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Hochbegabte Schulversager
Als Daniel Hagnauer in den Kindergarten ging, lernte er Schachspielen und trug die ersten Partien gegen seinen Vater aus. Wenn er verlor, setzte es ein Drama ab: Der Fünfjährige tobte, schmiss Gegenstände zu Boden und war tief verzweifelt. Gnadenlos verlangte er sich selber Spitzenleistungen ab. Sein Hochdeutsch war bereits ausgezeichnet; sein Wortschatz bestach durch seine Vielfalt. Witzige Sprachspiele kamen ihm leicht über die Lippen. Auf langweiligen Autofahrten vergnügte er sich mit mathematischen Kombinationen, angesichts derer seine gleichaltrigen Freunde nur mit Irritation reagierten. Auch in der Primarschule brillierte er als Rechenkünstler. Aufgaben hatte er stets im Nu gelöst und durfte dann bereits vor Stundenende auf den Pausenplatz. Handwerklich zeigte er früh sein Talent für Ton- und Holzarbeiten. Musste er ein Gedicht auswendiglernen, erledigte er das mit links. Trotzdem realisierte der Knabe selber erst in der vierten Klasse, dass er "ein paar Sachen schneller kann als die anderen." Eine Potentialabklärung ergab schliesslich, dass er seinen Mitschülern in nahezu allen Fächern um drei bis vier Jahre voraus ist: Daniel ist also ein hochbegabtes Kind oder - wie es die Fachleute inzwischen lieber hören - "ein Kind mit deutlich überdurchschnittlichen Fähigkeiten." Heute ist er dreizehn Jahre alt, besucht die erste Klasse des Gymnasiums Rämibühl in Zürich - und bangt, ob er die Probezeit besteht oder an die Sekundarschule wechseln muss. Drei "Ungenügende" in der Mathematik belasten sein Notenkonto schwer, aber auch in einigen anderen Fächern ist er höchstens mittelmässig. Er gilt als passiver Schüler, der nur das Nötigste zum Unterricht beiträgt, und muss tüchtig zulegen, wenn er den Anschluss nicht verpassen will. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Erste Alarmzeichen zeigten sich eigentlich schon früh, nur war niemand da, der adäquat darauf zu reagieren wusste. Daniels Schrift war stets "kraklig", wie sich seine Mutter Bettigna Hagnauer ausdrückt; seine Deutschaufsätze enthielten in der Regel höchstens Vierwort-Sätze und hinterliessen einen "kargen Eindruck", obwohl der Knabe längst über ausgezeichnete rhetorische Fähigkeiten verfügte. Ein Psychomotoriktherapeut erhob, dass Daniel "viel schneller denkt als er es schriftlich festhalten kann." Eine bestechende Analyse - allein sie blieb folgenlos. Der Knabe wurde zusehends zum "Problemfall" für seine Lehrerinnen und Lehrer. Man bremste den kräftigen und geschickten Schüler im Sportunterricht; in den Mathematikstunden wurde er kaum noch drangenommen, weil er ja sowieso alles wusste. In der fünften Klasse gab ihm eine Vikarin den Rest: "Ihr Unterricht war so doof", sagt er mürrisch. Stets habe sie alles hundertmal erklärt, obwohl er schon beim erstenmal drausgekommen sei: "Es war totlangweilig, da hat's mir einfach ausgehängt." Als er einen Vortrag zum Thema "Telefon" schreiben sollte, liess er die dreiwöchige Vorbereitungszeit ungenutzt verstreichen und raffte sich erst in allerletzter Minute, von seiner Mutter unter Druck gesetzt, dazu auf, die Arbeit an die Hand zu nehmen. Innert weniger Stunden zauberte er ein kleines Meisterwerk auf's Papier und erntete am folgenden Tag grosses Lob in der Schule. Seine Mutter, selber Lehrerin und damals in der Schulpflege aktiv, reagierte alarmiert: "Damals wurde mir bewusst, welche Kapazitäten bei meinem Sohn brachliegen mussten." Doch zu jenem Zeitpunkt sass Daniel bereits tief in der Krise. Er schlief schlecht, hatte angefangen, an seinen Fingernägeln zu kauen, war zapplig, missmutig, ja, regelrecht depressiv, schottete sich ab oder trat plötzlich aggressiv auf und spielte den Clown, obwohl er - nach Einschätzung seiner Mutter - "eigentlich tieftraurig war". In die Schule ging er nur noch wegen seiner Kollegen; sein berdruss gipfelte in dem Spruch, dass er den Mathematikunterricht wesentlich besser abhalten könnte als die Vikarin. Daniel litt unter chronischer Unterforderung, ein Zustand, der nach Aussagen der Zürcher Fachfrau Joëlle Huser, "den gleichen Stress wie berforderung erzeugen und die Betroffenen emotional und intellektuell stark blockieren kann." Ihre Motivation, Neugier und Begeisterungsfähigkeit brechen ein. In der Folge werden sie zu sogenannten "Minderleistern" oder "hochbegabten Schulversagerinnen" - ein Phänomen, so Huser, "das bei Kindern wie Daniel nicht selten auftritt und Anlass zu grossem Leiden ist." Hier das Etikett "hochbegabt", das gern Bilder von kleinen Genies und Wunderkindern hervorruft, da Schulprobleme und schlechte Noten - kein Wunder, stehen selbst Lehrkräfte ratlos vor diesen Zöglingen oder erhöhen mit unqualifizierten Bemerkungen sogar noch den Druck, der ohnehin auf diesen Mädchen und Knaben lastet. Denn hohe Erwartungen an ihre Leistungsfähigkeit haben nicht nur die Lehrer, Eltern oder Schulkameraden dieser Kinder, sondern in hohem Masse auch sie selbst. Ihr Perfektionismus, sagt Huser, sei häufig dermassen ausgeprägt, dass sie aus Angst vor dem Versagen gewisse Aufgaben gar nicht erst in Angriff zu nehmen wagten. Wenn ihnen dann doch einmal ein Fehler unterlaufe, reagierten sie irritiert: "Ungeübt im Umgang mit Frustrationen", konstatiert die Fachfrau, "kann eine solche Erfahrung zu starken emotionalen Reaktionen führen." Kommt hinzu, dass diese Kinder oftmals über keinerlei Lerntechnik verfügen. Wo hätte denn Daniel, dem stets alles in den Schoss gefallen ist, auch lernen sollen, wie er seine Zeit oder ein bestimmtes Arbeitspensum einteilen muss? In den ersten Primarschuljahren wurstelte er sich noch prima durch. Hausaufgaben hatte er eigentlich nie. Heute aber leidet er darunter, dass er den anspruchsvolleren Gymi-Stoff kaum zu strukturieren vermag und damit oftmals schlecht vorbereitet an eine Prüfung geht. Bettigna Hagnauer steht mitunter vor einem schier unlösbaren Dilemma, wenn sie ihrem Sohn helfen will. Die Lehrerin hat sich im Laufe der Jahre zwar zur Expertin für "Hochbegabung" entwickelt und ist selber in der Beratung tätig, doch wenn es um Daniel geht, weiss sie oft nicht weiter. Den Entscheid, ihn anstelle der sechsten Primarklasse in das private Zürcher Freie-Gymnasium zu schicken, hält sie nach wie vor für richtig. Immerhin sah sich Dani dort für einmal gezwungen, Hausaufgaben zu machen. Doch die Frage, wieviel Druck und Kontrolle er von ihrer Seite verträgt, beschäftigt sie nach wie vor. Vor kurzem haben die beiden einen schriftlichen Vertrag abgeschlossen, der die mütterliche Einflussnahme stark zurückbindet: "Ich muss Daniel loslassen", sagt Bettigna Hagnauer, "und ihn selber beweisen lassen, ob er für's Gymnasium reif ist oder nicht." Dass sie ihn seinerzeit gegen seinen Willen und kaum vorbereitet an die Sekundarschulprüfung drängte, an der er prompt durchfiel, taxiert sie heute als Fehler. In der Folge erlebte der stets gut integrierte Knabe dann erstmals Hänseleien und Schadenfreude: "Und das soll der obergescheite Typ sein!" rieben ihm einzelne Mädchen und Knaben aus seiner Klasse hämisch unter die Nase. Daniel wischt die Erinnerung an jene Erlebnisse unter den Tisch: "Ach, was - da war gar nichts." Ausgrenzungserfahrungen sind tatsächlich besonders schmerzlich und unter diesen Kindern weitverbreitet. Schnell einmal gilt eines von ihnen als "Klugscheisserli", "Streberin" oder "Professor" und wird vom Rest der Klasse gemieden. Nicht zuletzt aus Angst davor, wagen vor allem Mädchen oftmals nicht, ihre volle Leistungsfähigkeit zu zeigen und werden notgedrungen zu "Minderleisterinnen." Die zwölfjährige Melanie hatte Phasen, in denen sie daheim an ihrem Computer die ersten Kapitel eines Romans entwarf und zur gleichen Zeit bewusst Fehler in ihren Schulaufsätzen machte, um nur eine mittelmässige Note zu bekommen und nicht als Musterschülerin gebrandmarkt zu werden. Den Wunsch, als ganz normal wahrgenommen zu werden, empfinden viele dieser Kinder. Auch Daniel nötigte seiner Mutter das Versprechen ab, seinen neuen Lehrern nichts von seiner Hochbegabung zu erzählen, als er diesen Sommer ans öffentliche Gymnasium Rämibühl wechselte. Doch als der Dreizehnjährige leistungsmässg dermassen ins Trudeln geriet und unter immer schwereren physischen und psychischen Symptomen wie bohrenden Kopfschmerzen und Depressionen litt, war sie gezwungen, sich mit seinem Klassenlehrer und der Schulpsychologin zu verständigen. Ihr Sohn hatte begonnen, seine schlechten Noten vor ihr zu verheimlichen, und damit das Vertrauensverhältnis der beiden auf eine harte Probe gestellt. Heute ist ihm immerhin bewusst, dass er mehr Fleiss an den Tag legen muss, wenn er im Gymi bleiben will. Ganz der ehrgeizige Sportler, der er nach wie vor ist, sagt er: "Ich kämpfe, solange ich noch eine Chance habe." Daniel hat eine schwierige Zeit vor sich. Denn hochbegabte Kinder verfügen nicht nur über überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten, sondern auch über ein hohes Mass an Sensibilität. So ist ihre Lust zu lernen dann am grössten, wenn ihnen eine Lehrperson sympathisch ist und sie an ihren Stärken und Interessen zu packen vermag. Mit dieser Einstellung befinden sich die Mädchen und Knaben in bester Gesellschaft. So sahen auch berühmte Männer wie Albert Einstein, Richard Wagner oder Eduard Mörike nicht ein, warum sie Dinge lernen sollten, die sie nicht interessierten, und wurden zu klassischen Schulversagern. Joëlle Huser konstatiert: "Kinder mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten fordern von den Lehrern etwas sehr Anspruchsvolles, nämlich einen Unterricht, dessen Sinn sie einsehen." Rechtschreiberegeln zu büffeln, sagt die Expertin, leuchte ihnen nicht ein, wenn sie daheim ein Korrekturprogramm auf ihrem Computer haben. Gegenmassnahmen sind gefragt, gelten doch immerhin zehn bis fünfzehn Prozent aller Schüler und Schülerinnen als ernsthaft unterfordert. In der Stadt Zürich wird ab kommendem Januar versuchsweise das Förderkonzept "Universikum" umgesetzt, das einmal pro Woche besonders begabte Kinder aus verschiedenen Klassen zu einem halben Tag Förderunterricht zusammenfasst. Darüber hinaus plädiert Huser für Niveaugruppen, individualisierende Unterrichtsformen, vermehrte Wettbewerbs- und interessenorientierte Projektangebote, mit denen schon heute gute Erfahrungen gemacht werden: Als Melanie elf Jahre alt war und eine grosse Arbeit zu dem von ihr selbst gewählten Thema "Ex-Beziehungen" verfasste, blühte sie regelrecht auf und erlebte eine wunderbare Zeit. Die Weltwoche, Nr. 47/1998 |
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