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Der Alltag mit Frauen, die von ihren Vätern sexuell ausgebeutet wurden, ist für deren Partner nicht leicht
Dass Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell ausgebeutet wurden, unter Folgeschäden zu leiden haben, ist inzwischen weitherum bekannt. Ausgeblendet wurde hingegen die Tatsache, dass auch der Alltag ihrer Lebenspartner nachhaltig beeinträchtigt wird. Auf Grund dieser Erkenntnis und auf die Initiative eines Betroffenen hin gründete der Zürcher Psychotherapeut Peter Lacher, 45, vor einem knappen Jahr eine Selbsthilfegruppe für eben solche Männer. Im Gespräch mit dem TagesAnzeiger schildern drei Gruppenmitglieder ihren Beziehungsalltag. Erwin, 38, Mechaniker, seit vierzehn Jahren verheiratet mit seiner gleichaltrigen Frau, vier Kinder im Alter von fünf bis zwölf. Franz, 44, Architekt, seit fünfzehn Jahren liiert mit seiner 39jährigen Frau, keine Kinder. Rainer, 40, Arzt, frisch verheiratet nach fünfjähriger Beziehung. Seine Frau ist 31 Jahre alt, keine Kinder. Alle Frauen wurden jahrelang von ihren Vätern sexuell ausgebeutet.
Wie haben Sie reagiert, als Sie erstmals davon erfuhren, dass Ihre Frauen Inzestopfer sind? Erwin: Meine Frau hat mir schon in der ersten Zeit unseres Kennenlernens davon erzählt. Ich war überrumpelt und fassungslos, dass so etwas in einer Familie passieren kann, und empfand Mitleid mit ihr, Hass auf ihren Vater, aber auch ihre Mutter, die so etwas hatte geschehen lassen. Mein Ziel war es, mit meiner Liebe und Zuneigung alles wiedergutzumachen - ein grosses Ziel, wie ich im Nachhinein sagen muss. Franz: Bei uns tauchte das Thema sexuelle Ausbeutung erst ein, zwei Jahre nach unserem Beziehungsbeginn auf. Wir hatten zum einen sexuelle Probleme. Zum anderen musste ich hilflos und verunsichert mitanschauen, wie meine Frau unter Zwangshandlungen litt, das heisst eine halbe Stunde vor dem Herd stehen und kontrollieren konnte, ob er wirklich abgeschaltet war, und schliesslich in einer schweren Depression versank. Nach und nach setzte dann ihre Erinnerung an die Übergriffe ein. Ich wollte ihr natürlich helfen, sie auffangen, empfand mit der Zeit aber auch immer mehr Wut ihr gegenüber, weil meine eigenen Bedürfnisse völlig in den Hintergrund gerieten. Rainer: Ich erfasste von Anfang an intuitiv, dass bei meiner Frau etwas nicht stimmte. Sie war schwer magersüchtig, hatte mehrere Selbstmordversuche hinter sich und litt unter grauenhaften Träumen. Schliesslich kam dann das Thema Inzest bei uns auf den Tisch, und es begann eine schlimme Zeit. Alles, aber auch wirklich alles geriet aus den Fugen. Ich kochte ein Jahr lang Abend für Abend, und sie ass keinen Bissen. Die Kontakte zu unseren Familien, aber auch zu den Freunden wurden immer schwieriger. Nichts war mehr "normal"; alles war radikal in Frage gestellt. Dürfen Sie von Ihrer Frau denn überhaupt irgendetwas verlangen? Oder lässt Sie die Angst, ihr zuviel zuzumuten, sehr defensiv und zurückhaltend auftreten? Franz: Wenn ich überfordernd wirke, geht der Vorhang bei meiner Frau sofort runter. Es kann zu Selbstmorddrohungen kommen, aber auch zu beleidigenden und kränkenden Ausbrüchen mir gegenüber. Das sind mitunter unerträgliche Situationen. Erwin: Ich halte es für falsch, meine Frau ständig zu schonen. Sie ist in vielen Bereichen sogar stärker und belastbarer als ich. Als ich vor einiger Zeit eine Affäre hatte und ihr davon erzählte, war ich total erstaunt, wie gut sie das verkraftet hat. Rainer: Es ist für mich etwas vom Schwierigsten, herauszufinden, wie weit ich meine Frau mit irgendetwas belasten darf. Heute kann ein Windhauch genügen, und sie stürzt ab. Morgen fasziniert sie mich wieder mit ihrer Kraft, Geradlinigkeit und der Schärfe ihres Denkens, und alles geht gut. Es ist eine ständige Gratwanderung. Inwieweit ist Ihr gemeinsames Sexualleben beeinträchtigt von der Vorgeschichte Ihrer Frau? Franz: Unsere Konflikte entzünden sich häufig am Thema Sexualität, das bei uns immer noch sehr, sehr schwierig ist. Geschlechtsverkehr ist seit acht, neun Jahren absolut tabu und spontane Sachen liegen auch nicht drin. Wir haben gelernt, Neues auszuprobieren, was ich sonst mit Sicherheit nicht kennengelernt hätte, aber zum Teil muss ich halt schon meinen Trieb zurückbuchstabieren oder meine eigenen "rationellen" Lösungen suchen. Rainer: Die Beziehung zu meiner Frau hat alle Ebenen meines Lebens über den Haufen geworfen, also auch meine Sexualität und meine Rolle als Mann. Eine Zeit lang wollte meine Frau auf eine sehr sado-masochistische Art verkehren, der ich mich aber verweigerte, und dann hatten wir halt keinen Sex. Nach und nach mussten wir eine neue eigene Form von Erotik entwickeln. Das sehe ich als Chance, wobei auch in diesem Bereich der Grat, auf dem wir laufen, äusserst schmal ist. Erwin: Ich habe viele schöne Momente mit meiner Frau erlebt, aber nie eine wirklich erfüllte Sexualität. Dazu sind die Zweifel und Unsicherheiten einfach zu gross. Oft frage ich mich, ob Lust überhaupt noch erlaubt ist nach dem, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist. Ich bin auch unsicher, ob das, was wir zusammen erleben, echt ist oder nur gespielt. Hinzu kommt, dass mein zunehmendes Wissen über Inzest mich nicht befreit, sondern eher sexuell verunsichert. Statt zu geniessen, ertappe ich mich immer wieder beim Nachdenken und Grübeln. In der Art von Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse Ihrer Partnerin bleiben Ihre eigenen Wünsche oftmals auf der Strecke. Das widerspricht dem gängigen Bild vom starken Mann. Leiden Sie unter dem Gefühl, als Mann zu versagen? Erwin: Mein Vater hat mir ein Männerbild vorgelebt, das nicht nur von männlicher Dominanz und Überlegenheit ausgeht. Das hilft mir bei der Bewältigung meines Alltags. Gleichzeitig aber suche auch ich Bestätigung als Mann und kompensiere vieles über den Sport und meine Arbeit. Im Fussball messe ich mich mit anderen Männern. Beim Langstreckenlauf gehe ich an meine Grenzen, kotze mich aus und quäle mich regelrecht. Auch am Arbeitsplatz lege ich Wert auf Leistung und Belastbarkeit. Franz: Mir geht es ähnlich. Ich merke gut, wie ich im Sport und Beruf sehr davon zehre, meine männliche Seite ausleben zu können. Herr Lacher, Sie leiten diese Selbsthilfegruppe. Was ist das Belastendste im Alltag von Männern, deren Partnerinnen Inzestopfer sind? Peter Lacher: Diese Männer haben ungeheuer viel Verständnis für die Situation ihrer Frauen. Sie nehmen sich mit ihren Wünschen zurück und stellen diejenigen ihrer Partnerinnen in den Vordergrund. Nicht zuletzt auch im Bereich Sexualität. Das ist bewundernswert, birgt aber auch die Gefahr in sich, dass man eines Tages zu kurz kommt und rebelliert. Nun werden ja in den meisten Fällen auch die Eltern Ihrer Frau noch leben. Welchen Umgang pflegen Sie mit Ihrem Schwiegervater, jenem Mann also, der einst Ihre Frau sexuell ausbeutete, und Ihrer Schwiegermutter? Rainer: Als wir vor kurzem heirateten, stellte sich natürlich die Frage, ob wir auch die Familie meiner Frau einladen wollten. Doch nachdem ihre Eltern den Missbrauch nach wie vor kategorisch verleugnen und ihre Brüder auf stichhaltige Beweise pochen, entschieden wir uns dagegen. Prompt hiess es wieder, meine Frau spinne. Das kenne man ja, sie sei schon immer eine Komische gewesen. Auch meine Familie will von dem ganzen nichts wissen. Was das Theater auch solle? Man könne sich als erwachsene Frau ja wohl zusammenreissen. So gesehen, liegen die Temperaturen bei den spärlichen Familienkontakten, die es noch gibt, zwischen 15 und 95 Grad unter Null. Franz: Meine Familie weiss nicht einmal, dass es die sexuellen Übergriffe gegeben hat. Wenn wir bei der Mutter meiner Frau sind, ist das Thema tabu, und mit dem Vater haben wir schon lange keinen Kontakt mehr. Rainer: Ein Kontaktabbruch ist gar nicht so ohne weiteres möglich. Meine Schwiegermutter hat extrem wütend reagiert, als sie nicht zur Hochzeit eingeladen wurde. Sie bombardiert uns jetzt mit eingeschriebenen Briefen, droht mit gerichtlichen Konsequenzen und will den Kontakt zu uns um jeden Preis wiederherstellen. Erwin: Wir verkehren mit dem Vater meiner Frau beziehungsweise dem Grossvater unserer Kinder schon lange nicht mehr. Zur Mutter hingegen besteht ein recht enges Verhältnis, und ihr gegenüber bringt meine Frau das Thema Inzest immer wieder auf den Tisch. Ich selber halte mich diesbezüglich eher zurück und will nichts forcieren. Nehmen die Eltern Ihrer Frau Sie als Eindringling wahr, der das familiäre Inzestgestrüpp aufzubrechen droht? Rainer: In meinem Fall ganz sicher. Auf mich wurde sogar schon einmal eine scharze Magierin angesetzt, die mir telefonisch mit christlicher Erziehung und Strafe drohte. Lacher: Die Männer gelten tatsächlich als Eindringlinge. Sie unterstützen ja auch ihre Frauen bei der Bearbeitung der Traumatisierung und - ganz entscheidend - sie schenken ihnen Glauben. Das ist eine enorme Bedrohung für eine Inzestfamilie, in der bisher alles geleugnet wurde. Was hat Sie dazu bewogen, an dieser Selbsthilfegruppe teilzunehmen? Erwin: Ich hatte vorher schon X-Gesprächsversuche mit irgendwelchen Kollegen unternommen, fühlte mich aber jedesmal abgeblockt. Jetzt wollte ich endlich einmal mit jemandem reden, der weiss, worum es geht. Für einmal sollten meine Probleme und nicht diejenigen meiner Frau im Mittelpunkt stehen. Was prompt bei ihr zu Irritationen und Verunsicherung geführt hat: 'Was, jetzt nimmt mein Mann Hilfe in Anspruch? Wo soll ich mich denn künftig anlehnen und woran orientieren?' Franz: Das war bei uns anders. Meine Frau war sogar diejenige, die mich auf die Gruppe aufmerksam gemacht hat. Wir hatten verschiedene gemeinsame Therapieversuche unternommen und steckten in einer Sackgasse. Ich schätze es sehr, dass hier Themen zur Sprache kommen, die ich mit meiner Frau nie angegangen bin und die ich auch nicht allesamt mit ihr durchgehen will. Man muss in einer Ehe wie unserer ja auch aufpassen, dass es nicht zu einer Gesprächs-Übersättigung kommt. Das Thema sexueller Missbrauch ist so zentral, dass es eh schon den gesamten Alltag beherrscht. Rainer: Mich hat auch meine Frau auf die Gruppe 'gestupft', aus der Befürchtung heraus, ich könne zu kurz kommen. Ich fühle mich hier menschlich wohl und emotional sehr gut aufgehoben. Es ist schön, einmal einen Raum zu haben, in dem man, ohne zu kämpfen, über Sachen reden kann, die nötig sind. * Kontaktadresse: Zürcher Sozialprojekte, Hallwylstrasse 78, 8004 Zürich. Tel. 01/ 291 23 80 Tages-Anzeiger, 12. November 1997 |
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