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Im Sport greift sexuelle Gewalt immer mehr um sich


Als im Verlauf des vergangenen Jahres zwei kanadische Eishockey-Juniorentrainer wegen sexueller Gewalt gegen mehrere ihrer Spieler verurteilt wurden, horchte Franz Ziegler, Geschäftsführer des Schweizerischen Kinderschutzbundes, auf. Als er gleichzeitig auch noch von mehreren Müttern kontaktiert wurde, die die Sporttrainer ihrer Söhne beziehungsweise Töchter der sexuellen Belästigung bezichtigten, wusste der Psychologe, dass auch hierzulande Handlungsbedarf bestand. Im Frühjahr verschickte Ziegler einen Brief an 54 Sportverbände, in denen er das Thema sexuelle Gewalt im Sport zur Diskussion stellte. Er bat um Informationen, inwieweit sich die einzelnen Verbände des Problemkreises schon angenommen hätten und bot seine fachliche Hilfe zur Prävention und Intervention bei Krisen an.

Die Resonanz auf sein Schreiben war für Ziegler mehr als frustrierend. Vierzig Verbände hielten seine Anfrage nicht einmal einer Antwort für wert. Sieben weitere wahrten immerhin die Form und lehnten das Hilfsangebot dankend ab. Die einen, weil sie "dringendere Probleme" zu bewältigen hätten, die anderen, weil es ihnen an "Zeit" und "Kapazität" fehle und sie sich auf Grund von Medienberichten bereits ausreichend über das Thema informiert fühlten. Der Reitsportverband machte geltend, dass es in seinem Umfeld dank der Präsenz der Pferde gar nie zu einer exklusiven Trainer-Kind-Beziehung komme. Wenige Wochen später geriet ausgerechnet ein Reitlehrer wegen des Verdachts auf sexuelle Belästigung von Schülerinnen in die nationalen Schlagzeilen - Ross hin oder her.

Immerhin: Sieben Verbände, darunter der Ski-, der Tischtennis- und der Fussballverband, meldeten ihr Interesse an. Funktionäre trafen sich mit Ziegler zu einem ersten Gedankenaustausch, dessen Verlauf dem Kinderschützer eines deutlich machte: "Im Sport müssen wir in Sachen Aufklärung und Prävention zu sexueller Gewalt bei Null anfangen." Ziegler realisierte, dass sich selbst die aufgeschlossenen Verbände scheuten, öffentlich mit dem heiklen Thema in Verbindung gebracht zu werden. Die abwehrende Haltung des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) passt durchaus in dieses Bild. Dessen technischer Direktor Hans-Ruedi Hasler betont, dass sich der SFV der schwierigen Thematik zwar annehmen wolle, aber "mehr von der positiven als von der negativen Seite" her: "Im Zentrum unseres Engagements soll nicht der Trainer als potentieller Täter stehen, sondern der Trainer als Vertrauensperson, bei der sich Kinder, die in ihren Familien misshandelt werden, Hilfe holen können."

Das Beispiel zeigt, dass das Thema sexuelle Gewalt im Sport nach wie vor tabu ist. Es wird nach übereinstimmenden Aussagen von Fachleuten unter den Teppich gekehrt, verleugnet, relativiert und bagatellisiert. "Sport", dahin geht das hartnäckige Dogma, "ist gut, gesund, sauber, fair und fördert die Entwicklung der ihm anvertrauten Menschen." Das mag immer wieder zutreffen. Viele Gegenbeispiele belegen aber auch, dass der Sport geradezu prädestiniert ist für gewalttätige Übergriffe sexueller, psychischer und physischer Art.

Die Gründe dafür sind zahlreich und nachvollziehbar. Der Sport, kritisiert beispielsweise der Erfurter Professor Michael Klein, ist "ein Dominanz- und Machtmodell". Er transportiere ein Bild "hegemonialer Männlichkeit", benachteilige Frauen und nehme sie mehrheitlich als "minderwertig" wahr. Gleichzeitig neige er zu "Verdinglichung und Instrumentalisierung" des Gegenübers und minimiere das Vermögen, sich in "Erleben, Empfinden und Bedürfnisse anderer einzufühlen."

Statt Mitgefühl ist im Sport Härte gefragt: "Leistungssport", heisst es in der deutschen Dokumentation "Frauen und Sport"*, sei "eine ständige Vergewaltigung der eigenen Person" - mit der Folge, dass "die Brutalität des Umgangs und der Trainingsweise zur 'Normalität' wird."

Der Trainer, konstatiert sodann die englische Sportwissenschaftlerin Celia Brackenridge, die als eine der ersten zum Thema "Sport und Gewalt" geforscht hat, verfüge über die Macht des Idols, Ersatzvaters und Priesters. Sein Tun werde weder von den Athletinnen noch von deren Eltern oder den Verbandsfunktionären in Frage gestellt, da alle ihn bräuchten, um den "Erfolg sicherzustellen". Kein Wunder, geraten insbesondere junge oder gar minderjährige Sportlerinnen, die auf Gehorsam und Unterwerfung getrimmt sind, in fatale Abhängigkeiten, aus denen sie sich im Fall des Missbrauchs oft nicht befreien können. Ähnlich wie Familien schotten sich zudem Trainingsgemeinschaften stark nach aussen ab, entziehen sich damit der öffentlichen Kontrolle und begünstigen so ein Klima, in dem Trainer sexuelle, aber auch andere Gewalt lange Zeit ungehindert praktizieren können.

Angesichts solcher Bedingungen überrascht es nicht, dass auch im Schweizer Sport bereits etliche Fälle von sexueller Gewalt ruchbar und sogar gerichtlich verfolgt worden sind. Dem Fussballverband sind drei übergriffige und verurteilte Trainer bekannt. Bei den Leichtathleten erinnert man sich an einen Fall. Unter den Jugend- und Sportleitern ist es "mehrere Male" zu gerichtlicher Verfolgung und auch Verurteilung gekommen, sagt die Ausbildungsverantwortliche Barbara Boucherin. Das Verfahren gegen den Sportlehrer der Kantonsschule Zürich-Oerlikon, dem man sexuelle Ausbeutung von Schülerinnen zur Last legte, wurde wegen Verjährung eingestellt. Ein Westschweizer Reitlehrer wurde verurteilt. Dies im Gegensatz zu seinem eingangs erwähnten Lengnauer Kollegen, dessen Fall noch hängig ist.

Erst wenn sich die Justizbehörden einschalten, sehen sich die Verbandsfunktionäre gezwungen, das Problem zur Kenntnis und ernst zu nehmen. So betont auch Hermann Mäder, der Präsident des Verbandes der Schweizer Reitlehrer, dass erst mit der gerichtlichen Verurteilung auch der Ausschluss aus dem Verband erfolge. J & S- Expertin Boucherin bestätigt das gleiche für das bundesweite Sportförderwerk und ergänzt reichlich zerknirscht, dass ein Täter allerdings nur für die Dauer der Strafe von seinen Leiterfunktionen entbunden bleibe.

Viele andere Fälle von sexueller Gewalt im Sport, von denen Insider zu berichten wissen, werden "unter dem Siegel der Verschwiegenheit" gelöst. Ohne das hässliche Thema überhaupt beim Namen zu nennen, werden da Trainer über Nacht entlassen und finden kurze Zeit später bei einem nächsten Klub wieder eine Anstellung.

Im Wissen um solche Praktiken ist man beim Zürcher Fussballverein Grasshoppers vorsichtig geworden und prüft - nach Aussage von Junioren-Obmann Walter Wild - jeden Bewerber für einen Trainerposten "sehr sorgfältig". Man hole Referenzen ein, stelle Erkundigungen an, warum ein Trainer seinen letzten Arbeitsort verlassen habe und kontrolliere auch den Trainingsbetrieb regelmässig. Aufgeschreckt von den "bösen Schlagzeilen", mit denen der kanadische Eishockeyverband wegen seiner zwei übergriffigen Trainer in die Medien geraten sei, sagt Wild, nehme man das Problem bei GC heute noch ernster als früher.

Im Gegensatz dazu zeigte man bei der Eishockey-Sektion des Grasshopper-Clubs wenig Sensibilität für das diffizile Thema, als man den der sexuellen Übergriffe beschuldigten Oerliker Sportlehrer nach seiner Kündigung an der Kantonsschule vollamtlich als Juniorentrainer anstellte. Bruno Schäfer, der Verantwortliche für den GC-Eishockey-Nachwuchs, sieht das allerdings weniger eng. Schliesslich sei es nie zu einer Verurteilung und damit auch zu keinem Schuldnachweis gekommen. Sodann habe der Betroffene, der bereits längere Zeit im Nebenamt für GC tätig war, stets gute Arbeit geleistet. Und zuguterletzt habe er bei ihnen nicht mit Mädchen, sondern nur mit vierzehnjährigen und älteren Knaben zu tun und sei damit in keiner Art und Weise gefährdet. Žhnlich unempfindlich für die öffentliche Signalwirkung eines solchen Entscheids zeigte sich auch der Schweizer Sportverband Satus, als er seinen Kunstturntrainer Köbi F. (siehe dazu das Porträt Sabine B.) trotz massiver Beschuldigungen von mehreren Sportlerinnen und einem weitgehenden Geständnis von F. im Bereich Ausbildung weiterbeschäftigte. Köbi F., rechtfertigt Satus-Zentralpräsident Christian Vifian das vielerorts auf Unverständnis stossende Vorgehen, sei immerhin postwendend vom Trainingsbetrieb abgezogen worden und habe damit auch keinen Kontakt mehr zu Minderjährigen.

Die Abwehrstrategien, die der Sport wählt, um das Problem der sexuellen Übergriffe klein zu halten oder gar auszublenden, sind ausgeklügelt und vielfältig. Den Aussagen betroffener Kinder schenken viele aus Prinzip sowieso keinen Glauben. Kommt es, wie beim Satus Möriken, zum Eclat, ist gern die Rede von "Einzelfällen" und "einmaligen Auswüchsen." Sabine B., jenes Opfer, das sich am vehementesten zur Wehr setzt, galt vielen schnell einmal als "spezielle Person mit einer besonderen Geschichte." Dabei machte sie nur öffentlich, was mehr als ein Dutzend ihrer Kolleginnen gegenüber den Untersuchungsbehörden ebenfalls zu Protokoll gaben.

Genau das aber war ihr "Fehler". Denn im Sport verfahren nach wie vor viele nach dem Prinzip: "Was ich nicht weiss, macht mir nicht heiss." Oder wie es ein Verantwortlicher des Schweizerischen Behindertensportverbands ausdrückt: "Sexuelle Gewalt ist ein schwieriges Thema, das man nicht gern ausgräbt, wenn nichts Konkretes vorliegt." Mit anderen Worten: Wir holen erst die Feuerwehr, wenn es brennt.

Um diesem Denken Einhalt zu gebieten, haben verschiedenenorts Fachleute die Initiative ergriffen und Alternativen präsentiert. So verabschiedete der Deutsche Sportbund vor wenigen Wochen einen Ehrenkodex für Trainer und Trainerinnen, in dem sie sich auf einen verantwortungsbewussten, würdigen und gewaltfreien Umgang mit ihren Schützlingen verpflichten. In Holland ging man kürzlich noch einen Schritt weiter und ächtete in einem "Code of Conduct" ausdrücklich alle Formen von sexueller Belästigung im Sport. Die Trainerakademie in Köln hat das Thema in ihr Ausbildungsangebot aufgenommen. In der Broschüre "Fair Play - für Mädchen und Frauen im Sport?"*, die von der Deutschen Olympischen Gesellschaft und dem Bundesausschuss Frauen im Sport des DSB herausgegeben wurde, hat Celia Brackenridge das Kapitel "Das kann hier doch gar nicht passieren - Sexuelle Belästigung und Missbrauch im Sport" beigesteuert. In Diskussion sind zudem Beratungsangebote und eine Ethik-Kommission.

Auch in der Schweiz sind erste Vorstösse unternommen worden beziehungsweise in Planung. Da ist zum einen das Projekt des Kinderschutzbundes. Gleichzeitig hat die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV eine Veranstaltung zum Thema sexuelle Gewalt organisiert, zu der auch Barbara Boucherin als Vertreterin der Eidgenössischen Sportschule Magglingen und des J & S und Susi-Käthi Jost, die Frauen-Delegierte vom Schweizerischen Olympischen Verband SOV, eingeladen wurden. In der Folge richteten die beiden Frauen einen Antrag an den Exekutivrat des SOV, in dem sie dafür plädieren, eine Projektgruppe zum Thema sexuelle Gewalt ins Leben zu rufen.

Die Entstehung dieses Vorstosses ist geradezu exemplarisch für die aktuelle Situation im Sport. Zum einen wurde das Thema von aussen an die Organe des Sports herangetragen und nicht etwa, was ja auch denkbar gewesen wäre, in den eigenen Reihen entwickelt. Zum anderen sind es zwei Frauen, die sich des Themas angenommen und es weiterverfolgt haben. "Die Männer", sagt Barbara Boucherin unmissverständlich, "interessieren sich im Grunde genommen nicht dafür." Das ist äusserst bedenklich, denn mehr als 80 Prozent der Sportfunktionäre und 20 der 23 Lehrkräfte an der Sportschule Magglingen sind Männer.

 

* "Frauen im Leistungssport", Bundesinstitut für Sportwissenschaft und Bundesausschuss Frauen im Sport des Deutschen Sportbundes, Köln, 1996

* "Fair Play für Mädchen und Frauen im Sport?", hg. von der Deutschen Olympischen Gesellschaft und dem Bundesausschuss Frauen im Sport des DSB, Frankfurt am Main, 1995.


Gespräch mit der deutschen Sportsoziologin Birgit Palzkill zum Thema Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport

Birgit Palzkill, Sie haben soeben Ihre Studie "Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport" vorgelegt, die Sie gemeinsam mit dem Erfurter Professor Michael Klein erstellt haben. Auf wessen Initiative kam dieses Projekt zustande?

Birgit Palzkill: Auf Initiative des Ministeriums für die Gleichstellung von Frau und Mann des Landes Nordrhein-Westfalen. Interessanterweise war es dieses Ministerium und nicht - was ja durchaus auch denkbar gewesen wäre - das Sportministerium.

Mit anderen Worten: Der Sport tut sich immer noch schwer mit dem heiklen Thema.

Palzkill: Das kann man so sagen.

Immerhin kam Ihre Studie zustande und wurde sogar gemeinsam von einer Frau und einem Mann durchgeführt, obwohl das Thema Gewalt sonst eher in die "Frauenecke" abgeschoben wird.

Palzkill: Gewalt ist tatsächlich weitestgehend ein Frauenthema. Michael Klein, der an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt lehrt, setzt sich nun allerdings schon lange und sehr kritisch mit diesem Bereich auseinander. Er deckt soziale Probleme im Sport konsequent auf, was ihn übrigens bei vielen Funktionären und auch bei einigen Sportwissenschaftlern ausgesprochen unbeliebt gemacht hat.

Was war der konkrete Anlass für das Gleichstellungsministerium, das Thema Gewalt gegen Sportlerinnen genauer unter die Lupe nehmen zu lassen?

Palzkill: Mit Sicherheit der Fall des Trainers Karel Fajfr, der von einer siebzehnjährigen Eiskunstläuferin wegen sexueller Übergriffe angezeigt und dann auch verurteilt wurde. Dieser Fall, der hohe Wellen in den Medien warf, wurde zu einer Art Türöffner. Insbesondere wegen der Verurteilung und öffentlichen Ächtung des gewalttätigen Trainerverhaltens trauten sich erstmals auch andere Sportlerinnen, eigene Missbrauchserlebnisse publik zu machen.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit an Ihrer Studie gemacht?

Palzkill: Die Funktionärinnen, Athletinnen und andere Expertinnen, die wir befragten, waren froh, endlich einmal reden zu können und - das ist ganz entscheidend - auf offene Ohren zu stossen. Ihre bisherigen Erfahrungen innerhalb des Sports sahen nämlich so aus, dass sie zwar einen Missstand beklagen konnten, dann aber meist nicht ernstgenommen und abgewimmelt wurden. Die Fachfrauen haben uns wirklich sehr bereitwillig und ausführlich Auskunft gegeben. Als bekannt wurde, dass wir diese Studie machen, haben sich sogar zahlreiche Sportlerinnen von sich aus bei uns gemeldet und von Übergriffen und Belästigungen erzählt.

Welche Reaktionen gab es, als Sie Ihre Studienergebnisse vorstellten?

Palzkill: Einerseits wurde uns grosse Zustimmung, ja, sogar Dankbarkeit dafür gezeigt, dass wir dieses Thema mit unserer Studie in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit besprechbar gemacht haben. Andererseits wurden wir von gewissen Leuten - vornehm ausgedrückt - nicht gerade mit Lorbeeren überschüttet.

Was heisst das im Klartext?

Palzkill: Gewisse Kreise im Sport haben versucht, uns auf die Anklagebank zu setzen. Ich habe sogar einen Anruf bekommen, in dem man mir mit einer Klage wegen Verleumdung ganzer Berufsgruppen gedroht hat. Der männliche Schulterschluss, der sich da eingestellt hat, ist wirklich brachial gewesen.

Wie lauten denn die zentralen Ergebnisse Ihrer Studie, die dermassen viel Abwehr und Widerstand ausgelöst haben?

Palzkill: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gewalt in allen Bereichen des Sports und in allen Formen vorkommt. Das beginnt auf der strukturellen Ebene, also bei der vollständigen oder partiellen Ausgrenzung von Mädchen und Frauen aus ganzen Sportbereichen oder deren Unterrepräsentanz. Dann gibt es Gewalt in Form von subtiler oder offener Abwertung von Sportlerinnen, sexistischen Sprüchen, Anrempeln, körperlichen Attacken und schliesslich auch sexueller Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung.

Sie sind also von einem sehr umfassenden Gewaltbegriff ausgegangen?

Palzkill: Wir haben Gewalt in all ihren Erscheinungsformen untersucht und uns keineswegs auf strafbare Handlungen beschränkt.

Gibt es - gemäss Ihrer neuen Erkenntnisse - mehr Gewalt im Sport als bisher angenommen wurde?

Palzkill: Die Bedeutung des Themas Gewalt im Sport ist tatsächlich wesentlich grösser als bisher vermutet wurde. Folglich ist auch die Notwendigkeit, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und einen offenen Diskurs darüber zu führen, sehr viel dringlicher, als man bisher annahm.

Existieren im Sport spezifische Bedingungen, die sexuelle und andere Gewalt gegen Mädchen und Frauen begünstigen?

Palzkill: Die gibt es. Im Sport spielt der Körper eine zentrale Rolle, und damit ist gleichzeitig körperliche Nähe verbunden. Es besteht die Notwendigkeit, sich umzuziehen, zu duschen, auch partiell nackt - wie im Schwimmsport - anzutreten. Darüber hinaus ist der Sport aber auch eine traditionelle Männerdomäne, in der männliche Kompetenz und Überlegenheit zur Darstellung kommen. Frauen mussten und müssen sich immer noch ihren Platz erkämpfen. Die logische Folge davon ist, dass die Macht asymmetrisch verteilt ist: Je höher die Hierarchiestufe, um so weniger Frauen sind in den Organen des Sports vertreten. Von daher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Gewaltstrukturen gar nicht wahr- oder zumindest nicht ernstgenommen werden, natürlich sehr hoch. Da kann eine Sportlerin noch lange über eine Belästigung durch ihren Trainer klagen, wenn man sie im Verein auslacht und der Prüderie bezichtigt.

Vor allem im Leistungssport, aber auch in grossen Teilen des Breitensports sind die meisten Trainer männlich. Welche Konsequenzen hat das für die Athletinnen?

Palzkill: Das Verhältnis des Trainers zur Athletin, aber auch zum Athleten ist immer ein Abhängigkeitsverhältnis, und damit ist auch die Gefahr der Ausbeutung immer vorhanden. Das Machtgefälle aber, das zwischen einem Mann und einer Frau besteht, ist in jedem Fall grösser als jenes zwischen zwei Männern. Noch grösser ist es natürlich zwischen einem Mann und einem Mädchen. Aus einer deutschen Studie weiss man zudem, dass die emotionale Bindung von Kindern an ihre Trainer oftmals enger ist als diejenige an die eigenen Eltern. Damit ist auch das Missbrauchspotential noch um einiges höher.

Nun heisst es ja gern, dass gerade pubertierende Mädchen alles daran setzen, um ihren Trainer oder Sportlehrer zu bezirzen und für sich einzunehmen.

Palzkill: Es gibt tatsächlich immer wieder Sportlerinnen, die sich in ihren Trainer verlieben und ihm das auch zu verstehen geben. Doch die Professionalität würde von einem Trainer verlangen, die Verliebtheit einer Vierzehnjährigen richtig zu deuten und keinesfalls zur Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse auszunutzen. Das würde allerdings ein hohes Mass an Bewusstheit über die Art der Trainer-Athletin-Beziehung voraussetzen. Daran fehlt es vielen, weil im Rahmen der Ausbildung zu grosses Gewicht auf Biomechanik, Technik und Taktik und zu wenig auf Pädagogik und Psychologie gelegt wird.

Halten Sie denn Liebesverhältnisse zwischen Trainern und volljährigen Athletinnen für opportun?

Palzkill: Zur Zeit wird heftig darüber diskutiert, ob man im Sport eine Abstinenzregel, vergleichbar jener in der Psychotherapie und Psychiatrie, einführen und damit jede intime Beziehung zwischen Trainer und Athletin verbieten soll. In Kanada und England ist bereits ein entsprechender Ehrenkodex entwickelt worden. Ich bin da eher skeptisch und halte mehr davon, ein offenes Gesprächsklima zu schaffen, das es jeder Athletin erlaubt, freie Entscheide zu treffen. Noch mehr Verbote führen meiner Einschätzung nach nur zu noch stärkerer Tabuisierung.

Welche Auswirkungen haben Gewalterfahrungen auf die Betroffenen?

Palzkill: Es ist davon auszugehen, dass sich ein grosser Teil dieser Frauen aus dem Sport zurückzieht. Auch die weitverbreitete Mädchen-Aussage: "Ich mach nicht gern Sport, ich bin unsportlich" steht möglicherweise im Zusammenhang mit Gewalterfahrungen, die zum Beispiel im Schulsport gemacht werden. Das müsste aber noch genauer untersucht werden.

Welche Massnahmen befürworten Sie, um wirksam gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport vorzugehen?

Palzkill: Der wichtigste Punkt ist, dass ein Bewusstsein für die Problematik geschaffen und dass offen darüber diskutiert wird. Heute ist es ja so, dass ein Verein, der aktiv wird und einen übergriffigen Trainer entlässt, alles daran setzt, diese Geschichte so diskret wie möglich zu behandeln. Ja kein Aufhebens davon machen, heisst es, sonst schicken die Eltern ihre Kinder in einen anderen Klub. Dabei bietet ja gerade der Verein, der das Thema ernstnimmt und handelt, den grössten Schutz vor sexuellen Übergriffen. Doch das kapieren nur die wenigsten. Da muss ein Umdenkprozess einsetzen.

Das heisst also, es bräuchte mehr Öffentlichkeitsarbeit?

Palzkill: Unbedingt. Zur Zeit läuft in München eine Kampagne "Aktiv gegen Männergewalt", für die sich unter anderem auch der Bayern München-Star Thomas Helmer ablichten liess. Das halte ich zum Beispiel für ein starkes Signal. Damit macht ein Sportler klar: Ich ächte Gewalt. Das ist deshalb so wichtig, weil es im Sport eine Tendenz zum Verharmlosen, ja, zum Normalisieren von Gewalterfahrungen gibt. Da heisst es schnell einmal: Das war schon immer so. Das gehört dazu. Damit muss man rechnen.

Radikale Kritiker sagen ja schon lange: "Sport ist Mord."

Palzkill: Wenn sich der Zwang, gewinnen zu müssen, weiter verstärkt und damit der Leistungsdruck nochmals zunimmt, wird sich die Gewaltproblematik im Sport mit Sicherheit verschärfen. Es ist doch schon heute mehr als irritierend, wenn Ulf Kirsten, Stürmer beim Bundesliga-Klub Bayern Leverkusen, zum Fussballer des Monats gewählt wird, weil er sich - so die wörtliche Belobigung - "wie eine Wildsau" im Strafraum durchzusetzen vermag. Als er dann eine Woche später einen Gegenspieler mit einem Ellbogen-Check niederstreckte, kannten dieselben Medien, die kurz vorher noch die "Wildsau" gefeiert hatten, überraschenderweise keine Gnade mehr mit dem Übeltäter.

Eine andere Entwicklung im Sport-Business hat dazu geführt, dass sich immer mehr Sportlerinnen nackt oder halbnackt in Illustrierten präsentieren und immer spärlicher bekleidet zu den Wettkämpfen antreten.

Palzkill: Ob sich eine Athletin nackt fotografieren lassen will, ist ihre eigene Sache. Doch wenn die Wettkampf-Reglemente wie im Beach-Volleyball vorschreiben, dass die Teilnehmerinnen in Bikini-ähnlichen Höschen und Oberteilen antreten müssen, hört der Spass ganz eindeutig auf, und die Gewalterfahrung beginnt.

Was muss an Forschung zum Thema Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport geleistet werden?

Palzkill: Es wäre schön, wenn überhaupt einmal etwas dazu geforscht würde. Unsere Studie stellt meines Wissens das einzige diesbezügliche Projekt dar, das mit öffentlichen Geldern unterstützt wurde. Inhaltlich bräuchte es Arbeiten zu Bereichen wie Sportschulen, Breitensport, Vereinssport, Leistungssport, das Verhältnis Trainer-Athletin, aber auch Schulsport. Was mir noch ein wichtiges Anliegen ist, sind sozialräumliche Untersuchungen zu Fragen wie: Wo liegen Trainingsstätten und Sportanlagen? Wie sieht das bei den Schwimmbädern, Reitställen und Umkleideräumen in den anonymen Grosssportanlagen aus? Da könnte man oftmals mit kleinen Änderungen grosse Wirkung zugunsten der Frauen und Mädchen erzielen.

Wie hat es der Sport eigentlich geschafft, sich punkto sexuelle und sonstige Gewalt so lange aus den Schlagzeilen zu halten?

Palzkill: Es herrscht meiner Einschätzung nach eine riesige Angst im Sport, mit negativen Meldungen in die Medien zu kommen. Nach den vielen Dopingfällen versucht man krampfhaft, nur noch das Positive in den Vordergrund zu rücken und wagt es kaum noch, Probleme irgendwelcher Art überhaupt zu benennen.

Birgit Palzkill, 45, ist Sportsoziologin und lebt in Köln. Sie war selber Basketballerin und Leichtathletin und gehörte in beiden Sportarten zum Nationalteam. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Frau und Sport und ist u.a. Mitherausgeberin des Buchs "Bewegungsträume, Frauen Körper Sport" und Autorin von "Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh, Identitätsentwicklung lesbischer Frauen im Sport".

Die Weltwoche (Extra), Nr. 4/1998

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