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Interview mit der Bestseller-Autorin Eva Zeltner zum Problem des Generationenmix
In ihrem neuen Buch "Generationenmix" entwirft Eva Zeltner das düstere Bild einer Gesellschaft, in der sich die Alten verzweifelt auf jung trimmen und nichts mehr scheuen, als Verantwortung zu übernehmen.
Eva Zeltner, Sie sind 67 Jahre alt, sehen aber viel jünger aus. Wie alt fühlen Sie sich? Eva Zeltner: Schwer zu sagen. Im Grunde genommen fühle ich mich nicht viel anders als mit 40, und es kommt mir manchmal schon komisch vor, dass ich jetzt eine 67jährige Frau bin. Mein Gott, darunter habe ich mir früher etwas schier Greisenhaftes vorgestellt. Ärgert es Sie, dass Ihr Alter bekannt ist? Altsein gilt in unserer Gesellschaft ja nicht gerade als Gütesiegel. Zeltner: Ich hatte trotzdem nie Mühe damit, dass alle Leute mein Alter kennen. Mir sind auch - bis jetzt mindestens - Diskriminierungen erspart geblieben. Was heisst Alter konkret für Sie? Zeltner: Altsein heisst für mich, an zeitliche, eines Tages vielleicht auch körperliche Grenzen zu stossen. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich gewisse Sachen, die ich eigentlich auch noch gern machen würde, nicht mehr realisieren kann. Das ist eine Erkenntnis, mit der ich mich schwer tue. Löst diese Erkenntnis Trauer oder Wut in Ihnen aus? Zeltner: Nein, sie zwingt mich vor allem zu Bescheidenheit. Ich habe einsehen müssen, dass es ja möglicherweise auch gar nicht so wichtig ist, alles und jedes im Leben machen zu können. Traurig stimmt mich eher die Vorstellung, dass ich eines Tages mir nahestehende Menschen verlieren werde. Hatten Sie jemals Angst vor dem Altwerden? Zeltner: Nein, höchstens eine Art Unbehagen und Ungewissheit. Gab es bisher irgendeine Erfahrung in Ihrem Leben, die Ihnen klar gemacht hat, dass Sie tatsächlich ein gewisses Alter erreicht haben? Zeltner: Ein einschneidendes Erlebnis war die Aussage einer meiner Söhne: "Muttchen, jetzt siehst du wirklich alt aus." Dieser Satz hat mich irritiert. Richtig erschrocken bin ich, als ich vor einem halben Jahr für kurze Zeit unter einer Art Gedächtnisverlust litt. Da dachte ich natürlich, jetzt ist es passiert, das ist Alzheimer oder sonst was. Es war zwar nur ein Stress-Symptom, hat mir aber deutlich gezeigt, dass ich wirklich nicht mehr 30 bin. Viele Menschen empfinden ihren vierzigsten Geburtstag als Schwelle zum Alter - und geraten in eine Krise. Wie war das bei Ihnen? Zeltner: Ich kenne auch viele Leute, die panisch werden, weil sie denken: Hilfe, vierzig Jahre, jetzt ist alles gelaufen. Bei mir war das anders. Im Vorfeld meines vermeintlich 40. Geburtstags habe ich mal nachgerechnet und festgestellt, dass ich ja erst 39 werde. Mir haben die nackten Zahlen eigentlich nie viel gesagt. Auch meinen 50. Geburtstag habe ich noch locker weggesteckt. Erst der 60. ist mir etwas mehr unter die Haut gegangen. Was der 70. wohl auslösen wird? Dann werde womöglich auch ich unwiderruflich das Gefühl haben, alt zu sein. Haben Frauen mehr Mühe mit dem Altwerden als Männer? Zeltner: Das war mindestens bisher so. Frauen werden ja auch kritischer beurteilt als Männer. Denken Sie ans Fernsehen. Eine Moderatorin gilt schnell einmal als zu alt, während ihr Kollege problemlos bis ins Pensionierungsalter auftreten kann. Doch da verändert sich langsam etwas... In welche Richtung? Zeltner: Ich stelle fest, dass immer mehr junge Männer Angst vor dem Altwerden haben. Sie befürchten, dass ihr Körper dahinwelken und nicht mehr attraktiv genug sein könnte. Haarausfall kann zur persönlichen Tragödie werden. Ein junger Mann aus meinem Bekanntenkreis sagte mir kürzlich, er hätte sich das Leben genommen, wenn er kein passendes Haarteil gefunden hätte. Das ist extrem, aber durchaus symptomatisch. Männer holen ja auch auf in Sachen Kosmetik, Fitness und Schönheitschirurgie. Wie alt ist Ihr Mann? Zeltner: Er ist sechs Jahre jünger als ich, - was ich (sie lacht) ideal finde angesichts der geringeren Lebenserwartung des männlichen Geschlechts. Welche Erinnerungen haben Sie an das Altwerden Ihrer Eltern und Schwiegereltern? Zeltner: Mein Vater ist mit 56 an einem Hirnschlag gestorben, Knall auf Fall. Ihn habe ich gar nie richtig als alten Mann erlebt. Mein Schwiegervater absolvierte mit 70 noch einen Dirigentenkurs; meine Mutter wurde mit 65 Jahren nochmals als Lehrerin gewählt und unterrichtete, bis sie 71 war. In meiner näheren Umgebung haben also die meisten ihr Alter auf eher unkonventionelle Art gestaltet. Da passen Sie ja bestens dazu. Sie haben nämlich mit 53 Jahren sozusagen über Nacht Ihre Stelle als Lehrerin gekündigt, ein Psychologie-Studium begonnen und sieben Jahre später mit dem Lizentiat abgeschlossen. Wie kam es dazu? Zeltner: Ich hatte einen Traum, der mir deutlich zu verstehen gab: Wenn du noch etwas Neues in deinem Leben anpacken willst, musst du es jetzt tun. Also habe ich gehandelt - schnellentschlossen und vielleicht von dem Ehrgeiz getrieben, zu beweisen, dass man auch mit 53 noch studieren kann. Welche Bedeutung hatte dieses Studium für Ihren Lebensverlauf? Zeltner: Es hat mich enorm bereichert, zwischenmenschlich und fachlich. Ohne das Studium hätte ich kein einziges Buch schreiben können. Abgesehen davon muss es Ihnen doch auch eine ungeheure Spannkraft verliehen haben. Während Ihre Altersgenossen langsam einen Gang zurückschalteten, sind Sie nochmals voll durchgestartet. Zeltner: Ja, klar - und ich hatte zeitweise auch wirklich die Illusion, ich sei viel jünger und powervoller und könne alles. Es war eine grosse Selbstbestätigung für mich, dass ich immer noch so gut lernen kann. Inzwischen sind die alten Menschen generell auf dem Vormarsch. Sie bilden sich nicht nur weiter, sondern treiben alle Arten von Sport, reisen um den ganzen Erdball. Eine begrüssenswerte Entwicklung? Zeltner: Ja und nein. Natürlich finde ich es gut, wenn sich das Bild des alten Menschen verändert und unsere Gesellschaft langsam merkt, dass Altsein nicht gleichzusetzen ist mit Senilsein. Dass sich aber immer mehr Alte bereits zwanghaft auf jung trimmen, also einem regelrechten Jugendkult erliegen, halte ich für eine peinliche, aber vor allem auch gefährliche Sache. Gefährlich für wen? Zeltner: Für die jungen Leute. Die Jungen müssen doch einen Bereich haben, in dem sie unter sich sein, ihre eigenen Erfahrungen machen und auch einmal schockieren können. Wo gibt es denn in unserer ach so toleranten Gesellschaft, in der alle hip, in und vor allem jung sein wollen, noch solche Bereiche? Die sogenannten Erwachsenen verüben doch regelrechte Raubzüge auf die Welt der Jungen, stolpern auf Inlineskates durch die Städte, "snöben" über die Pisten und tun cooler als ihre Söhne und Töchter, die sich im übrigen halbtot lachen über ihre kindischen Alten. Machen Sie selber gewisse Sachen nicht mehr, weil Sie sich für zu alt halten? Zeltner: Ich neige auch dazu, mich eher ein bisschen zu jung zu geben. Beispiel Kleider. Da gehe ich natürlich hemmungslos in einen Teenie-Laden und kaufe mir mein Zeug. Gewisse Grenzen würde ich trotzdem nicht überschreiten: Ich würde sicher nicht nabelfrei herumlaufen oder mich piercen oder tätowieren lassen - geschweige denn auf Inlineskates durch die Strassen fahren. Offensichtlich fehlt es unserer Gesellschaft an einer wirklich guten und stimmigen Alterskultur. Die einen machen sich lächerlich, indem sie krampfhaft die Jugend kopieren... Zeltner: ...und die anderen hocken trübsinnig im Car und fahren in eine Rheumadecken-Fabrik. Beide Typen sind deprimierend und zementieren damit das Klischee vom Alten als senilem Depp. Ich denke auch, wir bräuchten dringend neue Bilder, wie man in Würde - nicht pathetisch gemeint - alt werden kann. In Ihrem neuen Buch "Generationenmix" findet man solche neuen optimistischen Bilder auf jeden Fall nicht. Stattdessen trägt es schwer an Ihrem Pessimismus. Ungnädig gehen Sie mit Gott und der Welt ins Gericht. Wo ist Ihre Zuversicht geblieben? Zeltner: Ich halte es tatsächlich für ein schwerwiegendes Problem, dass kein Mensch in unserer Gesellschaft mehr erwachsen werden und damit auch Verantwortung übernehmen will. Ich frage mich besorgt, was für eine Generation da nachkommt: Männer und Frauen, die ohne Vorbilder aufgewachsen sind, sich selber und dem Konsum überlassen, einzig an Fun, Thrill und der Shopping-Tour interessiert. Ich sehe diesbezüglich schon eher schwarz - und bin eigentlich manchmal richtig froh, dass ich nicht mehr jung bin. *Eva Zeltner, Generationenmix, Zytglogge-Verlag, 1998. Tages-Anzeiger, Nr. 229/1998 |
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