert, ist oft nicht bereit, sich den üblichen Grenzsetzungen zu unterziehen. Das deutsche Forscherpaar Gottfried und Monika Fischer schreibt in einer neueren Arbeit zum Therapiemissbrauch: «Unsere bisherigen Ergebnisse scheinen vom äusseren Eindruck her mehrheitlich einen Tätertypus nahezulegen, der älter, unauffällig bis unattraktiv ist und der schon unter diesem Gesichtspunkt auf die Ausnutzung des therapeutischen Abhängigkeitsverhältnisses angewiesen ist, um mit jungen attraktiven Frauen in erotischen Kontakt zu kommen.» Bettina Kurz, die VPOD-Frauensekretärin, hat dank langjähriger beruflicher Erfahrung im Umgang mit sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz ihr eigenes Täterprofil gewonnen: «Belästiger», sagt sie, «sind am häufigsten unter den dreissig- bis fünfzigjährigen verheirateten Männern mit langer Betriebszugehörigkeit zu finden.» Bei der Auswahl ihrer Opfer zielten sie mit sicherm Gespür auf diejenigen Frauen, die sich nicht oder nur schlecht wehren können. Das können Ausländerinnen, alleinerziehende Mütter, Berufsanfängerinnen oder auch ältere Arbeitnehmerinnen sein.
Ein Fallbeispiel Doris Staub* war gerade dreissig Jahre alt geworden, als ihr schwerkranker Vater durch Selbstmord aus dem Leben schied. Sie be-fand sich in einer schwierigen Phase und entschloss sich, eine Psychotherapie zu beginnen. Hinzu kamen ihre «Männerprobleme», die sie seit Jahren belasteten. Als ihr Therapeut sie bereits in der ersten Stunde mit anzüglichen Blicken musterte, verdrängte sie ihr Unwohlsein. Sie brauchte jetzt Hilfe. Nach zehn Therapiesitzungen lud er sie zum Essen ein und gestand ihr, dass er sich in sie verliebt habe. Doris Staub sagt: «Obwohl er mir als Mann überhaupt nicht gefallen hat, so klein und dünn wie er war, fühlte ich mich geehrt durch sein Angebot und bin mit ihm ausgegangen.» Nach dem Essen bestürmte er sie, sie solle ihn doch in seine Wohnung begleiten. Sie müsse nach allem, was er von ihr wisse, doch ganz ausgehungert nach Sex und Liebe sein. «Obwohl ich eigentlich nicht wollte, war die Aussicht auf ein bisschen Wärme und Nähe doch sehr verlockend», sagt sie heute. Sie ging mit ihm ins Bett. Mit dem Sex klappte es nicht, weil der Therapeut versagte. In der Folge wurde Doris Staub von «grausamer Wut» gepackt. Sie realisierte, dass der Mensch, dem sie sich in ihrer Not anvertraut und auf dessen Hilfe sie gezählt hatte, sie zur Befriedigung eigener Bedürfnisse missbraucht hatte. Als sie den Übergriff mit ihm in einer zusätzlichen, nachträglich anberaumten Therapiestunde besprechen wollte, war er uneinsichtig. Von Schuldbewusstsein keine Spur. Er schickte ihr sowohl eine Rechnung für diese letzte Therapiesitzung wie auch einen «happigen Brief», in dem er alle Schuld für das Vorgefallene auf sie abschob. Doris Staub war «total am Boden. Ich fühlte mich hin und hergerissen zwischen Zorn und Verzweiflung.» Die Kraft, sich mit einem Verfahren zu wehren, hatte sie nicht. In der Folge hörte sie von Frauen, die ihr Therapeut auf ähnliche Art ausgebeutet haben soll. Er praktiziert heute noch. * Name geändert
Täterinnen Auch Frauen sind und waren Täterinnen, und es scheint mir von grosser Bedeutung zu sein, dies nicht länger zu verleugnen.» So steht es in Claudia Heynes 1993 pu- blizierten Buch mit dem provokativen Titel «Täterinnen». Fachleute aus der Schweiz stimmen dieser Aussage zu. Die überwiegende Mehrheit sexueller Gewalt wird zwar von Männern ausgeübt. In den USA etwa sind rund zehn bis zwölf Prozent der Therapeuten, aber nur zwei bis drei Prozent der Therapeutinnen in Missbrauchsbeziehungen verstrickt. Von den Ärzten - so die bisherigen Schätzungen - lassen sich rund fünf bis sechs Prozent sexuelle Ausbeutung zuschulden kommen, während sich die entsprechende Zahl der Ärztinnen im Promillebereich bewegt. Erstaunliche Ergebnisse förderte hingegen die Schweizer Studie zu «sexuellen Kontakten zwischen Pflegepersonal und Patienten in psychiatrischen Kliniken» von 1993 zutage. 10,5 Prozent der Frauen und 16,8 Prozent der Männer in zwei untersuchten psychiatrischen Kliniken gaben an, sexuelle Kontakte zu Patienten gehabt zu haben. Offenbar - so die Expertenmeinung - verführe die grössere Nähe, womöglich auch gemeinsames Übernachten in stationären Einrichtungen sowohl männliche als auch weibliche Angestellte eher zum sexuellen Übergriff. Je offener über das Tabuthema weibliche Gewalt diskutiert wird, um so deutlicher wird, dass Frauen nicht einfach das «friedfertige Geschlecht» sind. Auch Peter Lacher, der Leiter der ersten Schweizer Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt in Zürich, muss ein halbes Jahr nach Aufnahme seiner Tätigkeit konstatieren, «dass sich auffallend häufig Männer bei uns melden, die von Frauen ausgebeutet wurden». Auch in einer Solothurner Drogentherapiestation für Frauen soll es zu sexuellen Kontakten zwischen Betreuerinnen und ihren Klientinnen gekommen sein. Die Psychoanalytikerin Ursula Wirtz, die sich seit Jahren mit dem Thema sexuelle Ausbeutung befasst, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: «Es gab sexuelle Übergriffe von KZ-Wärterinnen, und es gibt sexuelle Ausbeutung durch weibliche Altersheimangestellte, Psychiatriepflegerinnen und Therapeutinnen.» Die betroffenen Männer neigen dazu, den Missbrauch zu rationalisieren: «Männliche Opfer», so Wirtz, «interpretieren oft den Übergriff durch eine Frau um und klammern sich an die Vorstellung, sie seien die Verführer gewesen und hätten ihre Therapeutin «herumgekriegt».»
Justiz: Identifikation mit den Tätern D ie Zürcher Rechtsanwältin Peggy A. Knellwolf behandelt seit rund drei Jahren Fälle von sexueller Gewalt in Abhängigkeitsverhältnissen. Seit das neue Opferhilfegesetz am 1. Januar 1993 in Kraft getreten ist, so hat sie festgestellt, habe eine «grössere Sensibilisierung der Justiz für heikle Themen» stattgefunden. Auffällig bei den Verfahren bleibt allerdings: Sämtliche Fälle, die nicht mit Freispruch enden, wurden bisher von den Beschuldigten an höhere Instanzen weitergezogen. Ein grosser Teil der Fälle wird zudem durch Einstellung bereits im Vorfeld erledigt. Nach wie vor, so die Erfahrung der Juristin, werde auf eklatante Art «an der Glaubwürdigkeit der Opfer gezweifelt». Knellwolf: «Ich kenne keinen anderen Straftatbestand, bei dem sich die Untersuchungsbehörden in dem Masse mit den Tätern identifizieren wie bei sexueller Ausbeutung.» Dennoch ist die Juristin überzeugt, dass die Zahl der Opfer, die Anzeige erstatten, weiterhin zunehmen werde. Das neue Sexualstrafrecht von 1992 legt etliche Paragraphen vor, die zur Ahndung von sexueller Gewalt angewendet werden können. Zum ambulanten Therapie- Missbrauch beispielsweise gibt es dennoch bis heute kein einziges rechtskräftiges Urteil. Rechtsanwältin Knellwolf: «Wir befinden uns weiterhin in einem stark interpretationsbedürftigen Feld.» Eines der Hauptprobleme, das sich der Bestrafung sexueller Ausbeutung in Abhängigkeitsverhältnissen entgegenstellt, ist die Kürze der Verjährungsfristen. Sie tragen besonders den Ansprüchen der Opfer zuwenig Rechnung. Das gilt sowohl für Strafprozesse als auch für verbandsgerichtliche Verfahren. In beiden Bereichen ist es bereits dazu gekommen, dass Verurteilungen allein durch den Eintritt der Verjährung verhindert wurden. Um hier Abhilfe zu schaffen, schlägt etwa die Standesordnung der FMH-Ärzte eine Verjährungsfrist von zehn Jahren vor. Auch erste Fälle von aussergerichtlichen Vergleichen sind bekanntgeworden. In Basel beispielsweise anerkannten zwei Psychiater ihr Verschulden, die wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Patientinnen vor dem Ehrenrat standen. «Mehrere zehntausend Franken», weiss ein Insider, wurden dabei als Schmerzensgeld beziehungsweise Anteil an die Kosten der Folgetherapie bezahlt. Das Opfer verpflichtete sich, den Fall juristisch nicht weiterzuziehen und den Namen des Täters nicht zu veröffentlichen.
Andreas Blaser - Advocatus Diaboli... Professor Andreas Blaser, klinischer Psychologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik Bern und Sexualtherapeut, beschäftigt sich seit Anfang der neunziger Jahre mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs in Psychotherapien. In der Diskussion um sexuellen Missbrauch versteht er seine Rolle als diejenige eines Advocatus Diaboli. FACTS: In der Debatte um sexuelle Ausbeutung schwimmen sie gegen den Strom. Blaser: Ich denke, man sollte in der sogenannten Missbrauchsdebatte stärker differenzieren. Meiner Meinung nach besteht ein grosser Unterschied, ob eine Frau nur einmal zu einem Chirurgen geht oder ob sie ihren Therapeuten schon länger und besser kennt und es zum Beispiel vereinbart wurde, dass der Körper zu therapeutischen Zwecken miteinbezogen wird. Doch ich denke, angesichts des aufgeheizten Diskussionsklimas sind solche Differenzierungen nur schwer zu vermitteln. Wo erleben Sie denn dieses «aufgeheizte Klima»? Blaser: Ich spreche zum Beispiel im Rahmen eines Vortrags von sexuellem Missbrauch als einer «unguten Sache». Prompt hängt mich eine Kollegin an diesem Begriff auf. Eine solche Formulierung dürfe man nicht gebrauchen. Diese Kollegin ist die Psychoanalytikerin Ursula Wirtz, die Ihnen Verharmlosung im Umgang mit dem Thema vorwirft. Sie geben sich mit den bisher vorliegenden Studienergebnissen zum sexuellen Missbrauch in Therapien nicht zufrieden und pochen darauf, zusätzliche Daten zu erheben. Was erwarten Sie von solchen weiteren Erhebungen? Blaser: Ich erwarte, dass auch Personen zu Wort kämen, die deutlich machen würden, dass sexuelle Handlungen in der Therapie indifferent oder möglicherweise positiv sein könnten. Als Wissenschaftler kann ich mich nicht mit einseitiger Meinungsbildung zufrieden geben. Mir hat zum Beispiel ein Mann nach dem obenerwähnten Vortrag erzählt, dass die sexuelle Beziehung zu seiner Psychotherapeutin das Beste gewesen sei, was ihm habe passieren können. Ich habe später noch einen Brief von einer Frau erhalten, die das ganze ähnlich schilderte, und kenne inzwischen sogar noch einen dritten vergleichbaren Fall. Aufgrund der stark polarisierten und von Anfang an negativ besetzten Debatte - Negativstichwort «sexueller Missbrauch» - schweigen solche Patienten natürlich und wagen es nicht, ihre erfreulichen Erfahrungen öffentlichzumachen. Welche Bedeutung haben diese Beispiele für Sie und Ihre Arbeit als Therapeut? Blaser: Ich sehe sie als Beleg dafür, dass sexuelle Handlungen in Therapien auch einen positiven Ausgang haben können. Mich würde es im Sinne der Wahrheitsfindung interessieren, mehr zu solchen Beispielen zu hören. Damit stemmen Sie sich gegen die anerkannte und in zahlreichen Studien erhärtete Aussage, dass sexueller Therapiemissbrauch katastrophale Folgen für die Betroffenen nach sich zieht. Blaser: Nein, ganz und gar nicht. Aber mich interessiert der Übergriff in der krassen Form eigentlich überhaupt nicht. Mich interessiert vielmehr die Frage, wo denn eigentlich ein sexueller Übergriff anfängt. Wo fängt er denn Ihrer Meinung nach an? Blaser: Ich habe es mir in einem Aufsatz leicht gemacht und postuliert, dass der sexuelle Übergriff bei genitalen Handlungen beginnt. Und was halten Sie davon, wenn ein Therapeut seine Patientin auf den Mund küsst? Blaser: Ich selber würde es nicht machen. Sie haben Mühe mit den Feministinnen und werfen ihnen Unversöhnlichkeit und Kompromisslosigkeit vor. Wo wäre im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung Versöhnlichkeit angesagt? Blaser: Sie müssen ja gar nicht versöhnlich sein, aber mindestens eine differenzierte Meinungsbildung zulassen. Das Schwierige, Subtile an der Sache wird ja nirgends diskutiert. Ich sehe keine Fragezeichen mehr, sondern nur noch Ausrufezeichen. Ich aber habe noch Fragen. Welche? Blaser: Ich bin entschieden gegen jede Form von sexuellem Missbrauch. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob alles andere auch unter Missbrauch subsumiert werden muss. Eine Psychotherapie entspricht meiner Meinung nach einer Eltern-Kind-Beziehung. Und was macht eine gute Mutter? Sie redet mit ihrem Kind, tröstet es, schimpft mit ihm, ermuntert es, nimmt es in die Arme, streichelt es - alles ohne sexuelle Absicht. Und all das sollte in der Therapie als Abbild der realen zwischenmenschlichen Beziehung auch möglich sein. Sie haben auch schon geschrieben, die Missbrauchsdebatte sei eine Folge der herrschenden Anti-Sex- Mentalität, die seit einiger Zeit aus den USA zu uns herüberschwappe. Sexueller Missbrauch hat indessen sehr wenig mit Sexualität, aber sehr viel mit Macht zu tun. Blaser: Meine Interpretation rührt womöglich daher, dass ich beruflich sehr viel mit Leuten zu tun habe, die wegen sexueller Probleme zu mir kommen. Mir geht es nicht darum, die Missbrauchsdebatte in Frage zu stellen, aber ich will darauf hinweisen, dass Gefühle wie Geborgenheit, Zärtlichkeit und Nähe - ohne sexuellen Anstrich - in Therapien möglich sein dürfen. Diese müssen gemeinsam mit den Patienten reflektiert und in das Gesamtgeschehen der Therapie gestellt werden. Wieviel Nähe verträgt es zwischen Ihnen als Sexualtherapeut und Ihren Patientinnen? Blaser: Ich arbeite integrativ, das heisst mit verschiedenen therapeutischen Methoden, patientenorientiert und mit dem Körper. Berühren Sie Ihre Patientinnen auch? Blaser: Ja. Und wo? Blaser: Überall, ausser an den Genitalien. An den Innenseiten der Oberschenkel? Blaser: Ja, wenn Massage- oder Berührungstechniken angesagt sind. Eine merkwürdige Grenzsetzung. Blaser: Richtig. Facts, 21. September 1995 |
|||