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Magenband statt "Fettschürze" - schwer Übergewichtige hoffen auf eine neue Behandlungsmethode
Ingrid P. fühlt sich wie neugeboren. Ihr Gang ist leichter, ihre Haltung wieder aufrecht; das Verhältnis zu ihrem Körper ist liebevoller geworden, und Sexualität macht ihr wieder Spass. Beim Blick in den Spiegel empfindet sie Freude und Befriedigung: Doch, zu diesem Gesicht kann sie ja sagen. Der Wandel im Leben der 31jährigen hat einen schwerwiegenden Grund: Innert sechs Monaten hat sie 37 Kilogramm abgenommen. Statt satte 122 Kilogramm bringt die 1,78 Meter grosse Frau heute nur noch 85 Kilogramm auf die Waage, das heisst 25 Prozent ihres ehemaligen Gewichts weniger. Doch bis sie soweit war, hatte die Aargauerin einen echten Leidensweg zu durchlaufen. Jahrelang war sie von Depressionen gepeinigt worden, auf die sie nur eine Antwort wusste: "Fressen". In solchen Situationen vertilgte sie Berge von Lebensmitteln, Pommes Chips, Schokolade, Spagetti, um sich kurze Momente der "Ruhe und Zufriedenheit" zu bereiten. Da sie längst nicht mehr wusste, was Sättigung war, konnte sie eine halbe Stunde später mühelos noch fünf Bananen in sich hineinstopfen. Ingrid P. war ein "Food-Junkie". Als sie Kilogramm um Kilogramm zulegte, alle Diätversuche kläglich scheiterten, ja, innert Kürze sogar ihr Ausgangsgewicht jeweils um mehrere Pfunde übertroffen war, wurde sie von Verzweiflung ergriffen: "Ich hatte Angst, mich zu Tode zu fressen." Der Zufall wollte es, dass sie in jener Situation von einer Operationsmethode, dem sogenannten "Magenbanding", erfuhr, dank der Übergewichtige schnell und wirksam aus ihrer Not befreit werden können. Ingrid P. witterte ihre Chance. Sie ahnte, dass nur ein "brutaler" Eingriff ihrem Leben eine neue Wendung geben konnte. Fritz Horber, Stoffwechselspezialist, leitender Arzt in der Zürcher Privatklinik Hirslanden und einer der überzeugtesten Verfechter dieser operativen Methode, klärte Ingrid P. über die Funktionsweise, aber auch die Risiken des Magenbandings auf. Sie wusste nun, dass mit Hilfe einer Naht aus Klammern und eines Plastikbandes eine Art Vormagen in der Grösse einer Espresso-Tasse vom restlichen Magen abgetrennt und dass die Aufnahmekapazität ihres Magens in der Folge erheblich reduziert sein würde. Horber warnte sie unmissverständlich: "Wer sich einem Magenbanding unterzieht, ist gezwungen, sein Essverhalten radikal umzustellen." Ingrid P. drängte auf einen baldigen Operationstermin. Schluss jetzt mit einem Körper, der sich zu mehr als fünzig Prozent aus reinem Fett zusammensetzte. Sie freute sich riesig, als sie endlich ihr Zimmer in der Berner Klinik Beau-Site beziehen konnte. Der 23. August 1996, das wusste sie, sollte ihr Glückstag werden. Doch nach dem Erwachen aus der Narkose ergriff sie das heulende Elend. Sie litt unter "grauenhaften Schmerzen" und der Blick auf die knapp vierzig Zentimeter lange Operationsnarbe, die von ihrem Brustbein bis unter ihren Bauchnabel reichte, liess sie ernüchtert zurück. Vollgepumpt mit Schmerzmitteln fühlte sie sich wie "zugedröhnt". "Es war die Hölle", sagt sie unumwunden. Als sie das erstemal aufstand, brach sie entkräftet zuammen und benötigte während Tagen Infusionen. Mein Gott, worauf hatte sie sich da eingelassen? Nach drei Tagen durfte sie immerhin das erstemal etwas essen: Eine Mini-Portion von zweieinhalb Tortelloni, und schon war sie satt. Neue Hoffnung keimte in ihr auf. Doch kurze Zeit später wurde sie bitter enttäuscht: Sie erbrach sozusagen bei jedem Bissen, den sie zu sich nahm. Horber hatte sie gewarnt, dass viele Banding-Patienten mit dieser Komplikation zu kämpfen hätten. Trotzdem geriet Ingrid P. in Panik und fühlte sich von dem Band, jenem seltsamen Fremdkörper in ihrem Bauch, terrorisiert. Sie verkrampfte sich vor jeder Mahlzeit, fühlte sich schwach und hilflos und verliess in depressiver Stimmung das Spital: "Ich hatte wirklich Angst, ob ich dieser Situation gewachsen sein würde." Eine Woche später lag sie wieder im Krankenhaus, diesmal in ihrem Wohnort. Das ständige Erbrechen hatte sie dermassen ausgetrocknet und geschwächt, dass sie erneut Infusionen brauchte. Die rzte, von denen sie nun behandelt wurde, erwiesen sich als inkompetent und unerfahren im Umgang mit einer Magenbanding-Patientin. Man riet ihr dazu, das Band wieder herauszunehmen beziehungsweise seinen Durchgang operativ zu erweitern. Ein medizinisches Unding, wie die Patientin aus der Fachliteratur wusste. Ingrid P. stand unter Schock. Erst die anschliessende Konsultation bei Fritz Horber, der sie dank eines speziellen Röntgenverfahrens davon überzeugen konnte, dass ihr Band einwandfrei sitze und der Durchgang die nötigen 1,2 Zentimeter messe, liess sie aufatmen. Sie realisierte erstmals, dass ihr Erbrechen einzig auf Stress und Nervosität zurückzuführen waren. Horber: "In dem Moment, in dem Frau P. erkannte, dass "technisch" alles in Ordnung ist, konnte sie sich entspannen und gewann die Kontrolle über ihren Körper zurück." Ausgestattet mit dem neuen Wissen und einem zusätzlichen Medikament nahm das Erbrechen deutlich ab. Erst jetzt, zwei Monate nach der Operation, konnte sich Ingrid P. überhaupt über ihren Gewichtsverlust von nahezu zwanzig Kilogramm freuen. Nun ging es darum, sich an eine neue Esskultur heranzutasten, zu entdecken, dass Brot mit Rinde, faseriges Fleisch, aber auch ungeschältes Obst und Gemüse ihr nicht guttaten. Stattdessen begann sie fortan, Kartoffeln, Reis und Polenta in allen Variationen zu kochen. Sie musste herausfinden, dass sie mitunter eine Dreiviertelstunde für den Verzehr eines Joghurts braucht und dass ein Fenchelsalat zum Mittagessen und ein Chäschüechli zum Abendbrot sie mehr als zufriedenstellen. "Ich konnte es schier nicht fassen", erinnert sie sich, "dass ich, die einst Berge von Teigwaren verdrückt hatte und trotzdem noch Hunger verspürte, auf einmal ein Gefühl von Sättigung, ja, Befriedigung, empfand." Diese neue Erfahrung habe sie berührt und glücklich gemacht. Natürlich hat sie, nicht zuletzt wegen all der Umstellungen in ihrem Alltag, immer noch hin und wieder mit Depressionen und Traurigkeit, ihrem alten Problem, zu kämpfen. Doch statt ihren Körper, wie früher in solchen Situationen, mit Fressattacken zu malträtieren, behandle sie ihn heute gerade dann besonders liebevoll, kaufe sich etwas besonders Feines zum Essen, - "50 Gramm Krevetten oder vier Luxemburgerli" -, gönne sich ein Schaumbad und salbe sich anschliessend mit Rosenöl ein. In grösseren Krisen, gesteht sie, leide sie schon noch unter "bulimischen Anfällen", das heisst dem Drang, sich vollzustopfen und gezielt zu erbrechen. Doch "brutal gebremst" durch ihr Magenband, sei sie heute schon nach einer halben Guetsli-Packung am Ende ihres Fassungsvermögens, während sie früher ihren Eisschrank "leergefressen" habe. Und sowieso seien dies "seltene Ausrutscher" geworden. Nicht zuletzt dank einer intensiven psychotherapeutischen Betreuung sei es ihr gelungen, die Folgen der Magenband-Operation gut zu verdauen. Auch ohne "schützende Fettschicht" fühle sie sich sicher: "Ich bin emotional offener geworden und kann besser zu meinen Bedürfnissen stehen." Kürzlich hat sie sich zum erstenmal in ihrem Leben eine "leicht taillierte" Jacke gekauft. Eine neue Liebe, mehr Lust auf Gesellschaft und Aktivitäten bereichern zusätzlich ihren Alltag: "Ich bin", sagt sie, "wieder aus meinem Schneckenhaus herausgekommen." Inzwischen sei sie überzeugt, dass die Operation "das einzig richtige" für sie gewesen sei: "Ich würde sie trotz Schmerzen, Erbrechen, Angst und Verunsicherung jederzeit wieder machen lassen." Bei aller Freude weiss Ingrid P. aber auch, dass sie ein Leben lang auf das Magenband angewiesen sein wird: "Ohne diese Bremse würde ich in alte Essgewohnheiten zurückfallen und wieder zuschlagen." Ihr Arzt nickt. Das Einsetzen des Magenbandes, erklärt Internist Horber, habe ja den hormonellen Defekt, der ihrer "Fressucht" - gemäss seiner Überzeugung - zugrunde liege, nicht behoben. Es greife stattdessen auf "durchaus brutale Art" wie ein Block in den defekten hormonellen Regelkreis ein und mahne den "Adipösen" oder "Esssüchtigen" unsanft, wenn er genug gegessen habe. Ob unsanft oder brutal, Ingrid P. weiss nur eins: "Ich will nie wieder 37 Kilogramm schwerer sein." Ihre Chancen stehen gut, denn anders als bei herkömmlichen Fastenkuren und Diäten können 85 Prozent der Magenband-Träger - laut internationaler Studien - einen Gewichtsverlust von dreissig Kilogramm während mindestens zehn Jahren aufrechterhalten. Trotz solcher Erfolgsmeldungen steht ein grosser Teil der medizinischen Fachwelt dem Magenbanding skeptisch bis ablehnend gegenüber. Horber muss sich immer wieder vorwerfen lassen, er betreibe Scharlatanerie oder gar "Vodoo", lasse Gesunde operieren und setze sie einer Rosskur aus. Doch der selber von gravierenden Gewichtsproblemen Geplagte kennt seine "Sorgenkinder", weiss um ihr Leiden, ihre soziale Ächtung und Isolation, und um die Schwere - und den Kostenpunkt ihrer gewichtsbedingten Folgeerkrankungen wie Arthrose, Diabetes, Bluthochdruck und schwere Schlafstörungen. "Esssüchtige", sagt er, "sind krank, und ihr Leiden rechtfertigt einen operativen Eingriff wie das Magenbanding voll und ganz." Sieben- bis achthundert Frauen und Männer in der Schweiz haben sich, gemäss Horbers Schätzung, bis heute der Operation unterzogen. Die Tendenz sei klar steigend, insbesondere seitdem es neben dem fixen Band, das Ingrid P. trägt, ein flexibles Band gibt, das laparaskopisch, das heisst ohne Bauchschnitt und nur mittels winziger Schnitte eingesetzt wird und je nach Bedürfnis seines Trägers verstellt werden kann. Ingrid P. hat heute, ein halbes Jahr nach der Operation, einen entspannten Umgang mit "ihrem" Magenband gefunden. Das sporadische "Kotzen", wie sie es locker nennt, habe sie inzwischen souverän in ihren Alltag integriert. Wenn ihr etwas "quer" im Magen liegt, sie also unsorgfältig gekaut und zu schnell geschluckt hat, trinkt sie ein Glas Wasser mit Backpulver, das bei der Feinverteilung des "störenden Brockens" nützliche Dienste leistet. Ist sie unterwegs, hat sie stets Traubenzucker oder ein Fläschchen Süssmost in der Handtasche, um sich gegen eine allfällige Unterzuckerung zu wappnen. Inzwischen hat sie auch die Waage aus ihrem Badzimmer entfernt, da ihr "der Gewichts-Terror" nur noch auf die Nerven gehe: "Ich will endlich ein normales Verhalten zum Essen finden." Was sie nach wie vor noch nicht fertig bringt, ist das offene Bekenntnis zu "ihrem" Band. Nur wirklichen Freunden und Freundinnen hat sie bisher von der Operation erzählt; zu gross sei die Angst und Scham, dass man sie der "Haltlosigkeit und Willensschwäche" bezichtige und ihr vorwerfe, sie habe die Verantwortung für ihren Körper an ein "Gummiband" delegiert. Was der 31jährigen allerdings die Freude am Leben noch wesentlich schwerwiegender trübt, ist ein Relikt aus vergangenen Tagen: eine "Fettschürze" von einigem Gewicht, die sich seit dem Abnehmen "handorgelförmig" zwischen ihren Fingern zusammenrollen lasse. Ingrid P. empfindet diese "Wülste" als "abstossend" und fiebert dem Tag entgegen, an dem sie ein plastischer Chirurg von ihnen befreit: "Nachher", verspricht sie, "bin ich dann rundherum mit der neuen Ingrid P. zufrieden." Sonntags-Zeitung, 16. März 1997 |
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