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Interview mit Günter Amendt und Patrick Walder zu ihrem Aufklärungsbuch "Ecstasy & Co."


Der deutsche Drogenfachmann Günter Amendt und der Schweizer Ecstasy- und Technospezialist Patrick Walder haben gemeinsam ein Aufklärungsbuch für Drogenkonsumenten geschrieben: "Ecstasy & Co." (Rowohlt Taschenbuchverlag, 12,80 Franken) - ein handliches Bändchen, das von der Grundannahme ausgeht: "Drogen machen Spass und Drogen sind gefährlich." Es informiert nüchtern und leichtverständlich über Wirkung, Eigenarten und Risiken der am weitest verbreiteten Drogen.

Amendt wurde 1939 in Frankfurt am Main geboren. Der Soziologe und Sexualwissenschaftler ("Sexfront", "Das Sexbuch") beschäftigt sich seit nahezu dreissig Jahren mit dem Thema Drogen. Er veröffentlichte u.a. "Sucht Profit Sucht. Zur politischen Ökonomie des Drogenhandels" (1972). 1996 erschien eine aktualisierte Ausgabe seines Buches "Die Droge Der Staat Der Tod - Auf dem Weg in die Drogengesellschaft", in der auch seine jahrelangen Beobachtungen der Schweizer Drogenszene ihren Niederschlag fanden. Amendt lebt in Hamburg.

Patrick Walder wurde 1967 in Zürich geboren. Der ehemalige Redaktor der "Wochenzeitung" ist Herausgeber und Co-Autor der Bücher "Ecstasy" (1994) und "Techno" (1995). Er lebt in Berlin und arbeitet als Redaktor beim Fernsehmagazin "liebe sünde - journal zur sexualität".

 

Günter Amendt, Sie sind mit ihren 58 Jahren nahezu doppelt so alt wie Patrick Walder. Das ist ein ganzer Generationensprung, der Sie trennt, und trotzdem haben Sie gemeinsam ein Buch geschrieben. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden?

Patrick Walder: Wir arbeiten schon seit rund zehn Jahren zusammen und haben uns auch über die Arbeit und über unser gemeinsames Interesse an Drogen, Drogenpolitik und Jugendszenen kennengelernt.

Günter Amendt: Kurz gesagt: Ich habe Patricks Artikel über Drogen in der "Wochenzeitung" gelesen, und er hat als Redaktor meine Texte zum Thema Drogen für die "WOZ" redigiert. So wissen wir seit langem, wie der andere über Drogen denkt.

Sie sind also frei von allen Bedenken in dieses gemeinsame Buchprojekt eingestiegen?

Amendt: Nein. Gerade für mich als Autor, der seit Jahren allein arbeitet, war es eine grosse Umstellung, mit jemandem zusammenzuarbeiten. Ich kann einfach mit niemandem im selben Raum sitzen und lesen oder schreiben. Da gab es am Anfang schon Reibereien.

Walder (lachend): Ich habe am Beispiel von Günter Amendt den Wortzusammenhang von Autor und Autismus begriffen.

Wer von Ihnen musste denn die grössere Anpassungsleistung erbringen?

Walder: Anpassen musste sich keiner. Im Gegenteil. Unser Buch ist eine Gemeinschaftsarbeit, in der unser beider drogenpolitische Perspektiven, Erfahrungen im Umgang mit Drogen und Bezüge zu Jugendszenen zum Ausdruck kommen.

Wo bestehen zwischen Ihnen die grössten Unterschiede im Umgang mit Drogen?

Amendt: Ich habe gegenüber synthetischen Drogen grundsätzliche Vorbehalte. Eine Droge wie beispielsweise Cannabis lässt sich nun einmal besser kontrollieren und dosieren als eine Pille, über deren Inhalt und Dosierung ich nichts weiss. Zwar habe auch ich Ecstasy-Erfahrungen, doch nur im privaten Rahmen; nie an einer Techno- oder Houseparty.

Walder: Für mich gehört natürlich gerade die Techno- beziehungsweise Partyszene zu meinem kulturellen und sozialen Umfeld, und ich habe auch ein praktisches Verhältnis zu Ecstasy. Ich konsumiere es zwar nur sehr selten, aber eine zeitlang habe ich es wirklich genossen, Ecstasy in den verschiedenen Settings, sei es an Partys, zu Hause oder im Bett kennenzulernen. Ich kenne diese Droge sowohl von ihrer positiven wie von ihrer problematischen Seite.

Amendt: Ich denke, dass mein Verhältnis zu Ecstasy und anderen Partydrogen generell distanzierter und nüchterner ist, während sich Patrick, sowohl seinem Alter wie seinem Naturell entsprechend, stärker dafür begeistern kann.

1968 waren Sie, Günter Amendt, so alt wie Patrick Walder heute. Was hat Ihnen seinerzeit das Thema Drogen bedeutet?

Amendt: Die 68er Bewegung war geprägt von klaren politischen Zielen. Aber auch Musik und Tanz, Sexualität und Drogen gehörten dazu. Der Hedonismus jener Zeit, das heisst der Anspruch, lustvoll zu leben, mit Drogen zu experimentieren und im Sexuellen zu tun, wonach uns war, lässt sich durchaus mit dem vergleichen, was Patrick und seine Generation heute erleben. Der Party- und Technojugend fehlt einzig das politische Interesse und die politischen Ziele der 68er Generation.

Walder: Mich hat die 68er Generation insofern nachhaltig geprägt, als ich 1967 geboren wurde, und meine Eltern damals sowohl im "Politkuchen" dabei waren als auch eigene Drogenerfahrungen machten. Ich selber wollte immer auf beiden Hochzeiten tanzen, habe also zum einen als Redaktor bei einer politischen Zeitung, der "WOZ", gearbeitet, und bin gleichzeitig nächtelang in der Techno- und Partyszene unterwegs gewesen.

Was ist der entscheidende Unterschied im gesellschaftlichen Umgang mit Drogen damals und heute?

Amendt: In den sechziger und siebziger Jahren wurde mit wesentlich grösserer Hysterie auf Cannabis und LSD, später dann auch auf Heroin reagiert als auf die synthetischen Drogen von heute. Die Gesellschaft geht heute cooler und gelassener an Ecstasy & Co heran. Daraus könnte man schliessen, dass tatsächlich so etwas wie ein Lernprozess stattgefunden hat. Der Hang zur Dämonisierung hat abgenommen.

Walder: Die Ecstasy- und Technoszene verkörpert ja auch in hohem Masse Inhalte, die sich bestens mit der Konsum- und Leistungsgesellschaft vertragen. Man will schnell, modern, jung, schön, happy und erfolgreich sein und bedient sich zur Erreichung dieser Ziele einer Leistungsdroge, nämlich Ecstasy. So gesehen erstaunt es nicht, dass sich die Gesellschaft heute wessentlich besser mit Ecstasy, einer Art Freizeitdoping, arrangiert als 1968 mit Heroin und Cannabis, die damals als die Drogen der Revolutionäre und Aussteiger galten.

Amendt: An diesem Beispiel wird deutlich, dass der gesellschaftliche Umgang mit Drogen nicht von der Pharmakologie eines Stoffes, sondern vom sozialen Status ihrer Konsumenten abhängt. Die Ecstasy-konsumierende Partyszene wird ganz offensichtlich als eine Szene wahrgenommen, die die Erwachsenenwelt nicht bedroht. Ja, im Gegenteil. Indem sie eine "saubere" Pille einwirft, erinnert sie die Erwachsenen an den eigenen alltäglichen Pillenkonsum.

Was war Ihre Motivation, ein Buch über Ecstasy und andere Partydrogen zu schreiben? Es gibt doch inzwischen bereits etliche Publikationen zu diesem Thema.

Walder: Aber nichts in der Art von "Ecstasy & Co". In der Berliner Partyszene wurde ich regelrecht dazu "geprügelt", ein handliches, überall erhältliches und preisgünstiges Buch über alle momentan gängigen Drogen zu schreiben. Man muss wissen, dass sich die Technoszene sehr stark verändert hat. Sie ist explosionsartig gewachsen, wird mehr und mehr auch kommerziell ausgeschlachtet und hat damit ihre ursprüngliche Frische und Euphorie weitgehend eingebüsst. All das hat auch Auswirkungen auf den Drogenkonsum. Die Leute pfeifen sich alle möglichen Drogen gleichzeitig rein.

Stichwort Konsumismus.

Amendt: Richtig - Konsumismus und Mischkonsum. Verschiedene Untersuchungen zeigen ja, dass es nahezu keine reinen Ecstasy-Konsumenten mehr gibt.

Walder: Da wird gleichzeitig geschluckt, gespritzt und gebechert, und die Abstürze häufen sich. Das war der Moment, an dem wir uns sagten: Dieser Entwicklung muss man etwas entgegensetzen. Keine Verbote, sondern Aufklärung und Information.

Amendt: Ein weiteres Motiv, dieses Buch zu schreiben, gründet in der Beobachtung, dass sich eine neuerliche Verteufelung von Drogen abzeichnet. In Teilen der Medien ist man wieder dabei, Drogen zu horrifizieren. Das beeinträchtigt den Präventionsgrundsatz der Harm Reduction. Schadensbegrenzung ist nur auf dem Boden der Nüchternheit möglich.

Walder: Die zunehmende öffentliche Dämonisierung von Ecstasy hat meiner Meinung nach sehr viel mit dem Niedergang der Techno-Szene zu tun. Die einst fröhliche, aufgestellte Szene mit den schönen Menschen hat ihren Glanz verloren; Ecstasy hat längst die Raves und Partys verlassen und wird nahezu überall konsumiert.

Wie bewerten Sie die Aussage von Anton Widmer, dem Direktor des Bundesamts für Polizeiwesen, der kürzlich behauptete, dass "die Einnahme von LSD, Amphetaminen und Ecstasy einem nächtlichen Marsch mit verbundenen Augen über eine dichtbefahrene Autobahn gleicht"?

Walder: Das ist ein perfektes Beispiel für die Dämonisierung von Drogen. Wer mit verbundenen Augen über eine dichtbefahrene Autobahn geht, ist tot. Ich bin aber keineswegs tot, wenn ich eine Partynacht mit Drogen absolviere. Selbst dann nicht, wenn ich etliches an Drogen konsumiere.

Welche Haltung gegenüber Drogen und deren Konsum nehmen Sie in Ihrem Buch "Ecstasy & Co" ein?

Walder: Wir wollen nicht für Drogen Werbung machen, denn wir haben keine Drogen zu verkaufen. Wir haben auch sonst kein Interesse daran, dass Leute Drogen nehmen. Aber wir wollen Drogen auch nicht verteufeln oder gar verbieten.

Amendt: Wir haben auch kein Recht, Leuten ihre positiven Drogenerfahrungen abzusprechen, und stattdessen zu behaupten: Das waren miese Erlebnisse. Nein. Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass es positive Drogenerfahrungen gibt.

Walder: Wer leugnet, dass es auch Spass machen kann, Drogen zu nehmen, hat vom Thema nichts begriffen und kann auch keine Präventionsarbeit leisten. Wir haben sowohl die Faszination von Drogen dargestellt wie auch deren Risiken und Gefahren. Das klingt so einfach, war aber eine ungeheure Gratwanderung.

Amendt: Da haben wir an jedem Adjektiv gearbeitet, bis wir überzeugt waren, den richtigen Ton getroffen zu haben.

Sie präsentieren in Ihrem Buch zwei positive Drogenerfahrungs-Berichte, die einen richtig anturnen, und schildern einen "Bad Trip", der sehr abschreckend wirkt. Ist diese Verteilung "Zwei zu Eins" kalkuliert?

Amendt: Das Wort "kalkuliert" finde ich unangemessen. "Ecstasy & Co" spiegelt eine Haltung wider, die sich allein aus den Tatsachen, die wir vorfinden, ergibt. Wenn man das gesamte Buch anschaut, wird man feststellen, dass die Warnungen schliesslich doch überwiegen.

Walder: Und damit die Leute diese Warnungen überhaupt ernstnehmen, müssen sie ja zunächst einmal merken, dass wir ihre positiven Drogenerfahrungen nicht leugnen. Auch wir verstehen etwas von der Sache.

Bleiben wir einmal bei den Warnungen. Was ist das Riskanteste am Konsum von Drogen wie Ecstasy?

Walder: Dass die Droge nicht nur Genussmittel ist, dessen man sich hin und wieder bedienen kann, sondern zum Mittelpunkt des Lebens wird, dem alles andere untergeordnet wird. Man lebt plötzlich nur noch aufs Wochenende hin und wird süchtig nach der Kombination von Drogen, Licht, Leute, Musik und Tanz.

Sie kennen beide sowohl die drogenpolitischen Verhältnisse in der Schweiz wie auch diejenigen in Deutschland aus eigener Anschauung. Wird es in den beiden Ländern unterschiedliche Reaktionen auf Ihr Buch geben?

Amendt: In Deutschland wird unser Buch mehr Aufsehen erregen.

Walder: Davon bin auch ich überzeugt. Denn in der Schweiz wird seit Jahren eine zwar hochemotionalisierte, aber auch sehr konzentrierte drogenpolitische Diskussion geführt. Ausdruck davon sind die Drogenlegalisierungs-Initiative und die Verbots-Initiative "Jugend ohne Drogen". Da gibt es nichts Vergleichbares in Deutschland. Auch grosse Teile der schadensbegrenzenden Politik - Stichwort Heroinabgabe - wurden in der Schweiz entwickelt. So gesehen denke ich, dass unser Buch hier auf fruchtbareren Boden fällt.

Amendt: In Deutschland gibt es noch sehr viel drogenpolitische Provinz. Folglich wird unser Buch - in Bayern zum Beispiel - extreme Reaktionen auslösen. Dort wird man uns der Drogenpropaganda bezichtigen. Da genügt schon der Hinweis auf unsere eigenen Drogenerfahrungen.

Ich habe die sogenannten "Fahnen", das heisst den Vorabzug Ihres Buches, gelesen und dabei festgestellt, dass im Vorwort eine dicke Streichung vorgenommen wurde. Da heisst es: ""Ecstasy & Co" klärt Drogenkonsumenten darüber auf, wie Risiken zu minimieren und Gefahren zu vermeiden sind." Dann folgt der schwarze Balken. Welcher Passus ist denn da wessen Zensurstift zum Opfer gefallen?

Amendt: Von Zensur zu reden, wäre zu viel, denn wir haben zugestimmt. Aber ich will nicht bestreiten dass es wegen der erwähnten Stelle mit der Rechtsabteilung des Verlags zu Diskussionen und aus Angst vor möglichen juristischen Einwänden auch zu einer Streichung gekommen ist. Die fragliche Formulierung hätte geheissen: "Wer Drogen nimmt, soll diesen Entschluss nicht bereuen müssen." Das ist der Grund, warum wir dieses Buch überhaupt geschrieben haben. Im Wissen, dass Drogen konsumiert werden, wollen wir dazu beitragen, dass Menschen die damit verbundenen Gefahren kennen, um Risiken vermeiden zu können.

Walder: Die beanstandete Stelle war ja schon sehr vorsichtig formuliert. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man auch schreiben können: "Wer Drogen konsumiert, soll lernen, einen möglichst grossen Profit aus dieser Erfahrung zu ziehen."

Amendt: In der Streichung unseres bereits abgeschwächten Satzes kommt ein moralischer und keinesfalls ein juristischer Vorbehalt zum Ausdruck. Denn der Kehrsatz lautet: "Wer Drogen nimmt, soll diesen Entschluss bereuen und dafür bezahlen müssen." Und genau das ist die - wenn auch unbewusste - moralische Haltung desjenigen, der die Streichung zu verantworten hat.

Tages-Anzeiger, 20. Mai 1997

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