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Fachleute sehen beim Einsatz graphologischer Gutachten einen "klaren Trend zum Missbrauch"
Hans-Peter R.*, 54, war Mitglied des Kaders in einem Schweizer Grossunternehmen. Er hatte zwölf Jahre für 'seine' Firma gearbeitet; dann bewarb er sich intern um eine andere Stelle. Restrukturierungsmassnahmen in seinem Arbeitsbereich, aber auch der Wunsch nach einer Veränderung hatten ihn zu diesem Schritt bewogen. Zu seiner Überraschung ordnete die Personalabteilung die Erstellung eines graphologischen Gutachtens an. R. willigte zähneknirschend ein und lieferte die gewünschte Schriftprobe ab. Kurze Zeit später erfuhr er, dass er für die Stelle nicht in Frage komme. Er verlangte Einblick in sein Gutachten. Erschüttert nahm er die "regelrechte Abqualifikation" seiner Person, wie er es nennt, zur Kenntnis: Er sei "konfliktscheu", hiess es, "kommunikationsgestört und teamunfähig". Für R. war die Beurteilung "kalt, verletzend" - und folgenschwer: In einem von ihm gewünschten Gespräch mit seinen Vorgesetzten wurde ihm "sozusagen über Nacht" das Ausscheiden aus dem Betrieb nahegelegt. Heute ist R. arbeitslos. Erfahrungen, wie R. sie gemacht hat, stellen keine Ausnahme dar. Immer häufiger werden Fachleute wie Betriebspsychologen und Unternehmensberater mit Menschen konfrontiert, denen ein graphologisches Gutachten zum Stolperstein wurde. Die Zürcher Organisationsberaterin Rosmarie Welter-Enderlin macht in ihrer Praxis "einen klaren Trend zum Missbrauch" von graphologischen Gutachten aus, "mit deren Hilfe im schlimmsten Fall ganze Berufskarrieren zerstört werden können." Ruedi B.*, ein 33jähriger Pädagoge, bewarb sich um eine leitende Stelle in einer sozialen Institution. Seine Arbeitszeugnisse waren ausgezeichnet. Seine Bewerbungsunterlagen und Referenzen, erfuhr er, wurden in den höchsten Tönen gelobt. Ein erstes Vorstellungsgespräch verlief "äusserst angeregt und vielversprechend". Zur "Abrundung des Bildes" wünschte sich das Wahlgremium dann noch ein graphologisches Gutachten. B., der seit Jahren nur noch via PC schriftlich kommuniziert und von sich sagt: "Ich habe keine Handschrift mehr", liess sich "widerwillig" auf die zusätzliche Auflage ein. Ein paar Wochen später fand im selben Kreis ein zweites Gespräch statt - und B. verstand die Welt nicht mehr: "Diesmal schlugen mir Aggressivität und Ablehnung entgegen, und ich war mir sofort bewusst, dass ich keine Chance auf die Stelle hatte." Die Absage lag postwendend in seinem Briefkasten. Im Nachhinein konnte B. rekonstruieren, dass das Wahlgremium zum Zeitpunkt des zweiten Gesprächs bereits über das graphologisches Gutachten verfügt hatte: "Man betrachtete mich nur noch durch die Brille der für mich verheerenden Expertise" (siehe Ausriss). Graphologische Gutachten werden bei 50 bis 70 Prozent aller Neubesetzungen von Kaderstellen beigezogen. Sie bilden ein äusserst ökonomisches Instrument zur Rekrutierung von Mitarbeitenden, denn sie kosten nur 300 bis 800 Franken, lassen sich innert Kürze mit vergleichsweise geringem Aufwand erstellen und liegen schwarz auf weiss, das heisst jederzeit einsehbar, vor. Schriftanalysen haben allerdings auch ihre klaren Grenzen. So betont der Zürcher Graphologe Urs Imoberdorf, dass ein graphologisches Gutachten nur e i n Mittel unter anderen sei, um das Bild eines Stellenbewerbers abzurunden: "Es darf niemals das allein ausschlaggebende sein." Heute wird das "Grapho" nach übereinstimmenden Aussagen von Fachleuten von vielen Personalabteilungen missbraucht. Sie nützen es als praktikables Instrument, um sich unliebsamer oder überflüssiger Mitarbeiter zu entledigen, beziehungsweise die Verantwortung für immer schwerer wiegende Personalentscheide an externe Experten wie eben die Graphologen zu delegieren. Statt unangenehme Gespräche zu führen, verschanze man sich, so die Fachfrau Welter-Enderlin, zunehmend hinter Schriftanalysen. Dort könne man dann klipp und klar nachlesen: "Die Person ist für die ausgeschriebene Stelle ungeeignet." Die Position der Graphologen ist allerdings alles andere als einfach. Sie sind häufig mit Kunden konfrontiert, die ihnen mit der Erteilung des Begutachtungs-Auftrags deutlich zu verstehen geben, dass sie einem Stellenbewerber gegenüber Zweifel hegen. Andere lassen - ganz nebenbei - die Bemerkung fallen, dass man "unsicher sei, ob dieser Mann über genügend Sozialkompetenz verfügt, um diese schwierige Abteilung zu leiten". Bewusst oder unbewusst wird auf diese Art versucht, auf das bestellte Gutachten Einfluss zu nehmen. Um unter einem solchem Druck eine neutrale, differenzierte Schriftanalyse abzugeben, braucht es gemäss Fachleuten ein hohes Mass an Erfahrung, Professionalität, Unabhängigkeit und beruflichem Ethos. Andernfalls sei die Gefahr gross, zum willfährigen Erfüllungsgehilfen eines Auftraggebers zu werden. Mit graphologischen Gutachten würden oft sehr kränkende Urteile über Menschen gefällt, kritisiert Welter-Enderlin: "Es ist ein pseudoprofessioneller und vermessener Anspruch, einen Menschen allein auf Grund einer Schriftprobe erfassen zu wollen." Vernichtende Aussagen entstünden oft bar jeder Einbettung in den persönlichen, sozialen und beruflichen Kontext und - ganz entscheidend - sie belasteten fortan die Personalakte der Betroffenen schwer. Der Experte Imoberdorf räumt ein, dass die Graphologie genauso manipuliert und ausgenützt werden könne wie jede andere Gutachter-Tätigkeit auch: "Diese Gefahr liegt in allen Erfahrungswissenschaften, und schwarze Schafe gibt es überall." Er persönlich sehe es als seine Aufgabe an, "Gutachten und nicht Schlechtachten zu verfassen" und halte es für unzulässig, "wenn eine Schriftanalyse so destruktiv abgefasst ist, dass sie den Betroffenen im Kern verletzt." * Namen geändert Sonntags-Zeitung, Nr. 28/1998 |
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