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Freier, die das Kondom verweigern
Bereits im zweiten Satz gibt Herr G. den Tarif bekannt: "Bei mir heisst's bumsen, damit wir uns verstehen." Nachdem seine Frau das Alpenveilchen auf dem Stubentisch gegossen hat, setzt sie sich zu uns und nimmt ihre Strickarbeit zur Hand. Während mehr als dreissig Jahren war Norbert G. Freier. Seit kurzem zähmt er seine Lust, weil ihm seine Frau auf die Schliche gekommen ist und mit der Scheidung gedroht hat für den Fall, dass er noch ein einziges Mal fremdgeht. Vorher liess der 51jährige keine Gelegenheit aus. Er war in der Schweiz aktiv, in Brasilien, Kuba, Venezuela, Russland und in all jenen Ländern, in die ihn seine Geschäftstätigkeit als Aussendienstmitarbeiter führte. Sein Sextrieb muss gewaltig gewesen sein, hatte er "es" seinerzeit doch am liebsten fünf-, sechsmal am Tag. Wählerisch war er nie: "Ich habe genommen, was kam." Hauptsache die Frau war bereit, es ihm oral, vaginal oder auch anal zu besorgen. In Zürich und Umgebung bevorzugte er Gruppensex-Partys, weil es mehr für's Geld gab: mehr Frauen zur Auswahl, mehr Musse und Ruhe und sogar Essen und Getränke im Preis inbegriffen. Dafür nahm er auch den Pariser in Kauf, der in den meisten hiesigen Etablissements obligatorisch ist. Im Ausland hingegen dachte er nicht im Traum daran, den lästigen Gummi zu benutzen. Wenn er mit ein paar "Gleichgesinnten" auf eine Sex-Reise ging, blieb der Verstand auf der Strecke. Das müsse man verstehen, sagt Herr G., denn in Brasilien oder Kuba sei einfach alles ganz anders. Die Mädchen kamen ihm zärtlicher und williger vor. Er wähnte sich in der Illusion, private Beziehungen einzugehen: "Wozu", fragt er, "braucht es denn da noch einen Schutz?" Es sei doch viel schärfer, wenn man direkten Körperkontakt habe. Der Pariser sei ein Lustkiller und eine Dummheit noch dazu: "Oder kennen Sie jemanden, der sich im Regenmantel unter die Dusche stellt?" Natürlich kannte auch er die Krankheit Aids. Er hatte Zeitungsberichte gelesen, Fernsehbeiträge gesehen, in denen das Leiden der Betroffenen gezeigt wurde, die Schweizer Stop-Aids-Kampagne verfolgt und das rosarote Kondom-O und dessen Botschaft genauso wahrgenommen wie alle anderen auch. Norbert G. wusste um die Risiken, die er mit seinem Sexualverhalten einging. Ja, er habe mehr als einmal mit einem Kollegen an einer Hotelbar in Rio de Janeiro oder sonstwo gesessen und über die Gefahren der sexuell übertragbaren Krankheit diskutiert. Drei Stunden später habe er wieder in irgendeinem Bett gelegen, gestöhnt vor Erregung und nur noch eines gewollt: "Den vollen unverfälschten Genuss. Tief eindringen und alles spüren." Die Gedanken an Aids habe er in jenen Momenten der Gier und Lust problemlos auf die Seite geschoben. Wieder bei klarem Bewusstein kam es schon vor, dass die bösen Geister ihn einholten. Immerhin war da noch seine Ehefrau, mit der er regelmässig ungeschützten Verkehr hatte. Bei der Vorstellung, er könne sie infizieren, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Doch er beruhigte sich schnell wieder. Aids, sagte er sich, ist doch in Afrika und Asien und bei den Homosexuellen daheim: "Aber nicht bei mir." Er habe sich weisgemacht, Aids werde demnächst heilbar sein, sei auch überzeugt davon gewesen, dass er eine kranke Frau sofort als solche erkenne. Und sowieso treibe er es ja gar nicht so bunt wie die anderen: "Was sind schon die 500 Frauen, mit denen ich ins Bett gestiegen bin?" Gute Dienste bei der Verdrängungsarbeit leistete ihm der Alkohol: "Je grösser mein Wein- oder Schnapskonsum war", konstatiert er, "um so kleiner wurde das Gefühl für die Risiken." Und wenn der Schwanz wieder gestanden sei, seien Vernunft und Vorsicht sowieso im Eimer gewesen. Erst nach der Rückkehr von seinen mehrwöchigen Sex-Trips, die das Schönste in seinem Leben gewesen seien, kam der Katzenjammer. Jetzt hatte er Schiss, ging zwei, drei Wochen später zum Aids-Test, wartete angespannt und voller Nervosität auf das Resultat und seufzte befreit auf, wenn er hörte, dass alles in Ordnung sei. "Na, bitte", habe er sich gedacht, "Norbert G. ist eben wirklich ein grosser Hirsch und daher unverletzbar". Das negative Test-Ergebnis wurde zum Freipass für die nächste Reise ins Land der Träume - und Risiken. Heute verurteilt er sein damaliges Verhalten und gibt zu, dass er seine Frau sehenden Auges in Lebensgefahr gebracht habe: "Das ist paradox, aber wahr". Als er sie eines Tages mit einer Geschlechtskrankheit ansteckte, fiel sein Lügengebäude in sich zusammen, und er war gezwungen, ihr die Wahrheit zu sagen. Rosemarie G. war geschockt. Sie fühlte sich hintergangen und betrogen und litt insbesondere darunter, dass ihr Mann sie wissentlich einer solchen Gefahr ausgesetzt hatte. Nach langen Gesprächen, in denen er ihr alles beichtete, lenkte sie trotzdem ein und gab ihm noch eine Chance. Norbert G. ist ein Mensch, der den Thrill risikoreicher Situationen liebt. Sei es im Beruf, wo er seit jeher als Verkäufer auf Provisionsbasis arbeitet, nie finanzielle Sicherheit hat, sich dafür aber von seinen "nach oben offenen Verdienstmöglichkeiten" zu Höchstleistungen anstacheln lässt. Sei es beim Tiefseetauchen, jenem Sport, den er dann am meisten geniesst, wenn er eigenhändig eine Muräne füttert oder sich nur noch knapp aus vertrackten Gefahrenlagen befreien kann. Als er nach einem unbehandelten Dekompressions-Unfall gleichentags einen Jumbo-Jet bestieg, nötigte seine Fahrlässigkeit den Piloten sogar zu einer Zwischenlandung, weil er dringend ärztliche Hilfe brauchte. Wenn dann doch noch einmal alles gut gehe und er zum X-ten Mal dem Teufel von der Schippe gesprungen sei, werde er, so G., von einem "phantastischen Gefühl der Erleichterung und des Glücks" befallen. Wer weiss, sinniert er, vielleicht sei das ja der entscheidende Kick, für den er all die Risiken in Kauf zu nehmen bereit sei. Nur dumm, dass diese Momente so flüchtig sind und ständig nach Wiederholung und Dosissteigerung verlangen. Im Sexuellen legte Norbert G. in solchen Phasen jeweils einen Zacken zu, indem er statt Oral-, auch mal Analverkehr orderte, es mit Männern oder sogar hiesigen Prostituierten ohne Kondom trieb oder gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef mehrere Liebesdienerinnen auf einmal "vernaschte". Damit ist jetzt Schluss. Sonst verlässt ihn seine Frau, ohne Wenn und Aber. Dass sie überhaupt an seine Treue glaubt, hat ernüchternde Gründe: "Sein Alter und erste Krankheiten", hält die 50jährige fest, "bremsen seinen Sexualdrang." - "Wenn du das sagst", erwidert ihr Gatte mit einem kalten Lächeln, "muss es ja stimmen." Die Weltwoche, Nr. 53/1998 |
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