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Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Familie und Partnerschaft sind gravierend
Die Wirtschaftskrise wirkt sich fatal auf Familien und Partnerschaften aus: Es gibt mehr Scheidungen, mehr familiäre Gewalt und vielfältige Beeinträchtigungen für alle Beteiligten. Bundesrätin Ruth Dreifuss hat das Problem erkannt und eine Studie in Auftrag gegeben, die demnächst publiziert wird. Norbert P. ist 46 Jahre alt, Informatiker und hat gemäss eigener Worte "stets gearbeitet wie ein Tier." Aufgewachsen im Glauben, dass dem Tüchtigen die Welt gehört, traf ihn seine Entlassung wie ein Schlag. In jener Zeit rutschte ihm zum erstenmal die Hand aus, und er verpasste seiner Frau eine Ohrfeige. Inzwischen ist er bereits dreimal erwerbslos gewesen und hat Brigitte wiederholt körperlich angegriffen. Lange Zeit realisierte er den Zusammenhang zwischen seiner Arbeitslosigkeit und seiner Gewalttätigkeit nicht. Er spürte nur, dass ihn das "panische Getue" seiner Frau "zum Wahnsinn trieb". Entweder stichelte sie, meckerte an ihm herum: "Du warst der Stelle eh nicht gewachsen" oder drängte ihn unaufhörlich, endlich aktiv zu werden und etwas zu unternehmen. Nun schlagen selbstverständlich nicht alle Erwerbslosen ihre Frauen. Doch nach übereinstimmender Aussage verschiedener Frauenhaus-Mitarbeiterinnen führt die verschärfte wirtschaftliche Situation - kombiniert mit anderen Faktoren - tatsächlich zu einer Zunahme von familiärer Gewalt. Ausdruck davon sind die seit dem Beginn der neunziger Jahre ständig steigenden Zahlen hilfesuchender Frauen und Kinder, die zu einer steten berbelegung der Häuser geführt haben. Im Verlauf des letzten Jahres hat sich zudem verschiedenenorts die Zahl der telefonischen Beratungswünsche verdoppelt. Im gleichen Zeitraum hat sich denn auch die jährliche Scheidungsziffer von 33 auf knapp 40 Prozent erhöht. Je länger je mehr sind es die Frauen, die einen Schlussstrich unter eine gescheiterte Ehe ziehen und sich von ihren Partnern trennen. Der wachsende Druck in der Berufswelt, entstanden durch Restrukturierung, Arbeitsplatzabbau und drohenden beziehungsweise realen Stellenverlust, hat tatsächlich ungeahnte und hierzulande erst in den Ansätzen erforschte Auswirkungen auf Familien und Paarbeziehungen. EDI-Vorsteherin Ruth Dreifuss hat den Ernst der Lage erkannt und die "Koordinationskommission für Familienfragen" mit dem Erstellen einer entsprechenden Studie beauftragt, deren Ergebnisse demnächst präsentiert werden sollen. Die Fachleute an der Beratungs- und Therapie-Front wissen aus ihrer Praxis schon heute, wie sehr sich das Klima in vielen Familien und Partnerschaften verschärft hat. "Viele Kinder und Jugendliche", sagt Evelyne Coën, die Inhaberin der Zürcher Firma "Cross-Roads", "leiden unter dem enormen Stress und werden krank." Sie hätten dem diffusen Klima der Angst und Ohnmacht, das ihre Eltern verbreiten, aber auch deren Gereiztheit und Lieblosigkeit nichts anderes entgegenzusetzen als ihre psychosomatischen Reaktionen. Andere nässten wieder ein, würden gewalttätig oder kämpften mit Schulproblemen. Gemäss einer US-Studie wäre der dringlichste Wunsch befragter Knaben und Mädchen, dass ihr Vater zu Hause weniger herumschreien würde. Hiesige Untersuchungen ergaben jüngst, dass das autoritäre Verhalten ihrer Männer einen der Hauptgründe für weibliche Scheidungsabsichten darstellt. Da müssen Familien offensichtlich als Abfalleimer für die miesen Stimmungen ihrer im täglichen Arbeitskampf gebeutelten Ernährer herhalten. Konfrontiert mit so viel Ernüchterndem zeigen die Jungen prompte Reaktionen. Die Paar- und Familientherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin weiss aus ihrer Praxis, dass männliche Jugendliche zunehmend desinteressiert an der eigenen Berufsausbildung sind und nach dem Motto: 'Was soll's? Das bringt ja eh alles nichts' zur Leistungsverweigerung als letztem Mittel der Auflehnung greifen. Junge Frauen, so die Expertin, würden wieder vermehrt Wünsche nach Versorgtwerden äussern und statt eigene Ausbildungen frühe Eheschliessungen anstreben. Internationale Studien (siehe Kasten) bestätigen die Beobachtungen der Fachfrau: Wer in einem Milieu von Arbeitslosigkeit aufwächst, heisst es da, hat selber überdurchschnittlich häufig unter beeinträchtigten beruflichen Perspektiven zu leiden. Auch der Beziehungsalltag der Eltern bleibt nicht unberührt von den Auswirkungen der verschärften Wirtschafts- und Beschäftigungslage. Vor allem traditionelle Ehepaare mit klassischer Rollenverteilung verfügten, so Welter-Enderlin, über "keinerlei Konzepte zur Bewältigung einer Krise, die bei drohendem oder erfolgtem Stellenverlust des Mannes auftritt." "Cross-Roads"-Inhaberin Coën hebt zwei häufige Reaktionsweisen der Ehefrauen in dieser Lebenslage hervor: "Die einen üben Druck auf ihren Gatten aus und fordern Anpassungsbereitschaft und Leistungswillen, um dem Verlust auch des eigenen Status und Sozialprestiges zuvorzukommen." Dermassen im Würgegriff der Erwartungen anderer flüchteten solche Männer nicht selten in den Alkohol oder in andere Suchtverhalten wie "Pharma, Prostitution und Konsum". "Das ist ein Teufelskreis der Abhängigkeiten", sagt Coën, "der die Gefahr zum totalen Absturz beinhaltet." Anderenorts drohten die Ehefrauen mit Trennung, falls der ausgelaugte Gatte nicht endlich den Sechzehn-Stunden-Tagen und den Weekend-Einsätzen abschwört: "Solche Männer", sagt Coën, "entschliessen sich immer häufiger, in Einzelgesprächen mit mir oder auch in Neuorientierungs-Seminaren sich ihren Weg aus ihrer verzweifelten Situation zu bahnen." Dann bestätigt sich der Expertin, in welchem Ausmass auch erfolgreiche Männer mit Ängsten zu kämpfen haben: Einerseits herrscht Panik vor dem Stellenverlust und der existentiellen Krise, unabhängig davon, wie voll das Bankkonto noch ist. Gleichzeitig grassiert die Angst, den als zerstörerisch erlebten Job noch bis zur Pensionierung ausführen zu müssen: "Das ist ein aufreibender Zustand des Blockiertseins, verbunden mit grossem Leiden." Depressionen, mithin die logische Folge solcher Belastungen, gestehen sich Männer nur selten zu. Stattdessen produzieren sie psychosomatische Erkrankungen wie Magengeschwüre, Rückenprobleme und Herzrhythmusstörungen. Rücksichtslos im Umgang mit der eigenen Gesundheit "dopen" sie sich mit Medikamenten wieder in Form und funktionieren weiter - nicht selten bis zum bitteren Ende eines Kollapses. Solche "Eskalationspunkte" beobachtet auch der deutsche Arbeitswissenschaftler Richard K. Streich je länger je mehr: Unter dem Einfluss des Shareholder value-Denkens würden Manager mitunter Tag und Nacht arbeiten und schliesslich mit einem Hörsturz oder schweren psychischen Krankheitsbildern bestraft. An sexuelle Erfüllung denkt unter solchen Umständen sowieso keiner mehr. Dermassen gestresste Menschen, wissen die Fachleute, sind höchstens noch zu sexueller Entladung fähig: "Viele Manager", sagt die Wiener Psychoanalytikerin und Sexualtherapeutin Rotraud A. Perner, "rammeln wie die Hasen". Das seien dann Akte, die wenig mit Sexualität zu tun haben, aber sehr viel mit Ängsten, denen man auf diese Art zu entkommen hoffe. Derjenige, dem es an häuslichen Beischlafmöglichkeiten fehlt, weil die Gattin schon lange den emotionalen und sexuellen Rückzug angetreten hat, wählt nicht selten den Weg in einen Sexsalon. Dort stellt die Branche fest, dass die Nachfrage nach Sado-Maso-Praktiken nach wie vor boomt; das Spiel, in dem es ums Beherrschen und Unterwerfen geht, ist begehrt wie noch nie. In letzter Zeit mögen es die Kunden, nach Aussagen von Szenenkennern, besonders gern, wenn sie "blonden Extrem-Sklavinnen", "strengen Nachwuchssklavinnen" oder "Sklavinnen ohne Tabus" (Inserate im Zürcher "Tages-Anzeiger") den Marsch blasen können. Offenbar ist der Drang, zumindest im Bett den Meister zu mimen, in einer Zeit, in der viele sonst unten durch müssen, grösser geworden.
Die konkreten Auswirkungen der Krise auf Familien und Partnerschaften Internationale Studien belegen, dass viele Arbeitslose und deren Angehörige unter Schuld- und Schamgefühlen leiden. Ihr Selbstwertgefühl ist erschüttert. Gleichzeitig belastet sie die reale oder zumindest subjektiv empfundene Notwendigkeit, sich finanziell einschränken zu müssen. In der Folge ziehen sich ganze Familien vom sozialen Leben und von Freizeitaktivitäten zurück und isolieren sich mitunter stark. Unter diesem Druck nehmen auch die emotionalen Konflikte und Streitereien zwischen den Ehepartnern zu. Familiäre Spannungen wachsen, Reibereien zwischen Eltern und Kindern münden häufiger als in wirtschaftlich stabilen Zeiten in körperliche Gewalt gegen die eigenen Söhne und Töchter. Kinder und Jugendliche reagieren in der Schule oder während der beruflichen Ausbildung mit Schwankungen ihres Leistungsvermögens. Junge Leute empfinden vor allem die Einschränkungen ihres Konsumverhaltens, die ihnen das reduzierte Taschengeld aufzwingt, als belastend und auch beschämend. Nichtsdestotrotz ist die Zahl derjenigen, die kriminell werden oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, nicht oder nur unwesentlich höher als in Familien, die nicht von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Erkrankungshäufigkeit von Arbeitslosen und deren Angehörigen liegt mehr als das Doppelte über den Werten erwerbstätiger Kontrollpersonen. Psychosomatische Leiden wie Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Magenprobleme treten gehäuft auf und lassen viele Arbeitslose, aber auch deren Angehörige über ihr beeinträchtigtes körperlich-seelisches Wohlbefinden klagen. Bei Langzeit-Arbeitslosigkeit verschärfen sich die genannten Probleme und führen nicht selten zu Hoffnungslosigkeit und zur Aufgabe jeglicher Zukunftspläne. Sonntags-Zeitung, Nr. 9/1998 |
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