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Der Freier, das unbekannte Wesen


Eine Millionmal tritt er pro Jahr in Aktion. Jeder vierte bis fünfte Schweizer gehört dazu. Im allgemeinen gilt er als brav, bieder, treuherzig, fade, auch unsicher; hin und wieder rastet er aus, wendet Gewalt an und bringt den ganzen Stand ins Gerede. Unschön. Denn Öffentlichkeit ist das, was der Freier am meisten hasst. Die Tatsache, dass es Männer gibt, die sexuelle Dienstleistungen gegen Geld beziehen, gehört nun einmal nicht an die grosse Glocke gehängt. Da ist nur Schweigen, Grauzone, Schattenland. Gesteht dann doch einmal ein Prominenter (wie einst der "Tagesschau"-Sprecher Heiri Müller), sich des käuflichen Angebots bedient zu haben, liegt für ihn der schützende Mantel des "Einmal ist keinmal" schon bereit.

Das Ausmass der Tabuisierung überrascht. Schliesslich leben wir im Zeitalter der sexuellen Freizügigkeit, in dem erlaubt ist, was gefällt. Doch die Logik des Machos kennt keine Gnade: Wer es nötig hat, für Sex zu zahlen, ist im Grunde genommen kein richtiger Mann. "Der Krone der Schöpfung müssten die Frauen doch eigentlich freiwillig, gratis und in Scharen zu Füssen liegen," spottet die ehemalige Sex-Salonbesitzerin Brigitte Obrist. So ist es aber nicht, und denjenigen, die leer ausgehen und sich kaufen müssen, was anderen der persönliche Sex-Appeal beschert, bleiben mithin nur Scham und Schande.

Darüber hinaus halten sich die Gerüchte hartnäckig, wonach Prostituierte promisk, geldgeil, gefühlskalt und nicht immer ganz ehrlich seien. Da besteht natürlich die Gefahr, dass sich ihr schlechter Ruf flugs auch auf ihre Kunden überträgt. Und sowieso: Sex, moralisiert der Biedermann, sei nur statthaft unter Liebenden; das Schönste im Leben habe eigentlich nichts bei einer wildfremden Frau verloren. Da haben es die Schwulen wesentlich einfacher. Weil sie offener sind für One Night-Stands, anonymen Park- und Klappensex, haben sie, nach Aussagen des Gelegenheitsfreiers Remo O., auch ein unverkrampfteres Verhältnis zum Handel von Sex gegen Geld. Den unzimperlichen Tausch von Sex gegen Sex praktizieren ja ohnehin viele von ihnen.

Die Situation ist paradox, ja, skurril. Da suchen in der Schweiz täglich mindestens 2500 bis 3000 Männer einen Massagesalon oder ein Erotik-Studio auf und beanspruchen eine Dienstleistung, die sie, wieder bei klarem Bewusstsein, vollständig von ihrer Person abkoppeln. Nur so lässt es sich beispielsweise erklären, dass landesweit bekannte Politiker sich an einem Tag in Windeln und mit Schnuller vor der ehemaligen Berner Prostituierten Rita Dolder am Boden wälzten und am nächsten Tag öffentlich schärfere Gesetze gegen das Sexgewerbe forderten.

Klar, das Verbotene, Verpönte, auch Schmuddlige hatte schon immer seinen Reiz. Etwas zu tun, was in der Halb-, ja Unterwelt angesiedelt ist, hebt den einzelnen mindestens vorübergehend aus der Masse heraus. Da wird er zum klandestinen Alltagshelden, der sich einen Deut um gesellschaftliche Moralvorstellungen schert: Das bringt Pfeffer in den Alltag.

Wenn er dann noch die mehrseitigen Sex-Anzeigen in der Tagespresse vor sich hat, glaubt er, "dass ihm die ganze Welt offensteht." So jedenfalls sieht es Udo Rauchfleisch, Professor für klinische Psychologie an der Universität Basel. Das sei "Verfügungsgewalt pur" und mache jeden kribblig: Soll ich? Will ich? Heute? Morgen oder doch erst in einer Woche?

Die "durchgehende Abrufbarkeit der Prostituierten", sagt denn auch die einstige Domina Brigitte Obrist, "macht die Kunden regelrecht süchtig." Derart bequem, frei von Verantwortung und Konsequenzen und stets verbunden mit der Garantie auf Bedienung, komme der Normalverbraucher sonst nicht zu seinem sexuellen Vergnügen. Ganz nach der Devise "Wer zahlt, befiehlt" fühle sich der Freier wenigstens einmal als König. Darüber hinaus könne er von sich das Bild eines "grossartigen Liebhabers" entwerfen. Er glaube nämlich, dass er es mit einer Frau von Welt treibe, die wirklich etwas von der Sache verstehe. Wieso allerdings ausgerechnet eine Prostituierte, die sich in aller Regel mit "rammelnden Kaninchenböcken" herumschlagen müsse, zur Sexkünstlerin werden solle, so Obrist, sei ihr bis heute ein Rätsel geblieben. Doch auch sie hat seinerzeit geschwiegen und ihre Kunden im geschäftsfördernden Irrglauben gelassen.

Die Prostitution ist tatsächlich ein grosses Theater, in dem täglich illusionsfördernde Inszenierungen geboten werden. Das muss so sein, denn wenn die nackte Wahrheit zum Vorschein käme, wäre das Business am Boden. Doch die Prostituierten sind clever, kennen ihre Kunden aus dem Effeff und tragen das Ihre dazu bei, um deren "Kopfkino" (Obrist) am Laufen zu halten.

Eine erfahrene "Liebesdienerin" weiss, dass nahezu jeder Freier davon überzeugt ist, dass er als einziger Mann es schaffe, ihr Lust zu bereiten, sie zum Orgasmus zu bringen und sie so sehr an sich zu binden, dass sie sehnsuchtsvoll auf seinen nächsten Besuch warte. Obrist: "Es gab sogar Kunden, die waren überzeugt davon, bei mir einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben, dass sie nach einer dreiwöchigen Pause kamen und 'dasselbe wie beim letztenmal' verlangten." Also habe sie sich alle Mühe gegeben, ihnen ihre "Grössenphantasien" nicht zu zerstören.

Jede gute Prostituierte spielt dieses Spiel mit, gaukelt ihrem Kunden Lust und Leidenschaft vor, nickt zu allem, was er sagt, auch wenn sie der gegenteiligen Meinung ist, und versichert ihm bereitwillig, dass sie "es" keineswegs nur wegen dem Geld mache. Der ältere Freier hört gern, dass er einen Zustupf an ihre Aussteuer beiträgt, der jüngere ist zufrieden, wenn er ihr Studium mitfinanziert. Hauptsache, so Obrist, er fühle sich finanziell nicht über den Tisch gezogen und könne sich das Bild von seiner "total durchsexualisierten Traumfrau" bewahren, die auf nichts so abfahre wie auf seine Geilheit und Potenz.

Was kein Kunde auf Dauer erträgt, ist routinierte Abfertigung und Zeitdruck. Er besteht auf dem Gefühl, der Platzhirsch, der Grösste - ja, der Einzige zu sein. Obrist: "Der Freier will geliebt werden." Das ist ein vermessener Anspruch. Doch immerhin sind die Peters, Röbis und Stefans bereit, selber ein Höchstmass an Verdrängungsenergie zu leisten, um das Illusionstheater am Leben zu halten: "Die Männer", sagt eine Prostituierte, "wollen getäuscht werden."

Damit kann das Gewerbe dienen. Nicht zuletzt auf Grund des zunehmenden Konkurrenzdrucks hat es seine Dienstleistungsangebote diversifiziert und noch kundenfreundlicher gestaltet. Ein Blick auf die Sex-Inserate in der Tagespresse verrät, welche Marketingstrategien zur Zeit am erfolgversprechendsten sind. Anders als in jeder anderen Branche sind Unerfahrenheit ("mein erster Tag", "brandneu", "Anfängerin") und Nicht-Professionalität ("arbeite nur im Nebenjob", "ganz normale Mädchen", "nicht professionelle charmante Girls") Trumpf. Intimität ("privat, kein Salon", "top privat", "exklusives Privatatelier") ist genauso unerlässlich wie Emotionalität ("es schöns Plätzli für liebi Chunde", "du kommst als Fremder und gehst als Freund").

Hielten sich frühere Prostituierten-Generationen noch strikt an die Standesregel, dass mit Kunden nicht geschmust wird und keine Zungenküsse getauscht werden, ist auch dieses Tabu inzwischen gefallen. Immer mehr Anbieterinnen versprechen "richtiges Küssen und Schmusen. Spass und Liebe dabei". 450mal pro Tag wird zudem gemäss einer aktuellen Studie der Aidshilfe Schweiz käuflicher Sex ohne Kondom praktiziert. Da lacht des Freiers Herz, bekommt er damit doch endlich das, was er für den Beweis wahrer Liebe hält, und worum viele seit jeher am heftigsten ringen.

Doch der Sexmarkt hat noch mehr zu bieten. Sogenannt "unbefriedigte Hausfrauen" laden ihre "Gäste" gar zum "Übernachten" ein und reissen damit eine weitere, einst hochgehaltene Grenze des Gewerbes nieder. In grösseren Salons steigen Sex-Partys, an denen der Kunde, der seine Frau oder Freundin mitbringt, gratis teilnehmen darf. Die Idee ist frappant. Zum einen wird der Männer-Wunsch nach unverbrauchten "Amateurinnen" befriedigt; zum anderen wird der desillusionierende Akt der Geldübergabe auf ein Minimum reduziert: Wer allein kommt, löst eine Eintrittskarte und kann sich in der Folge reihum und sozusagen gratis bedienen. Wer wollte da nicht dem verführerischen Trugschluss verfallen, dass sein Charme - und nicht etwa seine Hunderternote - die Herzen der Damen im Sturm erobert.

Innerhalb der Escort-Services, die gemäss Einschätzung von Szenenkennern kräftig boomen, redet kein Mensch von Prostituierten geschweige denn Freiern. Begleiterin oder Gesellschafterin und Klient klingen ja auch wesentlich appetitlicher und dienen der gewünschten Verzerrung der Realität, in der es letztendlich auch nur um käuflichen Sex geht - Candle Light-Dinner, Pianomusik und gepflegtes Gespräch hin oder her.

Doch Udo T., 34jähriger Kadermann in einer Bank und seit langem Bezüger von Escort-Diensten, besteht darauf, einer ganz besonderen Spezies Mann anzugehören: "Ich fühle mich absolut nicht als Freier", sagt er ernsthaft, "sondern als Mann mit wechselnden Bekanntschaften." Anders als in der "kaputten, voll-professionellen Prostitutuion, die nur auf Abriss aus ist", habe er es mit "natürlichen Mädchen" zu tun, die "echt Spass bei der Sache haben und sehr persönliche Beziehungen zulassen". Unter diesen Umständen finde er auch "Geborgenheit und Romantik". So viele Illusionen sind dem Single, der sich aus Mangel an Zeit keine feste Beziehung leisten kann, dann auch jedesmal locker seine 700 bis 800 Franken wert.

Da hat es der Kunde auf dem Drogenstrich schon um einiges schwieriger. Er zahlt zwar bedeutend weniger, wird dafür aber auch mit der ernüchterndsten Seite des Sexmarkts konfrontiert. Was ihn daran fasziniert, den Geschlechtsverkehr mit einer zugedröhnten Siebzehnjährigen zu vollziehen, die kaum noch geradestehen kann, bleibt sein Geheimnis. Mag sein, dass es der "dirty kick" der Gosse ist, der ihn reizt, oder die Vorstellung, einer "solchen" Frau derart überlegen zu sein, dass er ihr jede Perversion zumuten kann. Brigitte Obrist, die innerhalb der Aidshilfe Schweiz jahrelang Prostitutionsprojekte betreute, weiss, dass sich viele dieser Freier "ihr persönliches Märchen vom Retter und dem gefallenen Mädchen zurechtlegen, das sie dank ihrer grosszügigen Geld-Gabe vor der Beschaffungskriminalität bewahren."

Nahezu jeder Freier arrangiert die Realität in seinem Kopf neu, um den gekauften Sex vom Makel der Täuschung zu befreien. Da macht auch der schwule Remo O., der sich hin und wieder einen "hübschen Boy" in der Zürcher Bahnhofsunterführung Shopville "postet", keine Ausnahme. O. weiss, dass viele Stricher heterosexuell sind und eigentlich nichts mit gleichgeschlechtlichem Sex am Hut haben. Das ist ein Lustkiller. Als Massnahme dagegen hat sich O. die etwas krude These zurechtgelegt, "wonach kein Stricher 150%tig heterosexuell" sei und folglich jeder "einen Anteil in sich hat, dank dem auch er gern auf dem Schwulen-Strich anschafft." Im Zweifelsfall vertraut er auf harte Tatsachen wie "einen eregierten Schwanz, der gemäss meinem Wissen untrügliches Zeichen für das Empfinden von Lust ist."

Lichtscheu, wie sie nun einmal sind, haben die Freier es auch geschafft, während Jahren als blinder Fleck auf der Landkarte der HIV-Risikogruppen durchzugehen und folglich nicht zum Gegenstand der Stop Aids-Kampagne zu werden. Das ist ein Problem, denn sie müssen mit ihren stets wechselnden Sexualkontakten zu einer jener Bevölkerungsgruppen gerechnet werden, deren Verhalten als riskant gilt. Mögen nun Rat- und Hilflosigkeit der Präventionsfachleute oder mangelnde Finanzen die Fehlleistung erklären, - die Tatsache, dass fast nur die Prostituierten ins Visier der HIV-Schützer gerieten, setzte bedeutungsvolle Signale. "Jeder Freier", sagt Obrist, "konnte sich im Glauben wiegen, dass der Staat persönlich für saubere Nutten und mithin das konsequenzenlose Ausleben der männlichen Sexualität sorgt." Ganz abgesehen davon sah er sich einmal mehr in seiner šberzeugung bestätigt, dass die Prostituierten das Sexgewerbe ausmachen und keineswegs er, der brave Bürger - und Freier.

Vor kurzem hat die Aidshilfe Schweiz nun einen Anlauf genommen, um den Freier, das unbekannte Wesen, doch noch zu erreichen. "Don Juan" heisst die Kampagne wohl nicht zufällig, die den Kondomgebrauch "für alle Positionen vom Stift bis zum Direktor" beziehungsweise "für Profis und Amateure" propagiert. Daraus wird zwar kein Mensch schlau, aber die Projektverantwortlichen haben sich von Freiern persönlich bestätigen lassen, dass sie auf diese Art Ansprache abfahren. Eine erfahrene Prostituierte runzelt die Stirn: "Das ist doch nichtssagend und nutzlos und dient höchstens dazu, dass sich niemand auf den Schwanz getreten fühlt."

Die Weltwoche, Nr. 50/1998

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