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Margrit Sprecher - Porträt einer Edelfeder
Ihre Telefonstimme ist die einer kleinen, zierlichen Blondine: sanft, fürsorglich, überaus liebenswürdig, oftmals leicht gehetzt und in ihrer Höhe so ungeschützt, dass man immer wieder befürchtet, sie könne jederzeit kippen. Wer ihr erstmals leibhaftig begegnet, staunt. Da steht eine grosse Frau mit langen dunkelbraunen Locken und riesigen Augen, einem weiten Rock und einer geräumigen, praktischen Tasche, in der nicht nur ein Schminktäschchen, sondern auch Arbeitsutensilien Platz haben. Doch kaum macht sie den Mund auf, lacht ihr verlegenes Kleinmädchen-Lachen und schaut ihr Gegenüber mit dem Blick eines Rehs unendlich weich und wohlwollend an, ist wieder der Eindruck eines schonungsbedürftigen Wesens da, das man am liebsten davor bewahren möchte, es immer allen anderen recht machen und ja keine Schwierige, womöglich gar Komplizierte sein zu wollen. Und das soll Margrit Sprecher sein, eine der bekanntesten, vielleicht gar die berühmteste Schweizer Journalistin, umstrittene, aber auch mehrfach preisgekrönte "Weltwoche"-Redakteurin, gefürchtete Gerichtsreporterin und brillante Porträtistin, vor deren spitzer Feder schon manch grosses Tier dieses Landes am liebsten davongelaufen wäre? Margrit Sprecher ist tatsächlich eine schillernde Figur voller Widersprüche und Unberechenbarkeiten, die selbst Menschen, die lange mit ihr zusammengearbeitet haben, ein Rätsel geblieben ist. Hier die hingebungsvolle Zuhörerin, die einen Interviewpartner mit kleinen Ausrufen naiven Erstaunens wie "Nei aber au...!" zu immer weitergehenden, immer intimeren Enthüllungen verführt. Dort die unerbittliche Analytikerin und Autorin, die gnadenlos den Finger auf die wunden Punkte, die Lügen und beschönigenden Floskeln ihres Gegenübers legt und mit ihrer "überdurchschnittlich gescheiten und präzisen Sprache" (Kolleginnen-Lob) harte Schnitte am Schreibtisch vornimmt - mithin "eine journalistische Wölfin im Schafpelz", deren Artikel die von ihr Porträtierten nicht selten wie einen Schlag treffen. Wehe, wenn sie Machtmissbrauch wittert oder sogenannten "Autoritäten" bei der Verrichtung ihres herrschaftlichen Tuns über die Schulter schaut. Im Gerichtssaal zum Beispiel, dem Ort, an dem sie vor dreissig Jahren ihre wahre Berufung entdeckte, entgeht ihrem aufmerksamen Blick nichts. Da mag das "Margritli" (Charlotte Peter, ehemalige Chefredakteurin "Elle") noch so sanft und schüchtern im persönlichen Umgang sein, im Gericht beobachtet sie scharf, wie die Vertreter der staatlichen Gewalt kalt und herzlos die kleinen Diebe und Drogenkonsumenten zertreten, und ächtet solches Tun in ihren Texten schonungslos. Sie hasst die Selbstgerechten, die überzeugt davon sind, dass ihnen nie im Leben ein Fehler unterlaufen werde, geschweige denn, dass sie kriminell werden könnten. Es empört sie, wenn der Richter mittags um 14 Uhr einschläft, weil ihn der Fall des unbedeutenden Betrügers nur noch langweilt, und erst dann wieder aufwacht, wenn der hochkarätige Wirtschaftskriminelle, ein Mann von Welt, vor die Schranken des Gesetzes tritt. Schon immer stellte sie sich konsequent auf die Seite der Angeklagten, will sagen, der schwächeren Mitglieder dieser Gesellschaft. In solchen Situationen ist ihre Angriffslust gross und ihre Angst vor Streit, unter dem sie sonst leidet "wie ein Hund", löst sich in Luft auf. Als sie einst schrieb, dass ein "Richter auf seinem Stuhl wie ein Jäger auf seinem Hochsitz thront und auf sein Opfer zielt", verlor sie die Zulassungsberechtigung zum Zürcher Obergericht - wegen Lächerlichmachens der Institution. Sie zuckt mit den Achseln - und schmunzelt. Die Tochter aus gutbürgerlichem Bündner Haus war von jeher eine, die Mühe mit Autoritäten und hierarchischen Strukturen hatte. Das war schon in der Schule so. Und das änderte sich auch an ihrem ersten Arbeitsplatz nicht, an dem es die gelernte Dolmetscherin innert Kürze als "Affront" empfand, "das, was andere gedacht hatten, bearbeiten zu müssen." Die Formulierung "mein Chef" brachte sie noch nie über die Lippen. Und wenn sie im Verlaufe ihrer beruflichen Karriere etwas erreichen wollte, erkämpfte sie es sich zäh und hartnäckig, auch wenn es ihre Generation noch nicht für das weibliche Geschlecht vorgesehen hatte. Ungerührt liess sie sich von einem Vorgesetzten vorwerfen, dass "sie sich schlechter als ein oberbayrisches Dienstmädchen benehme", weil sie bereits nach sechs Monaten genug davon hatte, Zeitungsbeilagen zu Themen wie "Hurra, wir heiraten" oder "Was ist der beste Matratzeninhalt?" zu schreiben. Ihr Ziel war ein höheres. Margrit Sprecher wollte schon immer "Weltwoche"-Redakteurin werden: "Das war mein Traumjob", erinnert sich die 62jährige. Dafür nahm sie Umwege und weitere journalistische Durststrecken in Kauf, wie jene Zeit auf der Redaktion der Frauenzeitschrift "Elle". Dort sei es zwar menschlich "toll" gewesen. Und in Roman Brodmann, dem Chefredakteur, habe sie sogar ihren Lehrmeister gefunden, der ihr die Augen für das Werk von Joseph Roth und Kurt Tucholsky, zwei grandiosen Schriftstellern und Stilisten, geöffnet habe. Aber ansonsten habe sie darunter gelitten, an einem Produkt mitzuarbeiten, das politisch nahezu wirkungslos geblieben sei. Trotzdem harrte sie fünfzehn lange Jahre dort aus, weil sie ein Mensch ist, der "gewaltsame Brüche" scheut, Sicherheit und Wohlwollen in ihrer Umgebung braucht und sich nur "langsam in eine neue Stelle hineinzurobben wagt." Eines Tages schaffte sie den Wechsel in den damaligen Jean Frey-Verlag, schrieb für den "Züri Leu", heute "Züri Woche", über lokale Ereignisse wie Boutiqueeröffnungen und Konditoreiumbauten. Sie ertrug es stoisch, dass ihre Zeitungswelt nur von Erlenbach bis Oerlikon reichte, weil sie erstmals - "als Trostpflaster sozusagen" - Gerichtsreportagen schreiben durfte. Vor genau fünfzehn Jahren war sie dann am Ziel ihrer Wünsche und wurde "Weltwoche"-Redakteurin. Sie wurde damit betraut, ein sogenanntes Frauen-Ressort aufzubauen, dank dem es gelingen würde, mehr Leserinnen an die Zeitung zu binden. Margrit Sprecher entwarf den Bund "Gesellschaft" (später "Leben heute"), der sowohl Life Style-Geschichten, aber auch Sozialreportagen beinhaltet und ihrem Naturell einer vielseitig interessierten "Wald und Wiesen-Journalistin" entsprach. Jürg Ramspeck, seinerzeit Chefredakteur der "Weltwoche", gerät ins Schwärmen, wenn er an seine damalige Kollegin denkt: "Sie verfügt über alle Vorzüge eines journalistischen Profis wie Fleiss und Pflichtbewusstsein, hat aber gleichzeitig auch das Talent einer Schriftstellerin - mithin eine Wunderfrau." Jetzt war sie zum erstenmal in ihrem Leben selber Chefin und erfuhr, was es hiess, über Macht zu verfügen. Doch sie beteuert, dass sie sich nie wie eine Hierarchin, sondern viel mehr wie eine Verwalterin, Telefonistin, Serviertochter und Hebamme gefühlt habe, die leidenschaftlich gern "jungen Talenten ans Licht geholfen habe." Yvonne-Denise Köchli, Redakteurin der "Weltwoche" und langjährige Kollegin, kann das bestätigen: "Margrit hat mich journalistisch wahnsinnig gefördert und unterstützt." Sie ist nicht die einzige, die das sagt, bei weitem nicht. Gleichzeitig entwickelt sie ihren persönlichen Stil weiter, feilt an ihren oft überraschenden, mitunter auch witzigen sprachlichen Bildern und Vergleichen: "Und beim Startschuss fliegen sie los, sirrend wie ein gefährlicher Insektenschwarm, präzis wie eine Waffe." (über den Enagadiner Skimarathon) oder über Albert Hofmann, den 92jährigen LSD-Erfinder: "Eher sieht man ihn in der sechsten Reihe eines Abonnementskonzerts sitzen als im LSD-Rausch in einem Sessel liegen." Sie schreibt über Claudia Schiffer, den Skifahrer Marc Girardelli, Martina Hingis oder den Brandstifter vom Bözberg - Personen mithin, die dutzendfach porträtiert werden beziehungsweise wurden. Aber oft gelingt ihr ein neuer, manchmal auch irritierender Zugriff: Den Brandstifter beispielsweise spiegelt sie ausschliesslich in den Schilderungen der von ihm geschädigten Männer und Frauen - und heimst prompt den begehrten Kisch-Preis ein. Deutsche Zeitungen und Magazine wie "Die Zeit" und "Geo" drucken ihre Texte ab, und "Der Spiegel" bietet ihr die Stelle der Ressortleiterin "Gesellschaft" an. Sie lehnt ab, weil sie weiss, dass ihr die dazu nötigen Ellbogen fehlen: "Ich hatte Angst", sagt sie, "neunzig Prozent meiner Energie dafür zu verbrauchen, mich abzugrenzen und mir und meinem Stil treu zu bleiben." In den letzten Jahren hat sie, die stets mit grossem Engagement bei der beruflichen Sache war, die Ernüchterung gepackt: Die "Internetisten", wie sie sie nennt, seien auf dem Vormarsch - Journalisten, die sich nur noch am Computer aufhalten, Datenbanken anzapfen und das so gewonnene Material in einem nichtssagenden Artikel verwursten. "Wie kann man auf diese Art auch nur einen einzigen Leser packen und zur Lektüre verführen?" fragt sie entnervt und erbaut sich lieber an den von ihr hochgeschätzten englischen Zeitungen wie "The Independent" und "The New Yorker". Ihrer Pensionierung steht sie - mindestens nach aussen - sehr gelassen gegenüber. Immerhin ist sie eine der wenigen Journalisten und Journalistinnen ihrer Generation, die in einem Beruf durchgehalten hat, der nicht viel für ältere Menschen übrig hat. Sie hat es zur Kenntnis genommen, dass die Chefredaktion der "Weltwoche" sie nicht darum gebeten hat, länger zu bleiben - schliesslich will sie selber ja auch weg: "Jetzt bin einmal ich dran", hält sie überraschend heftig fest. Jetzt wolle sie sich wieder einmal in Musse eigenen Texten und Geschichten widmen und diese nicht im Alltagsstress irgendwo "schnell, schnell hineinwürgen." Ein Buchprojekt zum Thema Todesstrafe wartet auf sie, das sie im Herbst in die USA führen wird. Margrit Sprecher bedankt sich wie ein artiges Schulmädchen für ihre zwei Coci-Light, streicht ihren Rock glatt, der etwas verhuddelt wirkt, und geht davon: Eine Frau ohne Alter, die ihrem Namen zum Trotz nur ungern redet, mitunter kurlig wie Pippi Langstrumpf, dann wieder reif und kämpferisch wie eine Löwenmutter. Keine klassische Schönheit, aber eine faszinierende Persönlichkeit: "Souverän und mutig", wie sich Jürg Ramspeck kurz und begeistert vernehmen lässt. Sonntags-Zeitung, Nr. 14/1998 |
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