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Der Juhnke-Biograph Harald Wieser über die gemeinsame Leidenszeit mit dem alkoholkranken Bühnenstar


Harald Wieser, muss man Masochist sein, um Harald Juhnkes Autobiographie zu schreiben?

Harald Wieser: Ein hübsches Stück weit schon. "Gelitten" habe ich allerdings nicht während unseres Gesprächs-Marathons, sondern wenn uns die Puste dafür ausging - und zwar aus Sorge um meinen berühmten Partner. Sie dürfen nicht vergessen: Bereits nach der ersten gemeinsamen Arbeitswoche wurde Herr Juhnke krank...

Krank?

Wieser: Er stürzte ab und landete für zwei Monate auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses. Da musste ich in mich gehen und mir sagen: Tu nicht so, als hättest du nicht gewusst, auf welch unberechenbares Gegenüber du dich eingelassen hast. Du hast ja genug von seinen Achterbahnfahrten gehört. Also jammere nicht, sondern setz dich in Zukunft mit in seinen Waggon und begleite ihn bei seinen Loopings.

Sie haben Juhnke also später auch auf seinen Kneipentouren Gesellschaft geleistet?

Wieser: Ich habe ihn mindestens während eines schweren Absturzes hautnah erlebt. Da hat er innerhalb von 24 Stunden soviel Whisky wie ich Wasser getrunken und befand sich in einem schlimmen Zustand.

Wie haben Sie diesen insgesamt zweijährigen Spiessrutenlauf durchgehalten?

Wieser: Es war trotz aller Turbulenzen kein Spiessrutenlauf für mich. Ich hatte das Glück, dass ich sehr schnell Juhnkes Vertrauen gewann. Unsere Kommunikation verlief - ob Sie es glauben oder nicht - sehr harmonisch. Obwohl Herr Juhnke sonst schnell ein Haar in jeder Suppe findet, hatten wir keinen einzigen Streit, sondern erlebten eine sehr produktive und menschlich berührende Zusammenarbeit. Für mich ist es traurig, dass dieser wunderbare Mensch künftig wieder vermehrt in die Ferne rückt.

Was war für Sie, einen ehemaligen "Spiegel"- und "Stern"-Reporter, der Reiz, der Sie sich ausgerechnet der Person Harald Juhnkes hat annehmen lassen?

Wieser: Für mich war Juhnke schon immer eine verlockend verrückte und hochbrisante Figur, ein Januskopf mit zehn, zwölf verschiedenen Gesichtern. Mein Ehrgeiz bestand darin, das Unmögliche hinzukriegen und diesen komplexen, anspruchsvollen Juhnke zu zeigen. Ich wollte die Seele des göttlichen Teufels ergründen, der übrigens immer dann, wenn er sehr ärgerlich oder besonders gut gelaunt ist, tatsächlich wie ein Teufel aussieht: mit seinen wie elektrisch aufgeladenen Augenbrauen.

Ihr Buch ist nicht das erste über Juhnke. Worin unterscheidet es sich von den anderen?

Wieser: Ich denke, durch seine selbstkritische Ehrlichkeit, seine Intimität. Dieses psychologische Selbstporträt ist ja alles andere als eine Schmeichel-Autobiographie. Juhnke schont sich nicht. Lesen Sie nur das Kapitel, in dem er seinen sechswöchigen Aufenthalt in der Basler Psychiatrischen Universitätsklinik schildert. Welcher Star öffnet schon die Tür zu seinem Krankenzimmer in einer geschlossenen Abteilung?

Versucht Juhnke mit dieser schonungslosen Offenheit nicht auch Verständnis zu wecken für Ereignisse des letzten Jahres, die sein Image massiv ramponiert haben? Stichwort: Los Angeles, wo er im Vollrausch einen schwarzen Wachmann als Nigger, der unter Hitler vergast worden wäre, verunglimpft haben soll.

Wieser: In diesem Kapitel geht es Juhnke primär um eine Richtigstellung und nicht um eine Rechtfertigung. Die Los Angeles-Geschichte, für die es abgesehen von dem betroffenen Wachmann keine Zeugen gibt, konnte ihm ja nie bewiesen werden. Und der schwarze Wachmann hat sie ausdrücklich nicht bestätigt. Nein, ich bin überzeugt, dass Juhnke schon seit langem das Bedürfnis hatte, seine Geheimnisse, und dazu gehört auch das Rätsel seiner Alkoholsucht, zu offenbaren - nicht zuletzt im Sinne einer Selbsttherapie.

Und Sie waren sein Therapeut?

Wieser: Sagen wir es bescheidener: Ich habe ihm zugehört und sein Vertrauen nicht missbraucht. Das mag eine therapeutische Wirkung gehabt haben. Mit der Zeit hat er sich mir gegenüber dann immer mehr geöffnet.

In Therapien brechen auch Erinnerungen und Einsichten auf, die sehr traurig sind und an die Nieren gehen können.

Wieser: Genau das ist uns je länger je mehr passiert. Ich habe oft einen traurigen Juhnke oder zumindest einen Zipfel davon erwischt. Denken Sie an das Buchkapitel, in dem er schildert, dass er als Privatperson sozusagen inexistent ist - ein "Mann ohne Eigenschaften", der sich in seiner Berliner Villa zeitweilig wie ein Fremder, ein Einbrecher im eigenen Haus vorkommt - und der erst dann wirklich lebt, wenn er sich auf der Bühne zeigt. Juhnke ist ein Junkie der Schauspielerei; der Alkohol ist nur seine Ersatzdroge.

Das sind erschütternde Offenbarungen, die auch Sie als Zuhörer erst einmal verdauen mussten.

Wieser: Wenn unsere Gespräche zu pathetisch wurden, blitzte in Juhnke der alte Entertainer auf und er erzählte einen Witz, dass ich vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen bin. Innert Kürze blieb uns dann aber wieder das Lachen im Hals stecken, als wir merkten, welch rabenschwarzen Humor wir da gerade produzierten.

Die Öffentlichkeit nimmt Juhnke primär als "Schluckspecht", alternden Lüstling und Rabauken wahr, der auch einmal eine Journalistin ohrfeigt oder sich mit der Polizei prügelt. Hat sie ein verzerrtes Bild von ihm?

Wieser: Nein. All das ist auch Juhnke. Aber ich denke, in dieser eindimensionalen Darstellung wird man ihm einfach nicht gerecht. Da fehlen die Zwischentöne und bisher verborgenen Charakterseiten, um deren Aufspüren ich mich besonders bemüht habe.

Sie haben tatsächlich Seiten an Juhnke entdeckt, die die Öffentlichkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen hat. Es wirkt fast tragisch, wenn man liest, wie sehr er um die Akzeptanz als seriöser Schauspieler ringt.

Wieser: Es ist wirklich irritierend zu erleben, wie sehr sich dieser fast siebzigjährige Bühnenheld danach sehnt, eines Tages die Rolle des "König Lear" oder "Richard III." spielen zu können. Das ist ein ewiger Kampf, ein Hadern und das tiefe Gefühl, von den deutschen Kritikern erst im Rentenalter als Charakterdarsteller anerkannt worden zu sein. Juhnke versteckt ja gar nicht, dass er lange Jahre ein Hallodri der "stupiden Leinwand" war, aber er hat eben auch die Rollen des "Hauptmann von Köpenick" oder des "Trinkers" gespielt und dafür auch inzwischen bei der seriösen Presse höchstes Lob geerntet. Da tut sich was, und eines Tages wird Juhnke "Richard III." spielen, und er wird ein grandioser, böser Richard sein. Ich glaube übrigens, dass Juhnke auch trinkt, weil ihn die Deutschen nicht ihren Alec Guinness sein lassen.

Wäre sein Alkoholproblem also gelöst, wenn er den endgültigen Sprung ins Charakterfach schaffen würde?

Wieser: So einfach und monokausal ist die Suchtproblematik leider nicht. Juhnke bezeichnet sich ja selber als ein "Aus allen Gründen-Trinker". Er begiesst einen grossen Erfolg. Er trinkt aber auch seine Leere nieder, die ihn befällt, wenn ihm während der Theaterferien der Beifall fehlt. Aber selbst, wenn er den Applaus einheimst, lebt er auf einem Minenfeld und fühlt sich umzingelt von Verführungen: Hier ein glitzerndes Barschild, da mitunter Menschen in seiner Umgebung, die ihren Alkokolkonsum vor ihm regelrecht demonstrieren. Das kann natürlich zuweilen ein Martyrium sein.

Nimmt er seine Alkoholsucht überhaupt als Problem wahr oder handelt er sie, wie viele Männer seiner Generation, immer noch unter dem Motto "Trinkfestigkeit" ab?

Wieser: Er ist auf dem Weg, das Ausmass der Selbstzerstörung zu erkennen und es nicht länger zu verharmlosen, zu überwitzeln. Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Professor Franz Müller-Spahn, jenes Basler "Psycho-Generals", dem er erstmals gehorcht, weil der sich nie zum Komplizen seines prominenten alkoholkranken Patienten gemacht hat - nach dem gefährlichen Motto: "Herr Juhnke, Sie sind noch beim K.O. der Grösste."

Franz Müller-Spahn soll ihn ja auch gewarnt haben, dass die nächste Flasche seine letzte sein könnte.

Wieser: Das haben schon viele Ärzte zu ihm gesagt. Und was passiert? Juhnke überlebt die härtesten Exzesse, erwacht aus dem Koma, steht auf, weiss zwar die Namen naher Freunde nicht mehr, aber spricht den "Hauptmann von Köpenick" fehlerfrei. Nein, auf diese Art liess er sich bisher jedenfalls nicht vom Alkohol wegbringen. Was möglicherweise seine schlimmste Angst und damit das grösste Hindernis auf dem Weg zur Abstinenz ist: Juhnke befürchtet wohl, dass mit dem Ende seiner Alkoholsucht auch das Ende seiner künstlerischen Kreativität gekommen sei. Er hat also Angst, dass sein Ego, ja, im Grunde genommen seine ganze Existenz verlorengeht, wenn die Therapie ihn "gesund" macht.

Sein Publikum jedenfalls hält treu zu ihm und verzeiht ihm jeden Ausrutscher, Absturz und Skandal. Das ist phänomenal.

Wieser: Dahinter verbirgt sich vor allem bei Männern eine sehr tückische Identifikation mit dem Alkoholiker. Die wären doch selber gern wie "unser Harald", allerdings abzüglich der Schattenseiten eines solchen Lebens. Was Juhnke sicherlich auch sehr beliebt macht, ist seine Ehrlichkeit. Er macht kein Hehl aus seinen Niederlagen. Das erstaunt die Menschen.

Seine Abstürze haben sich vor allem im letzten Jahr gehäuft. Wie erklären Sie diese Entwicklung?

Wieser: Die Trockenzyklen waren tatsächlich kürzer, die Abstürze heftiger und die Krankenhausaufenthalte länger. Wer weiss, vielleicht ist seine Angst, nach Erfüllung seiner künstlerischen Wünsche eines Tages wunschlos unglücklich dazustehen und auf den ungeliebten Privatmann zurückgeworfen zu werden, zu gross.

Möglicherweise springen auch die deutschen Medien unzimperlicher als früher mit ihm um?

Wieser: Gewisse Paparazzi- oder Trophäensammler-Magazine in den privaten Fernsehstationen kämpfen wirklich mit harten Bandagen. Juhnke ist das Medienopfer Nummer Eins in Deutschland. Da trägt er schon Züge einer Lady Di. Nun muss man ehrlicherweise auch sagen, dass Juhnke die Journalisten jahrelang regelrecht mit Storys gefüttert hat. Ja, und eines Tages haben sie dann begonnen, ihm in die Hand zu beissen.

Was macht Juhnke heute, vier Monate nach Entlassung aus dem Basler Universitätskrankenhaus?

Wieser: Einiges. Hier ein Fernsehauftritt, Dreharbeiten zu einem Film. Die Hauptrolle im Boulevardstück "Hokuspokus" von Curt Goetz hat er während der Proben geschmissen, aber nicht - wie man ursprünglich befürchtete - wegen Alkoholproblemen, sondern aus künstlerischen Gründen. Im Vergleich zu früher führt er heute - auf Anraten von Professor Müller-Spahn - ein ruhiges Leben. Seither hat es keine Abstürze mehr gegeben.

Ist Harald Juhnke im Verlauf Ihrer gemeinsamen Arbeit zu einem Freund geworden?

Wieser: Erst war ich, wie Juhnke selber sagt, sein Ohr. Dann seine linke Hand; seine rechte spielte er selbst. Nur seine Leber war ich noch nicht. Dann sässe ich hier nämlich kaum. Sollte er mich trotz dieser Bemerkung für einen Freund halten, empfände ich das als sehr ehrenvoll. Und wäre auch in seinem achten Leben gern ein bisschen mit von der Partie.

 

Harald Wieser, 48, ist Verfasser der Autobiographie Harald Juhnkes "Meine sieben Leben", erschienen im Rowohlt Verlag, Hamburg. Wieser war Herausgeber des "Kursbuch" von Hans Magnus Enzensberger, "Spiegel"-Autor und "Stern"-Reporter. Mit Hanns Joachim Friedrichs verfasste er den Bestseller "Journalistenleben". Im Zürcher Haffmans Verlag ist seine zweibändige Buchausgabe "Von Masken und Menschen" erschienen. Er lebt in Hamburg und Bremen.

Tages-Anzeiger, Nr. 73/1998

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