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Interview mit Aline Graf, der langjährigen geheimen Geliebten des Schriftstellers Niklaus Meienberg
Aline Graf, wie geht es Ihnen heute, ein halbes Jahr nach Erscheinen Ihres Tagebuchs "Der andere Meienberg", in dem Sie Ihre acht Jahre als heimliche Geliebte des verstorbenen Schrifstellers beschreiben? Aline Graf (nach einer langen Pause): Es geht mir sehr gut. Tatsächlich? Immerhin haben die meisten Kritiker Ihr Buch in Grund und Boden gestampft. Graf: Aber ich habe auch viele positive Reaktionen bekommen, einzelne Artikel, Briefe, Telefonanrufe und Sympathiebekundungen auf der Strasse. Vergessen Sie nicht: Sogar der "Spiegel" hat mein Buch wohlwollend besprochen. Das ganze war für mich eine hochinteressante Erfahrung, die mir viel über den Zustand der Schweiz offenbart hat. Trotzdem: Sie wurden dermassen heftig attackiert, ja, teilweise regelrecht mit Häme überzogen und wirkten bei Fernsehauftritten mitunter so, als stünden Sie kurz vor einem Zusammenbruch. Das muss doch Spuren in Ihnen hinterlassen haben. Graf: Natürlich brauchte ich nach all diesen Erlebnissen eine Rekreationsphase. Ich habe viel meditiert, und im Juni bin ich auch für ein paar Wochen zu Freunden nach Holland gefahren, - ich konnte kein Schweizer Gesicht mehr sehen. Es gab Phasen, in denen ich mich wirklich verwünscht und mir gesagt habe: 'Scheisse! Warum hast du dieses Buch publiziert?' Und trotzdem war der Entscheid richtig. Was waren die verletzendsten Reaktionen für Sie? Graf: Wirklich gekränkt hat mich die Impertinenz solcher Leute, die zwar selber noch nie eine Zeile Meienberg gelesen haben, sich aber nicht entblödet haben, mich auf reinstem Biertischniveau niederzumachen. So geschehen zum Beispiel in der Sendung "Talk Täglich" von Herrn Schawinski. Diese Art von Ungeistigkeit habe ich als echten Horror empfunden. Mit solchen Reaktionen haben Sie doch aber rechnen müssen. Schliesslich haben Sie ein höchst intimes Tagebuch vorgelegt, und noch dazu über einen Toten, dem Sie sozusagen posthum die Unterhose ausgezogen haben. Graf: Und was soll das heissen? Dass man über einen toten Mann nicht die Wahrheit schreiben darf? Na wunderbar: Tote Männer sind also automatisch gute Männer. Nein, ich weigere mich, bei dieser ganzen verlogenen Tabuisierung von Tod und Selbstmord mitzumachen. Und ich halte auch nichts davon, aus Künstlern und Schriftstellern halbe Heilige zu machen, die Anrecht auf eine Sonderbehandlung haben. Meienberg war eine Person der Öffentlichkeit, und wenn eine solche Person moralisch verwerfliche Sachen macht und eine Frau acht Jahre lang in seiner Abhängigkeit hält, darf man das ja wohl schreiben. Viele Kritiker fanden, dass der sprachgewaltige Meienberg zumindest Anspruch auf ein besser geschriebenes Buch gehabt hätte. Graf: Die Kritik an meiner schriftstellerischen Leistung musste ja kommen. Die ist an mir abgelaufen wie Wasser. Ich habe sogar gut verstanden, warum vor allem Männer so dreingeschlagen haben. Mein Buch hat doch Ängste geweckt. In einer Fernsehsendung hat es ja ein Mann selber formuliert: Hilfe, wenn jetzt alle Frauen anfangen, heimlich solche Tagebücher über uns zu schreiben. Es ist den Männern verdammt lästig, dass eine Frau das Schweigen gebrochen und dann gleich einen der grössten von ihnen entzaubert hat. Das hat auch Aggressionen ausgelöst. Mit anderen Worten: Sie geben sich unbeeindruckt von der Tatsache, dass Sie mit diesem Buch ganz sicher nicht Ihren Durchbruch als Schriftstellerin geschafft haben? Graf: Ich habe, unter anderem auch im "Spiegel", sehr positive Kritiken bekommen und wurde mit den österreichischen Schriftstellerinnen Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz verglichen. Das ist ja wohl nicht nichts. Ausserdem ist mein Buch ein Bestseller geworden... Bestseller? Ihr Buch wurde bisher höchstens 4500mal verkauft... Graf: Das ist viel für ein Land, dessen Bewohner gemäss statistischer Erhebung durchschnittlich nur ein Buch pro Jahr lesen. Zudem hatte mein Buch eine riesige Medienpräsenz. Die verdankt es aber weniger seiner literarischen Qualität als der attraktiven Kombination aus dem Namen Meienberg und Ihrer Rolle als seiner ehemaligen Geliebten. Graf: Zugegeben: Meine schnelle Berühmtheit verdanke ich dem Namen Meienberg; dessen bin ich mir bewusst. Aber das sehe ich als Obulus, den M. mir schuldete, - nach all dem Leiden, das er in meinem Leben verursacht hat. Hätten Sie - im Nachhinein betrachtet - irgendetwas an Ihrem Buch ändern sollen? Sie hätten ja zum Beispiel alle Personen inklusive Meienberg unkenntlich machen und eine Art Roman publizieren können. Das hätte Ihnen mit Sicherheit viel Ärger erspart. Graf: Das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen. Wissen Sie, ich will als moderne Schriftstellerin vor allem ins Hier und Jetzt eingreifen, Diskussionen, auch Skandale auslösen - und so gesehen bin ich regelrecht stolz, dass mein Buch einen solchen Wirbel ausgelöst und bis im hintersten Winkel der Schweiz zu Streit, ja, wie ich gehört habe, fast zu Prügeleien Anlass gegeben hat. Die heftige Polemik ermuntert mich sogar, an diesem tagtäglichen Geschlechterkampf weiterhin mitzuwirken. Auch Meienberg, dem ich vom Charakter her in vielem sehr verwandt bin, ging es ja vor allem darum, auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Inhaltliche Debatten hat Ihr Buch dann ja trotzdem nur ganz am Rande ausgelöst. Es wurde weder über Meienbergs Verhalten Ihnen gegenüber diskutiert noch allgemein über Beziehungen, Macht und Sexualität. Graf: Öffentlich nicht. Das stimmt. Professor Peter von Matt lädt mich nicht zu einem Vortrag an die Universität Zürich ein, obwohl das eigentlich seine Aufgabe wäre. Aber in privaten Gesprächen wurde ich wieder und wieder auf solche Themen angesprochen. Was an Ihnen immer wieder irritiert, ist Ihre ungebremste Neigung zum - man kann es wirklich nicht anders nennen - Grössenwahn. Sie vergleichen sich öffentlich mit Truman Capote, reden vom Literatur-Nobelpreis, den Sie anstreben, und kündigen an, Meienberg jetzt dann literarisch überflügeln zu wollen. Ist Ihnen die Bodenhaftung abhanden gekommen? Graf: Nein - da haben Sie etwas falsch verstanden. Beispiel: Literatur-Nobelpreis. Den wünscht sich doch jeder Schriftsteller, jede Schriftstellerin, wenn sie ehrlich sind. Und ich habe mich schon immer am obersten Level orientiert. Sonst könnte ich das Schreiben ja als Hobby betreiben, wie es die meisten machen. Aber ich möchte mit meinen Büchern Geld verdienen. Und apropos Grössenwahn: Männer können so viel Grössenwahnsinn an den Tag legen, wie sie wollen. Egal. Frauen dagegen bekommen für das gleiche Vergehen sofort eins auf's Dach. Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Schriftstellerin? Haben Sie nach dieser Abfuhr überhaupt eine Chance, weiterhin Bücher zu publizieren? Graf: Aber sicher. Mir liegen Angebote verschiedender Verlage vor. Das war mein erstes, noch relativ harmloses Buch. Aber die Öffentlichkeit wird mit mir rechnen müssen - da kommt noch einiges. Das heisst, Ihnen ist die Lust am Schreiben also noch keineswegs vergangen? Graf: Im Gegenteil. Ich bin eine Kämpferin und glaube sogar, dass mich eher zu viele gute Kritiken lähmen würden. Bei jeder weiteren Publikation sind Sie ganz allein als Schriftstellerin Aline Graf gefordert und können nicht länger vom Nimbus der Meienberg-Geliebten profitieren. Macht Ihnen das Angst? Graf: Nein, überhaupt nicht. Auch wenn ich mich in gewissen Phasen meines Lebens von einem Mann wie M. habe demütigen und abhängig machen lassen, bin ich heute sehr viel selbstbewusster geworden. Schliesslich habe ich mich - anders als die meisten Frauen berühmter Männer - dann doch nicht ganz unterbuttern lassen, sondern bin aufgestanden und habe meine Erfahrungen transparent gemacht. Abgesehen davon ist es meine feste berzeugung, und da bin ich hochreligiös, dass das Leben von mir verlangt, dass ich schreibe. Das klingt ziemlich abgehoben. Was soll dieser Satz konkret bedeuten? Graf: Ich glaube nicht, dass wir uns unsere Position im Leben aussuchen können, sondern dass jeder Mensch auf der Welt seine ganz eigene Bestimmung hat - und meine besteht unter anderem darin zu schreiben.
Kritik-Stilblüten an Aline Graf: "Der andere Niklaus Meienberg - Aufzeichnungen einer Geliebten", 1998 Basler Zeitung/23. April
1998: Weltwoche/12.März
1998: Tages-Anzeiger/1. April
1998: Die Wochenzeitung/ 9.
April 1998: Sonntags-Zeitung, Nr. 36/1998 |
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