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Frauen erben anders als Männer - doch sie sollten ihre Ängste vor Geld und Gut ablegen


Franziska Müller hat früh gelernt mit Geld umzugehen. Aufgewachsen in einem Familienbetrieb, in dem sie es selber bis zur Vorsitzenden der Geschäftsleitung brachte, weiss die 45jährige, was es heisst, Verantwortung für das Kapital wahrzunehmen. Als sie sich entschloss, das väterliche Unternehmen ihrem Bruder zu überlassen, fiel es ihr nicht schwer, ihren in Bargeld angefallenen Erbanteil selber zu verwalten. Eine Tranche legte sie langfristig an; mit einer zweiten leistete sie sich, so Müller, den "Luxus", ihre beiden Kinder an eine private Tagesschule zu schicken und selber einen Weiterbildungsaufenthalt in den USA zu verbringen.

Daneben, legt die Unternehmensberaterin für Familienbetriebe dar, engagiere sie sich ehrenamtlich in Vereinen wie dem Family Business Network F.B.N., wo es ihr ein grosses Anliegen ist, dass Themen wie das Tabu des Todes, die Erstellung eines Testaments und damit auch die Familiennachfolge und Erbschaftsregelung besprochen werden. Sie wolle mindestens ein Minimum, hält sie fest, für die Allgemeinheit beitragen, soziale Verantwortung übernehmen und sich insbesondere für die Anliegen der Frauen einsetzen. Jungunternehmerinnen unterstützt sie durch Coaching und hat ihnen auch schon Starthilfen in Form von Darlehen gegeben.

So viel Geschick, wie Franziska Müller beim Handling ihres Besitzes an den Tag legt, zeigen heutzutage nur die wenigsten Erbinnen. Viele Witwen, Töchter oder Enkelinnen reagieren gemäss amerikanischer Studien mit Gefühlen der Überforderung, des Schocks oder der Angst, wenn die Millionen, von deren Existenz die meisten ja schon lange wussten, plötzlich ihnen gehören. Schnell sind sie dabei, deren Verwaltung Brüder, Neffen oder Gatten, mit einem Wort Männern, zu überlassen. Andere wollen vor lauter schlechtem Gewissen am liebsten gar nichts damit zu tun haben und rühren ihr Geld gar nicht erst an.

Öffentliche Bekenntnisse ("Ich bin eine Erbin.") sind dünn gesät. Gesprächsbereit ist fast keine. Angela Thomas, die Erbin und Witwe des berühmten Künstlers Max Bill, hat die Nase nach einem mehrjährigen Kampf voll, der sie enorm viel Substanz gekostet habe, und schweigt lieber. Eine junge Unternehmerstochter aus Zürich, die mit zwanzig Jahren eine runde Million Franken von ihrem Vater bekam, befürchtet, mit ihrem Coming Out Missgunst und Eifersucht zu schüren. Sie wolle in ihrem Bekanntenkreis nicht als wandelndes Portemonnaie wahrgenommen werden und nur noch für ihr Geld "geliebt" werden. Eine andere hält sich aus Gründen der Diskretion gegenüber ihrer Herkunftsfamilie bedeckt. Beatrice Wehrhahn, hochkarätige Erbin und ehemalige Raichle-Besitzerin, findet das Thema hinwiederum "so normal", dass sich für sie jedes Gespräch erübrigt. Bei Hiltls, den Zürcher Besitzern des vegetarischen Restaurants gleichen Namens, zeigt Sohn Rolf, der kürzlich das Geschäft erbte, ungeniert öffentlich Flagge, wohingegen sich seine Schwester, die ausbezahlt wurde, scheu im Hintergrund hält.

Geld stinkt, könnte man meinen. Viel Geld, und noch dazu ererbtes, scheint für Frauen gar die nackte Katastrophe zu sein.

Christiane May, Spross eines Berner Adelsgeschlechts, wurde auf jeden Fall von "regelrechter Übelkeit" befallen, als sie eines Tages erfuhr, dass drei Millionen Franken fortan ihr eigen sind. Nachdem die 42jährige schon in ihrer Kindheit und Jugend ständig unter dem Gefühl sozialer Isolation gelitten hatte und nicht zuletzt deshalb ins alternative Berliner WG-Milieu geflohen war, wurde sie erneut von der "grossen Angst" ergriffen, "wegen meinem Vermögen zur gesellschaftlichen Aussenseiterin" zu werden. Voller Schuldgefühle lieh sie "wild herum" Freundinnen und Bekannten Zehntausende von Franken aus, von denen sie höchstens die Hälfte zurückbekam. Ihre Kommunarden gaben ihr deutlich zu verstehen, dass sie der Gemeinschaft doch, bitte schön, ein Haus kaufen solle, und machten sich forsch auf die Suche nach einem geeigneten Objekt. Die Beziehung zu ihrem Lebenspartner wurde von Neid und finanzbedingten Querelen überschattet.

Weil ihr das Geld überhaupt erst fünf Jahre später zur freien Verfügung stand, hatte die gelernte Übersetzerin Zeit und Musse, sich mit der Tatsache, eine Erbin zu sein, auszusöhnen. Jetzt war sie auch in der Lage, mit dem vielen Geld etwas für sie Sinnvolles anzufangen. Sie kaufte sich ein Haus und gönnte sich eine sorgfältig ausgewählte Zweitausbildung im Bereich Fundraising. Dem "Berlin Hospiz", einer Sozialeinrichtung, der sie sich sehr verbunden fühlt, hat sie sich als Bürgin für ein Darlehen von 100'000 Mark zur Verfügung gestellt und spendet zusätzlich einen Teil ihrer Arbeitskraft. Sie sei heute fähig, zwischen Schmarotzern und seriösen Bittstellern zu unterscheiden: "Ich habe einen pragmatischen Umgang mit meiner Erbschaft gefunden", konstatiert sie nüchtern, "und kann mich daher auch der öffentlichen Diskussion stellen."

Im Wissen um die Sorgen und Nöte ihrer wohlhabenden Geschlechtsgenossinnen hat die Wiesbadener Unternehmensberaterin und Spezialistin für Fundraising Marita Haibach gemeinsam mit drei Kolleginnen heuer bereits zum zweitenmal die Konferenz "Mut zum Vermögen - Frauen erben anders" in Köln organisiert. Dort diskutierten Ende April 25 Betroffene, hermetisch abgeschirmt von neugierigen Presseleuten und geschäftstüchtigen Anlageberatern, sowohl über ihre psycho-sozialen Probleme, aber auch über Fragen der Finanzverwaltung und des verantwortungsvollen Spendenwesens.

Viele Frauen, erzählt Haibach, litten unter dem Dilemma, dass die ganze Welt von ihnen Glück und Zufriedenheit erwarte ("Hör auf zu klönen! Du hast doch alles."), sie selber aber mit dem Empfang ihres Erbes in eine regelrechte Sinnkrise gerieten und sich in ihrem Alltag nicht mehr zurechtfänden. Die eine wisse nicht, wie sie angesichts der Sozialhilfeempfängerin in der Nachbarschaft mit ihrem Vermögen umgehen solle; die andere gerate in Teufelsküche, wenn man sie moralisch unter Druck setze und auffordere, ihren Arbeitsplatz zugunsten eines erwerbslosen Familienvaters zu räumen. Sozialer Rückzug und Vereinsamung oder unüberlegtes Spenden nach dem Giesskannenprinzip seien häufige Reaktionen. Geld, sagt die Expertin, gelte halt immer noch als Männerdomäne, und es bedeute Macht: "Doch die meisten Frauen haben grosse Mühe, ihre neugewonnene Macht zu nutzen, weil ihnen Macht bisher meist nur in Form von Machtmissbrauch begegnet ist."

Anders als in Deutschland und der Schweiz haben selbstbewusste US-Bürgerinnen das Tabu-Thema "Erben" bereits zu Beginn der achtziger Jahre öffentlich aufs Tapet gebracht. In wissenschaftlichen Untersuchungen widmen sie sich seither Fragen zu Reichtum und Vermögen, haben Selbsthilfegruppen gegründet, Workshops veranstaltet und siebzig reine Frauenstiftungen ins Leben gerufen. Angeregt von diesem Vorbild will Marita Haibach auch in Deutschland eine Stiftung auf die Beine stellen, die Frauenprojekte mit der finanziellen Unterstützung von Erbinnen fördern soll.

Eine Stiftung in Vorbereitung hat auch Barbara Reinhart, eine der Erbinnen des Winterthurer Baumwollkaufmanns. Die 43jährige Künstlerin und Kulturmanagerin hatte genau zu dem Zeitpunkt, als ihr Bruder das väterliche Unternehmen übernahm und sie und ihre Schwester ausbezahlte, eine Idee, die der Realisierung und damit auch der Finanzierung harrte.

Ähnlich wie Christiane May hatte Reinhart die Schweiz einst Richtung Deutschland verlassen, um ausserhalb des vertrauten familiären Rahmens herauszufinden, wer sie denn eigentlich sei. Sie war in Hamburg, der norddeutschen Metropole, gelandet, hatte einige Semester Germanistik und Theologie studiert und sich dann mit einer Freundin der Performance-Kunst gewidmet. Mit der Zeit entwickelten die beiden die Vision einer sogenannten Kunststipendien-Stätte, in der acht bis zehn Malerinnen, Tänzerinnen und Musikerinnen aus verschiedenen Ländern leben und arbeiten würden. Bei Bassum, einem Städtchen in der Nähe von Bremen, fanden sie das Objekt ihrer Wahl, den Hof "Die Höge". Reinhart steckte ihr Erbe in dieses ambitiöse Projekt, das allerdings noch auf zusätzliche finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Ihre geplante Stiftung soll den Rahmen abgeben, in dem sich Sponsorinnen und Mäzene zur Förderung der "Höge"-Künstlerinnen versammeln können.

So "verrückt" ihr Projekt in den Augen anderer auch sein mag, so fern von den Vorstellungen ihrer Familienangehörigen über den korrekten Einsatz ihres Erbes, für Barbara Reinhart ist ihre Künstlerinnen-Kolonie eine "faszinierende Sache", mit der sie sich "hundertprozentig identiziert". Sie ist denn auch überzeugt, dass ihr die Schuldgefühle vieler Erbinnen erspart geblieben seien, weil sie ihr Geld für einen Zweck eingesetzt habe, der nach ihrer Einschätzung "sinnvoll" ist. Diese Erfahrung, konstatiert sie heute, habe ihr grosse Stabilität im Umgang mit ihrem Erbe gegeben und lasse sie allen Schicksalsgenossinnen raten, "die jahrtausendealte weibliche Bescheidenheit aufzugeben, zuzupacken, wenn es um Geld geht und die Welt damit mitzugestalten."

Sonntags-Zeitung, Nr. 27/1998

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