|
|||
|
Warum die "liebe Marta" der Sexualdelinquentin und Osterwalder-Freundin A. Sch. zur Seite steht
Marta Emmenegger sei naiv, sagen viele, die sie gut kennen. Gleichzeitig sei sie aber auch - salopp ausgedrückt - mediengeil. Die fatale Mischung aus beidem habe sie dazu verführt, sich als ehrenamtliche Vertrauensperson der einstigen Osterwalder-Freundin A. Sch. anheuern zu lassen und damit eine Funktion auszuüben, die ihr vor allem eins, nämlich viel Ärger und nach der Verkündigung des Urteils gar harsche Beschimpfungen von seiten etlicher Zaungäste, eingetragen hat. Naiv sei sie, gibt Marta Emmenegger zu, aber dazu stehe sie auch. Schliesslich habe dieser Charakterzug sie weit gebracht in ihrem Leben: "Oder glauben Sie, dass die "Liebe Marta" ohne Naivität Erfolg gehabt hätte." Keine Widerrede. Aber mediengeil? Scharf auf's Rampenlicht? "Lächerlich!" Sie sei 74 Jahre alt, habe tagein, tagaus alle Hände voll zu tun und habe es schlicht und einfach nicht nötig, sich den Journalisten anzudienen: "Die kommen ja von selber", lacht sie laut, "Nach Ihnen ist RTL angemeldet." Kurz darauf ruft der "Blick" an. Die zunehmende Hektik ihres Zigarettenkonsums verrät trotzdem, dass der Vorwurf der "Mediengeilheit" sie alles andere als kalt lässt. Vehement hält sie dagegen, dass es ausschliesslich berufliches Interesse am Charakterbild beider Angeklagter und an deren Beweggründen gewesen sei, das sie in die Betreuung von A. Sch. habe einwilligen lassen. Völlig unbefangen habe sie dieses Amt angetreten und nicht im Traum daran gedacht, dass irgendjemand hinter der Wahl ihrer Person eine besonders ausgeklügelte Verteidigungsstrategie vermuten könne. Hätte die Verteidigung sie wirklich für ihre Zwecke einspannen wollen, grinst sie frech, hätte sie sich mindestens für ihre Anstrengungen zahlen lassen und den ganzen Stress nicht auch noch unentgeltlich auf sich genommen. "Nein", hält sie dezidiert fest, "Ich war überzeugt davon, dass der ganze Prozess sensationell genug und Marta Emmenegger nicht wichtiger als ein kleines Pünktchen ist." So kann man sich täuschen, denn aus dem Pünktchen ist eine Medienlawine geworden, die bereits die Landesgrenzen überschritten hat. Angefangen bei der "Schweizer Illustrierten" über die "Schweizer Familie" und den "Blick" bis hin zur "Rundschau", zu "Schweiz Aktuell" und dem deutschen Privatsender RTL haben alle ihre Interviews mit der "Lieben Marta" gekriegt, in denen diese keine Gelegenheit ausliess, um gut Wetter für das liebenswürdige, nette, hübsche, junge und einst unerfahrene Zahnarzttöchterlein von der Goldküste zu machen. Da kann sie noch lange und sehr naiv fragen, was sie denn eigentlich Unrechtes getan habe? Schliesslich habe man sie um ihre Stellungnahme gebeten, und sie habe Auskunft gegeben. Punkt. Schluss. Tatsächlich? In Wahrheit hat sie doch das ganze Gewicht ihrer Prominenz, Beliebtheit und moralischen Autorität in die Waagschale geworfen und viel Wohlwollen für A. Sch. geschaffen. Nachdenklich und nicht unempfindlich für solche Komplimente legt sie eine kurze Redepause ein. Ganz geschwiegen hat sie, als "Schawi", wie sie Roger Schawinsky kumpelhaft nennt, sie kürzlich um einen Auftritt bei "TeleZüri" bat: "Ich hatte Angst, mir während den 35 Minuten eines 'Talk täglich' etwas entlocken zu lassen, was ich während dem Prozess wirklich nicht sagen darf." Der "Sonntagsblick" hatte das Nachsehen, weil sie einer Redaktorin von der "Schweizer Illustrierten", "die einmal ein grosses Porträt über mich geschrieben hat", das Vortrittsrecht eingeräumt hatte. Die "alten Kollegen" vom "Blick" bekamen bei Bedarf auch einmal den Namen und die Adresse ihres Coiffeurs, wenn sie anders nicht rechtzeitig zu erreichen war. Marta Emmenegger ist trotz aller Naivität ein ausgewiesener Medien-Profi. Sie kennt viele Leute und die Spielregeln der Szene, schliesslich ist sie während siebzehn Jahren als Sexberaterin des "Blick" im Schaufenster der Öffentlichkeit gestanden - mit vollem Namen und ihrem Gesicht. Als Peter Uebersax, seinerzeit Chefredaktor, Ende der siebziger Jahre plante, die "Sozialseite" seines Blattes etwas pfiffiger zu gestalten, und Marta Emmenegger ihre ersten Sex-Kolumnen schreiben liess, wollte er nicht mehr als "einen Farbtupfer" setzen. Dass daraus eine Institution werden würde, ahnte kein Mensch. Doch Marta Emmenegger traf mit ihren kompetenten und gleichzeitig oft sehr humorvoll verfassten "Blick"-Texten den Ton. Die Leserschaft schenkte ihr Vertrauen und Sympathie: Tausende von Briefeschreibern wandten sich hilfesuchend an die "Liebe Marta", die sich damals allein auf weiter Flur der Themen Erotik, Sex und Liebe öffentlich annahm. 56 Jahre alt hatte die Mutter dreier Kinder werden müssen, bis sie den Job fand, den sie als "massgeschneidert" für sich bezeichnet. Sie genoss die "spannendsten und befriedigendsten Jahre" ihres ganzen Lebens. Warum es ausgerechnet das Thema Sexualität war, auf dem sie sich fortan "austoben" sollte, ist ihr bis heute schleierhaft geblieben. Egal, Marta Emmenegger nahm sich der komplexen Materie an, und weil sie eine "Gründliche" ist, die das, was sie macht, "zweihundertprozentig betreibt", drehten sich Gespräche mit ihr fortan nur noch um ihre "Blick"-Kolumne und das Thema Sex. Von nun an, heisst es, habe sie über Orgasmusschwierigkeiten genauso locker parliert wie bis anhin über das Rezept für einen Gugelhopf oder die neue Sommermode. Marta Emmenegger wurde zur "Lieben Marta". Hingebungsvoll inszenierte sie ihre öffentliche Rolle. Dazu gehörte auch der hemmungslose Umgang mit intimen Daten ihrer Familienangehörigen. So berichtete sie in Interviews freizügig über die Midlife-Crisis ihres Ex-Mannes und seinen gleichzeitigen Hang zum Seitensprung. Sie schonte allerdings auch sich selber nicht und gab beziehungsweise gibt bereitwillig Auskunft über die eigene Lust und ihre Möglichkeiten zu deren Befriedigung. Das falle ihr, gesteht sie überraschenderweise ein, nicht immer leicht. Denn obwohl sie eine sehr extrovertierte, direkte und temperamentvolle Person sei, sei sie im Grunde genommen schüchtern und rede gar nicht gern über sich selber. Immerhin sie sich dank ihrer offenherzigen Art den Ruf einer authentischen und glaubwürdigen Fachfrau geschaffen, die seit ihrer Pensionierung beim "Blick" Ende 1995 regelmässig als Vortragsrednerin zum Thema Sex im Alter durch die Lande zieht. Heute referiert sie an der Jahresversammlung des Baumeister-Verbandes, morgen ist sie zu Gast beim Lion's Club oder den Rotariern und nächste Woche hat dann das Frauenforum Wil das Vergnügen, die eloquente Expertin ihren Mitgliedern zu präsentieren. Sie habe Erfolg, glaubt Marta Emmenegger, der niemand ihre fast 75 Jahre geben würde, weil sie vom Leder ziehe und sofort den Kontakt zu ihrem Publikum herstelle: "Das funkt ganz schnell und macht allen Spass." Inzwischen hat sie noch andere berufliche Standbeine entwickelt. So hält sie Seminare für Bundesangestellte, die kurz vor der Pensionierung stehen, und informiert sie über allfällige Veränderungen der Sexualität, die ihnen das Alter bescheren kann. Da redet sie frank und frei über körperlichen Abbau und antwortet auf Fragen wie jene, ob man denn nun tatsächlich bis ans Ende vom Leben Sex haben könne oder ob's doch irgendwann aufhöre. Kürzlich wurde sie sodann von der Schule für soziale Arbeit in Zürich als Prüfungsexpertin beigezogen. Das empfand sie als ehrenvolle Aufgabe. Ein Engagement, das sie seit einiger Zeit in Atem hält, zielt darauf, einen sogenannten "SeniorInnen-Rat" zu gründen. Dieses Pro Senectute-Projekt will alte Menschen dazu animieren, einen Teil ihrer freien Kapazitäten für soziale Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Marta Emmenegger leitet die Arbeitsgruppe "Öffentlichkeitsarbeit" und ist dabei, eine "zündende Idee" für die Pressekonferenz im September auszutüfteln. Doch jetzt muss sie erst einmal den Prozess verdauen. Denn die letzten drei Wochen, die sie mehrheitlich im Gerichtssaal verbracht hat, waren auch für sie, die in ihren "Blick"-Jahren mit nahezu allen Spielarten sexueller Perversionen konfrontiert wurde, eine Strapaze. Sie sei froh, dass sie das ganze jetzt hinter sich habe. Bereut habe sie ihren Entschluss, als Vertrauensperson der Angeklagten aufzutreten, jedoch keine Minute. "Im Gegenteil", hält sie trotzig fest, "schliesslich konnte ich sehr wertvolle Erfahrungen sammeln." Tages-Anzeiger, Nr. 117/1998 |
|||