Zurück

Der St. Galler Firmenberater Rolf Th. Stiefel gilt als "bunter Hund" und unbestechlicher Kritiker seiner Branche


Als Rolf Th. Stiefel vor zwanzig Jahren den ersten "MAO-Informationsbrief" veröffentlichte, ging es ihm vor allem um eine persönliche Katharsis. Der promovierte Wirtschaftspädagoge wollte sich all jene "Auffälligkeiten, Fehlkonstruktionen und seltsamen Episoden" aus der Praxis der Managementbildung und Unternehmensberatung von der Seele schreiben, die er im Verlaufe seiner damals zehnjährigen Berufserfahrung erlebt hatte. Sein Plan ging auf: "Dank des Schreibens", sagt Stiefel, "konnte ich mich befreien und gleichzeitig einsatzfähig halten."

Seither greift Stiefel, der sich internationaler Berater für Management-Andragogik (zu Deutsch: Weiterbildung von Führungskräften) und Organisationsentwicklung (MAO) nennt, alle drei Monate in die Tasten und gibt sein jeweils zwischen 60 und 80 Seiten starkes "Anti-Blatt" (Eigenwerbung) heraus, das er zur Zeit an 800 Abonennten in den hiesigen Grossbanken, Versicherungen, Chemie-Multis, Beratergruppen und Hochschulen verschickt.

Das Motto von "MAO", wie das kritische Informationsorgan bei seinen Fans kurz und bündig heisst, stammt von George Orwell und ist unmissverständlich: "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen". Getreu diesem Leitspruch enthält "MAO" neben Rezensionen der aktuellen Fachliteratur und anwenderorientierten Daten regelmässig auch Fakten und Analysen aus dem Inneren der Unternehmen, die andernorts unter den Teppich gewischt würden. Hart geht Stiefel ins Gericht mit der Branche der Personalentwickler, den sogenannten PE-lern, und den Management-Weiterbildnern an den Hochschulen und in privaten Instituten. Gnadenlos outet er Scharlatane unter den Trainern und Coachs, warnt vor Hochglanzprospekten, dank derer vor allem kleinere und mittlere Unternehmen immer wieder über den Tisch gezogen würden, wettert gegen die "Ignoranten aus den Chefetagen" und deckt Seilschaften und Filzokratie auf.

Er warnt auf giftige Art vor "professoralen Worthülsen" und "banalem bis wertlosem Gedöns aus dem Mund von akademischen Würdenträgern", denen er so viel Verständnis des Beratungs-Business zugesteht wie der katholischen Kirche Sensibilität für das Thema Empfängnisverhütung. Da kriegt Fredmund Malik vom Managementzentrum St. Gallen MZSG ("Guru mit adrettem Vorstandscharme") sein Fett gleichermassen weg wie Rolf Dubs, der Direktor vom St. Galler Institut für Wirtschaftspädagogik, dessen Fachkompetenz Stiefel in der "Steinzeit" ansiedelt: "Währenddem Lernen heutzutage am Arbeitsplatz stattfinden muss", konstatiert Stiefel, "verfolgt Dubs nach wie vor die Optimierung des Lernens in Kursen und setzt damit Formen des Schulunterrichts fort."

Angesichts solcher Rundumschläge fragen sich mitunter sogar eingefleischte "MAO"-Freunde, was denn wohl den 56jährigen Stuttgarter und Wahl-Schweizer bewege, dermassen auf den Professoren, "seinen Lieblingsfeinden", herumzuhacken. Auch Eugen Schmid, Managing Director Human Resources der CS Group, der Stiefel eigentlich als "mutigen Kämpfer für Qualität", "offenen Geist für Neues", "Herausforderer" und "Spürnase für Trends" erlebt, staunt immer wieder über die "Verbissenheit, mit der Stiefel fortgesetzt die 'academia' angreift".

Rolf Dubs selber will sich zwar zu Stiefel nicht äussern, da er sein Wirken nicht länger verfolge, gibt dann aber doch zu bedenken, dass dieser "nicht der umgänglichste und dialogfreundlichste" sei, was möglicherweise, so Dubs, eine Folge "unerfüllter beruflicher Hoffnungen" sei. Stiefel hält dagegen, dass er sich sehr bewusst für eine Karriere ausserhalb der Hochschulen und damit auch fern von "Kompromissen und Gremienwirtschaft" entschieden habe. Für ihn gebe es noch etwas anderes als Status, Prestige und Titel. Folglich seien es weder Missgunst noch Verbitterung, die ihm beim Schreiben von "MAO" die mitunter spitze Feder führten, sondern einzig das Interesse an einer Sache, die es verdiene, ernstgenommen und damit auch hart kritisiert zu werden.

Genau diese Haltung ist es, die Fritz Schmalz, Bereichsleiter Ausbildung bei der Schweizerischen Mobiliar, an Stiefel schätzt. Der langjährige "MAO"-Abonennt und Seminarteilnehmer konstatiert: "Stiefel bewegt etwas, indem er den Finger zielsicher auf die wunden Punkte legt und harte, aber konstruktive Kritik übt."

Rolf Th. Stiefel kennt das Beratungs- und Weiterbildungsgeschäft von der Pike auf. Schon seine Dissertation widmete er dem Thema "Lehr- und Lernprozesse an den Managementinstituten in Europa". Am Genfer Centre D'Etudes Industrielles (CEI), dem Vorläufer des heutigen Instituts für Management Development IMD in Lausanne, war er zunächst als Forschungsassistent, später als Fakultätsmitglied tätig, bevor er sich im Rahmen verschiedener Forschungsstipendien an der Universität von Toronto und an der McGill Universität im Montreal aufhielt. Aufträge der Unesco und der International Labour Organisation ILO führten ihn auf die Philippinen und in den Iran. 1975 wurde er selbständiger Unternehmensberater; zehn Jahre später gründete er die Dr. Rolf Th. Stiefel & Partner AG in St. Gallen, die die "MAO"-Informationsbriefe herausgibt, überbetriebliche Seminare und Coaching von Beratern beziehungsweise Personalentwickler anbietet.

Stiefels Drang nach Unabhängigkeit hat ihn stets daran gehindert, ein grösseres Unternehmen aufzuziehen und die Verantwortung für feste Angestellte zu tragen. Als Einzelkämpfer und "kleiner Fisch im Teich", wie er sich bezeichnet, arbeitet er ausschliesslich mit Free Lancern zusammen und hat sich damit auch die Freiheit bewahrt, sich seine Kunden auszuwählen und diese mit genau so viel Widerspruch und Kritik zu konfrontieren, wie er es - im Sinne des Projekts - für erforderlich hält. Dass er sich auf diese unerbittliche Art nicht überall beliebt macht, trägt Stiefel mit Fassung: "Unsere hohen Beraterhonorare", grinst er, "beinhalten Kamikaze-Zuschläge, die berufliche Abstürze abfedern." Gleichwohl kann er auf eine Liste mit illustren Kunden wie dem Schweizerischen Bankverein, der CS Group, verschiedenen Versicherungen und Chemie-Riesen verweisen, die den Rat des Querdenkers immer wieder beanspruchen.

Stiefel hat seine eigene Lebensphilosophie. Statt nach Grösse und Etabliertheit strebt er viel mehr nach Zeitsouveränität und sogenanntem "Flow", jenem Zustand, in dem Arbeit nicht mehr als Last empfunden, sondern mit Freude in Angriff genommen wird. Er geniesst das Privileg, in der Regel dann aufstehen zu können, wann er will; er reist mehrmals pro Jahr nach Kanada, um im Kreise alter Hochschulkollegen den eigenen Lernprozess am Laufen zu halten und sich mit dem neuesten an Fachwissen einzudecken. Und wenn wieder ein "MAO"-Informationsbrief fällig ist, packt er seinen Lap-Top mit ein und schreibt unterwegs jene Artikel, die Fritz Schmalz von der Schweizerischen Mobiliar nicht zuletzt deshalb mag, weil sie "so erfrischend provozierend" sind.

Sonntags-Zeitung, Nr. 26/1998

Seitenanfang