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Gespräch mit Yolanda Cadalbert-Schmid* zur Unzufriedenheit von Frauen mit ihren Männern


Frau Cadalbert, gemäss Aussagen Ihres neuen Buches sind die heutigen Hausfrauen und Mütter auf eine geradezu besorgniserregende Art unzufrieden. Worauf führen Sie diese tiefgreifende Frustration zurück?

Yolanda Cadalbert-Schmid: Zum einen auf die mangelnde Unterstützung der Männer bei der alltäglichen Haus- und Erziehungsarbeit, das heisst auf die Familienuntauglichkeit der meisten Väter. Zum anderen auf deren autoritäres Verhalten innerhalb der Familie. Genau diese beiden Gründe werden denn auch von Frauen, die sich scheiden lassen, als Hauptursachen für das Scheitern ihrer Ehe genannt.

Was erwartet die moderne Mutter von ihrem Partner?

Cadalbert-Schmid: Auch die moderne Mutter geht noch mit grosser Selbstverständlichkeit davon aus, dass die Kinderbetreuung ihre Sache ist. Gleichzeitig aber erwartet sie Fairness und eine bescheidene Hilfe von ihrem Partner bei der Verwirklichung ihrer beruflichen Pläne. Denn mindestens eine Teilzeitstelle streben die allermeisten Mütter heutzutage an. Doch nur schon dieses Ansinnen wird von den Männern höchstens theoretisch unterstützt. In Tat und Wahrheit geht es ihnen nur um eins: Dass zu Hause der volle Service garantiert ist.

Mit anderen Worten: Das Gerede von den "neuen" Vätern war nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis?

Cadalbert-Schmid: So ist es. Gemäss Untersuchungen beteiligen sich gerade einmal zwei Prozent der Väter ernsthaft an der Familienarbeit. Eine aktuelle Nationalfondsstudie ergab darüber hinaus, dass der Durchschnittsvater täglich eine halbe Stunde seiner kostbaren Zeit seinen Kindern widmet, in der er sich allerdings nicht zwingend mit ihnen beschäftigt, sondern einfach anwesend ist.

Nehmen Männer Haus- und Familienarbeit überhaupt ernst?

Cadalbert-Schmid: Wie sollten sie? Schliesslich ist es unbezahlte Arbeit, und die wird in unserer Gesellschaft generell geringer geschätzt als Lohnarbeit. Solange sich Männer vor dem Dienst am Nächsten, das heisst der Betreuung von Kindern, aber auch alten und kranken Angehörigen drücken, wird sich an dieser Bewertung nichts ändern.

Warum reagieren Männer dermassen allergisch auf Familien- und Hausarbeit?

Cadalbert-Schmid: Das hat zum einen mit Gedankenlosigkeit zu tun. Und dann ist ihnen diese Art von Arbeit natürlich auch lästig und unbequem. Sie langweilen sich einfach mit kleinen Kindern, zu denen sie keinen Zugang finden.

Erstaunlich ist ja, dass so viele Frauen mit ihrer familiären Situation unzufrieden sind, dass aber, abgesehen von der zunehmenden Zahl der Scheidungen, alles beim Alten bleibt. Wie erklären Sie das?

Cadalbert-Schmid: Viele Frauen halten trotz Frust immer noch ganz gern an der traditionellen Rolle der überbehütenden Mutter fest, die glaubt, das Wichtigste im Leben ihrer Kinder zu sein. Frauen sind auch ausgesprochen konfliktscheu und bekommen schnell Schuldgefühle, wenn sie sehen, dass sich ihr Mann unwohl fühlt. Das heisst, statt ihn unter Druck zu setzen und seine Mitarbeit im Haushalt einzufordern, spielen sie wieder die Animierdamen und sorgen für gute Stimmung am Familientisch. Warum sollten sich denn die Männer unter solchen Umständen verändern? Ihnen passt ja der Status Quo.

Tatsächlich? Viele Väter müssen sich doch je länger je überflüssiger und isolierter in ihren Familien fühlen. Fern von emotionaler Bindung und Verantwortung für ihre Kinder haben sie im besten Fall den Status eines Gastes. Das ist mit Sicherheit auch für einen Mann frustrierend.

Cadalbert-Schmid: Das glaube ich auch. Aber ich bin überzeugt, dass Männer über genügend Alternativen verfügen - Stichwort Arbeit, Geliebte, Sportverein -, um sich emotional über Wasser zu halten.

Welche Rolle kann ein Vater, der mehrheitlich durch Abwesenheit glänzt, in seiner Familie spielen?

Cadalbert-Schmid: Männer gehen von überalterten Rollenbildern und Kriterien aus. Viele meinen, eine steile Karriere oder ein hohes Einkommen seien gleichbedeutend mit gelungener Vaterschaft. Sie können sich schlicht nicht vorstellen, dass die emotionale Nähe zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter nicht nur ihren Kindern, sondern auch ihnen selber etwas bringen kann, - vorausgesetzt, sie investieren wirklich etwas Zeit.

Wie nehmen Kinder einen solchen äusserlich, aber auch innerlich meistens abwesenden Vater wahr?

Cadalbert-Schmid: Kinder sind Opportunisten. Sie schauen, was sie für sich herausholen können. Wenn der Vater ein unterhaltsamer Typ ist, geniessen sie halt das wenige, was er ihnen zu geben bereit ist und stilisieren ihn dafür sogar noch empor. Das ist eine sehr dankbare Rolle für den Vater, während die Mutter daneben steht, die unsichtbare Dreckarbeit leistet und daran erinnert, dass die Kinder früh in die Schule und daher jetzt ins Bett gehen müssen. Sie wird zur Meckertante.

Haben Männer überhaupt eine Ahnung davon, was in einem Haushalt mit Kindern an Arbeit anfällt?

Cadalbert-Schmid: Nein, überhaupt nicht. Aber in ihrer Wahrnehmung blasen sie ihre fünf bis zehn Prozent, die sie beisteuern, zu gewaltigen siebzig Prozent auf. Das ist unter anderem die Folge davon, dass Frauen Mühe haben, das wahre Ausmass ihrer täglichen Familienarbeit zu beschreiben.

Gemäss verschiedener Untersuchungen wird die Beziehung eines Paares durch die Geburt eines Kindes stark strapaziert. Der Sex geht, und der endlose Streit kommt. Was sind die grössten Zankäpfel zwischen Elternpaaren?

Cadalbert-Schmid: Mütter und Väter kommunizieren unterschiedlich. Während Frauen die Erziehung sehr pragmatisch und detailorientiert managen, neigen Männer zu den grossen, idealistischen Würfen. Streit entsteht auch sehr häufig bei der Frage der Feierabendgestaltung. Männer gehen in der Regel davon aus, dass sie sich abends, nach getaner Arbeit, im Schoss ihrer Lieben erholen und ausruhen. Frauen hingegen könnten pausenlos weiterschuften, denn ihr Arbeits- und Erholungsort ist ja identisch. Diesbezüglich müssen Frauen lernen, sich abzugrenzen und Respekt einzufordern.

Vertragen die heutigen Frauen Stress weniger gut als ihre Mütter und Grossmütter?

Cadalbert-Schmid: Nein, keineswegs. Aber sie haben zum einen höhere Ansprüche an ihre Partnerschaften. Und zum anderen sind die Anforderungen der modernen Erziehung enorm gewachsen. Die gute Mutter muss ja heute zusätzlich zur Basisarbeit auch noch als Psychologin und Pädagogin wirken.

Ein paar wenige Männer haben inzwischen kapiert, dass auch ihnen keinen Zacken aus der Krone fällt, wenn sie einen Teil der Familienarbeit übernehmen. Welcher Typ Mann ist das?

Cadalbert-Schmid: Es sind vor allem selbstbewusste Männer, die sehr gut mit sich selber zurechtkommen und einen respektvollen Umgang mit ihren Partnerinnen pflegen.

Müssen praktizierende Väter auch heute noch mit Diskriminierung und Geringschätzung rechnen?

Cadalbert-Schmid: Es ergeht ihnen ähnlich wie seinerzeit all den Müttern, die erstmals wagten, weiterhin ihren Beruf auszuüben. Gesellschaftliche Veränderungen lösen Widerstände aus. Und Männer, die ihre Kinder betreuen und Emotionen zeigen, gelten halt immer noch in weiten Kreisen als Softies oder Memmen. Doch ich plädiere dafür, dass gerade die jungen Männer, die sich ja im Beruf und Sport ausgesprochen risikofreudig zeigen, auch im Gefühlsleben etwas mehr Risikobereitschaft entwickeln.

Sind Partnerschaften, in denen sich die Männer ernsthaft an der Familienarbeit beteiligen, glücklicher und beständiger?

Cadalbert-Schmid: Sie sind für beide Teile mit Sicherheit qualitativ hochwertiger. Ob sie dauerhafter sind, kann ich nicht sagen. Aus verschiedenen Beispielen in meinem Bekanntenkreis weiss ich allerdings, dass sich solche Paare auch nach einer Trennung nach wie vor als funktionierendes Eltern-Team verstehen und sehr viel seltener einen Scheidungskrieg um die Kinder anzetteln.

Nimmt die Zahl der Kinder in der Schweiz ab, weil viele Frauen nicht mehr bereit sind, während ihrer produktivsten Jahre beruflich ins Hintertreffen zu geraten?

Cadalbert-Schmid: Die bereits erwähnte Familienstudie vom Nationalfonds bestätigt den Trend, dass die zunehmende Unzufriedenheit der Mütter mit ihren familiären Rahmenbedingungen tatsächlich ihren Kinderwunsch bremst. Das gilt übrigens für alle europäischen Länder, in denen ein sehr traditionelles Mutterbild vorherrscht, das heisst für Italien, Spanien und eben die Schweiz.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem Buch?

Cadalbert-Schmid: Ich möchte die Frauen animieren, sich ihr Selbstbewusstsein zurückzuholen. Sie müssen in die Hosen steigen und ihre Änderungswünsche laut und vernehmlich anmelden. Frauen sind keine Dienstmädchen, aber - und auch das muss gesagt sein - sie haben auch keinen Anspruch mehr auf lebenslängliche Versorgung.

 

*Yolanda Cadalbert-Schmid ist Autorin des Buchs "Aber Papa hat's erlaubt - Warum Männer und Frauen verschieden erziehen" (Kreuz Verlag, Zürich). Schmid, 50, stammt aus dem Bündner Oberland. Sie hat drei Ausbildungen absolviert: als Coiffeuse, Laboristin und Journalistin. Nach der Geburt ihrer inzwischen fünfzehn und siebzehn Jahre alten Kinder war sie während neun Jahren ausschliesslich als Hausfrau und Mutter tätig. Seither arbeitet sie zusätzlich als Journalistin und Autorin. Ihr Buch "Sind Mütter denn an allem schuld?" (Kösel-Verlag, 1992) wurde mehr als 20 000mal verkauft. Politisch betätigt sie sich als SP-Grossrätin im Kanton Basel-Stadt. Sie lebt mit ihrer Familie in Riehen bei Basel.


Väter/Mütter-Typologie nach Cadalberts Buch "Aber Papa hat's erlaubt"

 

1. Der Nie-da-Vater:
Der Nie-da-Vater beherrscht virtuos die Kunst, mit einem Minimum an Präsenz bei seinen Kindern ein Maximum an Eindruck zu erzielen. Diese Rolle gibt ihm einerseits eine nahezu allmächtige Sonderstellung, doch isoliert sie ihn gleichzeitig und macht ihm zum Phantom der Familie. Das Problem des Nie-da-Vaters ist, dass er sich nur via Beruf oder Hobby vollwertig fühlt und sich allein mit seiner Familie langweilt.

 

2. Der Buhmann-Vater:
Der Buhmann-Vater betätigt sich abends und am Wochenende als Richter und Bestrafer seiner Kinder. "Wehe, wenn Papa das erfährt..." ist ein Satz, mit dem überforderte Mütter ihre Söhne und Töchter auf diesen Inquisitoren-Vater vorbereiten. Kinder erleben ihn als Störenfried, der sie ängstigt und bedroht.

 

3. Der Time is Money-Vater:
Der Time is Money-Vater tut daheim dauernd etwas. Er macht allerdings nur das, worauf er Lust hat und erwartet, dass alle anderen begeistert mitziehen. Als High-Speed-Erzieher möchte er am Wochenende eine Woche Erziehung nachholen. Das straffe Zeitmanagement, der Kommandoton und die kühle Sachlichkeit dieses Effizienz-Fanatikers kommen bei seinen Kindern schlecht an.

 

4. Der hörgeschädigte Vater:
Der hörgeschädigte Vater besitzt die "Gabe", ein Kind, das nach irgendetwas verlangt, zu überhören. Sei es, dass es seinen Schnuller will, nasse Windeln hat oder mit seinen Geschwistern streitet. Die Folge: Die Mutter rennt und kümmert sich darum. Im Lauf der Zeit stellen auch die Kinder ihre Kommunikation mit dem Vater ein, denn: "Er hört mir ja doch nicht zu."

 

5. Der explosive Vater:
Der explosive Vater schreit ständig herum. Der Ursprung seines Ärgers liegt oft ausserhalb der Familie und ist für seine Kinder nicht erkennbar. Das ist bedrohlich. Seinen Jähzorn hält der Vater für einen Naturtrieb, dem er machtlos ausgeliefert ist. Seltsamerweise ist dieser Trieb aber nur innerhalb der Familie unkontrollierbar. Mit der Zeit gehen die Kinder ihrem Vater lieber aus dem Weg, als dass sie seinen Zorn erregen.

 

6. Der nette Onkel-Vater
Dies ist ein neuer Vatertyp. Stolz trägt er das Baby auf dem Bauch oder hat es auf dem Ausflug bei sich auf dem Velo. Am Abend zeigt er zehn Minuten, wie man ein Legoauto baut. Aber wehe, wenn es darum geht, nachts aufzustehen, Erbrochenes wegzuputzen oder einen Elternabend im Kindergarten zu besuchen. Nach aussen ist er der tolle Vater. In Tat und Wahrheit bleibt aber alles beim Alten und die undankbare Alltagsarbeit an der Mutter hängen.

 

 

1. Die allmächtige Mutter:
Die allmächtige Mutter will ihre Familie unter allen Umständen kontrollieren. Sie erlebt ihre Kinder und ihren Partner mit der Zeit als Erweiterung ihres Selbst. Sie will über alles Bescheid wissen. Den kleinsten Loslösungsversuch empfindet sie als Katastrophe. Sie hat den Therapeutinnen-Ton perfekt drauf, und ist die Matriarchin.

 

2. Die Erpresserin:
Die Erpresserin opfert sich für ihre Familie auf. Sie ist eine moderne Märtyrerin. Als Gegenleistung erwartet sie allerdings Liebe, ewige Dankbarkeit und die volle Aufmerksamkeit ihrer Nächsten. Ihre stärkste Waffe ist es, anderen Schuldgefühle einzuimpfen.

 

3. Die Supermutter:
Die Supermutter ist heute weitverbreitet. Sie ist die einzig Kompetente in ihrem Haushalt und kann schlecht delegieren. Sie verlangt von sich, alles unter einen Hut zu bringen: Eine gute Geliebte will sie sein, attraktive Vorzeigefrau, selbstlose Mutter, erfolgreiche Berufs- und perfekte Hausfrau. Mit der Zeit verbittert die Perfektionistin an ihren eigenen Ansprüchen.

Sonntags-Zeitung, Nr. 4/1998

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