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Vier Jahre nach dem Tod des Schriftstellers Niklaus Meienberg sind biographische Werke im Anzug


Vier Jahre ist Niklaus Meienberg nun bereits tot, der sprachmächtige Schriftsteller, Journalist und Historiker, der die Schweiz in seinen besten Zeiten aufgerüttelt hat wie kaum ein anderer. Einst als "enfant terrible" verschrien und unter Schreibverbot gestellt, war er in den letzten Jahren seines Lebens zum begehrten Markenartikel der hiesigen Medien geworden. Als er sich im Herbst 1993 das Leben nahm, ergoss sich im In- und Ausland eine regelrechte Flut an Nachrufen und Würdigungen über den verstorbenen Freund, Kollegen und Autor.

Seither ist Funkstille. Eine Meienberg-Biographie lässt zum Erstaunen vieler ebenso auf sich warten wie ein dokumentarischer Film seines Lebens und Schaffens. Sollte Niklaus Meienberg, fragt man sich, bereits in Vergessenheit geraten sein? Keineswegs, kann die Meienberg-Fangemeinde beruhigt werden. Unbemerkt von der Öffentlichkeit sind schon seit längerem einige am Werk und müssen feststellen, wie schwierig es ist, sich einem wortgewaltigen, aber auch sperrigen Denkmal auf angemessene Art anzunähern.

Eine von ihnen ist die Zürcher Journalistin Marianne Fehr, die mit Meienberg befreundet war und während Jahren auf der "Wochenzeitung" mit ihm zusammenarbeitete. Obwohl sie bald einmal davon überzeugt war, dass die Person Meienbergs interessant genug sei, um sie biographisch auszuleuchten, zweifelte sie noch lange, ob sie wohl die geeignete Schreiberin sei. Würde sie es schaffen, fragte sich Fehr, einer Figur wie Meienberg gerecht zu werden, der selber brillant geschrieben und darüber hinaus bereits grosse Teile seiner Lebensgeschichte in seinen Texten ausgebreitet hat.

Anfangs 1996 fasste sie sich ein Herz und begann mit ihren Recherchen. Schliesslich kannte sie viele von seinen Bekannten, Kolleginnen und Freunden und versprach sich davon einen "guten Zugang" zu ihm. So führte sie mit weit über hundert Leuten Gespräche, sammelte Briefe Meienbergs und ackerte seinen Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern systematisch durch. Dabei stellte sie fest, dass Meienberg seine Unterlagen vor seinem Tod geordnet und sogar mit Anmerkungen für allfällige Biographen versehen hatte. Das gab ihr Auftrieb.

Ihr Ziel sei es, sagt Fehr, "Meienbergs Leben sachlich und nicht wertend nachzuerzählen." Sie wolle Fakten präsentieren und Menschen zu Wort kommen lassen, die Meienberg gut gekannt hätten. Insbesondere die letzten zwei, drei Monate vor seinem Tod wolle sie genau rekonstruieren und auch seine "depressive Seite", die in der Öffentlichkeit zu wenig zur Kenntnis genommen worden sei, aufzeigen.

Fehr stiess schnell einmal beim Limmat-Verlag, der auch den grössten Teil von Meienbergs Texten veröffentlicht hat, auf Interesse. Ungewiss und abhängig von ihrem Schreibtempo ist einzig der Zeitpunkt der Publikation.

Im Gegensatz dazu hatte die Zürcher Journalistin Aline Graf ihr Buch-Manuskript bereits parat, als Meienberg starb. Der Stoff ist heiss und vielen auch peinlich, handelt es sich dabei doch um das intime Tagebuch einer "heimlichen Liebesbeziehung geistig-erotischer Art", das die Vierzigjährige während acht Jahren geführt hat. "M.", sagt sie, sei ihr "vom Schicksal" gesandt worden. Es sei auf den ersten Blick zu einer "eigenartigen Magnetisierung" zwischen ihnen gekommen, die jahrelang angehalten habe. Doch dieses Verhältnis "zweier leidenschaftlicher Menschen" habe ihr bei aller Attraktion auch "viele sehr schmerzhafte Momente" beschert: "M. nahm so viel Raum ein, dass ich mich manchmal missbraucht fühlte und in ein schwarzes Loch fiel." Mehrmals pro Woche sei er zu ihr gekommen und habe sich oft "grenzenlos wie ein Kind" aufgeführt: "Da kommt man als Frau absolut zu kurz". "Aus lauter Not", beteuert sie, habe sie nach seinem Weggehen jeweils ein paar Notizen in ihrem Tagebuch "abgelegt". Anders hätte sie diese Zeit nicht überlebt.

Als sie kurz nach Meienbergs Tod daran ging, ihr Manuskript verschiedenen Verlagen anzubieten, stiess sie auf eine seltsame Mischung aus Faszination und Ablehnung. Die einen hätten ihr "Leichenfledderei" vorgeworfen; es sei deplaziert, derart gewagte Details aus dem Intimsleben eines Toten auszuplaudern. Die anderen hätten den Text zwar spannend und interessant gefunden, dann aber doch nicht gewagt, über den eigenen Schatten zu springen. Wie brisant der Stoff sein muss, zeigt sich auch daran, dass weder Jürg Zimmerli vom Limmat-Verlag noch Walter Keller vom Scalo-Verlag ihre seinerzeitigen Absagen begründen mögen: "No comment", heisst es unisono.

Stattdessen hat sich nun der "ABC"-Verlag des umstrittenen Texts angenommen, lässt ihn vom ehemaligen "Weltwoche"-Chefredaktor Jürg Ramspeck lektorieren und will das Buch voraussichtlich gegen Ende Jahr herausgeben. Die Paarung aus "höchst Privatem und Politischem", wie es die Autorin nennt, ist zweifellos reizvoll, befriedigt voyeuristische Bedürfnisse und verspricht grossen Absatz. Dass sich Graf mit diesem Buch selber auch entblösst und verletzende Reaktionen auslösen könnte, nimmt sie in Kauf: "Ich will mit meinem ungeschminkten und direkten Text den Frauen helfen und den Männern zeigen, was in den Beziehungen los ist." Wirft man ihr vor, sie rechne auf diese Art mit ihrem ehemaligen Geliebten ab, der sie nie in den Status seiner offiziellen Freundin erhoben habe, verwirft sie die Hände. Sie zeige höchstens Meienbergs Schattenseiten: "Je genialer ein Mensch ist, um so grösser ist eben auch seine dunkle Seite."

Wer sich einer zeitgenössischen Ikone annimmt, muss damit rechnen, mit seiner Art der Betrachtung auf Widerspruch zu stossen. Diese Erfahrung macht auch der freie Fernsehmitarbeiter Tobias Wyss, 55, der seit gut einem Jahr an einem Konzept für einen Kino-Dokumentarfilm über Meienberg brütet und bereits erste Probeaufnahmen gedreht hat. Wyss, der Meienberg nur flüchtig kannte, stolperte im Sommer '96 über dessen letzte Reportagesammlung "Zunder", die ihn berührt und traurig gestimmt habe: "Das sind für mich Texte eines umhergetriebenen und verlorenen Menschen." Aus seiner Trauer, erinnert sich Wyss, sei plötzlich der Entschluss gewachsen, einen Film über Meienberg zu drehen und so die Erinnerung an ihn zu bewahren.

Nach ersten Recherchen entschied er sich dafür, dessen letzte drei Lebensjahre in das Zentrum seines Films zu rücken. Ausgehend von der Beobachtung, dass Meienberg mit dem Beginn des ihn zutiefst verunsichernden Golfkriegs einen Borsalino-Hut getragen hat, wählte Wyss den Arbeitstitel "Meienbergs Hut". Mit diesem Konzept fand er allerdings kein Gehör bei der eidgenössischen Filmkommission. Man lehnte sein Gesuch um finanzielle Unterstützung mit der Begründung ab, dass die filmische Reduzierung auf die Jahre 1990 bis '93 zu einer "Demontage" Meienbergs führen könne. Wyss nimmt die Kritik ernst und ist jetzt dabei, sein Konzept zu überarbeiten. Er werde, sagt er, den Bogen weiter schlagen und Meienbergs ganzes Leben zur Darstellung bringen. Sollte ihm das Geld Ende Jahr zugesprochen werden, will er im Frühling nächsten Jahres zu drehen beginnen.

Das zeitliche Rennen unter den Meienberg-Porträtisten wird mit Sicherheit der deutsche Journalist Thomas Hartwig machen, dessen knapp einstündige Radiosendung bereits am 27. November im Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wird. Auf die Idee, sich des Schweizer Kollegen anzunehmen, kam Hartwig eher zufällig. Als er seinen Schreibtisch aufräumte, stiess er auf den schon fast vergilbten Meienberg-Nachruf der "Süddeutschen Zeitung" und fühlte sich berührt von dessen Lebensgeschichte und seinem tragischen Tod. Er staunte, dass die Programmverantwortlichen vom WDR, die in der Regel "neun von zehn Vorschlägen" ablehnen, ausgerechnet das Porträt "dieses Schweizers" sofort guthiessen. Vor kurzem war Hartwig in der Schweiz und interviewte fünfzehn Personen aus dem Umfeld Meienbergs. Jetzt ist er am Schneiden und Montieren seines Materials und hat vor allem eine Frage im Hinterkopf: "Wie mache ich der deutschen Hörerschaft klar, was Meienberg der Schweiz bedeutet hat?"

Tages-Anzeiger, 14. Oktober 1997

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