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Der Wohlener Samurai Andy Hug pflastert seinen beschwerlichen Weg beharrlich mit immer mehr Geld


Mein Gott, diese sanfte Stimme, diese unendlich lieb blickenden dunkelbraunen Augen, diese vollen, weichen Lippen, die mitunter ein Lächeln produzieren, das nur ein Attribut verdient: süss. Geduldig und sehr freundlich beantwortet er alle Fragen. Setzt man ihm verbal etwas härter zu, schlägt er sich zum Teil weniger souverän als im Ring. Wenn man ihn im preisgekrönten TV-Dokumentarfilm "Andy Hug - Vom Rocky zum Samurai" einsam durch die frühmorgendlichen Strassenschluchten der Millionenstadt Tokio joggen sieht, könnte man fast Mitleid mit dem nur 1,80 Meter grossen und damit tatsächlich kleinsten Kickboxer der ganzen Szene bekommen.

Dabei ist er doch knapp 100 Kilogramm schwer, besteht aus nichts als reiner Muskelmasse, bringt Gegner von zwei Meter Grösse und dem Umfang eines Kleiderschranks gleich reihenweise zur Strecke und zeigt beim Betreten des Rings, wenige Minuten vor dem Beginn eines Kampfes, einen dermassen furchterregenden, ja, brutalen Gesichtsausdruck, dass Frauen nur noch Angst kriegen können bei der Vorstellung, ihm nachts allein auf der Strasse zu begegnen.

Andy Hug, 34, amtierender Weltmeister im Kickboxen und in Japan, seiner Wahlheimat, so umschwärmt und bekannt, dass er nur noch versteckt hinter Sonnenbrille und Schirmmütze aus dem Haus gehen kann, ist das reine Kontrastprogramm. Der gelernte Akkord-Metzger aus dem aargauischen Wohlen ist sich dessen bewusst: "Ich bin sensibel und aggressiv", sagt er, "aber beide Seiten gehören zu meiner Person und ergänzen sich harmonisch."

So selbstsicher war Andy Hug, der Sohn eines Fremdenlegionärs und einer Mutter, die nicht viel mit ihm anzufangen wusste, nicht immer. Der herumgeschupfte Bub, der bei seiner Grossmutter aufwuchs, litt Höllenqualen, weil er sich weder in seiner Familie noch im Dorf anerkannt fühlte. "Wohlen", konstatierte er einst nüchtern, "ist aufgeteilt in Arm und Reich. Wir gehörten zu den Armen, und das hiess Ausgrenzung."

Doch irgendwann war genug gelitten. Andy Hug beschloss zu fighten. Fortan widmete er sein Leben dem Kampf um Beachtung, Anerkennung, Erfolg, Ruhm und Ehre. Er wollte raus aus dem Aargauer Mief, wollte weg und hoch hinaus. Gnadenlos. Warum nicht Weltmeister werden? Schliesslich hatte er schon im Alter von zehn Jahren bewiesen, dass er ein "unglaublich talentierter Karatekämpfer" war. Wie ein Besessener trainierte er, hob Gewichte, rannte, sprang, stellte seine Ernährung um und legte Kilo um Kilo an Muskelmasse zu.

Der zähe, unbeugsame Wille, sich zu beweisen und es den anderen endlich einmal zu zeigen, peitschte ihn vorwärts. Hug brauchte keinen Trainer, der ihm Tagespläne erstellte und ihn motivierte. Der einstige "Under Dog" lief aus eigenem Antrieb, denn er witterte seine Chance.

Kein Weg war ihm zu weit, kein Preis zu hoch. Unbeeindruckt nahm er eines Tages die fristlose Kündigung als Metzger entgegen. Das war eh nicht sein Ding. Stoisch erträgt er es heute, dass er seine Frau und seinen vierjährigen Sohn, die in den USA leben, nur während weniger Wochen pro Jahr sieht. Anders gehe es nicht, lässt er lakonisch verlauten. Seine Frau unterstütze ihn voll. Ängste, dass er seine Familie eines Tages auf dem Altar seines sportlichen Ehrgeizes opfern könnte, haben keinen Platz in einem Leben, das sich während vierzehn Stunden pro Tag, das heisst fast immer, um den Kampfsport dreht.

Donnerstagabend, 18.15 Uhr. Harte, hämmernde Rhythmen erfüllen den Trainingsraum der "Andy Hug-Karateschule" in Horw bei Luzern. Der Weltmeister tritt in Schwarz an, tänzelt, stretcht, dehnt, kickt hierhin, boxt dahin. Seine Sparringpartner, fünf junge Kickboxer, die er fördert und trainiert, wirken eckig und ungelenk im Vergleich zu ihrem Chef.

Zwei Stunden lang geht es hart zur Sache: Armarbeit, Beinarbeit, schneller Wechsel. Die Sequenzen sind kurz, aber nahrhaft und folgen sich Schlag auf Schlag. Innert Kürze sind alle bachnass. Gierig hängen weitgeöffnete Münder an Eineinhalbliter-Flaschen. Bananen und Müesli-Riegel liegen neben Trainingstaschen, deren Besitzer allerdings so aussehen, als würden sie hin und wieder auch etwas anderes schlucken. Anabolika, versichert Hug später, nehmen Kickboxer nicht. Sie trainierten stattdessen wie die Wahnsinnigen.

Viertel nach acht ist Schluss. Duschen, Nachtessen, Interview. Ein paar Kollegen aus alten Wohlener Tagen sind heute dabei. Sie besuchen einen, der als Nobody in die Fremde gezogen und als Star zurückgekehrt ist. Das ist doch was.

Mit 23 Jahren wurde Andy Hug als erster Nicht-Asiate in Japan Vize-Weltmeister im Karatekampf. Sein Name hatte fortan einen besonderen Klang. Doch erst als er 29 Jahre alt war, erhielt er das Angebot, Kickboxer im Rahmen der weltweit grössten Kampfsport-Profiliga K-1 zu werden. Hug sagte zu, und nun begann sein wahrer Siegeszug durch Japan.

Wenn er heute in Tokio kämpft, sitzen 65'000 Zuschauer, darunter allein 70 Prozent Frauen, im Publikum und feuern ihn an. K-1 Fight-Nights sind Spektakel pur, selbst wenn ihr sportlicher Wert unter Experten umstritten ist. Die Kombination aus Kämpfen, die nicht länger als fünf beziehungsweise drei mal drei Minuten dauern, dafür aber Brisanz und Brutalität versprechen, bombastischer Musik und Lasershows ist ungeheuer beliebt.

Der wahre Magnet aber ist Andy Hug, dessen Ausstrahlung die Japanerinnen und Japaner geradezu elektrisiert. Der kompakte Kämpfer, der dem verstorbenen "Queen"-Leadsänger Freddy Mercury frappierend ähnlich sieht, zieht alle in seinen Bann. Hug ist tatsächlich anders als die anderen Kickboxer: Nicht nur seine wohlproportionierten Formen bestechen, nein, auch seine Körperbeherrschung, diese Mischung aus geballter Kraft und leichtfüssiger Beweglichkeit, macht ihn zum eleganten Künstler unter grobschlächtigen Handwerkern. Andy Hug, seufzen seine weiblichen Fans, hat Sex-Appeal. Seine männlichen Anhänger geraten ins Schwärmen, wenn er seinen berühmten "Andy-Kick" austeilt, jenen Tritt mit dem gestreckten Bein, das von oben nach unten - und nicht umgekehrt wie bei all seinen Konkurrenten - auf seine Gegner niedersaust.

Dank täglicher Fernsehpräsenz, zahlloser Werbespots und Plakate an allen Strassenecken, ist er inzwischen zum berühmtesten Ausländer in Japan geworden. Tourt er durch Europa und tritt, wie am Samstag, den 6. Juni, im Zürcher Hallenstadion zur Verteidigung seines Weltmeistertitels an, schickt ihm Fuji-TV eine Equippe mit 40 Personen hinterher. Das klingt wie im Märchen, und auch Hug selber kann es mitunter kaum fassen, wie gut es das Schicksal inzwischen mit ihm meint: "Meine Wirkung auf Leute ist so einzigartig", sagt er und blickt ratlos, "da muss irgendetwas Besonderes an meinen Sternen sein."

1995 gelang ihm dann endlich auch der Durchbruch in der Schweiz. Eine Randsportart, wie er stolz betont, schaffte es, das Zürcher Hallenstadion zu füllen. Vergangenes Jahr stellte die Fernsehübertragung der Zürcher K-1 Fight-Night mit einer Einschaltquote von 55, in Spitzenzeiten gar 70 Prozent, einen neuen TV-Sportrekord auf.

Diese Momente waren die süssesten im Leben des Andy Hug: Die Schweiz nahm ihn wahr. Das war sein grösster Triumph, wertvoller als all der Applaus, den ihm die Japaner gespendet hatten. Voller Genugtuung liess er sich durch die hiesigen Medien reichen und lächelte glücklich von Illustrierten-Titeln. Allein dafür, sagt er, habe sich alles gelohnt: Das beinharte Training, die Schmerzen, wenn er einen Tritt gegen das Schienbein oder die Schläfe kassiert, seine Nasenbein-, Finger- und Rippenbrüche, auch die Angst, eines Tages eine schlimmere Verletzung davonzutragen.

Heute sei sein Drang, Beachtung und Anerkennung zu finden, gestillt. Andy Hug ist wer. Er hat Erfolg und geniesst nicht zuletzt auch seine finanzielle Unabhängigkeit. 1,5 Millionen Franken soll er laut Szenenkennern jährlich verdienen. Das ist nicht viel im Vergleich zu anderen Spitzensportlern, und das weiss er auch. Doch Andy Hug ist zu alt, um im K-1-Zirkus, der seinen Siegeszug rund um die Welt erst angetreten hat, noch das ganz grosse Geschäft zu machen. Das lässt ihn, mindestens nach aussen hin, kalt. Der Ruhm und die Ehre des Pioniers seien ihm genausoviel wert: "Ich bin glücklich", lächelt er sanft, "dass ich derjenige bin, der das Kickboxen als erster populär gemacht hat."

Tages-Anzeiger, Nr. 112/1998

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