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Günter Netzer - der Fussballstar, der zuweilen immer noch hart ran geht
Günter Netzer bebt. Kaum wird er unseres Fotografen gewahr, rastet er aus. Obwohl der arme Mann kein Wort, geschweige denn ein böses, sagt, schmeisst Netzer ihn hochkant hinaus. Einfach so, weil ihm dessen Nase nicht passt. Alle Schlichtungsversuche missraten gründlich. Noch ein falsches Wort - und die Journalistin wäre hinterhergeflogen. Und das soll ein Grandseigneur sein, jener berühmte Mann von Welt, dessen Manieren allüberall in den höchsten Tönen gepriesen werden. Mag sein, dass er allergisch auf Fotografen ist. Vielleicht hat er diese Woche auch schon andere unliebsame Begegnungen mit Medienschaffenden hinter sich gebracht. Und trotzdem. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Da treffen wir uns in der von Netzer bevorzugten prächtigen Halle des Fünfstern-Hotels "Baur au Lac", die schönste Herbstsonne lacht, und wir freuen uns auf ein Interview mit dem souveränsten aller Fernsehkommentatoren, dem "Reich-Ranicki der Sportmoderation", wie ihn Uefa-Direktor Guido Tognioni in den TV-Himmel lobt. Was ist geschehen? Hatten uns die zwar äusserst spärlichen, dafür aber um so zuvorkommenderen telefonischen Kontakte geblendet? Zugegeben, wir wussten von Menschen, erwachsenen Frauen vor allem, die sich beim Anblick von Netzer wieder in kleine Mädchen verwandeln und angsterfüllt zurückweichen angesichts der ungeheuer autoritären, respektheischenden Ausstrahlung des 53jährigen, der am Fernsehen zwar wenig, dafür aber Hochkarätiges sagt, das schwer wiegt und - gemäss seiner Worte - "auch Bestand haben soll". Wir wollen sehen. Denn der Zorn, der ihn urplötzlich die Fassung hat verlieren lassen, ist so schnell verraucht wie entflammt, und unser Gespräch kann beginnen. Jetzt ist der gebürtige Rheinländer schon viel netter, kultiviert auch, professionell und richtig einnehmend. Innert Kürze wird klar, warum der Mann, der mit seinem grossflächigen Gesicht und seiner hartkantigen Frisur zwar eher an eine Comic-Figur als an einen Fernsehstar erinnert, derart grosse Wirkung entfacht. Nun ist er locker, lacht sogar ein-, zweimal, was man nach seinen stets mit Grabesmiene vorgetragenen TV-Kommentaren niemals erwartet hätte, ist offen und ehrlich wie nicht viele prominente Zeitgenossen. Er weiss sich auszudrücken und verfügt über ein ausgewachsenes Selbstbewusstein. Wenn er seinem Gegenüber in sonorem Ton erwidert "Es ist völlig richtig, was Sie sagen", fühlt man sich geehrt und glücklich wie eine Schülerin, die eine Sechs geschrieben hat. Das ist das berühmte Charisma, die Aura jenes Mannes, dessen hochprozentige Sachlichkeit ihn für viele über jeden Zweifel erhebt. Netzer sagt nicht irgendetwas X-Beliebiges, Netzer setzt seine Worte mit Bedacht, langsam, reglos und im Wissen, dass die Fernsehgemeinde ihm an den vollen Lippen hängt. Günter Netzer, wer sind Sie? Er ist mit Sicherheit eine schillernde Figur voller widersprüchlicher Facetten. Wie wenig andere hat seine Person zur Legendenbildung gereizt, unter der Sein und Schein manchmal durcheinandergerieten. Tatsache ist jedenfalls, dass der begnadete Fussballer in den siebziger Jahren als Mittelfeld-Regisseur des Bundesliga-Vereins Borussia Mönchengladbach Furore machte. Zur selben Zeit, in der auch der Münchner Franz Beckenbauer und der Kölner Wolfgang Overath für ein sportliches Hoch in den deutschen Stadien sorgten, schlug Netzer seine Traumflanken, liess sich die sandfarbenen Haare lang und länger wachsen und wagte es, gegen Hennes Weisweiler, seinen Trainer, aufzubegehren. Das war neu. Das hätten sich Beckenbauer und Overath niemals getraut, Netzer schon. Der Langmähnige kratzte am Lack der bis anhin unangefochtenen Autorität eines Trainers - und galt fortan als Rebell: "Das war keine Opposition um der Opposition willen", erinnert er sich nüchtern, "das war so meine Art." Zur ewigen Festschreibung des medienwirksamen Etiketts, das auch in zwei Buchtiteln ("Rebell am Ball", "Manager und Rebell") seinen Niederschlag fand, sollte es am 23. Juni 1973 kommen: Es war Cupfinal zwischen den rheinischen Erzrivalen Köln und Mönchengladbach, und Netzer blieb, gesundheitlich angeschlagen, aber auch mit Trainer Weisweiler wieder einmal verkracht, auf der Bank. Das Publikum tobte und forderte seinen Star. Als Weisweiler ihn nach der Pause bringen wollte, verweigerte sich dieser. Erst in der Verlängerung wechselte sich Netzer selber ein - und schoss vier Minuten später den herrlichen Siegestreffer zum 2:1. Das war eine Sternstunde des Fussballs und eine unglaubliche Fügung im Leben des Günter N., die ihn endgültig zur Kultfigur erhob. Linke Kreise bastelten sich schnell einmal ihren "intellektuellen Netzer", in dessen Art, Fussball zu spielen, sie gar eine politische Vision sahen. Daran änderte auch seine Liebe für schnelle Autos wie seinen sagenumwobenen Ferrari nichts. Dass der bekannte deutsche Filmregisseur Michael Pfleghar zu seinem Freundeskreis gehörte und ihn mitunter mit attraktiven Schauspielerinnen zusammenführte, trug ihm darüber hinaus das Label des Playboys ein. So bildete sich eine Aura, die, konstatiert Netzer, "gar nicht meinem wahren Naturell entsprach." Er sei weder ein Lebemann gewesen noch ein politisch interessierter Mensch: "Im Gegenteil, total unpolitisch war ich." Das einzige, was ihn wirklich fasziniert habe, sei Fussball gewesen. Amüsiert verfolgte er das seltsame Treiben der Medien und ging unbeirrt seiner sportlichen Wege. Er sei zwar im Gegensatz zu dem weltberühmt gewordenen Beckenbauer stets der "Gladbacher Provinzfürst" geblieben. Doch auch er schaffte noch den Wechsel zu Real Madrid, mit dem er sogar zweimal Meister wurde. 1977 beendete er bei den Zürcher Grasshoppers seine aktive Laufbahn. Dann kam die grosse Krise, an der schon etliche ehemalige Sportler zerbrochen sind. Ratlos stand der damals 32jährige da und hatte keinen blassen Schimmer, wie es beruflich weitergehen sollte: "Ich konnte ja nichts anderes", gibt er unumwunden zu, "als Fussballspielen." Trainer wollte er nicht werden, weil er keine Lust hatte, zum Spielball von Präsidenten, Medien und einem Team zunehmend höher dotierter Stars zu werden. So sagte er zu, als der Hamburger Sportverein ihm den Managerposten anbot. Acht ungeheuer erfolgreiche, aber vor allem auch aufreibende Jahre setzten dem Mann, der bei aller Unkonventionalität stets "auf das Abliefern von hundertprozentiger Leistung" pochte, dermassen zu, dass er das Fussball-Geschäft am liebsten endgültig an den Nagel gehängt hätte. Er fühlte sich ausgelaugt, hatte genug vom Rummel und seiner Popularität und floh in die Schweiz, wo er Ruhe und seinen Frieden wiederfinden wollte. In Gottlieben, einem Kaff am Bodensee, hatte er auf jeden Fall Ruhe. Doch die zweieinhalb Jahre, die er mit seiner Frau, einem ehemaligen Fotomodel, und der frisch geborenen Tochter Alana in einem 30 Quadratmeter grossen Hotelzimmer verbrachte, wurden zur echten Zerreissprobe für die Familie: "Es grenzt an ein Wunder", konstatiert Netzer, "dass ich meine Frau nicht in den See geschmissen habe." Gleichzeitig bewegte er sich beruflich auf unsicherem Boden und zahlte als neuer Mitarbeiter in der Firma des Sportrechtevermarkters Cesar W. Lüthi - kurz CWL - Lehrgeld. Damals belächelte ihn mancher als "Frühstücksdirektor" und qualifizierte ihn als "prominenten Türöffner mit guten Beziehungen" ab. Doch Netzer nahm auch diese Hürde. Heute ist er Geschäftsführer bei CWL und geniesst in der Branche Anerkennung für sein souveränes Management. Freche Ideen sind nach wie vor sein Markenzeichen. So erwarb er beispielsweise die TV- und Werberechte der von ihm gegründeten lichtensteinischen Nationalmannschaft und hofft, dereinst dank Losglück zu international hochkarätigen Paarungen, will sagen, viel Geld, zu kommen. Dann sprach Beni Thurnheer vor und suchte einen Co-Kommentator. Er hatte Glück, denn Netzer, der froh war, seine einstige Prominenz ein Stück weit hinter sich gelassen zu haben, sagte zu, weil er sich vor allem eins erhoffte: "Einen guten Sitzplatz bei grossen Spielen." Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Deutschen mit der todernsten Ausstrahlung biss das hiesige TV-Publikum doch noch an: Netzer wurde zum sicheren Wert, der die Sportberichterstattung sogar für "prononciert Desinteressierte", wie sich die Klatschkolumnistin Suzanne Speich bezeichnet, "zum sehens- und vor allem hörenswerten Erlebnis macht." Doch die SRG, die den ausgewiesenen Fachmann mit bescheidenen 3000, später dann 5000 Franken pro Abend entlöhnte, brachte sich selber um ihren Trumpf. Kurz vor der Weltmeisterschaft in Frankreich liess sie den vertraglich nach wie vor an sie gebundenen Netzer aus Kostengründen zur ARD ziehen. Der ergriff seine Chance, obwohl er wusste, dass der Deutsche Fussballbund, sein wichtigster Geschäftspartner bei CWL, seine neue Tätigkeit mit Argusaugen beobachten würde. Doch soviel Autonomie musste möglich sein. Maulkörbe waren nie sein Ding. Netzer schlug ein wie eine Bombe, wurde überschüttet mit Komplimenten, gewann postwendend einen TV-Preis - und wusste nicht, wie ihm geschah: "Die spinnen doch", meckert er, "warum loben mich jetzt auf einmal Leute über den grünen Klee, die mich seit zwanzig Jahren kennen und eigentlich schon lange wissen, wie ich über Fussball denke?" Sein Leben stand - und steht Kopf. Hatte er ursprünglich nur einen vierwöchigen Abstecher nach Deutschland machen und dann "blitzschnell in meine Schweiz" zurückkehren wollen, hat er inzwischen mit der ARD einen Vertrag für "die Zeit bis und mit Europameisterschaft" unterschrieben. Der Entscheid fiel ihm nicht leicht, denn nun steht er wieder im Rampenlicht, könnte heute in einer Talk-Show sitzen und morgen drei Interviews geben. Das will er nicht, weil es ihm nichts bringt, aber mitunter auch regelrecht peinlich ist: "Ich will doch nicht", seufzt er schwergeplagt, "zum Messias des Fussballs werden." Tages-Anzeiger, Nr. 265/1998 |
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