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Ein Präventionsprojekt im Kindergarten soll die Jüngsten vor sexueller Ausbeutung schützen


Innerhalb des vergangenen halben Jahres drangen drei Fälle von sexueller Ausbeutung an die Öffentlichkeit, bei denen sich männliche Jugendliche an jüngeren Mädchen vergriffen haben. Zuletzt wurde ein fünfjähriges Mädchen von vier Schülern in Uster missbraucht. Alarmiert vom Ausmass der sexuellen Gewalt in den letzten Jahren hat eine Gruppe von Fachpersonen im Bezirk Dietikon, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ein Präventionsprojekt in vier Kindergärten lanciert. Damit wurden erstmals in der Schweiz Fünf- und Sechsjährige gezielt darüber aufgeklärt, wie sie sich gegen sexuelle Ausbeutung wappnen und wehren können. Die Bilanz eines Pionier-Unternehmens.

Dienstagvormittag im Kindergarten Luberzen in Dietikon. Nach der Znünipause, in der sich die Buben und Mädchen von Kindergärtnerin Blanca Melliti Kistler mit einem Gipfeli oder einer Banane gestärkt haben, herumgetobt sind, sich gestritten, aber auch wieder Frieden geschlossen haben, rennen sie ins Kindsgi-Zimmer und lassen sich auf ihren Holzstühlchen nieder. Zwei Nachzüger benötigen eine sanfte Ermahnung, jetzt doch, bitte schön, auch im "Stübli" Platz zu nehmen. "Pscht", tönt es aus allen Ecken, "Frau Melliti hat uns doch eine neue Geschichte versprochen".

"Ja", nickt die Kindergärtnerin, "Susi und Felix haben uns wieder eine šberraschung mitgebracht." Susi und Felix, die beiden Schosspuppen mit ihren grossen freundlichen Kulleraugen, der Stupsnase und dem pelzigen Schopf halten tatsächlich ein in gelbes Tuch eingeschlagenes Buch in den Armen. Bevor es ans Auspacken geht, macht das schöne Päckchen die Runde. Alle dürfen es einmal berühren; die einen schnuppern daran, andere reichen es - von Neugier getrieben - sofort an ihren Nachbarn weiter: "Mach schon".

Endlich ist es soweit. Frau Melliti kniet am Boden und erzählt den Fünf- und Sechsjährigen die Geschichte von Landolin, dem "kummervollen Kuscheltier" - wie der Titel des Buchs lautet - und seiner kleinen Freundin Britt, die etwas Scheussliches erlebt hat. Britt sollte dem Freund ihrer Mutter, einem grossen Mann, den sie gut kennt, ihr "Schlitzli" zeigen. Dann wollte er sie an ihrem "Schlitzli" berühren. Das tat ihr weh und sie bekam es mit der Angst zu tun. "Nun ist die kleine Britt", fährt Frau Melliti fort, "ganz traurig und weiss gar nicht, was sie tun soll."

"Das ist kein gutes Spiel", schreit ein Mädchen aufgebracht. "Ich hätte gesagt, hör auf, ich will das nicht", schlägt ein anderes vor. "Ich würde das sofort meiner Mami und meinem Papi sagen", ruft ein Knabe in die Runde.

"Das sind gute Vorschläge", bestätigt Frau Melliti. Auch die kleine Britt habe sich schliesslich ihrem Freund Landolin anvertraut und mit ihm beraten, was zu tun sei.

Die Stunde geht ihrem Ende entgegen: "Morgen erzähle ich euch die Geschichte weiter", schliesst die Kindergärtnerin. "Vielleicht habt ihr ja auch noch eine Idee, wie wir der armen Britt helfen können."

Blanca Melliti Kistler ist eine von vier Zürcher Kindergärtnerinnen, die seit einem knappen halben Jahr mit den ihr anvertrauten Knaben und Mädchen Präventionsarbeit zum Thema sexuelle Ausbeutung leistet. Entstanden ist die Idee zu diesem Pionier-Projekt bereits 1993, als die Mitarbeitenden verschiedener kinder- und jugendspezifischer Beratungsstellen des Bezirks Dietikon feststellten, dass sie immer häufiger mit sexueller Gewalt konfrontiert wurden. Eine Umfrage unter 280 Fachpersonen ergab denn auch, dass sich zwei Drittel der Antwortenden Aktivitäten zur Prävention sexueller Ausbeutung wünschten. 35 Frauen und Männer waren bereit, sich an deren Durchführung zu beteiligen.

Die Wahl der Projektgruppe, in der unter anderem auch die "Limita"-Präventionsexpertin Joelle Huser von der Abteilung Beratung des Zürcher Pestalozzianums mitarbeitete, fiel schliesslich auf die vier Kindergärtnerinnen. Das ist ein Novum für die Schweiz - sollten doch damit erstmals Fünf- und Sechsjährige darüber aufgeklärt werden, wie sie sich gegen allfällige sexuelle Grenzverletzungen wappnen können. Zweifel, ob man die Kleinen, die teilweise noch nicht einmal aufgeklärt seien, damit nicht überfordern würde, wurden laut. Doch Heinz Ermatinger, Schulpsychologe und Projektmitglied, hält dagegen, dass man mit der Präventionsarbeit nicht früh genug beginnen könne. Schliesslich, so Ermatinger, gehörten Sechsjährige zur Altersgruppe der am stärksten von sexueller Ausbeutung Betroffenen.

Hinzu komme, dass Prävention - so wie sie die Dietiker Projektverantwortlichen verständen - primär dazu diene, das Selbstbewusstsein und die Autonomie der Kinder zu stärken. Themen wie Sexualität und Gewalt spielten eine untergeordnete Rolle. So hat auch Blanca Melliti Begriffe wie sexuelle Ausbeutung, Missbrauch oder Vergewaltigung nicht ein einziges Mal in Gegenwart ihrer Kinder verwendet. Es gehe eben nicht darum, erläutert Ermatinger, "angsteinflössende Bilder vom bösen Mann" heraufzubeschwören, die die Kinder nur verunsichern und letztlich handlungsunfähig machen würden. Nein, man ziele darauf ab, den Knaben und Mädchen einen sicheren Umgang mit ihrem Körper, ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu ermöglichen und sie dazu zu befähigen, selber Grenzen zu setzen, aber auch die anderer zu respektieren: "Nur auf diese Art werden Kinder stark und lernen, sich zu wehren und Hilfe zu holen."

Diese Grundidee stiess auch bei den Eltern sofort auf Zustimmung. Viele waren regelrecht froh, dass der Kindergarten ihnen die als belastend empfundene Aufklärungsarbeit abnahm: "Sexuelle Gewalt", sagt eine Mutter, "ist ja dermassen präsent und bedrohlich, dass man unbedingt etwas dagegen vorkehren muss." Man fühle sich als Laie allerdings überfordert, wenn es um die Wahl der geeigneten Mittel gehe.

Auch Kindergärtnerin Melliti musste sich zunächst in das neue, schwierige Thema einarbeiten. So besuchte sie selber einen Präventionskurs, las Fachliteratur und tüftelte gemeinsam mit ihren Kolleginnen Spiele, Bastelideen und Liedtexte aus, die auf die Bedürfnisse von Fünf- und Sechsjährigen zugeschnitten sind. Im Verlaufe dieser Vorbereitungsphase stiess die erfahrene Berufsfrau auch an eigene Grenzen: "Ich hatte manchmal Angst", gibt sie zu, "dass ich dem heiklen Stoff und den Reaktionen der Kinder nicht gewachsen sein würde." Doch dank der Unterstützung der Projektgruppe habe sie ihre Ängste thematisieren und sich jedesmal wieder auffangen können.

Im Februar dieses Jahres galt es dann ernst. Blanca Melliti hatte die "Sieben Punkte zur präventiven Erziehung" (siehe Kasten) inzwischen intus. Nun ging es darum, Präventions-Grundsätze wie "šber deinen Körper bestimmst du allein" und "Du hast das Recht, nein zu sagen" in den Alltag von verspielten, schüchternen oder wilden und mehrheitlich fremdsprachigen Kindern zu integrieren.

In einer ersten Phase sollten die Kleinen lernen, ihre Körperteile - Geschlechtsorgane inbegriffen - zu benennen. Denn erst mit diesem Wissen, erläutert Melliti, sei ein Kind überhaupt in der Lage, über den eigenen Körper zu verfügen und jemand anderem von einer allfälligen Grenzverletzung zu erzählen. Mit Erstaunen nahm sie zur Kenntnis, dass die Mädchen - abgesehen von einer Ausnahme - keine Bezeichnungen für ihre Scheide kannten. Sollten sie ihr Genital benennen, sprachen sie von ihrem "Füdli". Den Knaben hingegen war bekannt, dass sie einen "Pimmel" zwischen den Beinen haben.

Inzwischen ist der Begriff "Schlitzli" beziehungsweise "Scheide" allen vertraut. Einige Eltern mussten in den letzten Monaten irritiert zur Kenntnis nehmen, dass ihr Töchterlein über einen erweiterten Wortschatz verfügt und zum Beispiel in aller Öffentlichkeit und Ernsthaftigkeit erzählt, dass es sich "bim Riitseile a dr Scheide agschlage het".

Dann führte Frau Melliti die beiden Puppen Susi und Felix ein, die sie selber gebastelt hat. Susi und Felix sind genauso alt wie die Kindsgi-Kinder und waren im Nu deren Lieblinge. Mit Hilfe dieser Figuren, mit denen sich Fünf- und Sechsjährige stark identifizieren, habe sie, so Melliti, viele Erlebnisse, Geschichten und Themen vermitteln können. Sie schildert ein Beispiel. Am Anfang hätten einige Kinder die Puppen überschwenglich umarmt und abgeknutscht. In dem Moment hätten sich Susi und Felix gewehrt und gesagt, dass sie so viele Küsse nicht gern hätten. Dieses Nein hätten die Kinder sehr gut akzeptieren können.

Lernen, "nein" oder auch "stop" zu sagen, bildet eine tragende Säule jedes Präventionsprogramms. Auch Melliti hat in ihrer Klasse viele Paar- oder Gruppenspiele mit Tanz, Bewegungen und Berührungen eingeführt, in denen es um Abgrenzung und das Leisten von Widerstand geht. Ein Kind sei zum Beispiel am Boden gelegen und von den anderen auf verschiedene Arten berührt worden. In dem Moment, in dem ihm eine Berührung unangenehm gewesen sei, habe es seinem "Gspänli" Einhalt gebieten sollen.

Viele Mütter und Väter bekamen die gesteigerte Lust ihres Nachwuchses am Nein-Sagen auch am eigenen Leib zu spüren. Mitunter seien sie wirklich überfordert gewesen, schilderten sie in der Elternbegleitgruppe, wenn ihre Kinder sie mit dem "ewigen Nein" schier auf die Palme getrieben hätten: "Aber Frau Melliti hat doch gesagt, dass das gut ist", habe es dann geheissen. Die sechsjährige Anja erprobte ihr neues Selbstbewusstsein an der Grossmutter, die gerade auf Besuch war. Als ihre Oma ihr einen Gute Nacht-Kuss geben wollte, sträubte sich die Enkelin mit den Worten: "Hör auf, mich zu küssen. Mein Körper gehört mir."

Aus den Kindsgi-Kindern von Blanca Melliti sind kleine Präventions-Expertinnen und - Experten geworden. Sie wissen zwischen angenehmen und unschönen Gefühlen zu unterscheiden. Sie haben gelernt, dass niemand von ihnen verlangen darf, ein schlechtes Geheimnis zu bewahren. Im Gegenteil: Weitersagen, lautet die Devise. Sie lieben ihr neues Kindsgi-Lied von den Kinderhänden, die niemand schlagen darf und den kleinen Ohren, die niemand anschreien darf. Leidenschaftlich gern laden sie Reizwörter wie "Lappi", "Löli", "tumi Chueh" und schlimmeres unter dem "Fluechituch" ab, das Frau Melliti vor kurzem mitgebracht hat - auch das eine Form, den Umgang mit Gefühlen und Stimmungen einzuüben. Sie sind - nach einer sorgfältigen Aufbauphase - in Kinderbüchern wie "Schön & Blöd" oder "Das kummervolle Kuscheltier" auch sehr konkret mit Bildern sexueller šbergriffe konfrontiert worden. Und als Maria* neulich einen kleinen Bruder bekommen hat, war die Gelegenheit günstig, um erstmals Sexualaufklärung zu betreiben.

Die Reaktionen der an dem inzwischen abgeschlossenen Projekt Beteiligten sind durchwegs positiv. Die Kinder, sagt Melliti, hätten all den neuen Stoff mit riesigem Interesse verfolgt. Gemäss einer projektbegleitenden Umfrage hat denn auch das Wissen der Knaben und Mädchen zu Fragen wie: Wie heissen die Körperteile? Welche Berührungen will ich, welche nicht? Wo hole ich mir Hilfe, wenn mir jemand wehtut? signifikant zugenommen. Auch von den Eltern ist die überwiegende Mehrheit überzeugt, dass ihre Kinder von dem Spezialunterricht profitiert haben. 86 Prozent würden es sogar begrüssen, wenn ihre Söhne und Töchter in der Schule erneut an einem solchen Projekt teilnehmen könnten. Negative Auswirkungen wie Ängste oder Schlafstörungen seien nicht aufgetreten. Im Gegenteil. Unisono berichten die Mütter von "gesteigertem Selbstbewusstsein und mehr Widerstandskraft" ihrer Kleinen.

Für Blanca Melliti ist damit ein wichtiger Abschnitt in ihrer Tätigkeit als Kindergärtnerin zu Ende gegangen. Doch sie betont, dass sie das Präventions-Projekt nicht als eine einmalige Aktion betrachte, sondern dessen Inhalte auch in ihre künftige Arbeit integrieren werde: "Von jetzt an werde ich nicht nur ganz selbstverständlich in den Bereichen Strassenverkehr, Zahnpflege und Ernährung präventiv arbeiten, sondern genauso zum Thema sexuelle Gewalt.

* Name geändert


Sieben Punkte zur präventiven Erziehung

  1. Über deinen Körper bestimmst du allein
  2. Deine Gefühle sind wichtig
  3. Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen
  4. Du hast das Recht, nein zu sagen
  5. Es gibt gute und schlechte Geheimnisse
  6. Sprich darüber (über die schlechten belastenden Geheimnisse, die Red.) und suche Hilfe
  7. Du bist nicht schuld. Die Verantwortung liegt immer beim Erwachsenen.

Nach Limita, Verein zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen. Tel.: 01/ 273 08 80.

Literatur zum Thema: Joelle Huser, Romana Leuzinger, "Grenzen", Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche - Grundwissen und Prävention, ELK-Verlag, Zürich

Tages-Anzeiger, 26. Juni 1997

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