|
|||
|
Roger Staub*, einer der Aids-Aufklärungspioniere, zieht sich endgültig aus dem Tagesgeschäft zurück
Roger Staub, Sie sind einer der Gründerväter der Stop Aids-Kampagne und haben während elf Jahren keine einzige Sitzung des sogenannten Kreativteams verpasst. Jetzt beenden Sie Ihre Mitarbeit. Haben Sie genug von der Krankheit Aids? Roger Staub: Ich habe nach elf langen Jahren das Gefühl, meinen Beitrag geleistet zu haben, und habe tatsächlich genug vom Tagesgeschäft. Ich bin innerhalb des Teams zusehends mehr in die Rolle desjenigen geraten, der ständig moniert hat: "Aber früher...", und das finde ich grauenhaft. Deshalb habe ich mich entschieden zu gehen und den Neuen das Feld zu überlassen. Nebst Ihrer Mitarbeit an der Stop Aids-Kampagne waren Sie beteiligt an der Gründung der Schweizer und der Zürcher Aidshilfe und während sieben Jahren vollamtlich als Aidsdelegierter des Kantons Zürich tätig. War es für Sie als schwuler Mann und damit Angehöriger einer der am stärksten von Aids betroffenen Bevölkerungsgruppen nicht schwierig, stets die professionelle Distanz zu wahren? Staub: Mein Schwulsein war für mich vor allem eine zusätzliche Motivation. Ich sah die vielen betroffenen Freunde und realisierte, dass dringend etwas geschehen muss. Mit der Zeit wurde mir klar, dass sich die Erfahrungen, die wir bei der Präventionsarbeit für schwule Männer gewannen, sehr einfach auch auf die Gesamtbevölkerung übertragen liessen. Da konnte ich, meiner Einschätzung nach, immer die erforderliche Distanz aufrechterhalten. Aber angesichts des Sterbens vieler Ihrer Freunde muss Sie doch das Thema Aids ganz besonders belastet haben. Staub: Für mich war die Präventionsarbeit immer auch eine Form der Bewältigung meiner persönlichen Betroffenheit. Ich konnte ja immerhin sagen: Ich mache etwas dagegen. Meine Arbeit dient dazu, dass sich weniger Leute infizieren. Wer hingegen Kranke begleitet hat, musste trotz grösstem Engagements eines Tages mitansehen, wie die Männer und Frauen gestorben sind. Das ist mit Sicherheit die belastendere Erfahrung. Sie haben sich also nie ausgebrannt gefühlt? Staub: Ich hatte auch gewisse Burn out-Erscheinungen, die aber mehr daher rührten, dass ich so lange in denselben Gremien mitgearbeitet habe. Da gab es mit einzelnen Leuten Konflikte, die sich einfach nicht lösen liessen. Das Aidsspezifische daran war, dass solche Kräche zum Teil in einer Schärfe und Härte ausgetragen wurden, die man sich sonst nicht gewohnt ist. Sehr wahrscheinlich war diese Aggressivität auch Ausdruck des Ohnmachtsgefühls und der tödlichen Bedrohung, die vor allem in der Pionierphase von Aids ausging. Hassen Sie die Krankheit Aids? Staub: Ich kann mit dem Wort "hassen" nichts anfangen. Aids repräsentiert für mich eine dramatische Entwicklung innerhalb der Dritten Welt - und zum anderen zahllose tragische Einzelschicksale. Ich könnte eine Reihe von verstorbenen Freunden aufzählen, auch schillernde Figuren wie Andre Ratti oder Herbert Riedener, der Mitbegründer der Schweizer Aidshilfe und Stop Aids-Kampagne, deren Verlust mich immer wieder traurig macht. Als ich am letzten Welt-Aidstag das Orgelspiel besucht habe, sind mir in Gedanken an tote Freunde eine halbe Stunde lang die Tränen übers Gesicht gelaufen. Die Verlusterfahrung, die fast alle schwulen Männer in den letzten fünfzehn Jahren gemacht haben, ist kaum zu bewältigen. Es ist einfach nicht "normal", dass man reihenweise Freunde im Alter von 25 bis 40 Jahren sterben sieht. Angesichts von soviel Leid könnte man auch zynisch werden. Staub: Es sind etliche zynisch geworden. Auch ich ertappe mich hin und wieder dabei, wie ich das ganze mit einem zynischen Spruch auf die Seite schiebe. Sprechen wir von der Stop Aids-Kampagne, die im In- und Ausland stets grosse Anerkennung gefunden hat. Wie lautet das Erfolgsrezept? Staub: Die Stop Aids-Kampagne hat während elf Jahren klare, unmissverständliche und nicht moralisierende Botschaften verbreitet. Es gab keine Abweichungen vom Kurs, keine Begünstigungen von irgendjemandem - es war und ist eine sehr geradlinige Geschichte, deren Entwicklung - und auch das gehört zu ihrem Erfolg dazu - uns Machern immer wieder viel "Spass" bereitet hat. Wieso ist es ausgerechnet der Schweizer Stop Aids-Kampagne gelungen, anders als beispielsweise dem deutschen Pendant, frei von moralinsauren Belehrungen zu operieren? Staub: Ich bin überzeugt davon, dass es zur Eigenart unseres Landes gehört, dass wir in der Stunde der Wahrheit trotz aller Kompliziertheit und Verschämtheit recht pragmatisch vorgehen können. Genau diese Einstellung hat auch das Kreativteam von Beginn an ausgezeichnet. Den Startschuss zur Kampagne gaben Sie mit dem ersten "Stop Aids"-Plakat, auf dem das rosa Kondom-O eingeführt wurde. Wie ist es Ihnen gelungen, dieses Plakat am damaligen EDI-Chef Flavio Cotti vorbeizuschmuggeln, der ja laut unbestätigten Gerüchten Mühe haben soll, nur schon das Wort "Präservativ" auszusprechen? Staub: Das ist schon ein kleines Wunder. Wir hatten einfach Glück, dass die letzten Kampagnenvorbereitungen ins Interregnum zwischen Bundesrat Egli und Bundesrat Cotti fielen, und (er lacht) wir Cotti daher gar nicht um seine Zustimmung zum Kondom-O bitten konnten. So gesehen kann von "Vorbeischmuggeln" nicht die Rede sein. Wie gross waren die Druck- und Einflussnahmeversuche auf die Kampagne, in die ja bis heute immerhin rund vierzig Millionen Franken an Bundesgeldern geflossen sind? Staub: Es gab immer wieder Anfechtungen. In den ersten Monaten monierten vor allem kirchliche Kreise, konservative Kantone und einzelne Fachleute, dass doch Treue - und nicht das Kondom - den besten Schutz vor einer HIV-Infektion darstellen würden. Unter diesem Druck, der natürlich auch von Cotti ausging, haben wir das einzige, für mich nach wie vor fachlich problematische Zugeständnis gemacht und den "Bliib treu"-Ehering aufs Plakat gehoben. Hätten wir uns dagegen gewehrt, wäre das berleben der ganzen Kampagne in Frage gestellt gewesen. Andere Zensurmassnahmen gab es nicht? Staub: Hin und wieder wurden Plakat-Entwürfe vom Bundesrat oder Bundesamt für Gesundheit verworfen. Ein Beispiel, das wir für frech und gelungen hielten, war die Umsetzung des Kondoms in Form einer EU-Fahne. Das wurde offenbar zum damaligen Zeitpunkt, als gerade die EWR-Abstimmung vor der Tür stand, als zu brisant eingestuft. Wie sahen die harschesten Reaktionen auf veröffentlichte Plakate aus? Staub: Es ist immer wieder vorgekommen, dass Plakate heruntergerissen, überschmiert oder mit Klebern, auf denen "So nicht" stand, verunstaltet wurden. Solche Reaktionen fand und finde ich gut, denn sie haben für Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt. In den ersten Jahren hat die Kampagne ja sowieso eine enorme Beachtung genossen. Jedes neue Plakat ist jeweils im redaktionellen Teil der Zeitungen kommentiert worden. Wie präsentiert sich das Medieninteresse heute? Staub: Die mediale Beachtung des Themas Aids ist generell zusammengebrochen. Aids ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Im letzten Sommer konnten wir mit dem Slogan "Ohne Dings kein Bums" nochmals einen Coup landen, der die Gemüter ein bisschen stärker bewegt hat. Dieser Spruch hat die Stop Aids-Botschaft auf eine so prägnante, knackige Formel gebracht, dass es bei den Leuten wieder einmal "hoppla" gemacht hat. Die einen hatten Spass, die anderen haben sich aufgeregt und erzürnte Leserbriefe geschrieben. Das Bemerkenswerteste an dem Slogan "Ohne Dings kein Bums" ist ja, dass ihn fast alle Leute verstehen. Das zeigt, wie gut verankert die Stop Aids-Botschaft in der Schweiz ist. Staub: Das Stop Aids-Kondom ist tatsächlich ein Markenzeichen, das ins Bewusstsein der gesamten Bevölkerung eingedrungen ist. Jede Firma müsste sich eigentlich darum reissen, dass ihre Marken über ein so hohes Mass an Wiedererkennung verfügen würden wie der Stop Aids-Slogan. Welche Plakat-Sujets haben Ihrer Meinung nach am meisten irritiert, aber auch bewirkt? Staub: Das gesundheitspolitisch wichtigste Plakat war das erste. Das stellt den Wesenskern der Kampagne dar. Ich als homosexueller Mann bin zudem stolz darauf, dass das Plakat mit dem Schwulenpaar im Kornfeld aufgehängt werden konnte. Endlich einmal wurde im Bild gezeigt, dass es Männer gibt, die mehr miteinander zu tun haben, als dass sie zusammen ins Militär gehen oder Arbeitskollegen sind. Was ich auch noch stark fand, ist jenes Plakat, auf dem die Frage: "Darf man mit einem HIV-Positiven Sex haben?" mit "Ja, wenn man Gummis mit Gütesiegel verwendet" beantwortet wurde. Das ist vielen Leuten unter die Haut gegangen. Welches Sujet hat international am meisten Echo ausgelöst? Staub: Der absolute Liebling auf internationalen Konferenzen ist das Heidi-Plakat: Die junge Frau im Dirndl, mit Zöpfen und einem Präservativ über dem Daumen. Die Kombination vom Schweiz-Klischee und der Kondombotschaft ist immer sehr gut angekommen. Die dazugehörigen Postkarten sind zu Tausenden verschenkt worden. Die wichtigsten Botschaften der Stop Aids-Kampagne lauten: "Vor Aids schützen, Präservative benützen" und "Solidarität mit Betroffenen". Haben die Schweizer und Schweizerinnen ihr Verhalten entsprechend angepasst? Staub: Ja, ganz eindeutig. Aids ist zum einen weniger tabuisiert, und Solidarität ist kein leeres Wort mehr. Der seriöse und dauerhafte Kondomgebrauch in Risikosituationen ist von acht Prozent 1987 auf über 60 Prozent angestiegen. Nun stagniert die Zahl der konsequenten Kondombenutzer allerdings seit vier, fünf Jahren. Hat die Stop Aids-Kampagne an Durchschlagskraft verloren? Staub: Nein. Auch die Kampagne für das Gurtentragen hat trotz Obligatorium und Aussetzung von Strafen nur bei rund zwei Drittel der Leute eine dauerhafte Verhaltensänderung bewirkt. Offenbar ist das ein gültiger Grenzwert, der sich höchstens einmal kurz-, aber nicht längerfristig überschreiten lässt. Muss die Stop Aids-Kampagne allenfalls schockierendere Plakate präsentieren? Staub: Wir haben nie viel von Schocktherapien und dem Ausnützen diffuser Ängste gehalten. Ein australischer TV-Spot hat einmal voll auf diese Karte gesetzt: Da wurde der Tod als Kugel dargestellt, die in eine Gruppe von Menschen-Kegeln hineinrast. Das sind Bilder, die nur ganz kurzfristige Verhaltensänderungen auslösen. Was wir hingegen brauchen, ist Konstanz. Was ist also heute die vorrangigste Aufgabe der Stop Aids-Kampagne? Staub: Momentan geht es primär darum, das erreichte Präventionsniveau zu halten, das heisst, immer wieder neue Verpackungen für alte Botschaften zu finden. Würde man die Stop Aids-Kampagne heute einstellen, gäbe es innert Kürze einen massiven Einbruch beim konsequenten Kondomgebrauch. Denn wenn man von einem Problem nichts mehr hört und liest, denken die Leute schnell, dass es gelöst sei. Kampagne hin oder her: Es denkt, gemäss einer neueren Untersuchung, schon jetzt jeder Fünfte in diesem Land, dass Aids heilbar und das Problem folglich gelöst sei. Das muss die Präventionsexperten doch alarmieren. Staub: Es ist tatsächlich eine Katastrophe, was in letzter Zeit mit den überzogenen Meldungen von Therapiemöglichkeiten, Heilungs- und Impfchancen angerichtet worden ist. Selbstverständlich freut auch mich jeder medizinische Fortschritt, aber es macht mir grosse Sorgen, auf welch unbedarfte Art momentan das erreichte Präventionsniveau strapaziert und gefährdet wird. Da werden euphorische Heilserwartungen geweckt, obwohl die Kombinationstherapien und die sogenannte "Behandlung nach einer HIV-Infektion" noch sehr kompliziert, nebenwirkungsreich und kostenintensiv - mithin experimentell sind. Eine HIV-Infektion ist noch keineswegs vergleichbar mit einer Diabetes, und schon diese Krankheit ist nicht banal. Nun findet dieses Jahr der Weltaidskongress in Genf statt. Zentrales Thema werden die medikamentösen Therapien sein. Besteht die Gefahr, dass die Prävention endgültig ins Hintertreffen gerät? Staub: Das will ich nicht hoffen. Aber ich rechne auch mit enormen Nachlässigkeiten beim Kondomgebrauch, wenn die Schweizer Bevölkerung während der Genfer Wochen ununterbrochen mit "good news" in Sachen Aids überschwemmt wird. Da muss dann die Stop Aids-Kampagne einen Kontrapunkt setzen; es braucht wieder mehr staatliche Mittel, damit das Bild vom Präservativ in der euphorischen Stimmung nicht ganz untergeht. Wie lange wird es die Stop Aids-Kampagne noch brauchen? Staub: Etliche Jahre. Denn der Moment, in dem die HIV-Therapeutika einfacher, nebenwirkungsfrei und günstiger sein werden als das Kondom und die Kampagne, wird noch lange auf sich warten lassen. *Roger Staub wurde 1957 geboren und ist im Zürcher Oberland aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung zum Sekundarlehrer phil. II war er fünf Jahre im Schuldienst tätig. 1985 gründete er gemeinsam mit Herbert Riedener und Marcel Ulmann die Aidshilfe Schweiz; ein halbes Jahr später beteiligte er sich auch am Aufbau der Zürcher Aidshilfe. Seit 1986 war er Mitglied des Kreativteams der Stop Aids-Kampagne. Von 1989 bis 95 amtete er als Delegierter für Aidsfragen des Kantons Zürich. Seit 1996 arbeitet er bei der Krankenkasse Konkordia im Bereich Gesundheitsförderung. Tages-Anzeiger, Nr. 27/1998 |
|||