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Wie Beatrice Tschanz nach dem Absturz der Swissair-MD 11 die Öffentlichkeitsarbeit managte
Gegen ihre Gewohnheit war Beatrice Tschanz am Morgen des 3. September bereits um sechs Uhr wach. Als eine Viertelstunde später das Telefon läutete, griff sie verschlafen und nichtsahnend nach dem Hörer: "Bea, du muesch cho, en MD 11 isch abbe", drang es in ihr Ohr. Wie versteinert stand sie ein paar Sekunden da, zog sich dann wie von Geisterhand bewegt an und schaltete gleichzeitig den amerikanischen Fernsehsender CNN ein. In jenem Moment, erinnert sie sich und hat wieder Hühnerhaut auf den Unterarmen, als sie das von den TV-Produzenten bereits kreierte Symbolbild eines sich nahezu senkrecht ins Meer bohrenden Swissair-Fliegers gesehen habe, sei ihr erst wirklich bewusst geworden, was passiert sei: "Das war wie ein Schlag." Als sie kurz darauf im Emergency-Room der SAirGroup eintraf, war die Konzernspitze bereits vollzählig versammelt. Die Stimmung war gedrückt, aber ruhig. Sie selber aber sei angesichts der geballten Fachkompetenz einen Moment lang fast in Panik geraten und habe sich einschärfen müssen: 'Bea, konzentrier dich. Denk nach, triff Entscheide und handle: Jetzt ist Professionalität gefragt, die Zeit für persönliche Gefühle kommt später.' Dieser Akt von Disziplinierung muss ihr trotz langjähriger Berufserfahrung diesmal besonders schwer gefallen sein. Vor zwanzig Jahren nämlich erfuhr sie hautnah, welchen Schmerz die Hinterbliebenen erleben: Ihr Ehemann hatte 1979 bei der missglückten Landung einer Swissair-Maschine in Athen zwei nahe Verwandte verloren und musste zur Identifizierung der Leichen an den Unglücksort reisen. Selbstverständlich, sagt sie, seien all die alten Erinnerungen wieder wachgeworden: "Und trotzdem musste ich hier und jetzt meine Arbeit verrichten." Seither hat die Kommunikationschefin der SAirGroup eine Parforce-Leistung erbracht, hat Pressekonferenzen organisiert, Medienauftritte vermittelt oder selber Interviews gegeben wie jenes in Roger Schawinskis "Talk Täglich", in dem sie mit ihrer Präsenz und Authentizität bestach. Das elegante Verwaltungsratszimmer im Head Office auf dem Balsberg - intern auch "Rittersaal" genannt - hat sie inzwischen in ein Medienzentrum verwandelt und mit allen technischen Schikanen ausrüsten lassen, um das auch Tage nach dem Absturz der MD 11 nach wie vor riesige Interesse der Zeitungs- und Fernsehredaktionen aus der ganzen Welt zu befriedigen. Anders als vielerorts vermutet, konnte sie nicht auf ein bereits vorliegendes Kommunikations-Handbuch für den Notfall zurückgreifen, sondern musste stattdessen Stunde für Stunde neue, der Aktualität angepasste Entscheide treffen. Mitunter geriet sie an Grenzen und verzweifelte schier, als sie zum Beispiel die Verantwortlichen des hausinternen Videoteams nie erreichte, aber realisieren musste, dass Filme, auf denen Absturzopfer zu sehen waren, an verschiedene Medien gelangt waren. Die 54jährige hat die "grösste menschliche und berufliche Herausforderung meines ganzen Lebens" trotzdem mit Bravour bestanden. Sogar der "Blick" erteilte ihr für ihr Krisenmanagement "beste Noten". Andere Medien bliesen ins gleiche Horn. Tschanz winkt ab: "Nur keine Lobhudelei". Das ganze sei die Leistung der gesamten Kommunikationsabteilung, ja, des gesamten Konzerns gewesen und sie schätze es gar nicht, "als Einzelmaske auf's Silbertablett gehoben zu werden." Man glaubt ihr auch diese Aussage auf's Wort. Denn wenn sie von den Anstrengungen der Angestellten spricht, von dem Einsatz jenes Monteurs, der ihr Dutzende von Telefonapparaten und Faxgeräten installiert und ihr unter Tränen beteuert hat, wie froh er sei, auch seinen kleinen Beitrag leisten zu können, oder von jenem Co-Piloten, der ihr eines Morgens als Zeichen seines Danks einen Blumenstrauss entgegenstreckte, ist sie wirklich gerührt: "Mein Gott", seufzt sie, "wenn wir geahnt hätten, unter welch tragischen Umständen der Leitspruch der SAirGroup von 1997: 'One group, one team, one spirit' neue Aktualität bekommen würde." All ihrer Bescheidenheit zum Trotz trägt die Informationstätigkeit der SAirGroup unverkennbar die Handschrift jener Frau, die nicht nur im Beruf für Werte wie Ehrlichkeit, Direktheit und Transparenz eintritt, sondern sie auch persönlich vorlebt. Beatrice Tschanz geht der Ruf voraus, ein "Temperamentsbündel voller Emotionalität und Spontaneität" zu sein. Sie nickt zustimmend und gibt sogar zu, sich unter dem Einfluss dieser Eigenschaften einem ihrer Chefs gegenüber einst so "sehr daneben benommen zu haben", dass sie nicht zuletzt deshalb ihre Stelle als Pressesprecherin im Verlagshaus Ringier verloren hat. Ihr Umgang mit Vorgesetzten ist tatsächlich unkonventionell. Via Radio 24 machte sie mit ironischem Unterton, aber dennoch unmissverständlich klar, dass Konzernchef Philippe Bruggisser ihr bei der Umsetzung der Kommunikations-Strategie zu "folgen hat". Sie möge nun einmal keinen falschen Respekt, sagt sie, und das ganze Theater um Hierarchien, Status und Titel sei ihr ganz einfach "wurscht", was allerdings nicht heissen solle - und jetzt wird ihre rauhe Stimme wieder ernst - dass sie das ungeheure Wissen und Know How ihres direkten Vorgesetzten nicht zu schätzen wisse. Beatrice Tschanz hatte es im Verlauf ihrer beruflichen Karriere, die sie ursprünglich als Journalistin bei "Annabelle", "Weltwoche", "Blick" und "Sonntagsblick" begonnen hat, schon mit etlichen illustren, aber selten einfachen Herren zu tun. Den kürzlich verstorbenen Publizisten Hans O. Staub hält sie hoch: "Er war eine Koryphäe und hat mich stark gefördert. Mit dem ehemaligen "Blick"-Chefredaktor Peter Uebersax gab es regelmässig Krach, weil sie weder seine "Sexmania" noch seine Ausländerberichterstattung vertrug: "Aber hochprofessionell war er - zweifellos." Als sie 1987 die Seiten wechselte und bei Ringier erstmals als Presseverantwortliche tätig war, ging ihr schnell die Lust am Job verloren, "weil in einem Verlagshaus" - wie sie sich für einmal diplomatisch ausdrückt - "sowieso alle besser wissen, wie man Informationspolitik betreibt." Seit eineinhalb Jahren ist sie nun Kommunikationsverantwortliche der SAirGroup und beteuert, damit ihren "besten beruflichen Entscheid gefällt zu haben." Sie habe hier einen Gestaltungsfreiraum wie noch nie, da die Konzernspitze erkannt habe, dass Kommunikation nicht länger eine leere Hülse bleiben dürfe, sondern - professionell betrieben - sogar zum Wettbewerbsvorteil werden könne. Begeistert erzählt sie vom Projekt eines "Corporate TV", mithin einer konzerneigenen Newsstation, deren erste Probeläufe vielversprechend seien und die auch im aktuellen Krisenfall nützliche Dienste hätte leisten können. Gleichzeitig geniesst sie das "tolle Umfeld"; sie kann es gut mit Bruggisser, dem die Medien zu Unrecht, wie sie betont, das Image eines "hölzigen und verklemmten Firmenbosses" anhängen würden. In Beatrice Tschanz' Gegenwart tauen halt auch eher unterkühlte Menschen schnell einmal auf. Wenn sie ihr Gegenüber stets mit dem vollen Vor- und Nachnamen ("Guete Tag, Fritz Müller") begrüsst, fühlt man sich rundherum willkommen geheissen. Wenn sie statt "Flugzeug" bisweilen salopp von "Göppel" spricht, versteht man gut, dass sie im eleganten Head Office der Airline auf dem Zürcher Balsberg eher als "bunter Hund" denn als "vornehme Dame" gilt. Ihre Mitarbeiter lieben ihren Witz und herben Charme, aber auch ihre Energie und Entscheidungsfreude: "Mit Bea Tschanz", heisst es, "kann man wirklich etwas anpacken und gestalten." Zur Zeit allerdings muss sie ihre Kräfte etwas haushalterischer einteilen als sonst. Die letzten Tage, in denen sie mitunter kaum ein, zwei Stunden geschlafen hat, haben auch an ihrer Kondition gezehrt, die dank Tennis, Schwimmen und sehr diszipliniertem Lebenswandel eigentlich gut ist. Gewissen psychischen Belastungen hat sie sich regelrecht entziehen müssen. So sei ihr Entscheid, das Care-Team, das sich um die Hinterbliebenen kümmert, aufzusuchen und ihm Mut zuzusprechen, schlicht zu viel gewesen. Sie sei von dem Leid schier überwältigt worden und habe sich sagen müssen: 'Klemm ab, Bea, so viel Stress auf's Mal verkraftest du nicht.' Schliesslich sei die Krise auch bei weitem noch nicht ausgestanden. Jetzt habe man zwar "die erste heisse Phase" gemeistert, aber die Klärung so brisanter Fragen wie der nach der Ursache des Absturzes und deren ehrliche Kommunikation stünden noch bevor. Erst wenn auch der Teil der Arbeit in Angriff genommen sei, seufzt sie tief, werde sie sich jenen persönlichen Luxus leisten, auf den sie sich jetzt schon freue: "Ein klassisches Konzert besuchen, dasitzen, zuhören und wieder einmal richtig entspannen." Tages-Anzeiger, Nr. 211/1998 |
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