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Sabbaticals sind schwierig zu bekommen, aber es wird ihnen eine gute Zukunft vorausgesagt
Sergio De-Maddalena ist ein Mensch mit vielen Vorlieben und Talenten. Der Migros-Projektleiter für Aus- und Weiterbildung gilt als engagierter, erfahrener Fachmann. Genauso gern reist er aber mit seiner Familie um die halbe Welt und liebt es, in seiner Flamenco-Rock-Band "Melrose" Gitarre zu spielen. Karriere zu machen, hat ihn nie besonders gereizt. Dafür war er immer interessiert daran, über möglichst viel freie Zeit zu verfügen. So bat er seine Vorgesetzten 1984 erstmals um einen sechsmonatigen unbezahlten Urlaub. Das war damals ein revolutionärer Akt. Seine Gegenleistung bestand in dem Versprechen, der Migros während weiterer drei Jahre treu zu bleiben. Der Betriebswirtschaftler bekam, was er wollte, reiste mit dem Velo quer durch die USA und las sich durch einen Berg von Fachliteratur. Voller Energie, Biss und neuer Ideen kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück: "Ich war geladen", so De-Maddalena, "wie ein Sportler, der ein halbes Jahr keinen Wettkampf hatte, brauchte dringend wieder berufliche Erfolge und soziale Akzeptanz und wollte den - vermeintlichen -Rückstand gegenüber meinen Kollegen wettmachen." Fünf Jahre später zog es ihn erneut in die Ferne. Da er inzwischen zum Abteilungsleiter aufgestiegen war, stellten sich neue, schwierigere Fragen: Wer würde ihn ersetzen? Wie würde sein Team ohne ihn klarkommen? Schlecht, sollte er bald erfahren und litt unter Schuldgefühlen, dass er seine Leute "im Stich gelassen hatte". Nichtsdestotrotz koppelte er sich vollständig ab, reizte auf Wüsten- und Wildnistrips seine Grenzen aus, verschlang Buch um Buch und machte punkto Fachwissen wiederum "einen Quantensprung." Bei seiner Rückkehr nahm er überrascht zur Kenntnis, wieviel Neid ihm entgegenschlug. Da hatte er offenbar etwas in die Tat umgesetzt, von dem viele träumen, es aber niemals zu realisieren wagen. Seither gönnte sich der 48jährige eine weitere Arbeitspause von sogar acht Monaten und ist inzwischen nur noch zu fünfzig Prozent bei der Migros angestellt. Da er damit über grössere Zeitsouveränität verfügt, hat er momentan kein Bedürfnis nach einem Sabbatical, wie Unternehmen diese Arbeitszeit-Variante heute nennen. Sabbaticals, deren sprachliche Wurzel im biblischen Sabbattag (von hebräisch "schabbat", ruhen) liegt, wurden ursprünglich an den amerikanischen Hochschulen eingeführt und von dort nach Europa übernommen. So haben auch hiesige Professoren Anspruch darauf, jeweils nach Vollenden von sechs Dienstjahren ein bezahltes Freisemester zu beziehen, in dem sie sich, entbunden von allen Lehrverpflichtungen, ganz ihrer Forschungstätigkeit widmen können. Eine professorale Grosspause muss zwar per Antrag begründet werden, wird aber - dem Status des Bezügers entsprechend - in keiner Art und Weise kontrolliert. Beansprucht werden diese Freisemester von allen, denen sie zustehen - das ist an den Universitäten keine Frage. Wer etwas auf sich hält, verwendet den Begriff "Sabbatical" bereits wie ein trendiges In-Wort. So zog sich etwa die deutsche Bestseller-Autorin Ute Ehrhardt ("Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überallhin") nach dem unerwarteten Grosserfolg mit ihrer Familie für ein "Sabbatjahr" nach Australien zurück. Der italienische Sänger Eros Ramazotti verkündete an seiner Hochzeit, dass er sich im kommenden Winter eine einjährige Sabbatpause vom Musik-Business gönnen werde, um sich ganz seiner kleinen Tochter zu widmen. Nur in den Unternehmen der Privatwirtschaft verfügen Sabbaticals noch immer über einen geringen Stellenwert. Langzeitpausen, die sogar bezahlt und unabhängig von Firmeninteressen gestaltet werden können, sind im besten Fall Zukunftsmusik. Bei der Credit Suisse haben immerhin Direktoren, die zwischen 50 und 55 Jahre alt sind und zehn Jahre ihre Pflicht erfüllt haben, das Recht, sich während drei bezahlter Monate frischen Wind um die Ohren blasen zu lassen. Bis ins Jahr 2000, hat die Bank errechnet, werden zwanzig der 500 bezugsberechtigten Personen von diesem Privileg Gebrauch machen. Bei der Post ist ein Arbeitszeitmodell traktandiert, das von 41 gearbeiteten, aber nur 38 ausbezahlten und drei auf Zeitkonten gesparten Wochenarbeitsstunden ausgeht, über die individuell verfügt werden kann. Das heisst, wer lange genug spart, bringt es eines Tages sogar zu einem mehrmonatigen Sabbatical. Auch der neue Gesamtarbeitsvertrag der Schweizer Maschinenindustrie sieht Zeitkonten vor, auf denen berstunden deponiert werden, die die einzelnen variabel, aber im Einklang mit den Betriebsinteressen beziehen können. In der SAirGroup, deren Personal, geschüttelt von Restrukturierung, erst langsam wieder zu Atem kommt, sind Langzeiturlaube überhaupt kein Thema. Auch bei der Schweizer Rückversicherung, der Winterthur Gruppe und dem Technologie-Konzern Rieter wurde bisher nur eine schwache Nachfrage nach mehrmonatigen und - notabene - unbezahlten Arbeitspausen ausgemacht. Selbst bei der Migros, die ihren Kaderangehörigen als Gegenwert für geleistete berstunden den sogenannten "individuellen bezahlten Urlaub" - kurz "ibu" - offeriert, gönnen sich die gestressten Manager höchstens ein- oder mehrtägige, aber ganz selten monatelange Unterbrüche. All diesen Erfahrungen zum Trotz sagen die Experten dem Sabbatical eine gute Zukunft voraus. "Eine Grosspause", konstatiert der St. Galler Unternehmensberater Rolf Th. Stiefel, "ist ein Mittel der persönlichen und beruflichen Erneuerung, das keineswegs nur dem einzelnen Mitarbeiter nützt, sondern im gleichen Masse auch seinem Arbeitgeber." Es ermögliche Weichenstellungen und Klärungsprozesse, die im Alltag meist zu kurz kommen, sich aber als diffuse Blockaden bremsend auf die Leistungsfähigkeit auswirken. In einer Zeit von zunehmendem Tempo, Druck und Stress seien mehrmonatige Unterbrüche, so Stiefel, aber auch unerlässlich, damit die vielen ausgebrannten Manager ihre Batterien aufladen, sich auf Reisen, an einer Universität im Ausland oder in fremden Tätigkeitsfeldern neue Impulse holen und wirklich regeneriert in ihren alten Wirkungskreis zurückkommen können. Damit ein Sabbatical das gewünschte Resultat zeitigt, müssen seine Bezüger, nach Einschätzung des Arbeitspsychologen und Professors Eberhard Ulich, über die Sicherheit verfügen, "nach ihrer Abwesenheit an einen mindestens gleichwertigen Arbeitsplatz zurückkehren zu können." Auf keinen Fall dürften die Betroffenen zu "freizeitorientierten Faulenzern" abgestempelt werden, deren Karrierechancen beeinträchtigt würden. Unabdingbar sei auch die partielle oder - besser noch - volle Lohnfortzahlung. Ideal, so Ulich, wäre es, wenn Sabbaticals integraler Bestandteil der Firmenkultur wären und von allen Angestellten als "ganz normal angeschaut werden". Genauso verhält es sich in dem Aargauer Planungs- und Architekturunternehmen Metron AG, das über ein ausgeprägtes Mitbestimmungsmodell verfügt. Ehemals sechs, inzwischen noch drei Prozent der Arbeitszeit werden jedem einzelnen der rund hundert Mitarbeitenden für sogenannte Bildungsurlaube zurückgestellt. Was die einzelnen in den meist als drei- bis viermonatigen Grosspausen bezogenen Sabbaticals dann wirklich machen, ist ihnen freigestellt. Die Architektin Lucia Vettori, die seit 1985 bei der Metron AG angestellt ist und letztes Jahr bereits zum zweitenmal eine mehrmonatige Auszeit einschalten konnte, nahm beispielsweise an einem Wettbewerb in einer fremden Ateliergemeinschaft teil und leistete sich zusätzlich den Luxus einer vierwöchigen Reise: "Ich brauchte Abstand", sagt die 41jährige, "Tapetenwechsel, neue Gesichter und eine andere Aussicht, wenn ich aus dem Fenster blickte." Die Rückkehr an ihren alten Arbeitsplatz habe sie als "unstimmig" erlebt. Da sei sie drei Monate weggewesen, habe viel Neues erlebt und hätte sich eigentlich etwas mehr Aufmerksamkeit von seiten ihrer Kollegen gewünscht. Dabei wisse sie ja selber, dass der berufliche Alltag alle in seinen Bann ziehe und kaum Platz für anderes lasse. Dessen ungeachtet habe sie wichtige und wertvolle Erfahrungen gemacht: "Unterbrüche", sagt sie, "tun einfach gut und konfrontieren einen mit Fragen, die sonst untergehen." Sie wisse heute, dass sie aus der Arbeit aussteigen und etwas Neues und Befriedigendes machen könne: "Ich bin auch im Hinblick auf die Pensionierung froh um diese Horizonterweiterung." Sabbaticals lassen Menschen wieder einmal innehalten und durchatmen. Sie geben ihnen Zeit und Musse zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen ihrer Lebenssituation. Nicht zuletzt deshalb, konstatiert Professor Ulich, hätten viele Unternehmen auch Angst vor dem neuen Arbeitszeitmodell: "Sabbaticals stellen ähnlich wie einst die gleitende Arbeitszeit die traditionellen Kontrollwünsche und Machtbedürfnisse der Unternehmen in Frage und lösen deshalb Abwehr aus." Misstrauen hegen aber auch noch viele Arbeitnehmer, die von bestehenden Sabbatical-Angeboten oftmals nur zögerlich Gebrauch machen. Da heisst es zwar in der Kantine, dass so eine "Mega-Pause das Grösste wäre", aber in Tat und Wahrheit haben viele "höllisch Respekt davor." Die Experten kennen dieses Phänomen. Die einen, weiss Ulich, hätten Angst, "einen Teil ihres sozialen Bezugssystems zu verlieren." Fragen, ob es denn die Ehefrau und Kinder überhaupt schätzen, wenn sie ihren Gatten beziehungsweise Vater einem Frührentner gleich plötzlich wochenlang an ihrer Seite haben, tauchen auf. Andere machten sich Sorgen, so Ulich, dass sich in ihrer Abwesenheit ein Kollege zu sehr für ihre Stelle interessieren könne. Fast alle fragten sich bange, was sie denn wohl bei ihrer Rückkehr antreffen werden und ob sie ihren Vorgesetzten mit ihrem zeitweiligen Ausscheiden nicht regelrecht unter die Nase gerieben hätten, wie entbehrlich sie seien: "Das sind Phantasien", sagt der Professor, "die gar nicht zum Bild des Helden der Arbeit passen." Ein Sabbatical, konstatiert denn auch Sergio De-Maddalena, ist eine Erfahrung, die viel Selbstbewusstsein und das Wissen um den eigenen Wert voraussetzt. Doch damit nicht genug. Die mehrmonatige Arbeitspause sei ein persönliches Grossprojekt, das zwei, drei Jahre im voraus beschlossen und dann geplant werden müsse: "Der Bezug eines Sabbaticals", sagt De-Maddalena, "ist ein Akt, der enormen Willen und viel Energie erfordert und seinen Preis kostet." So habe er im vorausgehenden Jahr "Spitzenleistungen erbracht" und weit mehr als hundert Prozent gearbeitet, um finanziell über die unbezahlten Runden zu kommen. Lucia Vettori erfuhr, wie schwierig es ist, just in dem Moment, in dem man sich erschöpft und ausgelaugt fühlt, Ideen zur sinnvollen Gestaltung der langen Pause zu entwickeln: "Doch diese Vorbereitung muss sein, damit man nicht unvermutet in ein Loch fällt." Sie plädiere daher für die Möglichkeit, mehrere Sabbaticals im Verlauf des Arbeitslebens beziehen zu können und somit die "Chance zum Experimentieren zu haben." Allen Ängsten und Unsicherheiten zum Trotz äussern sich Mitarbeitende von Firmen, in denen flexible Arbeitszeitmodelle bereits fest verankert sind, sehr positiv über die so gewonnene Freiheit. Gemäss einer deutschen Untersuchung zählen die Angestellten des Computer-Herstellers Hewlett Packard die bestehende Arbeitszeitflexibilität zu einer der sechs am höchsten bewerteten Firmenqualitäten. Auch in der Metron AG ist die Belegschaft nicht zuletzt deshalb ausgesprochen zufrieden und loyal ihrem Arbeitgeber gegenüber. Unternehmensberater Stiefel weist auf den damit einhergehenden Image-Gewinn einer Firma hin, die sich mit Fug als "progressiv und aufgeschlossen" bezeichnen dürfe. So ist zu vermuten, dass es den Sabbaticals ähnlich ergehen wird wie der gleitenden Arbeitszeit: Einst als unmöglich und unkontrollierbar verschrien, ist sie heute etablierte Normalität. Die Weltwoche, Nr. 30/1998 |
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