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Kochbuch-Junkies schwören auf die beruhigende Wirkung ihrer "Sucht"


"Kochbücher erden mich", sagt die 30jährige Nina Khunti aus Bern, "Da kann alles schief gehen auf der Welt, aber wenn ich Rezepte lese, fühle ich mich auf dem Boden, sehe wieder klar und blicke viel gelassener in die Zukunft."

Kochbücher müssen tatsächlich eine beruhigende und entspannende Wirkung haben. Auch Stadtpräsident Josef Estermann, der weitherum für seine Kochkünste bekannt ist, erzählt: "Wenn ich sehr müde bin und weder einen Roman geschweige denn ein Sachbuch vertrage, nehme ich mir zwei, drei Kochbücher und blättere mit grossem Interesse darin herum." Bruna Fossati, die 48jährige Kommunikationschefin eines Hilfswerks, zieht sich jeweils, wenn sie krank ist, mit einem Stapel Kochbücher in ihr Bett zurück und erholt sich bei deren Lektüre bestens.

Damit ist allerdings längst noch nicht alles gesagt über die Anziehungskraft einer Buch- beziehungsweise Zeitschriftengattung, die vorzugsweise Frauen zu Süchtigen macht und sie fern von aller Vernunft zu Käufen animiert, angesichts derer Aussenstehende nur noch staunen können. Estermann ist stolzer Besitzer von 150 Werken, von denen er allerdings einen Gutteil geschenkt bekommen hat. Fossati hat es bereits auf 350 gebracht. Eine befragte Kollegin nennt 180 ihr eigen, benützt davon regelmässig drei, höchstens vier und kauft trotzdem ungebremst weitere. Andere sollen laut Kochbuchverleger Fredi Haefeli sogar über 2000 horten und die 22 jährlichen Midena-Neuerscheinungen jeweils gleich en bloc bestellen.

Bruna Fossati wird vor allem immer dann schwach, wenn ein Buch mit "viel Liebe zu den Produkten und grosser Nähe zur jeweiligen Küchentradition" geschrieben ist. Schafft sie es in den Zürcher Buchhandlungen mitunter, in Gedanken an den Platzmangel in ihrer Wohnung abstinent zu bleiben, ist sie spätestens auf der nächsten Auslandreise wieder widerstandsunfähig: "Drei", räumt sie ein, "müssen mindestens mit nach Hause". So nehme sie auch ein Stück der fremden Welt und Kultur mit heim.

Die Schönheit der Bilder, die Farbenpracht der Darstellungen, mit einem Wort der sinnliche Zauber eines Kochbuchs, sind es, die Nina Khunti in einem Laden jeweils in Absturzgefahr bringen: "Ein solches Werk", sagt sie, "dient mir mehr zur Inspiration denn als masstabsgetreue Vorlage zum Kochen." An der Rezeptsammlung der mexikanischen Malerin Frida Kahlo "Souvenirs et recettes du Mexique", ihrem aktuellen Lieblingsbuch, kann sie sich kaum satt sehen: "Ich empfinde es als grossen Luxus", sagt sie, "dieses Kunstwerk in Momenten der Musse zu betrachten, die Gerüche schon in der Nase zu spüren und zu merken, wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft."

Josef Estermann hat einen anderen, möglicherweise typisch männlichen Zugang zu seinen Kochbüchern. Getrieben vom Ehrgeiz, das beispielsweise beste Gratin-Rezept zu finden, arbeitete er sich in früheren Jahren, als er noch Zeit hatte, durch die Werke der ganz Grossen von Bocuse bis hin zu Girardet durch und probierte Rezept um Rezept eigenhändig aus, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.

Frauen stehen eher auf der praktischen Seite. Sie schätzen Kochbücher, deren Format handlich ist und die auf der Arbeitsfläche neben ihrem Herd Platz haben. Sie mögen Rezepte, die sich gut vorbereiten lassen und damit gästefreundlich sind. Bruna Fossati ärgert sich zum Beispiel über Bücher, die "wahnsinnig manirierte Ideen" beinhalten, deren Umsetzung aufwendig ist und die noch dazu die Ursprungsprodukte nahezu unkenntlich machen. Sie schwört nicht zuletzt deshalb auf die Klassiker von Elfie Casty "Geliebte Küche" und "Mit einer Prise Leidenschaft", weil beide einfache, gut nachvollziehbare, aber gleichwohl "gluschtige" Rezepte präsentieren.

Aus eben diesem Grund schätzt auch Nina Khunti einige Betty Bossi-Bücher sehr, wobei sie gesteht, dass bei grossen Einladungen doch "noch ein Register mehr gezogen werden muss." Bei Betty Bossi müsse man ja damit rechnen, dass unhöfliche Gäste einem vorhalten würden: 'Gäll, Betty Bossi, Schokoladentorte Surfin, aus "Kuchen, Cakes und Torten", Seite 76.' Das kann einer ambitionierten Köchin natürlich den Abend verderben.

Richtige Rezept-Junkies haben selbstverständlich auch alle Kochzeitschriften wie "D'Chuchi", die "Saisonküche", die Betty Bossi-Zeitung oder gar das vornehme "Marmite" abonniert. Wenn die neueste Nummer im Briefkasten liegt, lassen sie eher ihre Familie verhungern als dass sie darauf verzichten würden, das Heft mindestens einmal in grossen Zügen zu überfliegen. Sollte dies spätabends der Fall sein und sie todmüde nach Hause kommen, wird erst dann das Licht gelöscht, wenn sie einen ersten Augenschein genommen haben.

Sie durchforsten jede Illustrierte nach Rezepten und schrecken auch nicht davor zurück, im Wartezimmer ihrer Ärztin eine sie animierende Kochidee aus einem aufliegenden Heftli herauszureissen. Gierig packen sie jedes Rezept ein, das bei ihrem Metzger oder im Globus lose oder in gebundener Form feilgeboten wird und werfen es daheim in irgendeine Schublade oder einen Pappkarton - auf Nimmerwiedersehen.

Denn nachkochen kann natürlich kein Mensch die Tausende von Kochideen, die sich über die Jahre in seinen vier Wänden angesammelt haben, aber haben und horten muss er sie trotzdem. Ans Wegwerfen eines Kochbuchs denkt ein Rezept-Junkie nicht im Traum. Schon wenn er eines seiner Lieblingsstücke ausleihen soll, erstarrt er innerlich. Kochbücher sind für ihn treue Wegbegleiter, die anders als der schnell verschlungene und damit hinfällige Krimi eine langjährige Geschichte haben und selbst nach Phasen des Desinteresses immer wieder neu aktuell werden können.

Kochbücher stehen ihren Besitzerinnen und Besitzern mitunter auch in schweren entbehrungsreichen Stunden bei und gewinnen dadurch einen besonderen Status. Nina Khunti, die in den letzten eineinhalb Jahren 45 Kilogramm an Gewicht verloren hat, sass in jener Zeit häufig an ihrem Küchentisch, wurde geplagt von Hungergefühlen und "frass" sich stellvertretend, wie sie es nennt, an ihren Kochbüchern "satt".


Die Auflagen von Kochbüchern schlagen alles

Kochzeitschriften haben Auflagen, von denen andere Printerzeugnisse in diesem Land nur träumen können. Der absolute Spitzenreiter ist die Betty Bossi-Zeitung, die über 930'000 Abonennten verfügt, darunter über 90 Prozent Frauen. Die im selben Verlag erscheinenden Kochbücher, deren Erstausgaben mit einer Ermässigung von fünf Franken an die Zeitungs-Abonennten verkauft werden und damit nur noch 12,90 Franken kosten, erreichen jeweils Auflagen von weit über 100'000 Exemplaren. Sie stehen damit sogar europaweit ohne vergleichbare Konkurrenz da. Die Gratis-Küchenberatung beantwortet jährlich rund 20'000 telefonische Anfragen; der Abo-Dienst wird gar 100'000mal kontaktiert.

Die von der Migros herausgegebene Rezeptpostille "Saisonküche" belegt mit einer Auflage von 218'000 Stück Platz Zwei. Die bisher acht vorliegenden Kochbücher erreichten Verkaufszahlen von durchschnittlich 50'000, wobei das "Pasta"-Buch mit 95'000 zum Bestseller avancierte. Der Normalpreis beträgt 17 Franken. Zeitungs-Abonennten kommen wie bei Betty Bossi in den Genuss einer Reduktion von fünf Franken.

"D'Chuchi", das Fachblatt unter der Leitung von Annemarie Wildeisen, geht an genau 106'640 Abonennten. Die Kochbücher aus demselben Haus werden im Erscheinungsjahr jeweils zwischen 5000 und knapp 40'000mal verkauft. Das neueste Werk aus der Küche von Wildeisen "Die schönsten Desserts" kostet 49 Franken und figuriert damit in einer klar höheren Preisklasse als die Betty Bossi- und Migros-Bücher.

Der Midena-Verlag ist der mit 22 Neuerscheinungen pro Jahr grösste Kochbuch-Verlag in der Schweiz; er macht allerdings den grössten Teil seines Umsatzes in Deutschland. So wurden beispielsweise 90'000 der insgesamt 130'000 verkauften Exemplare von "Trennkost zum Abnehmen" in Deutschland abgesetzt. Der aktuelle Spitzenreiter "Der grüne Tee", der bereits 100'000mal über die Ladentische ging, verkaufte sich immerhin 40'000mal in der Schweiz. Das einzelne Buch im Hardcover-Format kostet 19 Franken. Gemäss Midena-Verleger Fredi Haefeli ist der "Kochbuch-Markt ein Millionen-Markt, der unbeeinflusst von Kochsendungen in Radio und Fernsehen nach wie vor wächst."

Tages-Anzeiger, Nr. 130/1998

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