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Interview mit Hermann Ehmann, Psychologe und Buchautor, über Männerängste
Hermann Ehmann, Sie machen das Thema Ihres neuen Buches zum Titel: "Männerängste". Das ist nicht wahnsinnig originell. Hermann Ehmann: Ich finde den Titel recht knackig. Er ist sehr plakativ und trifft den Kern meines Buches. So gesehen halte ich ihn für gelungen. Offenbar ist das Thema Männerängste brisant genug, dass allein dessen Erwähnung reicht, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Ehmann: Das sehe ich genauso. Männerängste sind ja ein Thema, über das meines Wissens noch kein populärwissenschaftliches Buch existiert, weil es in unserer Gesellschaft mit einem Tabu belegt ist. Mit anderen Worten: Männer werden gezwungen, mit einer Lügenidentität zu leben. Sie sollen möglichst perfekt sein, keinen Haarausfall und keine Schuppen haben, im Bett ihren Mann stehen und im Beruf Karriere machen. Vor diesem Bild werden fast alle Männer zu Verlierern, Einsamen und Verzweifelten, da sie ihm nicht genügen können. Daraus entstehen spezifische Männerängste, von denen mein Buch handelt. Wer ist dafür verantwortlich, dass die Ängste der Männer so stark tabuisiert sind? Ehmann: Die Gesellschaft als solche, das heisst also auch die Männer selber. Sie werden ja auch von Kindesbeinen an zum Verdrängen erzogen. Wer lernt, dass Indianer beziehungsweise Knaben nicht weinen, lernt eben auch, seine Gefühle und damit seine Ängste zu verdrängen. Ich bin sogar überzeugt, dass die Männerängste am Ende des 20. Jahrhunderts grösser sind als in früheren Jahrhunderten. Wieso denn das? Ehmann: Es hat sich einiges in unserer Gesellschaft verändert, was vor allem den Mann stark verunsichert. Der Leistungsdruck ist nochmal enorm gewachsen. Innerhalb der Geschlechterbeziehung hat sich viel getan, und der Mann befindet sich heute völlig in der Defensive. Dabei war Defensive bis anhin ein Wort, das Männer höchstens vom Fussball oder Eishockey kannten. Heute müssen sie beispielsweise damit leben, dass 1996 erstmals mehr Studentinnen als Studenten an den deutschen Universitäten vertreten waren. Das geht natürlich nicht spurlos an ihnen vorüber, auch wenn das kaum einer offen zugeben wird. Bleiben wir einmal bei den Frauen. Wie gehen Frauen mit den Ängsten ihrer Ehemänner, Freunde und Söhne um? Ehmann: Es gibt Frauen, die angesichts ihres verunsicherten Partners die Überlegene spielen, ihn damit noch mehr abwerten und gleichzeitig auch noch grössere Leistungen von ihm erwarten. Damit verstärken sie natürlich seine Ängste. Die bösen Frauen. Stattdessen plädieren Sie in Ihrem Buch dafür, dass sich Frauen wie selbstlose Krankenschwestern benehmen und schonungsvoll die empfindsame Männer-Psyche hätscheln. Ist das Ihr Ernst? Ehmann: Diese Aussage stammt aus meinem Schlusskapitel und ist ganz bewusst etwas provokativer gehalten. Mein Buch richtet sich ja auch, wenn nicht sogar in erster Linie, an Frauen und soll ihnen unter anderem vermitteln, dass sie nicht ganz unschuldig an den Ängsten der Männer sind. Was heisst eigentlich "Angst"? Ehmann: "Angustus" ist lateinisch und heisst die Enge, die Beklemmung. Beklemmungsgefühle, auch Atemnot und Asthma sind ja typische Begleiterscheinungen der psychosomatischen Erkrankungen, die aus Angst resultieren. Unter welchen Ängsten leiden denn nun Männer am stärksten? Ehmann: Es gibt vier grosse Bereiche. Da sind zum einen die Identitätsängste, die um Fragen kreisen wie: Wer bin ich überhaupt? Welche Rolle spiele ich in dieser Gesellschaft? Nummer Zwei sind die Sexual- beziehungsweise Beziehungsängste. Es ist ja für viele Männer heutzutage schon ein grosses Problem, sich einer starken Frau zu nähern. Dann haben sie Angst vor dem Verlassenwerden und vor Scheidungen. Impotenzangst ist ein grosses Thema. Angst, nicht die richtige Penislänge aufzuweisen, treibt fast jeden Mann irgendwanneinmal um. Wieso haben Männer so ein angstbesetztes Verhältnis zu Frauen? Ehmann: Die Frau ist die Spenderin des Lebens, die das Kind auf die Welt bringt. Das macht sie dem Mann überlegen und schürt Ängste, die ihm möglicherweise gar nicht bewusst sind. In diesem Zusammenhang entstehen dann auch Ängste vor der weiblichen Sexualität. Gleichzeitig befürchten Männer aber auch, dass sie von Frauen in ihren Freiheiten beschnitten werden könnten und nicht länger in Alaska am Lagerfeuer sitzen dürfen. Das ist der Mythos vom Freiheitsdurst des "Marlboro"-Cowboys. Ist das nicht langsam ein alter Zopf, wenn man bedenkt, wie bereitwillig sich Männer den Einschränkungen ihrer Freiheit im Arbeitsalltag unterwerfen? Ehmann: Gemäss meiner Untersuchung spielt der Wunsch nach Freiheit und Abenteuer immer noch eine grosse Rolle für Männer. Vielleicht verbirgt sich ja dahinter die Hoffnung, auf diese Art dem beklemmenden Berufsalltag für einmal entfliehen zu können. Kehren wir zurück zu den vier von Ihnen ermittelten Männerängsten. Ehmann: Der dritte Bereich betrifft sogenannte Existenzängste, also die Angst, beruflich zu versagen, der Konkurrenz nicht standhalten und die geforderte Leistung nicht länger erbringen zu können. Stichwort: Midlife-Crisis. Als viertes kommen noch die Ängste vor Krankheit und Tod dazu: Was ist, wenn ich einmal nicht mehr bin? Oder: Was passiert, wenn ich erkranke... ...und auf die Hilfe anderer angewiesen bin? Ehmann: Das ist für Männer, die gewöhnt sind, alles zu kontrollieren und selber zu machen, eine ganz schlimme Sache. Wenn ein Mann krank ist, was er sowieso für höchst unmännlich hält, kann das für seine Umwelt zur Katastrophe werden, weil er zu Extremhandlungen neigt. Entweder bagatellisiert er alles und behauptet, alles sei halb so wild, obwohl er totkrank ist. Oder er jammert schon beim kleinsten Anzeichen und vermutet hinter jedem Kratzen im Hals einen Kehlkopfkrebs. Frauen haben einen viel angemesseneren Umgang mit einer Krankheit. Worin unterscheiden sich Männer und Frauen generell im Umgang mit ihren Ängsten? Ehmann: Viele Männer setzen ihre verdrängten Ängste eines Tages in Aggressionen und scheinbar unmotivierte Wutanfälle um. Dabei muss man wissen, dass so ein Wutanfall im Grunde genommen nichts anderes als der Hilferuf eines Überforderten ist. Andere neigen zu Suchtverhalten und werden zum Alkoholiker. Alkohol trinken gilt ja immerhin als männlich. Frauen hingegen tendieren eher dazu, in Depressionen zu verfallen oder sie bearbeiten und analysieren ihre Ängste, oftmals mit Hilfe eines Psychotherapeuten oder Psychiaters. Bis ein Mann einmal zum Psychiater geht, muss es ihm schon extrem dreckig gehen. Woher rührt diese Angst der Männer? Ehmann: Bei einem Psychologen oder Psychiater müssten Männer einen Teil ihrer Macht abgeben - und welcher Mann gibt schon freiwillig Macht ab? Sie müssten Fehler in ihrer bisherigen Lebensführung eingestehen, allenfalls Veränderungen durchlaufen und sich vor einem anderen Menschen, möglicherweise gar einem anderen Mann, seelisch ausziehen. All das schätzen Männer gar nicht. Statt ihre Ängste zu bearbeiten, schreien oder - etwas grob ausgedrückt - saufen Männer sie nieder. Stellt nicht auch das Erzählen von gewissen Witzen eine männliche Form der Angstabwehr dar? Ehmann: Richtig. Die dummen Blondinen- oder auch die Mediziner-Witze repräsentieren im Grunde genommen nichts anderes als verdrängte Männerangst: Angst vor den Frauen beziehungsweise Angst vor den Weisskitteln. Wer ein unverkrämpftes Verhältnis zu Frauen hat, muss doch nicht so frauenfeindliche Zoten reissen. Frauenverachtung generell ist ja nichts anderes als der männliche Versuch, das Objekt, vor dem man sich fürchtet, zu entwerten und damit die eigene Angst zu kaschieren. Welches Geschlecht hat die grösseren Ängste? Ehmann: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass Frauen das ängstlichere Geschlecht sei, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass Männer unter wesentlich stärkeren Ängsten leiden. Denken Sie nur an all die Versagensängste! Männer haben aber auch mehr Angst vor dem Alter und ihrer Pensionierung. Sie sind es nicht gewohnt, mit den kleinen Dingen des Alltags umzugehen, weil sie diese bis anhin stets auf andere abgewälzt haben. Männer können ganz allgemein schlecht mit Veränderungen umgehen. Während Frauen auf natürliche Art in den Kreislauf des Lebens eingebunden sind - Stichwort Monatszyklus - stehen viele Männer auf Kriegsfuss damit. Welche Angst lässt sich noch am ehesten zugeben? Welche verschweigen Männer am konsequentesten? Ehmann: Über die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, lässt sich in den Zeiten der Wirtschaftskrise noch am ehesten offen reden. Das ist eine nachvollziehbare Sache genauso wie die weitverbreitete Männerangst vor der Einführung des Euro. Heutzutage gestehen einige Männer sogar ein, dass sie Angst vor überlegenen Frauen haben oder mit ihrer Scheidung gar nicht gut zurechtkommen. Wirklich um den heissen Brei herumgeredet wird nach wie vor beim Thema Tod. Das ist immer noch das grösste Tabu. Was meint ein Mann preiszugeben, der gesteht, dass er sich vor irgendetwas fürchtet? Ehmann: Er meint, seine Männlichkeit zu verlieren, weil ja ein "richtiger" Mann keine Schwächen hat. Müssen denn Männer, die ihre Ängste öffentlich eingestehen, wirklich mit Reaktionen rechnen, die sie dermassen verletzen? Ehmann: Männer untereinander neigen schon dazu, einen Mann, der seine Ängste zeigt, als Verräter der eigenen Art hinzustellen. In gemischter Gesellschaft habe ich die Erfahrung gemacht, dass man meine diesbezüglichen Schilderungen sehr positiv aufgenommen und mich sympathisch gefunden hat. Ich hätte auch keine Hemmungen, am Fernsehen über meine Ängste zu reden. Unter welchen Ängsten leiden Sie? Ehmann: In erster Linie unter der Angst, dem Leistungszwang eines Tages nicht mehr standhalten zu können oder auch zu wollen und damit nicht länger konkurrenzfähig zu sein. Ich bin freier Autor und Lektor und damit automatisch gewissen Risiken ausgesetzt. Auch diese Situation lässt Ängste und Unsicherheiten entstehen. Aber Ihr "Geschäft" läuft doch sehr gut. Ehmann: Das stimmt. Ich expandiere seit Jahren; die Erfolgskuve zeigt steil nach oben, aber trotzdem lauert im Hinterkopf ständig die Angst, dass es eines Tages mal nicht mehr so gut laufen könnte. Verfügen Männer überhaupt über die geeignete Sprache, um ihre Ängste auszudrücken? Ehmann: Es fällt ihnen tatsächlich schwer, ihre Angst in Worte zu kleiden. Weil sie nicht gewohnt sind, über ihre Ängste zu sprechen, leiden sie unter einem sprachlichen Defizit. Frauen hingegen verfügen über ein viel grösseres emotionales Vokabular. Schon bei der Arbeit an meinem Buch "Affengeil", einem Lexikon der Jugendsprache, ist mir dieses Phänomen aufgefallen: Abgesehen von Kraftausdrücken kommt von den jungen Männern nicht viel. Wie ist es Ihnen trotzdem gelungen, das Material für Ihr neues Buch zusammenzutragen? Ehmann: Ich habe auf verschiedenen Ebenen recherchiert. Zum einen habe ich in etlichen überregionalen deutschen Zeitungen inseriert, ob Männer bereit wären, mir ihre persönlichen Erfahrungen mit Angst zu beschreiben. Dann habe ich via Internet Interessenten gesucht, und Hunderte von Antworten bekommen. Schliesslich habe ich noch auf dem Fussballfeld, in der Kneipe und im Fitness-Studio, also überall, wo sich Männer treffen, Interviews gemacht. Hatten Sie mehr Resonanz als erwartet? Ehmann: Wesentlich mehr. Ich habe an der Zahl, aber vor allem auch am Inhalt der Antworten gemerkt, dass es Männern ein grosses Anliegen ist, dass das Tabu Männerängste endlich geknackt wird. Angesichts dieses sehr nachvollziehbaren Interesses erstaunt es doch sehr, dass bisher keine empirische Forschung zum Thema Männerängste betrieben wurde. Wie erklären Sie das? Ehmann: Ganz einfach: Die Psychologie ist eine von Männern dominierte Wissenschaft. Tja, und welcher Mann stellt schon gern seine Geschlechtsgenossen bloss und gibt zu: Wir haben Angst. Da ist es doch viel einfacher, Bücher über die Hysterie und die Depressionen der Frauen zu schreiben. Was ist das Ziel Ihres Buches? Ehmann: Die Quintessenz lautet: Angst muss einen nicht ängstigen. Im Gegenteil: Sie ist ein Antriebsfaktor für ein sinnerfülltes Leben, ja, man kann sogar sagen, ein Freund, der uns auf etwas aufmerksam machen möchte. Statt die Angst zu verdrängen, sollte man versuchen, sie kreativ umzusetzen. Das klingt auf jeden Fall gut. Was muss man sich konkret darunter vorstellen? Ehmann: Man sollte seine Angst zunächst einmal akzeptieren, dann analysieren, wo sie ihren Ursprung hat, sich ihr in kleinen Schritten konfrontieren und versuchen, aus der Angst ein Gefühl zu machen, das zu einem selbst gehört. Ganz entscheidend ist, sich endlich vom ungesunden Konkurrenzdenken zu befreien und die verhängnisvolle Koppelung von Leistung und Selbstwertgefühl zu durchbrechen. Wer es schafft, sich von seiner Umwelt und deren Reaktionen möglichst unabhängig zu machen und stattdessen sich selbst oder ein höheres Wesen wie Gott zum Mass aller Dinge zu nehmen, hat am meisten Aussicht auf gutes Gelingen. Wie gelingt es Ihnen persönlich, sich aus dem Teufelskreis Ihrer Versagensängste zu befreien? Ehmann: Ich bin ein gläubiger Mensch und löse dieses Problem für mich über die Religion. Ich bin überzeugt, dass es nicht nur irdische Massstäbe wie die Befriedigung von Konsumbedürfnissen gibt, sondern noch etwas darüber hinaus. Wenn ich nun eines Tages nicht mehr den bisherigen beruflichen Erfolg haben sollte, mit anderen Worten "versagen" würde, hoffe ich, mich auf diesen tieferen sinnstiftenden Hintergrund verlassen zu können. Sie haben also einen doppelten Boden? Ehmann: Das klingt alles ein bisschen grossspurig, ich weiss, und es muss sich erst noch zeigen, ob mein doppelter Boden in der Stunde der Wahrheit auch wirklich hält. * Hermann Ehmann, 33 Jahre, stammt aus Nürnberg und lebt jetzt in Eichenau, einem Vorort von München. Er hat Psychologie, Germanistik und Theologie studiert und arbeitet als freier Autor und Lektor bei verschiedenen Verlagen. "Affengeil" und "Oberaffengeil", seine beiden Lexika der Jugendsprache, waren seine erfolgreichsten Bücher. Daneben hat er vor allem Religionsschulbücher geschrieben. Zur Zeit überlegt er, ob er seiner neuesten Publikation "Männerängste", die Ende August im Kreuz-Verlag erscheint, einen zweiten Teil anhängen soll, der unter dem Motto stünde: Wie erziehe ich mir meinen Mann? Sonntags-Zeitung, 17. August 1997 |
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