|
|||
|
Wenn Frauen auf die Jagd gehen, hat auch einmal ein gutes Mittagessen Platz
Die Morgensonne bahnt sich ihren Weg durch den immer noch dicht belaubten Wald der Rothöhe oberhalb des Berner Städtchens Burgdorf. Die Jagdhunde zittern bereits vor Aufregung, während sich ihre Besitzer erst einmal am kräftig flackernden Feuer wärmen und einen Begrüssungstrank zu sich nehmen. Drei Männer und zwei Frauen, der Älteste im stattlichen Alter von 86 Jahren, die Jüngste erst 40 Lenze zählend, allesamt in weidmännisches Grün gehüllt, besprechen den anstehenden Jagdtag. Die 46jährige Beatrix Rechner wird mit den Hunden ins Unterholz stechen und als "Treiberin" das Wild aufstöbern. Ihre Kollegin Brigitte Aeberli schliesst sich den Männern an, die an verschiedenen Plätzen Stellung beziehen und darauf warten, dass ihnen die Rehböcke, Geissen und Kitze vor die Schrotflinte springen. Rechner ist eine erfahrene Jägerin. Vor genau zwanzig Jahren hat sie die Jagdprüfung absolviert und seither Herbst für Herbst ein Patent gelöst, das sie während sechs Wochen zur Jagd berechtigt. Locker schultert sie ihre Winchester, nimmt die drei grossen Hunde vorerst an die Leine und lässt nur ihre Rauhhaardackel laufen. "Weidmannsheil" wünscht sich die Gruppe und zieht los. Mit entschlossenem Schritt macht sich die sportliche, grossgewachsene Frau auf den Weg. Als Treiberin sind ihre Chancen, ein Tier zu erlegen, sehr beschränkt. Das sei ihr gerad' recht, sagt sie. Stattdessen geniesse sie den Wald, die Ruhe und Musse, die ihr in ihrem hektischen Alltag als Firmenbesitzerin abgehen würden: "Auf der Jagd kann ich mich bestens entspannen." Springt ihr dann allerdings ein Reh regelrecht vor die Füsse, hat sie ihre Flinte innert Sekunden zur Hand und legt so gekonnt an, wie es nur jemand tut, der seine Waffe wirklich beherrscht. An diesem Morgen ist das Jagdglück auf seiten des Kollegen Richard Burkhalter. Er schiesst eine Rehgeiss, was er den anderen mit drei satten Hornstössen kundtut. Die Gruppe trifft sich und begutachtet das Beutetier. Es wird "aufgebrochen" und ausgeweidet. Die Innereien werden den Füchsen zum Frass vorgeworfen. Währenddem isst Beatrix Rechner in aller Ruhe ihr 'Znüni'-Brot. Floh, ihr zehnjähriger Zwerg-Kaninchen-Rauhhaardackel, der energiegeladen ins dornige Unterholz schiesst, wenn er ein Reh aufspürt, sitzt jetzt erschöpft auf ihrem Schoss und lässt sich hinter den Ohren kraulen. Gemischte Jagdgruppen sind eine Seltenheit in den hiesigen Wäldern. Dass sogar zwei Frauen neben drei Männern seit Jahren ihren Stammplatz behaupten, ist schon fast eine Sensation angesichts eines durchschnittlichen Frauenanteils von bescheidenen 1 bis 5 Prozent, der gemäss offizieller Verlautbarung "ganz leicht am Steigen" sei. Jagen ist eine Männerdomäne. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Römer einst eine Frau, nämlich Diana, zur Göttin der Jagd erkoren und die Griechen Artemis. Jagen ist Töten. Das lässt sich nicht leugnen und ist auch dann nicht aus der Welt geschafft, wenn man in der sensibilisierten Öffentlichkeit anstelle von Gewehr von "Hegebüchse" spricht, Tiere nicht länger "erschiesst", sondern "aus der Wildbahn nimmt", sie keineswegs "tötet", sondern nur "einen Kreislauf schliesst". Frauen, die jagen, sind der Kritik in besonderem Mass ausgesetzt. Sie lösen Irritation aus und werden vielerorts noch heftiger als ihre männlichen Kollegen angefeindet. So wurde auch Beatrix Rechner schon als "Tierlimörderin" gebrandmarkt oder musste sich empört fragen lassen, wie sie es fertig bringe, so "herzige Bambis abzuknallen". Andernorts zweifelte man gar ihre Fähigkeit an, einen Menschen von einem Tier zu unterscheiden. Gleichzeitig hatten (und haben) Frauen auch unter der Ablehnung durch viele ihrer männlichen Jagdkollegen zu leiden. Da sei mitunter grobes Geschütz aufgefahren worden: "Man wurde belächelt, beleidigt und mit dummen Sprüchen eingedeckt," heisst es unisono. Rechner, die sich bereits Ende der siebziger Jahre in den Vorstand ihres Jagd- und Wildschutzvereins wählen liess, wurde statt mit dem kollegialen "Du" lange Zeit mit dem förmlichen "Sie" auf Distanz gehalten. Als sie damals als einzige Frau unter rund 150 Männern an einer Delegiertenversammlung teilnahm, mussten ihre Vereinskollegen sie regelrecht abschotten gegen die aggressiven Übergriffe vieler Anwesender. Viele Männer wollten und wollen auf der Jagd offenbar unter sich sein. Sie lieben es, sich so ungeniert wie im Militär aufzuführen und zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Viele befürchten, dass ihr Jagderfolg durch eine Kollegin beeinträchtigt werden könne, die sich "dumm anstelle", zu schwach sei oder eine Extrawurst beanspruche. Die Kavaliere alter Schule geben vor, dem "zarten Weibervolk" das Töten von Tieren nicht zumuten zu können. Unter den Jüngeren lässt sich immerhin ein rechter Teil umstimmen, wenn sich eine Kollegin anpassungswillig zeigt und durch Leistung besticht. Wer dermassen unter Beschuss steht, hält sich bedeckt. So kann es nicht überraschen, dass sich viele Jägerinnen scheuen, ihr Hobby an die grosse Glocke zu hängen. "In meiner Wohnung verrät nichts", sagt eine, die nicht genannt sein will, "dass ich auf die Jagd gehe." Eine andere hält das Thema für so heikel, dass sie nach unliebsamen Erfahrungen nichts mehr mit den Medien zu tun haben will. Bettina Engeli, Revierjägerin aus Winterthur, hätte sich am liebsten ohne Gewehr fotografieren lassen: "Sonst bekommen die Vorurteile wieder neue Nahrung." Frauen haben einen anderen Zugang zur Jagd als Männer. Mag sein, dass die Argusaugen ihrer Umgebung, die auf ihnen ruhen, ihren Jagdtrieb mässigen. Mag sein, dass es sie, geprägt durch Erziehung und Lebenserfahrung, mehr Überwindung kostet, ein Tier zu töten. Rühmen viele Männer die Jagd, weil sie ihnen Abenteuer, Freiheit, Spannung, Herausforderung und Wettkampf verspricht, betonen Frauen in stärkerem Masse ihre Freude an der Beobachtung der Natur. Brigitte Aeberli legte nicht zuletzt deshalb die Jagdprüfung ab, die im Kanton Bern eine zweijährige Ausbildung voraussetzt, weil sie ihrem Göttikind besser über die Tier- und Pflanzenwelt Auskunft geben wollte. Frauen lassen denn auch seelenruhig das friedlich vor ihnen äsende Reh, das sichere Beute verspräche, ihnen aber ans Herz greift, vorbeiziehen und drücken nicht ab. Vielen sagt die Hege und Pflege in einem Revier mehr, die sogenannte "Nachsuche" von kranken oder angefahrenen Tieren, die es zu erlösen gilt. Sie sind stark vertreten in der Zucht von Jagdhunden oder amten in den zahlreichen Vereinen als Richterin oder Ausbildnerin, wenn es darum geht, einen deutschen Wachtelhund abzurichten. Natürlich schiessen sie auch. Brigitte Aeberli hat diese Saison bereits zwei Beutetiere nach Hause gebracht, die nur noch darauf warten, von ihr gemetzget zu werden. Sie scheut sich nicht, ein Tier aufzubrechen und die "rote Arbeit" zu erledigen. Sie schleppt auch die schweren Brocken, die etliche Kilogramm auf die Waage bringen, eigenhändig zu ihrem Auto. Denn allen Unkenrufen zum Trotz bringen Frauen oftmals Voraussetzungen und Talente mit, die sie regelrecht zur Jagd prädestinieren. Sie verfügen über eine sichere Hand, eine ausgeprägte Feinmotorik und Geduld - mithin die besten Bedingungen, um als Schützin Erfolg zu haben. Gleichzeitig wird ihnen eine gute Beobachtungsgabe, viel Einfühlungs- und damit Antizipationsvermögen und Geschicklichkeit im Gelände attestiert, das heisst alle Voraussetzungen, um als Jägerin zu bestehen. Dass sie auch zäh, robust und ausdauernd sind, beweist niemand so gut wie Beatrix Rechner, die unter ihren Kollegen mit Sicherheit die Fitteste ist. Die ehemalige Schweizer Meisterin im Hochsprung fährt noch heute regelmässig Velo und joggt täglich. Die Geschäftsfrau, die schon mit zwanzig Jahren den Familienbetrieb übernahm, und zur Zeit den Stadtrat von Burgdorf präsidiert, ist zudem psychisch robust und verfügt über ein gesundes Selbstbewusstsein. Wer gegen die Jagd und Jäger(innen) stänkert, wird von ihr auf den eigenen Fleischkonsum hingewiesen und kurzerhand zur Teilnahme an der Jagd eingeladen. Sie ist eine Vorzeige-Jägerin, zweifellos, und nicht zuletzt deshalb beliebt bei ihren Kollegen. Doch damit nicht genug. Wer je mit Frauen auf der Jagd war, lernt auch ihre anderen Vorzüge schätzen. Frauen, heisst es, seien dem Klima förderlich. Dank ihnen sei der Umgangston weniger martialisch oder auch zotig; sie sorgten dafür, dass nicht so "vergiftet" wie in reinen Männergruppen zur Sache gegangen werde. Da hat dann auch ein gutes Mittagessen Platz, das auf der Burgdorfer Rothöhe dank Rechner mit einer Cremeschnitte seinen krönenden Abschluss findet. Das macht alles Spass. Aber daneben heisst Jagen immer auch, im Grenzbereich zwischen Leben und Tod zu agieren und Widersprüchliche auszuhalten. Jagen kann heissen, ein Tier mit einem Blattschuss sauber zu erlegen; es kann aber auch bedeuten, es zu verletzen und ihm grosse Schmerzen zuzufügen. Da wird ein Hirsch während vier Jahren beobachtet und liebgewonnen; im fünften Jahr ist er fällig und wird geschossen. Da wird die Schönheit des Birkhahns gepriesen, der letzte Weihnachten dann doch als Vorspeise auf der Familientafel landete. Man beweint die unfallbedingte Verletzung des eigenen Hundes, nachdem man zwei Tage zuvor ein Rehkitz erschoss. Das sind spannungsvolle Erfahrungen, die sich nicht immer auflösen lassen. Mit den Jahren werden viele Frauen empfindlicher. Bettina Engeli, die seit sechzehn Jahren jagt, gibt zu: "Ich spüre zunehmend mehr Mitleid, wenn ein Tier von meiner Hand stirbt." Auch die erprobte Beatrix Rechner bekundet, "so merkwürdig es klingt", je länger je mehr Mühe mit dem Töten zu haben. Das Mittagessen ist vorüber. Die Hunde strecken sich. Der Tatendurst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Beatrix Rechner schiebt zwei Schrotpatronen in ihre Flinte. Die Jagd geht weiter.
Interview mit Hanna Rheinz, Autorin des Buches "Eine tierische Liebe. Zur Psychologie der Beziehung zwischen Mensch und Tier"* Hanna Rheinz, warum gehen Menschen auf die Jagd? Hanna Rheinz: Die Jäger bezeichnen sich ja fast alle als Tierschützer, deren Streifzüge durch die Wälder der Regulierung des Wildbestandes und dem Schutz der Landwirtschaft dienen sollen. Bezweifeln Sie diese Darstellung? Rheinz: Diese Darstellung ist doch in erster Linie dazu da, das Töten von Tieren und das damit einhergehende Blutvergiessen zu legitimieren. Begriffe wie Jagdtrieb, Unterwerfen, Bezwingen und Beherrschen werden tunlichst vermieden. Ja, man verschleiert das eigene Tun auf groteske Art, indem man vom "Ernten der Tiere" statt vom "Töten" spricht. Nun besteht die Jagd nicht allein aus dem Akt des Tötens. Rheinz: Viele Jäger haben tatsächlich eine erstaunliche Kenntnis der Wildtiere. Sie hegen und pflegen einzelne Tiere oft über mehrere Jahre, leiten dann aber davon auch die Erlaubnis ab, sie eines Tages töten zu dürfen. Die Jäger töten zwar Tiere, aber sie fühlen sich offenbar auch verpflichtet, ihnen mittels verschiedener Rituale die letzte Ehre zu erweisen. Rheinz: Sie sind tatsächlich sehr empfänglich für klerikale Akte der Ehrerbietung. Bei uns lassen sie nach grossen Jagden sogar den Pfarrer kommen und die toten Tiere weihen. Das sind doch sehr merkwürdige Geschichten, mit denen da Abbitte geleistet und um Wiedergutmachung gebeten wird. Welche Rolle spielen Frauen in den Jagdverbänden? Rheinz: In Deutschland nimmt ihre Zahl stark zu. An einzelnen Orten sollen sie bereits dreissig Prozent stellen. Für mich ist es nicht erstaunlich, dass Frauen auch diesen Sprung machen. Sie sind zuverlässig, können sich gut in andere, also auch in ein Tier, hineinversetzen, und ihre Schiesskunst wird gelobt. Was kann einem Jagdverband zudem Besseres passieren, als ein paar weibliche Aushängeschilder präsentieren zu können? Fällt es Frauen schwerer, ein Tier zu töten? Normalerweise leisten sie keinen Militärdienst und sind damit auch nicht im Umgang mit Waffen geübt. Rheinz: Ich glaube, dass die Frauen, die sich zur Jagd entscheiden, ganz sachlich an den Akt des Tötens herangehen. Sie denken nicht daran, dass sie Tierfamilien auseinanderreissen könnten. Die Jagd ist eine in sich abgeschlossene Welt mit sehr klaren Gesetzen, numerischen Vorgaben und sogenannt wissenschaftlich belegten Erkenntnissen. Da muss man keine grosse Angst haben, dass man sich in Gefühlsproblemen verstrickt. Können sich Frauen in diesen Männergesellschaften überhaupt ihren Platz erkämpfen? Rheinz: Frauen sind natürlich gezwungen, sich den männlichen Normen und Verhaltensweisen anzupassen, weil es ihnen an einer eigenen weiblichen Ideologie des Jagens fehlt. Gute Schützinnen können durch Leistung Ansehen erringen. Wer zögert statt abdrückt, muss damit rechnen, belächelt zu werden. Kumpelhafter Umgang schafft am ehesten Akzeptanz bei den Männern. *Kösel-Verlag, München Sonntags-Zeitung, 26. Oktober 1997 |
|||