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Auch Kinder können meditieren - grosses Interesse an Kinder-Yoga-Kursen


Ruth Oschwald ist Kinder-Yoga-Lehrerin und unterrichtet in der Kinderwerkstatt Dübendorf. Die Nachfrage nach Kursen für die Kleinsten ist gross, lässt sich aber bisher nur im Rahmen von privaten Schulen und Einrichtungen befriedigen*.

Drei Mädchen und drei Knaben, sieben, acht oder neun Jahre alt, sitzen auf bunten Tüchern und begrüssen ihre Lehrerin mit dem Yoga-Gruss. Sie legen ihre Handflächen gegeneinander und strecken sie Ruth Oschwald entgegen, die ihnen auf dieselbe Art einen "schönen Morgen" entbietet. Dann geht's rund. Afrikanische Rhythmen erfüllen den Raum und fahren den Kindern in Mark und Bein. Sie spielen "Fangis", klatschen und stampfen aber gleichzeitig auch im Takt der Musik und lassen anmutig ihre Hüften kreisen, wenn sie während Sekunden auf einer "Sicherheitsinsel" Luft holen. Nach dem wilden Spiel legen sich die Kleinen auf den Rücken, strecken sich, atmen tief durch und spüren mit den Händen auf ihrem Bauch, wie sich dieser hebt und senkt. Ninon schliesst die Augen, Marco sucht Blickkontakt zu Adrian. Momente der Erholung und Entspannung, bevor es weitergeht.

Donnerstagmorgen um neun Uhr, Kinderwerkstatt in Dübendorf. Die sechs Privatschüler und -schülerinnen geniessen das Vorrecht, dass Yoga, die uralte indische Lebenskunst, Teil ihres Stundenplans ist und sie alle zwei Wochen für eine Stunde in die Welt von Phantasie und Spannung, aber auch Ruhe und Meditation entführt. Einige sind bereits seit dreieinhalb Jahren dabei, weil sie den Freiraum lieben, in dem es für einmal nicht um Noten und Leistung geht.

Kinder-Yoga, sagt Ruth Oschwald, sei bewegter, temperamentvoller, spontaner und mehr von den augenblicklichen Bedürfnissen der Buben und Mädchen geprägt als Yoga für Erwachsene. Kinder würden es nicht aushalten, über längere Zeit still und steif dazusitzen. Ihrem Wunsch nach Abwechslung und sich Austoben entspreche sie, indem sie zusätzliche Elemente wie Tanz, Theaterspiel und gegenseitiges Massieren in ihre Stunden integriere.

Ruth Oschwald, gelernte Krankenschwester und Mutter einer achtjährigen Tochter, hat selber vor zwanzig Jahren damit begonnen, Yoga zu praktizieren. Über ihre Ausbildung und Tätigkeit als Spielgruppenleiterin und ihre Teilnahme an Montessori-Workshops kam sie schliesslich zum Yoga für Kinder. Ihr war, nicht zuletzt auch durch die eigene Tochter, bewusst geworden, in welchem Masse schon die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft unter Stress und Anspannung stehen, von den Reizen aus dem Fernsehen regelrecht überrollt werden, ohne diese je verarbeiten zu können, und gleichzeitig unter einem erheblichen Bewegungsmangel leiden. Sie realisierte, wie nervös, aggressiv oder ängstlich viele Kinder sind.

In Heidelberg liess sie sich zur Lehrerin für Kinder-Yoga ausbilden und unterrichtet seither Drei- bis Fünfjährige beziehungsweise Sieben- bis Neunjährige in Kleingruppen. "Yoga", sagt die 47jährige, "fördert auch bei Kindern die Fähigkeit zur Entspannung und zum tiefen, gesunden Atmen, ihre Kreativität und Intuition, aber auch den bewussten und sorgfältigen Umgang mit ihren Mitmenschen.

Die Dübendorfer Mädchen und Buben brennen darauf, das nächste Kapitel aus der Geschichte von Dorothee und der Hexe zu erfahren.

Die Reise beginnt. Gemeinsam mit Ruth Oschwald begeben sie sich ins Land der Wunder und Märchen, wehren sich mit der tapferen Dorothee gegen die böse Hexe und retten ihren Silberschuh, der Zauberkräfte birgt. Sie stampfen auf den Boden und mimen die Hexe. Mit aufgeblasenen Backen entfachen sie ein Feuer. Blitzschnell verwandeln sie sich in einen Löwen, lassen sich auf Vorder- und Hinterpfoten nieder, strecken ihre Zungen heraus und brüllen wie ein wildgewordenes Raubtier: Einmal, zweimal, ohrenbetäubend. Das macht tierisch Spass und gibt Kraft. Als die Kirchturmuhr zwölf schlägt, tönt es auch in der Dübendorfer Kinderwerkstatt zwölfmal "bim bam bum". Sie lassen die Kellertür quietschen und die Eule heulen. Sie sind der schlafende Igel am Wegrand und Sekunden später das traurige Hündchen, das jault. Zur Unterstützung von Dorothee singen sie ein sogenanntes "Om", ein Yoga-Element auf dem Weg zur eigenen Mitte.

Weil Kinder-Yoga Spass machen soll, entlässt die Lehrerin zwei der drei Buben, die offensichtlich keine Lust mehr auf Yoga haben, vorzeitig in die Pause. Die anderen spielen das "Zauberspiel". Lena ist die gute Fee. Sie trägt ein paillettenbesetztes Jäckchen, eine Goldkappe und hält einen seidenen Schal in der Hand, mit dem sie sachte über ein am Boden liegendes "Gespänli" streicht und es auf diese Art erlöst. Das Licht einer Kerze und die sphärischen Klänge einer Meditationsmusik verwandeln den kalten hässlichen Kellerraum in eine Insel friedlicher Verzauberung.

Zum Schluss führt Ruth Oschwald ihre Klasse auf den Boden der Realität zurück. Augen werden gerieben, Arme gestreckt und Beine ausgeschüttelt. Die Yoga-Lehrerin dankt ihren Schülern für das Mitmachen und schickt sie in ihren hektischen Alltag zurück - in der Hoffnung, ihnen ein Stück Stärke, Sicherheitsgefühl und Widerstandskraft mit auf den Weg gegeben zu haben.

 

*Ruth Oschwald organisiert auch Ausbildungsseminare für Kinder-Yoga-Lehrer und Lehrerinnen, die vom Heidelberger Sozialpädagogen und Yoga-Lehrer Thomas Bannenberg geleitet werden. Kontaktadresse: Ruth Oschwald, Unterdorfstrasse 21, 8602 Wangen, Tel.:01/ 833 14 45


Keine grossen Unterschiede zwischen Kinder- und Erwachsenen-Yoga

Kinder-Yoga und Yoga für Erwachsene unterscheiden sich grundsätzlich nicht. Beide zielen darauf ab, das Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist herzustellen, und bedienen sich dazu spezieller Körperhaltungs-, Atem-, Konzentrations-, Kontemplations- und Meditationsübungen, die sowohl von Fünf- wie von Fünzigjährigen ausgeführt werden können.

Der wesentliche Unterschied liegt in der Art der Vermittlung. Während Erwachsene insbesondere im europäischen Raum auf einer sehr kognitiven Ebene angeleitet werden, auf der ihnen auch das Warum und Wozu einer Übung wie dem "Sonnengruss", dem "Löwen" oder der "Kobra" stets erläutert werden, führen Kinder diese Übungen auf einer sehr viel körper- und gefühlsbetonteren Ebene aus und stehen damit interessanterweise dem ursprünglichen indischen Yoga sehr viel näher.

So verpackt auch Ruth Oschwald die verschiedenen Übungen, die ihre Schüler und Schülerinnen ausführen sollen, in ein Märchen oder eine Geschichte, ohne den Kleinen explizit mitzuteilen, dass sie jetzt ihre Beweglichkeit, ihr Selbstbewusstsein oder ihre Atemtechnik verbessern. Kinder-Yoga ist mithin spielerischer. So lässt die Yoga-Lehrerin "ihre" Kinder blasen wie der Wind oder zischen wie eine Schlange und fördert damit das tiefe Ein- und Ausatmen, ohne je einmal das Wort "Atmen" in den Mund genommen zu haben.

Kinder verfügen auch nicht über die Ausdauer von Erwachsenen und mögen zum Beispiel Haltungs- und Meditationsübungen nur während einer beschränkten Dauer praktizieren. Aber sie "meditieren", gemäss dem Heidelberger Kinder-Yoga-Spezialisten Thomas Bannenberg, "wunderbar, und zwar je jünger und naiver sie sind, um so besser."

Tages-Anzeiger, 25. November 1997

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