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Wo Schwule überwintern


Frank E., Mister Gay 97/98, liebt die internationale schwule Partyszene. Das letztjährige Silvesterfest verbrachte er in Miami South Beach, wo sich die jungen, schönen Körperkultbesessenen - kurz Muscle-Boys - ein Stelldichein geben. Er geniesse es, sagt der 29jährige Sportlehrer, unter seinesgleichen zu sein und unkompliziert Kontakte knüpfen zu können: "Eine Party mit Tausenden von Schwulen ist echt witzig." Genauso gern reist der Windsurf-Freak in den Wintermonaten nach Südafrika, das in der Gay Community nicht zuletzt dank seinem in der neuen Verfassung explizit festgehaltenen Diskriminierungsverbot der Homosexualität zunehmend beliebter wird.

Markus Oeschger, der Mitinhaber des Zürcher Schwulen-Reisebüros "Go Travel", schwört auf kombinierte Winterferien in den USA: eine Woche Skifahren in Breckenridge/Colorado mit Unterkunft in einem Gay-Hotel; anschliessend vierzehn Tage Badeurlaub in Fort Lauderdale/Florida, wo er sich den Luxus leistet, im Schwulen vorbehaltenen Fünfstern-Hotel "Royal Palms" abzusteigen. Der 41jährige weiss zu schätzen, dass jeden Morgen ein frisches Frotteetüchlein, gefaltet in Form eines Schwans, auf seinem Bett liegt: "Solche kleinen Zeichen der Aufmerksamkeit gefallen mir."

Wenn es in hiesigen Breitengraden kalt, nass und neblig wird, zieht es schwule Schweizer an die Wärme - "klimatisch gemeint", wie ein besonders Witziger ergänzt. Die Hitliste der europäischen In-Destinationen führt seit vielen Jahren die kanarische Insel Gran Canaria an, der sogar ein satirischer Reiseroman gewidmet ist: "Elvira auf Gran Canaria - Urlaub, Schwule, Strand und Tand" (Verlag rosa Winkel). Solch grosse Popularität mag auf den ersten Blick überraschen, ist Gran Canaria doch der Inbegriff eines vom Massentourismus verwüsteten Reiseziels: voller hässlicher Hotelkästen, deutscher Reisegruppen und Bockwurstbuden. Die Schwulen aber lieben die Insel, die im Laufe der Jahre mit ihrer eigenen Infrastruktur überzogen wurde. Da wimmelt es von Gay Bungalows, Gay Bars, Gay Clubs, Gay Discos - und wenn die "Heteros" gegen 22.30 Uhr das Jumbo Center in Playa del Ingles Richtung Hotelbett verlassen, übernehmen die Gays die Amüsiermeile und machen die Nacht zum Tag.

"Gran Canaria-Ferien", sagt ein Stammgast, "sind immer auch Sex-Ferien." Die Dünen von Maspalomas seien ja unter Schwulen auf der ganzen Welt als "Cruising-Point", will sagen "Aufriss-Ort" verschrieen, und in den touristischen Zentren der Insel floriere neben vielem anderem auch der kommerzielle schwule Sex prächtig. In vier Stunden ist man(n) am Ziel, das Preis-Leistungsverhältnis stimmt ebenfalls - kein Wunder, ist kaum noch ein Hotelzimmer für den November und Dezember zu haben.

Wer tiefer in die Tasche greifen mag und einen doppelt so langen Flug nicht scheut, reist nach Florida, das auch zwischen November und Februar Temperaturen von bis zu 30 Grad bieten kann. Key West, jener legendäre "gay meeting point" an der Südküste der USA, der in Spitzenzeiten bis zu 50 Prozent schwuler Touristen beherbergt hat, soll zwar gemäss Aussagen von Touristik-Experten etwas von seiner Anziehungskraft eingebüsst haben. Stattdessen sind Miami South Beach mit seinem wunderschönen Art Deco-Distrikt und Fort Lauderdale mit seinen kilometerlangen Stränden zu begehrten Reisezielen der Gay Community geworden, die bereits rund zehn Prozent der jährlichen Touristen stellt.

Grossstädte wie San Francisco, Los Angeles und New York mit ihrem beispiellosen Kultur- und Freizeitangebot stehen nach wie vor hoch im Kurs bei den Schwulen auf der ganzen Welt. Erlebnishungrige nehmen auch sechzehn Flugstunden in Kauf und jetten Ende Februar nach Australien, um in Sydney an der weltweit grössten Gay Parade "Mardi Gras" teilzunehmen.

Schwule reisen gern. Frei von familiären Verpflichtungen, nicht selten karriereorientiert und daher finanziell gut gebettet sind sie prädestiniert dazu, sich ihre Wünsche nach Freiheit und Abenteuer in der Fremde zu erfüllen. Das darf dann gern auch einmal etwas Exklusives sein wie beispielsweise eine neuntägige Gay-Cruise auf der MS Tropicale durch die Karibik. Im Februar nächsten Jahres ist es wieder soweit und rund 1000 Schwule, darunter immer mehr Schweizer, gehen an Bord, um sich dem ausgelassenen, mitunter schrillen Treiben am Pool, beim Mitternachtsbuffet oder Kostümfest hinzugeben. Die Nimmersatten können gerade anschliessend auf die "Star Flyer", eine Segelyacht, wechseln und eine schöne März-Woche in den Gewässern des Fernen Ostens kreuzen.

Wer auf Sex mit betont jungen Männern steht, geht am besten in Thailand von Bord. Der Winter in Phuket oder Pattaya verspricht nämlich nicht nur Wärme, sondern käufliche Liebe zu Dumpingpreisen. Auch in Marokko, wissen Kenner, bleiben europäische Reisende - trotz gesetzlichem Verbots der gleichgeschlechtlichen Liebe - keine drei Minuten allein. In Casablanca oder Agadir sind allerdings die Grenzen zwischen einem Strichjungen und einem einheimischen Schwulen, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet und sich gern einen Walkman oder ein paar neue Jeans schenken lässt, fliessend.

Warum in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah, fragen sich seit etlichen Jahren zwischen 80 und 120 Schwule aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Holland, Frankreich und Grossbritannien und verbringen jeweils im März eine Woche gemeinsam im "Hotel Schweizerhof" in Lenzerheide. "Skiing with international gays", kurz "Swing", heisst der beliebte Anlass, an dem man gemeinsam Ski fährt, sich in Berghütten zum Mittagessen oder abends zum Fondueplausch trifft, an der heimeligen Hotelbar plaudert und Adressen austauscht, denn die nächste Reise nach Berlin, Amsterdam, Paris oder London kommt bestimmt.

Die Reiselust der Gay Community ist auch verschiedenen Unternehmen der Tourismusbranche nicht verborgen geblieben. So hat die Fluggesellschaft American Airlines in den USA bereits eigene Abteilungen eingerichtet, die sich ausschliesslich den Bedürfnissen ihrer schwulen und lesbischen Kunden widmen. Aber auch in der Schweiz ist man dabei, sich als besonders "gay-friendly" zu positionieren und hat den Hauptpreis der diesjährigen Mister Gay-Wahlen, zwei Flugtickets in die USA, gestiftet. Viele Schwule nehmen solche Solidaritätsgesten sehr genau zur Kenntnis und belohnen die Spender - so Frank E. - "mit grosser Sympathie, die sogar dazu führen kann, dass man eine Marke wechselt." Eisenlohrs Worte in der SAirGroup' Ohr: Angefragt, ob man sich am Sponsoring der schwulen Schönheitskonkurrenz beteilige, winkte die Schweizer Airline ab.

Die Weltwoche, Nr. 42/1998

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